Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1937)
- Date
- 1937-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4. Marz 1937 , .:; ,; . ■ . , Mit diesen beiden, noch heute nachwirkenden äußeren Erfolgen war erst das Terrain freigemacht, auf dem nun nach innen — neben der täglichen tausendfältigen Ihterventionsarbeit für unzählige bedrohte jüdische Existenzen und religiöse Interessen — das Werk der Vorbereitung 2er polnischen Orthodoxie für eine noch halb \Oi Dunkeln liegende Zukunft begonnen werden ]connte. Dr. Kohns vorausschauender Blick durchdrang dieses Dunkel. Er ließ sich von dem damals in allen Gassen ausgerufenen Schlagwort von der nationalen Autonomie" der Minoritäten -and von der absoluten Interessehgleichheit der jüdisch-nationalen mit den anderen nationalen Minderheiten nicht betäuben, und so stark sein Glaube war an die Ewigkeit des G'ttesbundes mit Israel, so skeptisch und ungläubig stand er sogar — der Allmacht des Völkerbundes gegenüber. Er wußte den orthodoxen Führern in Polen klarzumachen, daß ihr Schicksal unwiderruflich mit dem des polnischen V o l k e s verknüpft sei, daß die Okkupationsmacht sich eines Tages zurückziehen und daß der hochgesteigerte Nationalismus junger, werdender Staatsnationen auch die dauernde Einmischung eines fremden Machtfaktors wie der „Socie'te des Nations", allen papiernen Verträgen zum Trotz, auf die Dauer nicht dulden werde. Er wurde weiter nicht müde, das Primat des Religiösen vor dem National en für das jüdische Volk zu verkünden, nicht nur weil das der schlichten Wahrheit der jüdischen Tradition entspricht — die den *u zum Volljuden macht und den Ip'Pa seiner, nationalen Gleichberechtigung beraubt —, sondern weil er überzeugt war, daß unter dem Hochdruck der damals propagierten areligiösen Nationalisierung der „jüdischen Minderheit", dieser religionsfreie jüdische Nationalismtis mit den Nationalismen der Völker hemmungslos zusammenprallen und damit die ganze physische und politische Existenz der Juden im Golüs letzten Endes vollkommen gefährden müsse. Drittens aber, weil er erkannte, daß eine Konstituierung der Juden statt als „Religionsgemeinschaft" als „national-autonome Minderheit" unweigerlich die gefährlichsten nationalistischen Heißsporne, die antireligiösen Rechtsanwälte und Volkstribunen an die Spitze der Gemeinschaft hinauf spülen und den Einfluß der. Kabbinen endgültig 'vernichten werde. Es war diese dreifache Erkenntnis eines über die Tagesmeinung hinausschauenden wahrhaften l^Jn DN nxiin DDIV die Dr. Kohn zur Ausarbeitung seines großen Organisationsplanes für.die jüdischen Religionsgemeinden veränlaßte, Mancherlei kleinere Konzession Oer Israelit hatte er dabei den badischen Konsistorial-Idealen seines Freundes Ludwig Haas zu machen, aber die Grundgedanken waren: aus seiner eigenen Seele geboren, und sie haben sich bis auf den heutigen Tag als heilsam erwiesen. ' Keinen Augenblick trat hinter diesen politischlegislativen Aufgaben für Dr. Kohn der organisatorische Aufbau der in tausend chassidische Gruppen zersplitterten jüdisch-polnischen Volksmasse zurück. Dief Bildung der polnischen Landesorganisation der Welt-Aguda, zunächst unter dem