Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 8 Der Israelit 25. Februar 1937 Der Großvater. Zum Andenken ain einen großen Juden. Mir schwebte aus meiner Kindheitszeit immer der jüdische Magnat, um nicht zu sagen der „jüdische Fürst" im Osten vor Augen, wie man ihn im Westen weniger kennt. Er wird hier ersetzt durch den guten jüdischen Bürger, dessen Opfersinn und freudige Pflichterfüllung nicht minder groß ist. Aber der 'jüdische Magnat meiner Jugenderinnerungen 5st ein anderer Typ. Es gab in der Zarenzeit deren wenige, in jeder Großstadt vielleicht einen oder zwei, in der Residenz . vielleicht ein Vierteldutzend, Es waren „Männer der Tat", die Stadlanim, die „Großen", deren Beziehungen bis zu den höchsten Fenstern reichten und bei denen es oft so schien,. als wären ihre großzügigen Geschäfte (Eisenbahnbau, Militärlieferungen) nur Mittel zu diesen Beziehungen, die wiederum den Ausgleich schufen zwischen der schwer leidenden jüdischen Masse und den Regierungsbehörden. Auch . ihr Reichtum -diente,' nur -diesem -höheren Zwecke. Es waren die Sterne am iNachthimmel der jüdischen Bevölkerung, zu denen sie in ihrer Not vertrauensvoll emporschaute, und nie vergebens. Diese Männer, die in Palästen wohnten, vor denen livrierte Diener die Wacht hielten, und vierspännig durch die Straßen fuhren, — weil sie es wegen jener Beziehungen mußten, waren zumeist in ihren vier Wänden einfache bescheidenste jüdische Menschen. Ihrer welche waren hervorragende Talmudgelehrte. Stets rührig, tätig und weltoffen, kannten sie sich in den Folianten des Talmud und der Dezisoren so gut aus ^ie in den dunklen Gängen der Amtsstellen und in den verschlungenen Paragraphen der Gesetzbücher und Gerachtsverordnungen. In ihrem Hause verkehrten Rabbis1, Laiengelehrte, Advokaten, Maskilim (Aufgeklärte); Dichter und Lehrer neben Ministerialbeamten, Offizieren und sogar Generälen. Fragen war heute einen Durchschnittsjuden der älteren Generation aus dem Osten, so wird er ohne Nachdenken vier oder fünf^ solcher Namen nennen, die damals die jüdischen Magnaten des gesamten jüdischen Rayon, von -der Memel und Weichsel bis cur Newa und Wolga, waren. Solche Bevorzugte konnte es nur in einem Lande geben, wo es jüdische Massen gab und ein jüdisches Massenelend. „Wo viel Schatten, mußte es auch einige Lichter 'geben," kann das bekannte Wort variiert werden. In Westeuropa mit seinem geregelten Leben, mit seinem besseren Bürgertum, mit seinen nivellierenden Schulen, Gesetzen und Formen kannte und durfte es eine solche Kluft zwischen Oben und Unten nicht geben. * * * Nach' vielen Jahrzehnten sah ich wieder einmal einen solchen Magnaten, einen jüdischen Fürsten, wie er in meinen Jugenderinnerungen lebte. Es war in den gehobenen Tagen zwischen Roschhaschana und Jom Kippurj am 'Genfer see, der sich zu Ehren dieser Tage mit dem schönsten Blau, das er vom Himmel, von den Bergen und den in goldener Herbstsonne prangenden Tälern beziehen konnte, schmückte. Oben auf dem; Berge, wo unser Rabbi Botschko der Thora eine kleine Residenz errichtete, feierten wir ein Doppel- oder dreifaches Fest: Verhör mit Sijum, Einweihung einer Thorarolle, Vierjahresabschluß. Wer ■einroardies.es Fest in Montreux miterlebt hat, wird die Erinnerung daran sein Lebtag nicht mehr los. Wie da im Parke zwischen den Akazien die Jünger mit den Thorarollen tanzten! Wie die Lieder durch die Flur hallten, als stimmten Berge und Seen, in den Sang ©in! Und