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Der Israelit · 1937-03-04 · Heft 9 (4.3.1937) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 9 (4.3.1937)
Date
1937-03-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 9 Der Israelit 4. März 1937 Wenn jeder, derNdie Keren Hätorah-Ziele begreift, in die 'Köre 11;-rHOtOfQ-H~S d tTH?) e IdOSe v täglich wenige Pfennige legt, dann können wir allen unseren Aufgabeh^gerecht werden. Dosen anfordern bei: Keren Hatorah, Hamburg 13, Heinrich Barthstraße 21 thodoxie zu Hilfe zu kommen, die mit Entsetzen wahrnahm, daß sie vor einem außerordentlich gefährlichen Kulturkampf mit zweiFronten stehe. Auf der einen Seite mußte sie den mit allgemeinen Aufklärungstendenzen verknüpften Bestrebungen der Okkupationsbehörden standhalten, auf der anderen Seite begann das .in Berlin begründete ,, Komitee für den Osten" einen religionslosen jüdischen Nationalismus nach Polen einzuschleppen, der alle Miene machte, sich der guten Berliner Beziehungen zu bedienen, und die Staatsgewalt in den Dienst dieser nationalistischen, entkonfessionalisierenden Tendenz zu stellen. Man beschloß aus naheliegenden Gründen, zunächst eine Delegation nach Warschau zu entsenden, der Dr. Abraham Hirsch V"XT' 'Halberstadt, Kommerzienrat Siegm. Frankel b'"2.\> München, n"^mnb' Dr. Kohn, Dr. Max Feuchtwanger, München und der Schreiber dieser Zeilen angehörten. Die Delegation reiste im Namen der deutschen orthodoxen Organisation, der „Freien Vereinigung", im Dezember 1915 nach Warschau, um das Terrain zu sondieren und wurde von Generalgouverneur Beseler, dem obersten Schuldezernenten Otto und dem speziell als jüdischer Schulreferent nach Warschau berufenen bekannten Reichstagsabgeordneten Ludwig Haas s. A. freundlich und entgegenkommend aufgenommen. Sofort im ersten Augenblick wurde indessen klar, daß insbesondere Ludwig Haas entschlossen war, aus reiner Liebe zu seinen jüdischen Glaubensgenossen dem Cheder das Lebenslicht auszublasen und das Schifflein der polnischen Juden mit Volldampf in das Fahrwasser europäisch-ideutscher Kultur hineinzusteuern. Hatte ja der berühmte Aufruf an die „lieben päulischen Jiden" die Juden Polens mit ihrem jiddischen ,»Dialekt" ohne weiteres als deutsche Pioniere im Osten in Anspruch genommen und so die geistige Grundlage für eine Politik konstruiert, die sich aus einem seltsamen, widerspruchsvollen Gemisch von kriegspolitischen Bestrebungen und jüdischem /Nationalist mus zusammensetzte. Verstanden haben diese Zusammenhänge damals im Kreise der deutschen Orthodoxie nur wenige. Auf Grund des Besuches der Delegation wurde die „Freie Vereinigung" bereits im Ja-! nuar 1916 aufgefordert, zwei geeignete Persönlichkeiten aus dem Kreise der deutschen Orthodoxie zur Beratung der Okkupationsbehörden in jüdischen Angelegenheiten nach Warschau zu entsenden, und es stellten sich dafür in aufopfernder Weise Dr. Pinchas Kohn '"3 und rr^nnn1? Dr. Emanuel Carlebach V'XT' zur Verfügung. Den äußeren Umfang und den — man darf es aussprechen — nervenzerrüttenden- Charakter der über Tage und Nächte sich erstreckenden Arbeit, die der beiden Abgesandten wartete, auch nur annähernd zu schildern, würden den Rahmen dieses schlichten Geburtstagsgrußes überschreiten. Das erste, was Dr. Kohn,) damals vielleicht als Einziger; erkannte, war, daß die polnische Jüdenheit — nicht die Orthodoxie allein — vor einem Abgrund stehe, wenn die durch den obenerwähnten Aufruf eingeleitete und vom „Komitee für den Osten" leichtfertig gedeckte Politik weitergehe und den polnischen Juden damit für unabsehbare geschichtliche Zeiträume vor der ganzen polnischen Oeffentlichkeit. der Stempel der Landfremdheit aufgedrückt werde. Während die gesamte öffentliche Meinung Deutschlands, an der Spitze -natürlich die jüdischen Kreise, an die Ewigkeit der deutschen Vorherrschaft in Polen glaubte, blickte Dr. Kohn weiter und zog aus dieser Erkenntnis — ohne Rücksicht auf die Angriffe, denen er sich dadurch aussetzte — die