Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1937)
- Date
- 1937-03-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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.«V ^: Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 11 1937 Von Alice Oppenheiiner; (Fortsetzrang.) Erde kreiset eine Bahn und Juden kreisen •mit. Mal sind sie der Sonne näher,. sie erstarken in der Helligkeit des Lichtes, aber da die Erde kreisend ist, werden Sonnenstrahlen schwächer, Jude wandert fort. Seine Größe wird vermindert und er geht weiter fort. Manchmal scheint die Erde zu rasen, Und der Jude hält nicht Schritt, Manchmal will sie Einhalt geben, Jude aber merkt es nicht, Ständig schreitet fort das Leben, Ständig drehet sich die Erde, Ständig lauschen wdr ins Leben Auf das G'tteswort: ,,Es werde" — Ja, wir wollen es nicht schauen, Dieses Lebens Sinn und Sein, Aber etwas muß es geben, Das uns aufrecht hält im Leben. Jeder horchet, jeder forschet, -Möcht' das Glück gestalten, Doch das Unglück lehret uns: Glaubt an G'ttes Walten! Merkwürdig, denkt Heinz, welches1 Wirrnis von Gedanken fällt über mich, den Ungläubigen. Draußen lacht' die Sonne, Autos sausen, Menschen rennen über die Straßen. Heinz geht hinunter, sieht sich um, Er weiß nicht, was er mit seinem Morgen beginnen soll. Dr. Maier hat ihm wegen Samstag das Arbeiten untersagt, das Büro ist geschlossen, zu seinen Verwandten geht er am Mittag. So läßt er sich treiben, kommt an die Schlösser der verschiedenen französischen Könige, die jetzt als Ministerien und Museen dienen. Er geht ganz gedankenlos hinter einigen Menschen her und kommt so in eine herrliche Gemäldegalerie. Vergessen ist alles, so nehmen die Bilder ihn geiangen. Als eine Glocke ertönt, die die Mittagszeit angibt und das Schließen der Ausstellungsräume verkündet, merkt Heinz, wie weit die Zeit vorgeschritten ist. Seine Verwandten haben ihn früher erwartet, er muß sich eilen, der Weg ist weit. Robert sucht Heinz beim Mittagessen auszuhorchen über seine Tätigkeit bei Dr. Maier. Lachend meint er: „Ob Du wohl in 14 Tagen fertig wirst mit Deiner Arbeit?" „Was heißt das, Robert?" Germaihe lacht und sagt: „Robert hat recht, es ist ein alter Satz: Wers Schaufor in der Hand hat, hält es fest." „Du irrst, Germaine, ich. fahre am Dienstag nach England und suche die Arbeit für Dr. Maier von Mainz aus zu er; ledigen." Dieser Entschluß kommt für Heinz gedau so überraschend, wie für seine Verwandten. Erst die Worte Germaines geben ihm diesen Ruck. Das Erstaunen ist groß — Gefühl oder Verständnis können die Verwandten nicht aufbringen. Den ganzen Sonntag wirft sich Heinz inj . das Erarbeiten des Problems, welches Dr, Mjaier sich gestellt und an dem er mit teil hat. Montag; verbringt er teils auf dem Büro, zum anderen Teil mit Paßangelegenheiten, den-Nachmittag bei den Verwandten. Am Abend sitzter noch Stunden um Stunden mit Dr. Maier, zusammen. Ganz früh .am Dienstag fährt er nach England. Ina sandte ihm die Adresse eines Freundes ihres Vaters.. Sam Lesser ist ein alter Mann von 70 Jahren ,der trotz seines Alters viel Zeit und viel. Geld den deutschen Emigranten widmet. Er bewohnt ein herrliches Haus, etwas außerhalb Londons, seine verheiratete Tochter mit Mann und Kind wohnen bei ihm. Heinz wird bei seinem Besuch, den er Lesser abstattet; in ein Zimmer geführt, in dem ein offenes Kaminfeuer brennt. Obwohl