Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450961-2450969--82823-2540780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton- Beilage Nummer 8 Wir. Von Alice Oppenh«imer, . C_, (Fortsetzung,) 'Germäine, Roberts Frau, empfängt den Gast mit eineini großenWortschwall. Sie ist zu Hause geblieben, weil ihr, eines Mädchen erkrankte. Arme^ Germäine, siehst nicht' aus, als ob Du iDieh überarbeitest!" Heinz muß an Ina denken.—• .{Mittags beim Essen wird er mit Fragen bestürmt. „Was willst Du hier? Erzähle, was Ihr erlebt, was geschieht bei Euch?" „Erzählen soll ich? Ich kann nichts 'erzählen'} hia^ nicht so viel-vön uns reden." „Ja, 'aber es wäre doch interessant zu -hören" ■'. 1 Heiriiz fällt tRöbert energisch , ins Wort, „WaSj daß wir aus Berufen als N ichtarier ausscheiden müßten,^ wißt Ihr auch und mehr haben wir nicht zu erzählen!" „Komisch, ich dachte, Du gabst mal eineri inter'essänteri Bericht._über Euch ' alle. iünd' sonst. AbW,V~keih Jude, der kommt, tut das, keiner, .-; den. ich bis jetzt sprach.";,Läßt doch dieses Thema, helft mir lieber, einen, Wög 'fitfden^;tirif 'Arbeit' zü erhalten,; zu .einem.-Erwerb, zu gelanjgen." Plötzlich:.' legt ßS sich wie -.eine KäUestnnmung über Tisch und Menschen. j(Weißt DuV" meint Robert, und krümelt nervös sein"Brot zwischen den-Fingern, „zwei Jahre, die wir, iischpn.',1|ür Euch |S,orgen, ist eine lange. Zeit, da erlahmt,, man d-Ußh einmal; Das "hiesige Büro für die ausländischen Juden hat Enormes geleistet, Vielen' Arbeit verschafft und Vielen Unterstützung gegeben, .^ir zahlen vierteljährlich' einen ,|3ei(;rag dazu, wie fast. alle Hiesigen. Aber mehr kann. . man nicht aufbringen. Weißt- Du," spricht Robert weiter, „vor zwei Tageiir'war ein deutscherl'beiv mir mit Taschentüchern. Ich soll ihm., welche abkaufen. Ich sagte, ich brauche keine. Er bat, bettelte, der Mann wurde mir unleidlich, obgleich er na^ türlich bedauernswert war. Man sah ihm die besseren Zeiten an, auch erzählte er mir, daß er Student der .Chemien gewesen sei. Jch bot ihm den Nutzen von % Dutzend Taschentüchern an, da ich ja keine''Taschentücher benötigte. Das Geld wölltey.er abej^phne. Gegenleistung nicht nehmen.. Da konnte' ich . ihm nicht helfen. Meschugge von dem! Mann!! Was sagst Du dazu, Heinz?" Heinz hät jede'Faribe im Gesicht verloren, seine' _Augen'; stieren das,, weiße Damast-' tischtuch »an... Er, weiß nicht, soll - er :1 schweigen oder seinöfdWut-: freien;Xaüf lasseh. Germäine mischt sifch^fipeh dazwischen. „ZU...20 Leuten kann* er nocji, laüfen/, b'is.ihm heulte noch,.einmal "ein'er soviel .Geld geben Iwird,; wie Taschentücher wert sind iirfd<-er -die^e\*War.e gar noch ^behalten kann.'; Heini ' Schweigt:.'"weiter; EF muß; sich mit den Verwandten halten, er ist auf Ihre Hille angewiesen. Heinz hustet los, als ob ihm vom Essen etwas in der Kehle steckengeblieben sei, sie reichen ihm Wasser, bemühen sich liebevoll um 'hn, die Unterhaltung ist vergessen. Pas Büro, ist » am Nachmittag geschlossen, so wül Heinz mit Ge'rmaine den Nachmittag verbringen. Germaine hat ifr* >Auto[ sie fährt Heinz ü\ den jBois, 'der herrlich, im Fr:ühljngsgewande daliegt. Kinder * in. hellen';MäntelnV ,ganz!,'der Mode?der .Erwachsenen nachgebildet, glehen/;$pazieren, laufen Roller oder spielen Haschen. .Da^ men in schönen Limousinen; fuhren langsamihre Wägen: in den Straßen des ßois. Aeltere. Herren leichten hellen 'Ueberziehern, die Zigarre* im Munde, lustwandeln auf den Wegen. Eine gewisse, Leichtigkeit liegt auf allen. Hier draußen scheint es hur Menschen zu geben, an denen Kriegs- und Nachkriegszeit