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Der Israelit · 1937-03-18 · Heft 11 (18.3.1937) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 11 (18.3.1937)
Date
1937-03-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 11 Der 1 s r & e Ii t .1«. März!;1937 Vorfrühling am Genfersee. Ein Sabbat in Montreux. Als in den ersten Morgenstunden des Freitag am Fenster unseres Abteils der G e n f e r s e e aufleuchtete, sahen wir zunächst nur eine Metallplatte in weiße Seide gehüllt. Wie sich aber der Nebel hob, war der Kristallspiegel zwischen den alabasterweißen Bergspitzen hüben und drüben von Silberstreifen verbrämt, die fast das Auge blendeten. Ein hellblauer Himmel wölbte sich über diesen Kessel paradiesischer Schönheit, als hielte der Frühling seine Generalprobe ab. Man darf dies alles hundertmal gesehen haben, und immer erlebt man es von neuem als Wunder der Wunder. In der Gegend von Lausanne merkt man schon die Vorzeichen der jüdischen Inselchen, die sich nach und nach auf diesem gesegneten Boden zwischen Berg und Wasser in ganz kurzen Abständen herausgebildet haben. In Lausanne steigen Studgnten zu uns, die zugleich die Jeschiwa in Mon» treux besuchen oder besuchten und über Sabbat „zu Hause" sein wollen. Junge, schmucke. Mädels unterhalten sich in gutem Französisch und in weniger gutem Deutsch über eine Lausänner Veranstaltung, von der sie jetzt zurück nach C1 a r e n s fahren, wo ' discher Innigkeit und Novogrudoker Beharrlichkeit, ein neuer- Typ, . der Montreu x er „De r' fc c h ". Der Freitagabend- und Sabbätmorgeng'ttesdienst im großen Betraume der Jeschiwa ist von einer Inbrunst getragen, die die westliche Ruhe und Ordnung in sich birgt, Für den Nachmittag ist ein Vortrag angesagt. Man ist in Montreux nicht ' an den Dienstes gleichgestellte Uhr gebunden, man läßt sich von der Zeit nicht tyrannisieren, man. ist Herr der Zeit, wie das Ganze zwischen Berg und See ü b e r z e i t- 1 i c h erscheint. Der Vortrag kann statt um 5 Uhr gerade so gut um 6 Uhr beginnen. Aber die Zeit bis zum Sabbatausgang — der Sabbat verweilt in diel.sem Kreise eine volle Stunde länger als anderswo — ist so herrlich ausgefüllt, daß man begreift, was es mit dem Worte Alijat iNeschomo „Aufstieg der Seele", auf sich hat. Der Gast spricht über Abarbanel. Eine Abarbanel-Feier eigener, vielleicht auch einzig richtiget Art. In diesem Kreise der jugendlichen Intellektuellen, der Lernenden und Forschenden, braucht man sich nicht viel mit biographischen Notizen abzugeben. Wann geboren, wo und' wie gelebt, an welchem Tage, zu welcher Stunde den einen Ort verlassen, um nach dem anderen zu gehen; was interessiert das alles hier, wo man über Zeit und Raum erhaben ist? Dagegen kann manhier eine Stelle, einige Grundgedanken des Abarbanel vor¬ Martha Marcus ihr Töchterpensionat wie ein Märchen bis zum blaugrünen See vorgeschoben hat. Eine liebenswürdige und gesprächige Dame, der der Mutterstolz aus den blanken Augen spricht, fährt nach B ex 1 es Bains, um ihre Kinder, die bei Dr. Ascher ihre Weiterbildung erhalten, zu besuchen. Weniger -beneidenswert sind die Väterfreuden des Antwerpener Herrn; der einen pausbäckigen Jungen bei sich hat, den er zur Höhensonne von L e y s i n : zur Ausheilung einer tückischen Knochenkrankheit bringen will. Der Junge, zart und verwöhnt, macht es dem Vater, der auf der weiten Reise auch Mutter spielen muß, wahrlich nicht leicht. Im kleinen Bahnhof zu Montreux ist dem Gaste alles so vertraut, als fwäre die mehrjährige Spanne zwischen dem jüngsten Besuch und heute durch die ihm . entgegenströmende Welle der Herzlichkeit einfach weggeschwemmt. Es hat sich in den zehn Jahren an der Jeschiwa so gar nichts geändert. Neue Gesichter, aber so frisch und vergnügt wie die alten. Die ragende Gestalt des Leiters, voll Güte, Kraft und Energie; die Mutter der Jeschiwa, über .deren abgespanntes Gesicht ein Leuchten huscht, wenn .sie von „ihren Jurigehs" spricht. Die Kinder sind älter geworden. Irri ältesten Sohne, der heute schon einer der erfolgreichsten Talmuddozenten im väterlichen Unternehmen ist, ist den' Eltern bereits der höchste G'tteslohn herangeblüht, nicht minder in der Tochter, die schon