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Der Israelit · 1937-02-18 · Heft 7 (18.2.1937) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 7 (18.2.1937)
Date
1937-02-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seife J.4 Nr. 7. Der 1 s r a e 1 i t '' . 18. Febrtiar -1937 W PU RI 6 Väter und Söhne. Eine Groteske nicht nur au Purim, Er ist im Ganzen noch gar nicht so., alt, ,kaum neunzig. Herr Jonas Vorgestern ist\npch sehr rüstig und hat die Absicht, das Leben noch lange zu genießen, mindestens bis zur äußersten Grenze; Nur ist es nicht das Leben von heute;; sondern das vor zwanzig oder dreißig Jahren, bei dem er stehen geblieben ist, als er sich als. Siebziger vom Geschäfte zurückgezogen hat. Eines Tages hätte das Gehirn die! Pforten geschlossen und die -Aufnahmefähigkeit für neue Dinge, neue Begriff« und iieue Worte war zu Ende. So verbittert es oft. den Gre'is, daß er nicht mlshr so recht mitkommt, daß er die neuen Worte einfach nicht versteht. '• T In seinem Edelneit hinter Puderwitz, wo er sein Lebtag wohnte, war es auch nicht nötig, sich in dieser Beziehung Zwang änzütun. Die neuen Dinge des Lebens erreichten in ihrem Fluge diesen Ort nicht. Alles" war dort, wie es immer war und schien auch ewig so bleiben zu »wollen. Nun war Herr Jonas Vorgestern seit einiger Zeit bei seinem Sohne in der großen süddeutschen Stadt zu Besuch, und da begann der Konflikt, der Kampf mit den Worten, die wie Kobolde ihm um die Sinne »tanzten, verwirrend, unbegreiflich. Er glaubte sichauf einen fremden Stern versetzt. 5 Da waren die beiden Enkel Eli und Else. Schon ihre Tracht, dife graue Windjacke, und ihre Haarfrisur brachten den Alten ständig in Verwirrung. Einmal sah der Bub aus wie das Mädel, ein anderes Mal das Mädel wie der Bub, und wenn er Else anredete, gab Eli die- Antwort und umgekehrt. Und dann die Sprache, die neuen Worte. Es war Zeit, daß er ging,, entweder aus dieser Welt, oder nach Edelnest zurück, was ungefähr das gleiche war.. Der Junge wie das Mädel besuchten eine H a c hsch ara. Hier begann schon die. Schwierigkeit. Was war Hachschara? Eine Schule, ein Bauerngut, eine Jeschiwa? Er konnte damit absolut keine Vorstellung -werbinden. Sie nannten. sich C h a 1 u z i m, ein Wort, das man zu seiner Zeit nicht gekannt, hatte. Er kennt das Wqrt aus der heiligen Schrift, sozusagen aus der Sidro, und dort bedeutet es „gerüstet", vielleicht auch „bewaffnet". Waffen und Rüstung waren nicht® für den "durchaus friedsamen Jonas Vorgestern, der Sein 'Lebtag in ßuckskin machte, bis er die Musterkollektionen mit dem Tillim vertauschte. Und eines Tages stürzte'der Junge mit einem Ju* bei ins Haus, als sei plötzlich Moschiach gekommen: „Großvater, ich habe nun' ein Zertifikat und gehe mit der A 1 i j a h nach E r e z! " Eine AKjah., dachte der Alte, bekam man-früher, wenn man Jahrzeit hatte. -Ändere Zeiten. Heute scheint man Alijah zu bekommen, wenn man Zertifikat hat. Es ist ja die J u g e n d a 1 i j a h , suchte der Enkel ihn zu belehren. Aber das Schloß vor seinem Gehirn wollte nicht aufgehen, die Aufnahmefähigkeit war überschritten. In seinen jungen Jahren, erinnert sich Herr Vorgestern, d. h., wie er ganz klein war/ noch nicht einmal Barmizwoh, pflegten sie einmal dm Jahre, am Simchas Thora, in einen Gabetmantel .gehüllt, zur Thora aufgeruf C zu werden. Das war für ihn eine Jugendali] ah, an die'er noch bis in seine alten Tage hinein mit Wonne dachte. Was war das wieder mit der Jugendalijah, an der man Zertifikat gebraucht? Was ist überhaupt Zertifikat oder Z o r t i f i lea t? Kommt das von Zores, Leiden, Sorgen? Dann wäre es allerdings eine uralte Angelegenheit, grübelte er. Jetzt ist das Mädel auch eine Chaluzah. Der Großvater bekommt es mit der Angst zu tun. In seiner