spurlos vorüberging. So . eine sorglos scheinende Menschenmenge wirkt wohltuend, auf Heinz. Germaine dreht den Kopf nach hinten: „Heinz, bist Du damit einverstanden, wenn wir hier abbiegen und in einem Cafe einen kleinen Imbiß nehmen?" Heinz willigt ein. Sie halten vor einem kleinen hübschen Pavillon in ganz «runder Bauart, wie ein schmuk-s kes Glaskästchen liegt es an einer Wegkreuzung; Es Stehen, schon Tische und Stühle im Freien, aber niemand hatte sich im Freien schon niedergelassen, keiner wollte so recht der Wärme des Frühjahrs trauen. Im Cafe ist es sehr voll, alle Tische besetzt, die Luft erfüllt von allen Sorten Parfüm. Hier konnte man wirklich noch die schicke Französin, erblicken, wie sie das Stadtbild kaum mehr zeigte. Von einem Tischchen im Hintergrund .winkt man Germäine. - Eine junge, sehr, floft gekleidete Dame sitzt daran. Die Beine überschlagen, die Zigarette in. der aufgestützten Rechten, den linken Arm über die Lehn©.des Stuhles gelegt. Ihr schief sitzendes grünes Hütchen läßt den Beschauer, nur ein schwarzes Auge ■erblicken,' ihre Haare sind ganz wie in'' Gold getaucht. „Bon. jour, Germaine". ,.J3on jour, Adelaide"! Heinz wjrd, vorgestellt. „Aus Deutschland sind Sie," ^meint Adelaide, „Jeder Zweite, den man hier kennen lernt, ist aus Deutschland." Es ist Heinz freigestellt, djiese Bemerkung als Liebenswürdigkeit hinzunehmen oder nicht.. „Was wollen Sie denn hier?" „Arbeit, mein Fräulein." i „Ah, Geldverdieneri; und' unsere guten Franzosen haben das Näch- Spendet zu jeder Zeit der jüdischen Winten! gucken!" ,,Zeig' mal," unterbricht sie . Germäine, „zeig* mal Deine Nägel, seit wann legst.Du Perlmutt auf, dunkelrot ist doch viel schöner!" * „0, mein Friseur, Monsieur Jaüne, meint, wo ich sp viel Grün trage, wäre Perlmutt feiner." Alleweil freut: sich Heinz, dieser jungen,Dame eins auszuwischen. „Warum färben Sie eigentlich Ihre Nägel, meine Dame?" ,,0r. weil.es Mode ist." „Und .wenn schwarz als, Modenagelfarbe aufkäme?" „Dann tragen wir schwarz, Sie müssen das verstehen,, Herr.. Grünberg, wir lieben die Veränderung und der Mann sieht gerne die Veränderung." „Ach," meint Heinz, „wie gut muß es Ihnen noch gehen, wenn Sie Zeit und Sinn für SO etwas haben; wir waren auch vielleicht einmal so, aber das Schicksal, das Rad der Zeit, hat .uns anderes gelehrt."" „Sie brauchen •sich nicht so :zu Ereifern, Herr Grühb'e'rg; 'Sie haben in Deutschland auch Moden, und Ihre.'Frauen folgen auch einer. Mode,: die;inmeinen. Augen sinn-f, lös scheint. Jetzt sitzen Ihre Frauen und di e jüngen Mädchen und lernen:i die hebräische' Sprache. Das ist eben iHr.e deutsche -Mode, die Sie treiben. Alle jüdischen ..Zeitungen aus Deutschland bringen ständig Spalten über den Nah- und Fernunterricht der hebräischen Sprache.' Und warum? Sie denken meines Erachtens fast alle nicht an Palästina, aber es ist halt mal was anderes." „Was denken wir denn, gnädiges Fräulein? " „Die Juden Deutschlands, wollen, entweder in die'anderen europäischen Länder .oder nach"Amerika; zuletzt, wenns' gär nicht geht, nach Palastina." Sie sagt das mit 'einer solchen Kühle.,;d,aß Heinz momentan stujtzt und Adelaide für eine,-Christin hält. „Sie stehen fern dieser ganzen Situation, FräMein, weil Sie wohl keine Jüdin sind?" Germäine und Adelaide farigenherzhafti an zu lachen, „Ich meine, das sieht man Adelaide.., schon auf drei' Schritte an, daß sie Jüdin ist, trotz ihrer, blondgefärbten Haare!" „Dann, mein Fräulein, 'verstehe ich Sie nicht." Ein. Herr tritUant den ^iseh. Eine Hornbrille läßt, seihe dunklen Äugen noch größer erscheinen. Er lüftet,.de.n;Hut und be^r^ßt beide Damen. ,,Tag Doktor, nett, Sie mal hier zu sehen, darf ich Ihnen meinen; Vetter, Herrn; Grünberg aus Mainz, vorstellen?'