eine Rolle in der Beth'Jakow-- Bewegung spielt; Ich freue mich mit den lieben Menschen, deren Leben einzig der, Thora, den Menschen ' tind der Jugend gehört, daß sie nun mählich beginnen, die Früchte ihrer Heilessaaten zu ernten. Unter den Dozenten sind neue Kräfte, die mit gleicher Treue der alten guten Sache dienen. Es ist' noch der. gleiche verdiente' und liebenswürdige Sekretär, Sohn einer guten Frankfurter Familie, am Werke. Es hat sich an der Struktur von Montreux nichts geändert. Auch nicht an den Liedern, an diesen herz.v innigen Weisen und Melodien, wie sie oben beim' G'ttesdienste und unten beim Freitagabendteegesungen werden und die mir 'schon seit Jahren in Ohr; und'Seele nachtönen. Fast ein Dutzend Länder sindin der Hörerschaft vertreten, und jedes Land hat: seine Liebe, seine Lieder und seine Lichter mitgebracht. Aus dem Ganzen ist etwas entstanden, was man nicht unbedingt Chassidismus,, auch nicht Mussar nennen kann, aber alles;yon diesen Richtungen1' enthält. Eine gesunde Mischung von chassi= Montreuxer Bachurim nach Semesterschluß. nehmen, nach 'allen Richtungen 'durcharbeiten, vorzeigen, was in ider Denkweise und Schreibart Abarbanels ihn mit Maimomdes 'verbindet, und inn wiederum von diesen trennt, et-wks' über-die Kapitel der Auferstehung und des Messias, 'Dogmen ühd Grund; lehren sprechen... Ein Männ^ h&t -Vor r5Ö0 Jähren in •den Pyrenäen gelebt tind igetehhV;1 ühd seine ewigen Gedanken finden auf einem;Berge^ari^einem Schweizersee, ,4ef vielleicht nie früher ein; jüdisches Wbr'ä gehört .hat, eine Heimstätten-Von^deri 'Pyrenäen bis zu> den Alpen -führt.ein Weg, der jüdische Weg. Das rasche Tempo des Uhrwerkes 'liält hier still,, so wie die Zeitmaße der dazwischen liegenden Jahrhünderte verschwinden. - ■ r Anschließend Mincha und gleich darauf schon im blauen Dämmer des Abends die '„dritte Mahlzeit"; besteht nur aus einem 'Bissen in •der' Große einer Olive, aber einer Mussar rede, die unvergeßlich bleibt. Er hat eine eigene Art zu reden, dieser Meister des Mussar-, Auch 'sehte Reden sind dem Gesetze der Zeit nicht unterworfen, sind breit angelegt, aber eben und. voller-blühender Blumen und von einem Grundgedanken' zusammengehalten, der bis zum letzten Ausklang; vorherrschend bleibt. Ein geheimnisvolles Dünkel huscht, durch den Raum.. man sieht nur-noch Schatten und man hört fast, das ,laute Schlagen' junger Herzen. Hier werden; junge. Menschenseelen . geformt. Wo , diese, Menschen ein* mal später auch landen . werden, diese Duttlielstunde des Sabbatausgangs wird nicht von. ihnen lassen, wird sie bei allen Versuchungen mit Ge.walt packen undauf den richtigen Weg wieder bringen. Sonntag mittag ist Verhör und Semesterschluß, der mit einem Feste gefeiert wird. In den . ersten Mittagsstunden macht sich schon unten etwas wie 'Festtreiben bemerkbar. Es sind Gäste angelangt aus Genf, Lausanne, aus, Zürich, Wenn die, Veranstaltung statt um zwei Uhr erst gegen viere beginnt, so. hat es weiter, nichts zu sagen, man hat' hier Zeit. Montreuxer Gäste wissen schon von vornherein, daß sie alle Anschlußzüge für die Rückreise i versäumen werden und richten sich darauf ein. Ein überwältigendes Bild; Im geschmückten Jeschiwaraum begrüßen die etwa 50 Schüler,und Lehrer die Gäste, mit hebräischen Gesängen, bei1-denen Inbrunst und Innigkeit zuweilen die Harmonie ersetzen. Schon spricht der Rebbe.. t£s ist' ein Ueberblfcky auch eine 1 Abrechnung mit! denen, die ihn'nicht verstehen wolr-' ten und heute noch nicht verstehen, Auch ein weh'= mutvolles; Gedenken an ,den Marin, der mit den Grunastein zur Jeschiwa gelegt hat und vor kurzem ' — " welche symbolisch« Fügung —jjn Montreux in der Nähe' der Jeschiwa aus dem Leben, geschieden ist, Rabbi .Näftali Sternbuch aus St. Gallen.-^Eine Reisezehrüng gibt der Rabbi den/ scheidednen Bachürira mit, die köstlicher ist denn alles, was wir heute der Jugend auf ihren, unsicheren.