die Sonne scheint, weht ein fürchterlicher Sturm, zieht durch die Spalten der geschlossenen Fenster, läßt die Wärme des Feuers nicht aulkommen. Ruhig und vornehm wirkt der Raum, zeugend vom Geschmack - der 'Bewohner. Nach ein paar Augenblicken erscheint Herr Lesser, dem man sein Alter nicht ansieht. Groß und schlank, fein und gütig zugleich, steht "er vor Heinz. Heinz überreicht ihm einen Brief seines Schwiegervaters. Lesser klemmt sich ein Monokel ins linke Auge und je länger er liest, je mehr ver-. düstern sich seine Augen. Er klopft Heinz auf die Schulter und bittet ihn, Platz zu nehmen. „Sie sind- Rechtsanwalt und kommen in der Hoffnung, hier vielleicht etwas zu finden. Ich halte es für ausgeschlossen. Manche Städte geben Ihnen Erlaubnis zu studieren, das dauert drei Jahre, das Examen ist riesig schwer, dann haben -Sie noch keine Niederlassung, die werden Sie in den seltensten Fällen erhalten. Wir haben hier zwei verschieden religiös eingestellte Hachscharot. Sie wissen doch, was das ist, die dienen dazu, die jungen Leute aus allen Berufen umzuschichten für Palästina. Das haben Sie iß Deutschland auch, dafür brauchten Sie England nicht. Junger Freund,, ich weiß keinen Weg. Ich habe den Willen, ich habe, die Liebe für, Euch, ich weiß aber nicht, wo ansetzen, um Sie zu fördern." * , Ein Diener tritt ein, bringt auf einem silbernen Tablett Zigarren und Likör, stellt es auf ein Tischchen zwischen die beiden Herren und verschwindet lautlos. . „Sie staunen", daß ich so uninteressiert erscheine und Sie nicht über Ihr Erleben frage." Herr Lesser nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarre. „Vor einiger Zeit hatte ich in Tripolis zu tun, war Zuschauer, wie Juden, die den Schabbos nicht entweihen wollten, öffentlich durch Prügelschläge gebrandmarkt wurden, ich reiste nach Rußland, sah die Kirchen umgewandelt in Luststätten des Volkes. Unsägliche Trauer b.eschlich mich, weil ich den Siegeszug der Materie über den Glauben kommen sah. Zu meiner Erholung und Entspannung fuhr ich dann nadh Rom, dort hörte ich einen Geschichtsvortrag eines Jesuitenpaters. Wir standen auf dem Forum Romanum, um uns Trümmer, Reste einstiger Kultur, vor uns den Titusbogen, weiter zurück das Kolosseum. Titusbogen, Triumph über das Niederschmettern des Judenvolkes. Triumph eines Sieges über Kultur und Glauben. Seitwärts Vestalinnentempel; nur noch erschauend durch die Erzählung des Priesters, heute ein Nichts, ein längst überwun^ denes Etwas. Tief im Hintergrund das Kolos- ' seum, ein Wahrzeichen wahnsinniger Cäsaren, die Menschenleben und Menschenwerk dem Feuer preisgaben. Beginnendes Christentum nicht mächtig in seinen Anfängen. Nero versucht es zu zwingen. Andere nach ihm verfolgen den gleichen Weg. Sie legen Gewalt an, es niederzuschmettern, es zu verdammen. Juden, einstige Besitzer von Macht, aber nun herabgekommen, werden hingemordet und den Tieren zum Fraß vorgeworfen, Trümmer, allüberall ein Haufen interessanter Erinnerungen, mehr nicht. Die gefesselten wandernden Juden mit dem Wahrzeichen -des Chanuckaleuchters, wie sie im Titusbogen ausgehauen sind, sie wandern noch heute, sie sind noch heute, so wie das Christentum auch über das Heidentum siegte. Es wiffd, junger Mann, das wurde mir auf dem Forum Romanum . am Titusbogen klar, einst doch der Glauben siegen, er wird die Welt erobern, drum Kopf hoch, junger