Jugend, hatte er gelernt, daß eine G e r u s c h a h und Chaluzah einen Kohen nicht heiraten darf. Er sorgt sich um seine Enkelin, deren (Heiratsmöglichkeit beschränkt wird, ohne daß er weiß, warum. „Das danken wir alles dein Bach ad," jubelte Eli. „Du weißt doch, Großvater, was Bachad ist?" Warum soll er nicht wissen, was Bachad ist? Zu seiner Zeit sagte man Chabad, und er stand ihm, bevor er nach Deutschland kam, selbst etwas nahe. Chabad war eine bestimmte .Richtung im Chassidismus und bedeutete mit seinen hebräischen Buchstaben Chochmo, Bino, D e o. Hier aber, in der süddeutschen, Großstadt, drehen sie ja alles um und sagen erst Bino, dann Deoh, also ist es hier statt Chabad Bachad. Da lachten nicht nur der Junge und das Mädel, sondern sogar auch der Sohn und die Schwiegertochter aus vollem Herzen, und Eli sucht© ihn zu belehren, daß Bachad ein Bund religöser C h aluzim ist. Verstanden hat er es inicht Am liebsten würde der Alte, wie gesagt, aus diesem Babel, wö der eine den anderen nicht mehr versteht, flüchten; nicht nach Erez, wie säe heute sagen, sondern nach Erez Jisroel, wohin ihm schon vor zwanzig Jahren, als er sich vom Geschäfte zurückzog, der Sinn stand. Aber nun braucht er für .diese Flucht ein Zertifikat. Schon wieder das garstige Zer- oder Zertifikat ... Wohin rettet man sich vor diesen grausigen neuen Worten? Ein Nachruf im Rohbau. Aus der Purimmappe. Ein freundlicher Leser entrüstet sich, daß zuweilen ■Nachrufe auf einfache, schHohtfromme Menschen sich in Superlativen bewegen, 'die ans Groteske grenzen, Was würden Sie, lieber Nörgler, erst sagen, wenn wir solche Nachrufe in natura,' wie sie aus der geistigen Werkstätte der „Schriftsteller" hervorgegangen sind, ohne von des Stifte® Röte angekränkelt zu sein, brächten! Zu Purim baten wir unseren Papierkorbredakteur, uns einen solchen Nachruf im Rohbau zu überlassen. Hier ist er; (Die Bemerkungen sind teils yon uns, teils vom Einsender) „Dingsda, 10. Teweth. Ein Fasten herrscht in Israel, und bei uns in 'Dingsda wurde wieder ein Heiligtum zerstört. Wer kannte nicht Frau R.? (Keiner kannte sie außer ihren Nachbarn in Dingsda, und diese nicht immer von der besten Seite, wie sie später behaupteten). Gleich ,Eva begnügte sie sich nicht mit dem Feigenblatte einer falschen Kultur, sondern «arbeitete an den Lichtgewändern ihrer Seele. Wie Sarah hatte sie die Türen ihres Zeltes nach allen Seiten auf, und drinnen brannte das Licht von Sabbat zu Sabbat (bei diesen Lichtpreisen!) Ganz wie Rebekka sprang sie vom Kamel ihrer festen Position (sie war früher berufstätig), um ihrem-Isak zu folgen. (Ihr Mann heißt zufällig Isakji Ein zartes Auge hatte sie, wie Lea (siehe S. iR. H. zur Stellei), und prangte in innerer Schönheit wie Rahel. Wie Mirjam schlug sie in die Pauke (Sie war nachweislich gänzlich unmusikalisch) und führte den Reigen an in den Sitzungen des Dingsdaer Frauenvereins. Eine echte Debora, ein Flammenweib, saß sie unter der Palme und richtete Israel — wenn isie ihre Mitmenf sehen zu guten Taten aneife'rte. (Eine lebende Palme hatte sie in ihrer „guten Stube" stehen, aber mit Gericht hatte sie ihr Lebtag nicht gern zu tun). Und König Salomo saß sie Modell, als er sein Esches Chajil-Lied schrieb." Es folgen dann sämtliche Sätze des Liedes, in schöner Ausdeutung und Anwendung auf die ach, so früh Verewigte. Ais von diesem Meisterwerk eines Nachrufes ganze zehn Zeilen, in reinster .Sachlichkeit, erschienen, kamen einige Tage darauf die zwei üblichen, schon erwarteten Briefe; der eine, in dem sich der Schreiber über die Uebertreibungen aufregt, und der andere aus Dingsda: „Ganz Dingsda ist entrüstet!" „Ein .Sakrileg, ein Vandalismus, reinste Urkundenfälschung." „Selbst vor heiligen Bibelsätzen machte der allzerstörende