Namen „Schlome Emune Israel" wäre ohne seine rastlose Vermittlungs- und Ausgleichstätigkeit nicht möglich gewesen. Er sah den Menschen tief ins Herz und wußte, wem er Vertrauen schenken könne und wem nicht. Unter seiner Führung war diese „Schlome-Emune- Israer'-Organisation die erste, die den Mut klarsn politischen Bekenntnisses fand zu dem neu erstehenden polnischen Staatswesen in den Linien jüdischer Tradition, nach seinen Ratschlägen wurden die Fundamente der inneren und äußeren Politik der Organisation gefügt, denen sie -— ungeachtet mancher Schwankungen im Laufe zweier Jahrzehnte im Großen und Ganzen treu geblieben ist. Wenn man heute, trotz mancher Fehlschläge und Unzulänglichkeiten, der polnischen Orthodoxie das Zeugnis der politischen Reife nicht versagen darf, wenn „Agudas Jisroel" in Polen zahlenmäßig die stärkste jüdische Partei ist und — was mehr bedeutet — _Nr. 9 Seite 5 die Kraft besitzt, selbst gefährliche Krisen von innen heraus zu überwinden und die ungeheure potentielle Stärke einer vom Thorageist erzogenen Masse immer wieder in aktuelles politisches Wirken umzusetzen, so darf unser Jubilar sicherlich ohne Ueberhebung das ist dieses geschichtlichen Organisationswerkes als einen der großen Aktivposten in seiner umfangreichen Lebensbilanz in Anspruch nehmen. Im Lichte der Purimfreude begehen wir den 70. Geburtstag unseres Freundes. Wie Mordechai hat er ein Leben voll Entsagung und Hingebung in den Dienst seines Volkes gestellt, ob auch keine goldene Krone je auf seinem Haupte glänzte (ein „Stück Johannisbrot stillt ja seinen Hunger von Freitag zu Freitag"), und Verkennung und Anfeindung ihm, wie allen Männern seines Schlages von je in viel reicherem Maße zuteil geworden sind als Dankbarkeit und Ehrung. Auch das pYWMO nxpö i:»ö l»Tö darf mit Bezug auf Dr. Kohns bekannte kritische Einstellung gegenüber der offiziellen Erez Jisroel- Politik der „Agudas Jisroel" von dem Jubilar ausgesagt werden. So wünschen wir ihm denn auch Mordechais Lebensalter i'§i Sinne von R a - schis Auffassung in 3"» Y'Ü *p 1111130' Jahrzehnte der Gesundheit und Sich steigernder Jugendfrische und die hohe Freude, das Morgenrot der Erlösung heraufziehen zu sehen. J. R. Von Gottfried Goldschmidt in Berlin. Wird sonst eine geschätzte Persönlichkeit siebzig Jahre alt, dann huldigt dem Jubilar sein Familien-, und Freundeskreis, durch Glückwunsch und Aufmerksamkeiten. Bei Dr. Pinchas Kohn tritt eines hinzu. Seit Wochen steht in vielen Briefen: „Wissen Sie, daß unser Freund P. K. am 22. Adar . . ." Es ist bei uns in letzter Zeit fast Brauch geworden, daran zu erinnern! es hat sich ein Gemeinschaftsband geschlungen; man fühlt sich einander nahe in dem einen fronstimmenden. Gedanken: Unser Freund P. K. wird ein Siebzigjähriger. Von wem sagen Sie sonst, er sei Ihr Freund? Von einem etwa Gleichaltrigen, einem Schulgenossen, einem, mit dem Sie viel und lange vereinigt waren oder sind, von einem, mit dem Sie sich eins wissen in Geist, Geschmack, Gesinnung. Anders beim Doktor Pinchas. Kohn. Leute, die 'dreißig und fünfunddreißig Jahre jünger sind als er, waren schon vor fünfzehn Jahren seine intimen Freunde.' Seine handschriftlichen Briefe