Mann!" „Sie haben gut reden, Herr Lesser, aber ." „Nicht weiter, junger Mann, ich will Ihren Satz vollenden. Gestern Abend war, um für die jüdischen Emigranten Geld zu bekommen, ein großes Fest in einem der ersten Hotels. Man traf dort nur die jüdische Elite und einen Teil englischer judenfreundlicher Aristokratie. Es gab ein herrliches Diner, es wurde getanzt, die Damen in Festtoilette, dekoltiert mit Schleppen, die Herren im Frack. Aber von Jüdischkeit sahen Sie nichts." Herr Lesser steht auf, geht auf und ab und redet weiter. i,Auf meiner (Rückreise von Rom mußte 'ich geschäftlicher Dinge halber nach Berlin. Freunde,* deutsche Juden nahmen mich mit zu einem Wohltätigkeitsfest für jüdische Institutionen. Kinder sangen Lieder, Kinder des Leides standen, priesen G'tt in Hymnen, ^ie David einst gedichtet, an denen Völker, Nationen sich bereicherten. Menschen gaben'der Poesie die Musik und beides gab Kunstwerk. Und diese-Kunst tönte aus Kindermund. iMänner sprachen Gedichte von unserem größten Dichter Jehuda Halevi und seine Zionsliebe erweckte gar in mir, mir, dem gutsituierten Engländer, die Sehnsucht nach Zion. Groß, überwältigend ist das zu sehen, wie Ihr Juden, durch Leid Euch zu Eurem G'tt findet. Sie werden die Erhalter und Erneuerer unseres Glaubens sein, wir hingegen, wir sind ein absterbender Zweig." „Sie, Herr Lesser, sind eigenartig", fällt Heinz Herrn Lesser ins Wort, „Sie gehen in die Länder, in denen das Judenelend im Wachsen begriffen ist, um als jüdisch- Denkender in Ihre Heimat zurückzukehren. So erwacht auch in Ihnen die Liebe zum Lande der Juden. Ich hingegen, es klingt merkwürdig, Herr Lesser, mich machte mein Leid stumpf. Sinnlosigkeit gebar für mich das Unglück, meine Reise, die Menschen, die ich kennen lernte, das Erleben eines Freitagabends, die seelische Stumpfheit nichtgläubiger Juden änderten mein Denken. Das Ausland machte mich zum Juden." „Dann, Herr Grünberg, hat Ihre Reise Ihnen mehr eingebracht, glaube ich, als jede noch so rentable Stelle." Heinz lächelt spöttisch. „Nein, Herr Lesser, das steht auf einem anderen Blatt." Die beiden folgenden Tage verwendet Heinz ganz nur der Suche nach Arbeit. Die fremde Stadt, das Städtebild geht gar nicht ein in seine Sinne, er hat keine Zeit, keinen Blick dafür, er will alle Hebel in Bewegung setzen, nichts unversucht zu lassen, um ja nicht in den Augen der ZU Hause Gebliebenen den Eindruck zu erwecken, daß er ein Drückeberger der Arbeit sei, Aber alles ist umsonst. Und, so merkwürdig es klingt, er freut sich auf zu Hause, nicht nur auf Frau und Kinder, er freut sich, die Straße, in der er wohnt, wiederzusehen, den Rhein, alles, was ihm als Heimat scheint. An der Bahn steht Ina mit den zwei kleinen Mädels, der Junge ist in der Schule. Heinz lehnt schon lange zum Fenster hinaus, um nur Frau und Kinder wiederzusehen. Ina ist blaß und schmal» denkt Heinz, jetzt, wo ich fort war, fällt es mir auf, arme kleine Frau! Was hilft mein Mitleid, es gibt mir doch keine Möglichkeit, ihr das Leben zu erleichtern. Frau und Kinder sind beglückt, Heinz wieder zu Hause zu haben. Ina hat eine Ueberraschung für Heinz. Sie hat ein Zimmer in der Wohnung vermietet, um so auch auf ihre Weise mitzuhelfen am Lebensunterhalt der Familie. Heinz ist bald wieder eingewöhnt, doch schaut er seine Umwelt mit ganz anderen Augen wie .zuvor an. (Fortsetzung folgt.)