Redaktionsstift nicht halt!" „Ganz Dingsda bestellt den „Israelit" ab." (In Dingsda liest den „Israelit" nur der Nachruf dichter, der ihn laus einer Nachbargemeinde leihweise erhält). : Der Schreiber des anderen Briefes, waren Sie, Herr Nörgler! ... Unter Emigranten. „Wohin fährst Du?" . „Nach Brasilien." „Warum gerade, Brasilien?" „Es ist ja egal wohin. E>a wir aber unser Bettzeug wie all unsere Winterkleider für, die .Schiffskarten verkauft haben, so müssen, wir uns in eine w a r m e Gegend begeben . . , / Territorialismus. Der Auswaniderungs-Kommission im Genfer - Völkerbund wurde ein neuer Plan für Judenansiedlungen vorgelegt. Es handelt sich um zwei neuentdeckte Länder, . Das eine befindet sich in der Nähe des Mondes; so nahe, daß, die Juden bei dem Weihegebet für den Mond den Satz -J3 NP.'."! '«! ^VVVlNtf'aTO werden ausschalten müssen, da sie den Mond mit einem Sprunge Werden berühren können. Das andere Land liegt jenseits des S a m b a t j o n. Für dieses Land setzen 4i<sh insbesondere die polnischen Studenten ein. Ein Meer, das mit Steinen um sich wirft,, ist ihnen sehr sympathisch. * * '''' Der weltberühmte Föfscher Päschandatha hat herausgefunden, .daß •die Neuen Hebriden, die Insel, die: Frankreich den Wandererjuden zur Verfügung stellen will, von .einem a 11 j ü da s cIi en Stamme bewohnt ist und Hebriden von Hebräisch komme. Neue Hebriden nennen sie sich nur/deswegen, weil sie nach dem Muster von Palästina „Neuhebridisch" statt Althebridisch eingeführt haben. ' Die Urb ewohner von Madagaskar und N e u - Kalidonien haben sich bei ihrem Biwakfeuer einstimmig igegen eine Einwanderung von polnischen Juden ausgesprochen — sie sind ihnen nämlich zu mager. Jabotinsky. Wie die Depeschenagentur „Achastranim" aus sicherer Quelle^ erfahren hat, verhandelt Jabotinsky mit der syrischen Regierung um den Ankauf von großen Waldungen im Libanon. Er will aus den Zedem hunderttausend Holzsäbel für die Revision nisten anfertigen lassen. * * . - Was Jabotinsky mit unserem Lehrer Moses gemein hat, ist daß er nicht das Gelobte Land be* treten darf. Zu. einem Führer gehört aber mehr wie das. Parität. In der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde zu Groß-Nil-Reb ist immer noch Mordecnai nur „dem Gros der -Mitglieder genehm." Die Gegenpartei hat ebenfalls eine große Anhängerschaft. So würde das Fifty Fifty- System eingeführt. Der Segen dieser Methode hat sich bereits gezeigt,"ab die Tagesordnung für Purim zur Beratung kam. Es wurde ein paritätischer Beschluß gefaßt, in der Weise, daß am Taanith Esther gegessen und am Purim getrunken wird. Und noch ein „Vergleich". Zum 500jährigen Geburtstage von Don Jizchak Abarbanel hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin eine künstlerische' Medaille anfertigen lassen. Das erste Exemplar der Plakette 'haben' einige Gemeinderabbiner dem G e m e i n d e v o r s i t z e n d e n :n allem Ernste — es muß.dieses betont wenden, damit man es nicht für einen Purämscherz hält — mit der Widmung überreicht, daß er,, der Gemeindevorsitzende, „der Abarbanel unserer Zeit" sei. Manche bezeichnet diesen Vergleich als krasse Entgleisung und G es c h m a c k L'o s ig k e i t. Mit Unrecht! Abarbanel hat bekanntlich das „Ani maamin" („Ich glaube!") von Maimun abgelehnt. . Freilich, wollte Abarbanel, daß man statt der 13 Glaubenslehren alle 6 13 G e und Verbote in Ehren halte. Aber ein Vergleich muß ja nicht . in allen Punkten : stimmen. ' Literarische Notiz. ' Die.'.Redaktion der'E. P. Ä. J. teilt mit, daß sie dieses Jähr1 mit jedem Exemplar ihrer Pürimzeitung eine Gänsefeder gratis mitliefert [zum Kitzeln) — da nachgewiesenermaßen voriges Jahr zu wenig gelacht worden ist.. -; s . .:■■'.:>-. J\.

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