* ,,'Heinz,,Du erlaubst, Herr Dr. Maier." „Herr Doktor, setzen Sie sich ein wenig an unseren Tisch, es' ist hoch ein Platz frei!" Herr Dr. Maier hängt seinen Üeberzieher an den Haken, setzt sich Heinz Grünberg gegenüber.;,Herr Doktor, Was nehmen Sie?" fragt Adelaide. „Nur eine Tass"e . schwarzen Kaffee. Meine Damen, Sie müssen , entschuldigen, ..wenn ich nur ein paar Augenblicke bleibe, aber die Arbeit ruft mich ins Büro." „Weißt £)u,M sagt Germäine,'„Herr Dr. Maier ist ein viel beschäfr tigter Anwalt. Mais a. propqs, vielleicht, weiß Herr Dr. Maier Dir Arbeit;" Dr.. Maier und Grünberg kommen durch Germaines Worte in Unterhaltung. Herr Dr. Maier hört von Heinz, daß auch er bis vor zwei. Jahren Anwalt' war, nun aber hiexhergekpmmen'; ist, um hier Arbeit und Erwerb' zu finden.'s>.?};Es wird vschwer sein; mein lieber Herr Grünberg. Wir Häbän hier zwei Jahre lang Enormes geleistet, aber die] Geldmittel, wie das Interesse der französischen Juden, sagen wir der Juden1 im Ausland überhauptr er* lähmen, Es bieten sich auch solche ungeheure Schwierigkeiten für Niederlassungen, ich glaube; Sie werden; ,kein . Glück, hier -haben.. Aber .wie wäre es, sagten Site nicht; Sie wären Anwaltige« wesen? Sie würden auf 14 Täge zü'mir kommen und mir alles bezügliche a üi di e] Todesstrafe" iii der deutschen . Rechtsprechung zusammenstellen. Ich mache eine Arbeit über-die-.Todesstrafe im Alten Testament, im alten Rom* und in den heutigen Kulturstaaten. Ich sehe heute einen starken kulturellen Rückgang bezüglich, dieser Frage und um das klar darzustellen, , mache ich1 eine große Arbeit darüber." „Sehr interessant erscheint mir Ihre Aufgabe, wenn Sie glauben,/mich dabei verwenden, zu können, > wäre . ich Ihnen dankbar." Herr ßr^ Maier. schaut auf, winkt einen jungen Mann von 20—25 Jahren herbei; Ein langaufgeschössemer Mann mit scharf geschnittenen Zügen und, mit eckigen Bewegungen kommt herbei. Ueber Herrn Dr. .Maiers Gesicht huscht ein Lächeln. „Ei, Max, seitwann < sind Sie'wieder hier?";,Nur auf der Durchreise; ich bleibe über Schabbos hier." „Pst", macht Germaine, „nicht so laut," „Dann gehts nach Marseille und dann nach Palästina."1 „Also doch nach Palästina?" fragt Dr, Maier, „und das Studium?" „Aufgegeben, dafür gehe ich als freier Jude ins Land meiner Väter. Das Land meiner Ahnen, mein Land will ich bearbeiten." Herr Dr. Maier zieht die, Uhr, % Ich muß fort, eritr. schuldigen Sie , mich, "meine L^ämen, ,,Herr Grünberg." . „Aber .nein» Herr Dr.,/Maiej\. draußen; steht mein Auto!" ruft'Germaine, „ich fähre Sie; hin. ^Adelaide, fährst Du mit?" „Nein; ich habe' seibsVWeinen' Walen"diraußien^c," „Auf Wiedersehen, Max,- -.da^-|^>h;-.I)^C;^ -|Erei^ag Abend zu Tisch bitten?" „Gern, - Herr ^Doktor." — Germaine ist aufgestanden, trptz der Eile noch einen Blick in den Spiegel, schnell die Puderquaste benutzt, Germaine, ihr Vetter und Dr. Maier steigen ins Auto. „Entschuldigen Sie, Herr Doktor,, wenn ich einen kleinen Umweg m'achejich mochte; so gern Heinz den .Are de;Triomphe {zeigen, des Abends wirkt er nocli grandioser^",; Sie fahren - den Bois entlang . zum Are de Tri- 11 < 11 '' V ' » omphe« der grell foelejuchtet ist. ••'Aus seiner ■ Mitte .steigt Rauch; selbst dem Rauch ist Helligkeit'verliehen, es scheint der Geist des unbekannten' Soldaten aüch des Nachts zu leuchten, in die Hohe zu steigen als Warnung ohne Wahrzeichen im. Herzen der Menschen zu hinterlassen, (Fortsetzung folgt.)