gingen an einen der Jüngeren, wurden da vervielfältigt hinausgeschickt, fanden Einzelantworten, schufen einen Freundeskreis, dessen Mittelpunkt P. K. war^. und übten eine wundervolle Wirkung auf 'die Empfänger, dermaßen dauernd, daß etliche noch gern danach greifen und sinnend darüber verweilen. Manch Eltempaar im In- und Ausland denkt in ungeminderter Dankbarkeit an die geistig-sittliche Hebung, die von diesem treuesten der Freunde ihren Kindern geworden ist. Mit P. K. braucht niemand lange und viel zusammen zu sein. Ein Viertelstündchen, und man fühlt sich ihm befreundet, hört einen großen, feinen Gedanken, kurz in klarer Schöne ausgesprochen, und geht belehrt, reiner, gehobener von ihm. Eins in Geist und Gesinnung? dessen bedarf es zu dieser Freundschaft nicht. Kluge Menschen ganz anderen Geästes, ganz anderer Gesinnung fühlen sich zu diesem Manne hingezogen, bezeichnen das Zusammensein als ein Erlebnis und empfinden befriedigt den Neuerwerb eines wertvollen Freundes, Mit dem Strohhütel (horribile dictu) auf dem Rabbinerkoof hat er der Agudas Jisroel die Slovakei erobert, von seinen gewaltigen Erfolgen in Polen nicht zu reden. Freilich: angespannt mitdenken müssen wir; ganz leicht mächt ers uns nicht. In Essenz-Form gibt der hochgebildete Gelehrte mit dem zuverlässigen Gedächtnis seine Ideen au®, und man hört zuweilen, rezipierend, reflektierend, reproduzierend. Der Midrasch stellt nvn dem l_?8i>s3 gegenüber. Ersterer das „Publikum", letzterer der produzierende Künstler. Und neidlos reicht der große Moscheh dem Bezalel .die Palme des Ruhmes. „Bezel—El", du stehst im Schatten G'ttes, o Künstler, nicht ich. Ein solches Wort aus solchem Munde ist mehr als schmeichelhaft. Es ist bezeichnend für •die Stellung, die wir als jüdische Menschen ,der Kunst gegenüber einnehmen. Sie steht im Schatten G'ttes, nnan am sbn> ein gütliches Edelreis, unserem Herzen eingepflanzt. Kaan es unter solchem Siegel eine „entartete Kunst" geben? Sie dient dem Heiligsten und Schönsten, wie bei dem Kreis um Bezalel und Öholiab. Kunst ist Geist in anmutender Form. Sie wendet sich in ihrer Wirkung mehr an da® dafür empfängliche warme Gemüt als an den spekulativen Ver=. stand. Mit der Bewunderung des Werkes geht Hand in Hand die Bewunderung des Meisters und Schöpfers. Wie kommt es, daß manche Menschen zu solch glänzenden Leistungen befähigt sind? Unsere heilige fNn zählt in sehr nüchterner Form die Geräte des auf, beschreibt sie ohne Schwung und schmükkende Worte. 'Und. ebenso kühl-mag manchen der kurze Hinweis auf den rtösn klingen, den G'tt in die Herzen jener Kunstsinnigen gesenkt habe. Den breiten Massen gefällt es besser, wenn die G'ttinnen der Anmut, die Grazien vom Himmel herabsteigen, •sich leise der Wiege des Kindes nahen und einen sanften Kuß auf Stirn und Mund des Kleinen drükken, um darauf lautlos, wie sie . gekommen, ..wieder zu entschwinden. Schön! Sehr schön! Bleibt nur die neidische und nörgelnde Frage: Warum . sind sie an unserer Wiege vorübergegangen? . Warum spendeten . sie' nicht auch /uns einen weihenden Kuß? Sollen andere sprühende Geistesfunken um i sich werfen, Goldstücke nur so aus dem Aermel schütteln und wir stehen