praktische Konsequenz. Er unternahm bei den deutschen Behörden bis zu den obersten Stellen einen Aufklärungsfeldzug, der an das moralische Verantwortungsbewußtsein der deutschen Führung appellierte und — einen unerwarteten, glänzenden Erfolg hatte. Es gelang ihm, den maßgebenden Instanzen klarzumachen, daß sie Blütschuld auf sich lüden, wenn sie weiter die Juden Polens für sich reklamierten, ohne ihnen . doch ewigen Schutz gegen die unvermeidlichen Folgen dieser unwahren politischen Einschachtelung garantieren zu können, Es ist, nebenbei bemerkt,, ein Ehrenzeugnis für General Beseler und die anderen damals maßgebenden deutschen Instanzen, daß sie Dr. Kohns Vorstellungen, die sich ja ausschließlich auf ethische Erwägungen stützen konnten, . Gehör schenkten und beispielsweise darauf verzichteten, der jüdischen Minderheit in Polen für ihre Erziehungsanstalten, wie ursprünglich beabsichtigt, die deutsche Unterrichtssprache zu oktroyieren. Nun erst konnte der eigentliche Kampf um die Rettung der originalen jüdischen Volksschule, des C h e d er , beginnen, dessen letztes Stündlein gekommen schien, weil es natürlich den jüdischen Liberalen aller Spielarten —: ob sie jüdisch-national oder assimilatorisch firmierten— ein Dorn ini Auge war. Dazu aber mußte zuerst Herz und Gesinnung eines waschechten barlischen Reformjuden, des Dezernenten Dr. Ludwig Haas, dem die Beseitigung des „luft- und lichtlosen" Cheder der erste notwendige Schritt zur Kultivierung der polnischen Juden, ein unabweisbares Gebot der Humanität, schien, ganz und gar um gewandelt werden! Jeder Andere wäre an dieser Aufgabe verzweifelt, namentlich da damals Deutschland bereits am 3. Mai 1916 die Autonomie der inneren Schulverwaltung für Polen proklamiert hatte. Dr. Kohn aber mit seiner phänomenalen Menschenkenntnis und — nicht zu vergessen —- Menschen 1 i e b e gelang es, dieses Wunderwerk der Erziehung zu vollbringen. Morgen für Morgen saß er am Bette des Spätaufstehers, unterhielt sich mit ihm stundenlang vor der Arbeit und n'a c h der Arbeit und gewann trotz der himmelweiten Verschiedenheit der Weltanschauung in religiösen Dingen und der politischen Einstellung in solchem Maße sein Vertrauen, seine Freundschaft, ja seine Verehrung, daß Dr. Haas noch Jahre später und bis an sein leider allzufrühes Lebensende niemals einen ernsten Entschluß faßte, ohne den Weisen von Ansbach zu konsultieren. Er hat mir — gegen Ende des Krieges - auf einer Eisenbahnfahrt von Berlin nach Frankfurt a. M. einmal wörtlich Folgendes gesagt: „Wenn mir mein Aufenthalt in Polen nichts weiter gebracht hätte als die Freundschaft Dr. Köllns, es wäre genug der Errungenschaft" und weiter: „die deutsche Orthodoxie verdient nicht, politisch ernst genommen zu werden, wenn sie einen Mann wie Dr. Kohn in Ansbach versauern läßt." S o wurde das Cheder in Polen gerettet und die Voraussetzung dafür geschaffen, daß die Chedarim dann später vom polnischen Staat als Volksschulen zur Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht anerkannt worden/ sind. f^OT^f i> iirrZ'W'■■ - r ' ,^»mw Kunst und Künstler. Zum Wochenabschnitt. Von A» Mannheimer in Dettelbach. Im Wochenabschnitt S.lpM lesen wir von dem Künstler Bezalel, -der es trefflich verstand, die Geräte des Stiftszeltes und die Priestergewänder zu fertigen. Zugleich besaß er die Gabe, Hilfskräfte zu instruieren la^a -rn r-n-pnH In Öholiab und anderen weisen Männern schuf er sich einen Stab erstklassiger Künstler, die ihm helfend zur Seite standen, memo nsbn bo2 nwyb, Kunstvolles zu ersinnen, Arbeit zu leisten in Gold, Silber und Kupfer, Tau nenrm im Sleinsclraitt zum 'Einsetzen, im Holzschnitt und jeder sinnreichen Arbeit o->pb* nn urw Ktoa'i. Er erfüllte ihn (Bezalel) mit dem Geiste G'ttes — naan otvt* i6n, G'tt erfüllte sie (die Künstler) mit Weisheit des Her» zens. An nicht weniger als sieben Stellen wird im Laufe der Erzählung betont, daß der Kunstsinn ein Ausfluß g'ttlichen Geistes ist. Das kann doch wahrlich keine