-und unbekannten Wes mitgeben können. / . . ' Es sprechen Gäste, unter ihnen der neue Rabbiner von Zürich, Dr. Taubes. Es hört sich wie ein Gelöbnis an: „Ich suche die- Thora in der Schweiz , und habe sie hier gefunden, ich gehöre zu Eudh! .. Ein Verhör; bei dem: auch die Kleinsten und Jüngsten-''zu Worte kommen, ist gekrönt' von eineru geistvollen Hadran des jüngsten Dozenten, des ältesten Sohnes des Rosch Jeschiwa, bei dem wir die wundervolle Gliederung und den logischen Aufbau nicht genug bewundern können, und einer weiteren halachischeh Abhandlung des Rabbiner der Genfer östlichen Ge mei n d e „Agudatlf Achim". Bei den gedeckten Tafeln verbringt man -den Rest des Abends, aus dem bald Nacht iind Mitternacht wird. Zündende Reden, eine, solche auch von einem jungen Schüler -aus 'Leipzig, würzen ,das Mahl, Gesänge von" chassidischem Feuer und mussarmäßiger Ekstase gehen in Tänze über.' sAeltere Freunde werden unter Gesängen auf .die Schultern gehoben; Unten zwischen Berg und Wasser brütet geheimnisvoll die Nacht und wird geweckt vom Gesänge der Jungen, der sich vom Garten bis zur Straße und zum glitzernden Seespiegel trägt. Keiner stört sie hier, 'es ist ihr Reich. - Morgen wird. : die Korona auseinanderstreben. Manche werden wiederkommen,, andere werden, dahin und' dorthin gehen.. Sie alle nehmen eirien Wegweiser im Herzen mit , füra .Leben - hinaus, Se* m es t e r s c h 1 u ß! Aber für. die jungen Menschen der Start zu einem neuen jüdischen Leben. —tz. Josef Klausner, ein Freund des Sabbat, P-rofessor Josef Klausner in Jerusalem, der jetzt 60; Jahre alt geworden ist, gehört nach Leben «und Gesinnung nicht ganz zu uns. Seihe Werke haben bei uns eine kritische Aufnahme gefunden. Aber es muß Klausner zugute gehalten werden, daß er von , j eher, - ein •'Freund d e s' - S!a b b a t war,' für den er stets in Wort und Schrift energisch eintrat, auch im, Leben und in der Tat, Wie aus seinen jetzt unter dem Titel II. erschienenen Memoiren hervorgeht. •, * Wir lesen darin u. a.: Am Montag hielt, ich meinen Vortrag über Bialik (es' war im zaristischen Rußland), nun wartete ich auf den Besuch der Polizei, sechs . Nächte hindurch wartete ich schlaflos auf diesen hohen Besuch, In einer Freitagnacht klopfte es an meine -Türe, es war aber.-, nicht der erwartete Gendarm, sondern der Hausmeister, -der mir eine Vorladung überbrachte, Samstag morgen um 9 Uhr 1 morgens1 im Amte vorzusprechen. Ich sollte, nach-russischem Gesetz die Vorladung unterschreiben. „Ich kann es aber heute, am Sabbat nicht machen," sagte ich dem Hausmeister. Der Biedere schaute mich verwundert an und ging seines Weges. 1 Nach' einer halben Stunde kam ein uniformierter Polizist mit der gleichen Forderung, daß ich die' Vorä ladung unterschreibe; Ich gab ihm die gleiche Antwort und auch er ging. - . ■ : Wieder eine hälbe Stunde. Nun kam der Revier-Kommissar selbst. Warum ich nicht unterschreibe, wollte er wissen. „Ich sagte es schon," antwortete ich, „ich schreibe nicht am Sabbat." „Wegendes Sabbat?" 'wunderte sich der Beainte, „In Odessa leben hunderttausend Juden und ihrer viele schreiben am Sabbat." . V ,;,;Mag r seih.' Nicht, alle Juden , sind religiös., Mch aber entweihe nicht den Sabbat." ,. > . Das , wirkteein wenig beruhigend auf den Beamten. „JaVja," seuzfte er; „nicht alle Juden und nicht alle Christen halten .ihre Religion. Täten sie es, wäre es viel besser um uns.:bestellt." - Wenn ich nun glaubte, die Sache sei erledigt so wurde ich schon nach wenigen Minuten eines Bes* seren belehrt. Der Pristaw (Oberkommissar,) kam in höchsteigener Person. Wortlos hielt er mir die Vorladung vor. „Unterschreiben!" befahl er. Höflieh wies ich darauf hin, - daß ich diese Zu* mutung; bereits dreimal zurückweiseii muÖte und es auch jetzt noch tun muß". V „Hören Sie mal,; H(?rr Doktor," lenkte, der Pristaw ein, „wir wollen doch, vernünftig miteinander reden. Mein Revier liegt im jüdischen Rayon und noch nie in meiner''langen Praxisi$t mir^ vorgekommen, ,daß ein gebildeter Jud^e, Akademiker, ,da§j .Schreiben ^ata Sabbat unterließ.' Ja, bei einfachea .Juden kann man; das schon eher erleben,, aber), ein Mann Ihrer Art?'' Nun: schlug ich einen anderen Weg ein; „Wenn Sie, Herr Oberkommissar, mich etwa verdächtigen Rollten, daß ^'ich die L^htÄrschrift nur verweigere, uro mich vor der;; Gendarnieriei zd( :drücken.w so (bitte;.! iph Sie; mich zü verhaften und morgen,; früh vorzuführen.

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