wie Stiefkinder der Natur nebenan? Nein. Mit solchen Phantastereien, auch wenn sie noch so reizend schön sich ausnehmen und anhören, kommt man nicht ^zum befriedigenden Ende. Sie können das Thorawort von der npsn* deren Quelle bei G'tt zu suchen ist, niehi entkräften oder erschüttern. In dieser (Richtung liegt auch ein ehrliches Selbstbekenntnis des Dichters über seine eigene Kraft vor, ein offenes1 Selbstgeständnis: „ .; . Wie in den Lüften der Sturmwind saust, Man •weiß nicht, von wannen er kommt und braust, Wie der Quell aus verborgenen Tiefen, - So des Sängers Lied aus dem Innern schallt, .Und, wecket der. dunkeln Gefühle Gewalt, Die im 'Herzen wunderbar schliefen . . ." Ob Poesie, Malerei, Musik, Technik oder Plastik: dunkel bleibt die Quelle des schöpferischen Kunstsinnes1, rätselhaft für den Forscher, selbst den ernsten und besten Psychologen. Niemals kann Eltern im vor* aus gesagt werden, welch Größen sie in in der Wiege haben, ob im Palast oder in der Hütte. Uns bleibt nur als Lösung das Wort unserer ewigen Thora: , •J? naan oms *bn — - — Schriftdeutungen zum Wochenabschnitt. Mitgeteilt von S, Speicr. Kap. 35. V. 7. dw w b^nn msi o»aiRn dVh nur „Rotgefärbte Widderfeile, Tachaschfelle und Schittimholz". nw ist nach Ansicht einiger Erklärer eine Zedernart. Für diese Auffassung spricht Jeschajahu .41, 19. ■ ]Ov fyi o-im n»w t-»k -lanaa/jn» „Ich setze in die Wüste ein: Eres Schitta, und Myrte und Oelbaum." Da in diesem Satz dem Wort iitttf kein 1 vorausgesetzt ist, scheint ntw nähere Bezeichnung für zu sein. Andere Kommentatore verstehen unter rrow die Akazie/) Das Dagesch in dem o läßt als ursprünglichen Namen dieser Pflanze nmifr erkennen. Aehnlich bezeichnet der Aegypter die Akazie mit sant. . oirn novr n« ist danach im Sinne von nesn n« onm zu begreifen. Eine Analogie bietet Chawakuk 3, 11: n^>3T Tay irv vm „Sonne, Mbnd verbleiben an ihrer Stätte." Jisrael findet die Akazienhölzer in der Wüste. Wird ja das Wachsen dieser Pflanze auf der Halbinsel Sinai von verschiedenen Forschern bezeugt. So schreibt E. Dagobert Schoenfeld2) auf Grund seiner im Jahre 1903 auf der Sinaihalbinsel unternommenen Forschungsreise: „Dann begegnet uns oft die „Acacia faraesiana" mit ihrem bronzefarbe* nen Stamme und den silbergrauen Stacheln, von den Eingeborenen „talla" genannt . . ~. Alle diese Pflanzen brechen aus den Fugen der Bergwände, wie aus der Sohle der Täler, in , großer Menge hervor und zeigen die Triebkraft de® Bodens, welcher überall sich zu beschatten sucht ... So scheint die Annahme berechtigt ZU sein, daß zu jener Zeit, während denen das Volk Israel die Halbinsel' besetzt hielt, ein um vieles stärkerer Waldbestand Berg und Tal überzogen habe, als heute." Vgl. mit diesen Ausfüh* rungen folgende Bemerkung des Ewen Esra zü Schemot 25, 5: wov -»ssr -nr '3'0 -in bs -p»o ">n '3 nanu „ ... wir dürfen annehmen, daß in der Nähe des Sinaiberges ein Wald von Sehittimhölzern war." *) Vgl. Imanuel Low „Aramäische Pflanzennamen". 2) „Die Halbinsel des Sinai in» ihrer Bedeutung nach Erdkunde und Geschichte auf Grund eigener Forschung an .Ort und Stelle dargestellt" von Prof. Dr. E. Dagobert Schoenfeld (Berlin 1907) Seite 137.