Degradierung der Kunst in Richtung ihrer Wertschätzung bedeuten. Im Gegenteil. Das bedeutet ihr den Stempel des Höchsten und Heiligsten, des Reinsten, Edelsten und Ewigen aufdrücken. Ueber den kunstsinnigen König Ludwig I. von Bayern (1825 bis 1848) schrieb dessen Hofhistoriograph Dr. Sepp ein Buch. Darin wird auch ein abfälliges Urteil de® Monarchen über Rothschild erwähnt; er habe für die Kunst nicht viel übrig gehabt. Und Dr. Sepp fügt hinzu: Der König hätte doch wissen sollen, daß der Jude in seiner Sprache nicht einmal ein eigenes Wort für Kunst besitzt, er nennt sie einfach Chochmah, Weisheit. Hierzu ist zu bemerken: es ist doch wirklich im Grund« kein Unterschied, ob man die hohe Leistung mit Kunst (= von Können) od'e,r Weisheit (=r von Wissen} bezeichnet: Die Kunst ist ja nichts anderes als Weisheit in besonderer Prägung oder Färbung. Wer anders als das Wissen, die Weis* heit führt den Pinsel des Malers, den Meisel das Bildners, die Hand des Pianisten? Aus Muskeln, Knochen und Sehnen ist auch des Künstlers Hand zusammengesetzt, genau wie die der andern Sterblichen; Die hohe technische Entfaltung, welche* uns in Bann schlägt, uns zur Bewunderung, zur Begeisterung hinreißt, ist Weisheit in Eigenart. Im Judentum figurieren. nicht Kunst und Wissenschaft nebeneinander, sie fließen harmonisch zur Einheit ineinander, sind wesensgleich. * Aus der Künstlerschar um Bezalel und Qholiab ist /kein. Fall von Ueberhebung und Dünkel bekannt geworden, konnte es auch nicht werden, wo man demütig und bescheiden alles G'tt zuschreibt, was Menschen Großes und Herrliches zu schaffen vermögen, nrr mkS irm nn«. Du begnadigst denv ..Menschen mit Erkenntnis, D*n iwaVinBana »na», der'von1 Seiner Weisheit gab dem, der von Fleisch und Blut ist. Der Weltweite, der Künstler:, in unseren. Augen bleiben sie mi in, die einen besonderen Strahl g'ttlichen Lichtes empfingen. Wo die Kunst sich "im Reiche des Schönen auswirkt,^ in Farben, Formen und Tönen, da liegt die Gefahr der Selbstverg'tterung besonders nahe. Darum hat die Thora auf ihren ersten Blättern uns auch mit einigen Küns<Üerri bekannt gemacht: mit Lemechs Söhnen, Jabal, dem ersten Harfen- und Flötenspieler, Tubal Kajin, dem ersten Schmiedemeister. Nach Malbim S'st wollte an diesen drei Beispielen die Thora den Irrlehren der späteren Mythologie entgegentreten, die den hervorragenden Geistern und Künstlern himmlische Kräfte zuschrieben, sie unter die G'tter. und Halb» g'tter versetzten und einen ganzen Kranz von Sagen um sie woben. Der Künstler im jüdischen Sinne ist gottgläubig, demütig, ein. Künder g'ttlichen Geistes und Wesens, kurzum ein Jünger Bezalel». Künstlergeist -— G'ttesgeist. Könnte es anders •sein? Wenn man nicht mehr ein und aus> weiß; verschanzt man sich hinter das Wort Natur und ist beifriedigt. Warum entsteht aus dem einen Körnchen leine Eiche, aus dem andern ein Weizenhalm? Aus •dem einen Ei ein Pfau, aus dem andern eine Henne? Das macht ,,die Natur". Warum kann aus dem Musiker kein Maler werden, aus dem Baumeister kein Dichter? Das liegt „in der Natur". Ist nicht die jüdische Auffassung und Behauptung, all diese Erscheinungen gingen letzten Endes auf G'tt .zurück, vernünftiger und befriedigender? G'tt allein-, pflanzt die nnan ins Herz. Was ihr verlegen Natur heißt, ist ' G'ttes Wunderkraft in geheimster Werkstatt, Q'p1»« nn ihm s^jdsv Ganz instinktiv suchte sich; der Volksmund das treffende; Wort; er spricht vom* „g'ttbegnadeten" Künstler. : : ( Die Kunstänlage ist eigentlich jedem Menschen als schönes Angebinde mit ins Leben gegeben, selbst dem Wilden. : Nur in .hundertfacher. Abstufung und Verschiedenheit. Wäre dem nicht'so, nie könnten wir ein Kunstwerk innerlich genießen?.'-:Der Künstler . ist schöpferisch und rechnet auf den Beifäll und dasj Wohlgefallen der Menge, eben weil er auf das nätucfaaft eingepflanzte Verständnis für. Kunst, hoffen darf. Wir sind dem^ Kunstwerk gegenüber > aufnehmend,

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