oben am Horizont stand eine Sonnenkugeli so rot und so rund, wie wir sie noch' nie im Leben gesehen hatten, und warf violette Strahlen zum Abschiedsgruß hinunter. Die Vision der singenden Himmel aus Psalm 19 wurde lebendig, Natur und Lehre! Wie oft hörten wir vom Zusammenwirken der beiden g'ttlichen 0f: fenbarungen, und hier erlebten wir es so nahe und sichtbarlich, daß wir G'tt dankten für die uns gewordene Gnade. Und als die Sonne lachend sich hinter den französischen Bergen zurückgezogen hatte, saßen wir in den Räumen bei gedeckten Tischen-, bei Speis . und Trank, Lied und Lehre. Und auf einmal: Wort und Weise verstummten wie auf geheimes Kommando. Alles stand wie ein. Mann auf. Eine ragende bärtige Gestalt in patriarchalischer Gewandung trat langsam in den Raum. Ein Ehrenplatz an der Spitze der Tafel war für den Angekommenen bereit, dort, wo die großen Kandelaber brannten, und bald ihr hellgelbes Licht in den schönen gütigen Zügen/des Mannes spiegeln Keßen, als hätte sich Licht zu Licht gefunden. Der „ G r o ß v a t e r " , ging ein Rannen durch die Reihen der Jünger. Für .den Rest des Abends war -dieser etwas später erschienene Gast der Mittel- und Glanzpunkt des Festes. Naftali Stem.bii.ch war aus St. Gallen ge-; kommen, um das Fest des Vaters der Jeschiwa, d&r sein Schwiegersohn war, der Mutter d?r Je-; schiwa, die seine Tochter war, der Kinder der Jeschiwa, die seine Enkel waren, der Jünger der,; Jeschiwa, die alle seine Jünger waren, mitzufeiern. I In später Abendstunde saß ich noch an der Seite dieses Mannes, der, jeder Zoll ein jüdischer Magnat, mir einiges aus seinem Leben erzählte. In Kischi* new, der Stadt der ersten Pogrome, hatte der/Groß* kaufmann seinen Sitz, ein Thora-gelehrter mit chassidischem Feuer, ein Philantrop, dessen' Wohltaten wie der Bergquell keine Unterbrechung kannte, ein Mann des offenen -Hauses und der offenen Hand, ein Man» schließlich, dessen Tag den Weltgeschäften gehörte, . auch unzähligen Audienzen für Einzelne und die Gemeinschaft, und dessen Nacht .dem "jüdischen Buche, der Gmoro, dem Sohar gewidmet war. Nach dem ersten Pogrome verließ Naftali Sternbuch Rußland. Ein Fürst in der Verbannung, Er gehörte aber zu den Männern, die, wohin sie auch kommen, Sonne mitbringen und wo sie einmal weilen, sich die Sonne ihres Wesens festsetzt, um weiter zu wirken. Schon nach wenigen Jahren ist in Basel der Zauberkreis um ihn herum vollkommen, und auch westliche Juden, Schweizer, die diesen Typ nicht kannten, wissen bald, welche Bewandtnis es mit einem jüdischen Magnaten hat. Bald verlegt er den Sitz seiner ausgedehnten. Geschäfte nach St. Gallen. In Basel bleibt der Kreis und wirkt automatisch weiter fort, bis zur Gründung der Religionsgesellschaft. Auf dem geistig etwas unwirtlichen Boden seines neuen Wohnsitzes entsteht ein neuer Kreis, entsteht ein Milieu von Helligkeit und Heiligkeit, eine Mikwah -als Quelle der Familienreinheit, wie sie die Schweiz noch nicht gesehen hat. Eine, Oase der Jüdischkeit blüht mitten in der Oede auf, man weiß nicht wie und wieso. Eine gleichgeartete Frau steht ihm bei all den aus dem Boden gestampften jüdischen Schöpfungen tapfer und unverdrossen zur . Seite. Dieses große Herz stand keine Minute still. Es schlug unaufhörlichfür sein Volk, jeden Einzelnen und die Gesamtheit, es schlug für G'tt und seine Thora. Und eines Tages hatte es sich ausgegeben. „Genug!" sprach G'tt, und es stand still ... -' * * - ■ * Als ich damals, am Morgen nach dem Feste, die Villa Bella besuchte, saß „der Großvater der Jeschiwa" schon über seinen Folianten gebeugt- Wie alljährlich, mußte bis zum Versöhnungstag der Traktat „Joma" ausgelernt sein, und es waren im ganzen nur noch vier Tage. Ich versprach ihm. ihn, sobald es geht, in St. Gallen aufzusuchen, und ich freute mich schon, diese kleine Insel der Jüdischkeit von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. Nun ist es zu spät! - ' \ Aber ich werde die Lehrstätte am Genfersee auf* suchen, wo ich in gehobener Stunde Rabbi Naftali Sternbuch kennengelernt habe, um in einer Lernstunde das Andenken dieses jüdischen Magnaten zu ehren. —tz. Purimbrocken. ■ v Mit 'ri'i wird stets ein Unheil eingeleitet, dagegen leitet "»m ein freudiges Kapitel ein. Man kann es vielleicht auch umgekehrt fassen: Bei einem Unheil sagen wir tpi „Es war einmal." Man denke nicht mehr daran. Dagegen gestalte man jeden freudigen Anlaß zu einem ">nv in Zukunftsform. Man zehre immer weiter daran. Es war, es ist und wird auch sein. iaV ''nn p'in nh'n tnirrV ..Es war ihnen Licht und Freude, so wird es auch bei uns sein!" * * nstfa onn o,,n">a„An jenen Tagen, als da .saß der König." Er fühlte sich sicher, erklären die Weisen, denn , er hatte -sich verrechnet. Nach seinem Rechenexempel war der dem babylonischen Exil gesetzte Termin schon verstrichen, ohne , daß die Erlösung gekommen war, also, dachte er, wird sie auch nicht mehr "kommen. RechenexemDel der Statistik in Bezug auf die Juden erwiesen sich immer als irrig. „Israels Geschick steht nicht, in den Sternen geschrieben," auch nicht in den Rechentabelleh der Statistik. * * Esther schwieg. Ein Wunder im Wunder! Es . gibt Menschen, die lange und viel reden, wenn sie über etwas „sprachlos" sind ... Sie lernte das Schweigen, erklären die Weisen, von ihrem .Urvater Saul, der seine Königskrönung nicht einmal seinen Eltern erzählte. Und Saul hatte es von seinem Ahn Benjamin, der um den Verkauf Josefs wußte und nicht redete. Für Beniamin war' aber das Schweigen ein Erbteil der Mutter Rahel, die der älteren Schwester den Vorrang ließ, obwohl .c?e die Pläne des Vaters kannte, ohne zu reden. Schweigen kann unter Umständen auch eine „erlösende Tat" sein. '.,'■'• '"'"'■'. * * „Unsereiner bückt sich vor Götzenbildern nicht," sagte, Mordechai. als' ihm die Männer im Hofe vorhielten, daß er Haman die. Huldigungversagte. ..Aber dein Vater Jakob hat sich vor Esau. gebückt, obwohl auch er mit; vielem . Götzensclimuck < b.ehängt war;" wandten die andereii ejui. „Da bin ich wirklich nicht dabei gewesen," er. widerte Mordechai. .. .'.■';".-*■"... :''.,,.'*■■'-V' Er" meinte damit seinen, Stammväter/ denn B e n: j a min war noch nicht auf der Welt, als Jakob mit Esau zusammentraf. .'•.^•- :'^.' "'' ' * * -; .■;•; ''' .■ Nicht nach der Errettung wie die anderen Feiertage wird Purim genannt,' sondern cnns „Los", nach der Gef ahr. Es ist unser *e^q» unser Lös in der Geschichte, daß Zufälle — .die. in W^'rheit Fügua,s sind — unser Schicksal bedingen. ' ' ö * * ' Der König konnte nicM -schlafen, so Heß er das „Buch der Chronik" bringen und sich von seinem Sekretär ©inen Vortrag über die letzten, Ereignisse halten. Von altersher waren Chronik, Zeitung und Vortrag das beste Mittel gegen Schlaflosigkeit. KURIOSA- * Eine von uns geübte Kritik an der falschen Wiedergabe einer Midraschstelle in einer jüdischen Zeitung Deutschlands, brachte uns eine Zuschrift ein, in der ein wohlwollender Leser fragt, ob " es. nicht erlaubt sei, einen Midrasch s o und-auch a hd e rs zu erzählen. Pflegten doch die. Midraschim selbst oft die gleichen Erzählungen in verschiedenen Variatio- <nen zu bringen. Dazu etwas Grundsätzliches: Es muß gewiß Predigern, Rednern und Schriftstellern unbenommen bleiben, einen Midrasch künstlerisch zu gestalten. Die Form der Wiedergabe ist Sache der Rhetorik und des Temperamentes, womit aber - nicht gesagt sein soll, daß ein Midrasch in sein genaue® Gegenteil nmgefälsc h t werden da r f. Beispiel: Wenn im Texte erzählt, wird, daß der Herr der Welt den E n.g ein am Meeresufer das Singen verbot, so soll doch wohl der tiefere Sinn dieser Sentenz sein, daß von den reinen Höhensphären aus gesehen, kein Grund zu Freude und Jubel vorhanden sei, wenn G'ttes Händewerk, -egal,unter welchen Umständen, zugrunde geht. Höchster Zweck und Endziel der Menschengeschichte sei, daß es keine Sieger und keine Besiegte mehr gäbe. Was aber die Menschen von Fleisch und Blut betrifft, so werden sie allzumal Menschen bleiben und menschlich fühlen und denken. Und solange dem so ist, werden der Gefahr entronnene Erdgeborene immer spontan in Jubel ausbrechen. - -. Erzählt man aber stattdessen, daß die Engel Israel das Singen verboten, so hat man dem Midrasch allen Sinn und alle Bedeutung genommen und nicht nur die agadische Erzählung umgefälscht, sondern auch den klaren Tatbestand in der Schrift entstellt. Denn Israel hat ja gesungen und wird immer s in gen! '* * Nach Mitteilungen aus Washington soll Joe! S1 o n i m zum Einwand erungskommissiar auf El Iis Is 1 a nd ernannt werden, Joel Slonim ist ein bekannter jüdischer Schriftsteller und Dichter. Seine Kandidatur wird vom Gouverneur Lehman und, wie manche behaupten, auch vom Präsidenten R o o s e v e 11 selbst unterstützt. Die ergreifenden und erschütternden Dramen, die sich auf dieser Träneninsel seit Jahr Und Tag abspielen und, zusammengenommen, ein Abbild der jüdischen Wandertragödie überhaupt darstellen, sind vielleicht wirklich mehr für einen Dichter als für einen Politiker und Verwaltungsbeämten. Er wird dabei die Erfahrung machen, daß keine Dichterphantasie soviel kitschige Dramen ausdenken kann, wie sie das Wanderleben des jüdischen Volkes dichtet. « * \ ■ ■ ,. In. einem verbreiteten zionistischen Blatte lesen wir in einer Monographie über Abarbänel:. „Selbstverständlich glaubt er an eine Thora. die — im buchstäblichen Sinne des Wortes —vom^Himmel kommt. Aber er glaubt auch sonst an alle Wunder, die je geschehen sind. Deshalb auch seine, scharte Polemik gegen Gersonides und Maimonides, die?n der Auffassung von Wunder, Vorsehung und Prophetie einen anderen Standpunkt einnahmen, Daher seine Gegnerschaft zu Crescas und Alb o wegen der sogenannten 13 Grundsät z e der jüdischen T r a d i t i p n." Daß Abarbänel an D'8»n ja mm glaubte, muß' man "doch nicht: hervorheben, wenn das nicht gerade in . der b ekannten Distanz des Hagadasohnes geschehen soll: iVsVlD^- ••'' Uebrigens Joseph A1 b o. in seinen I Ic^k a r i m hat keine dreizehn Glaubenssätze aufgestellt, sondern nur drei, nämlich: Einzigkeit ■ G'ttes, G'ttlichkeit / der Thora. Vergeltung. Die d rei z e>h,n Lehren stanirnc'1 ydh M aim o n i d es. Das muß nichtV jeder:. wissen. Aber wer .die Ikka rim fGrnndl^hren): L—*_ die von ÄIpo nn'd auch sonst — nicht kennt, darf; nicht- #D8r diese Dinge referieren. .,•".■:•••'. / ::