Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1937)
- Date
- 1937-02-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 7 Der Israelit 18. Februar 1937 Polen. Herabsetzung der Koscherfleisch-Quote. Warschau, 10. Febr. Durch eine Verordnung des Landwirtschartsministeriums ist -die Quote des für rituelle Schlachtung freigegebenen Viehs um 50 Proz, gekürzt worden. Begründet wurde diese Maßnahme damit, daß die hinteren Teile der geschatteten Tiere an Nichtjuden verkauft wurden. Die nichtjüdischen Schlächter hatten gefordert, daß der Verkauf von Fleisch aus jüdischen Läden an Nichtjuden verhindert werde, da dies den christlichen Fleischhandel zugrunde richte. Durch die Kürzung sollen die jüdischen Fleischer anscheinend gezwungen' werden, die Iiinieren Teile der Schlachttiere durch Entfernen der Adern (Trebern) für den Genuß nach ritueller Vorschrift zulässig zu machen, obwohl nach den Erhebungen des Rabbinats vorläufig die technischen Voraussetzungen hierfür fehlen. Investitions-Politik und Judenfrage in Polen. Warschau, 10. Febr. Anläßlich einer Debatte dm Sejm über die neuen großen Investitions- und Arbeitsbeschaffungspläne der Regierung wurden von den Abgeordneten Dr. Gottlieb und Dr. Sommetstein auch jüdische Probleme zur Sprache gebracht. Der Abgeordnete Dr. Gottlieb wies darauf hin, daß die judenfeindliche Bewegung in Polen das gesamte Wirtschaftsleben des Landes unterhöhle. Es sei unmöglich, einen Investitionsplan durchzuführen, wenn gleichzeitig jener andere Plan geduldet werde, der als seine Spuren Vernichtung hinterläßt, Ziel des Investitionsplanes müsse es sein, alle Kräfte des Landes zur Arbeit heranzuziehen. Soziale Gerechtigkeit gäbe es nur adnn, wenn sie alle umfaßt. Es sei unmöglich, an eine bessere Zukunft zu denken, wenn friedliche Bürger dem Terror ausgesetzt sind und gegen Wohnungen von Sejmabgeordneten Bombenanschlage verübt werden, wie .dies am Montag in Wilna geschehen ist, wo gegen das 'Haus des Abgeordneten Rabbiner Rubin stein eine Bombe geschleudert wurde. Dr. Sommerstein forderte gleiches Recht auf Arbeit für alle Bürger de® Staates. Sachlichkeit in der Auswanderungsfrage, Aus den Entschließungen der Warschauer Jeas-Koaferenz. Warschau, 10. Febr. Der Verband für Aus w and er e r f ü r sorge Jeas veröffentlicht die Entschließungen, welche auf seiner in der vergangenen Woche in Warschau abgehaltenen 4. Landeskonferenz gefaßt worden sind. Sie haben folgenden Wortlaut: Bei aller Anerkennung der großen Bedeutung, die die Auswanderungsbewegung im Leben der jüdischen Volksmassen stets gespielt hat und auch im gegenwärtigen Augenblick spielt, indem sie gewissen Teilen des verarmten jüdischen Volkes in Polen die Möglichkeit gibt, sich in anderen Ländern einzugliedern, halten wir' doch jeden Versuch, der jüdischen Bevölkerung diesen Gedanken in der einen oder anderen Form aufzuzwingen, als schädlich und gegen den Grundsatz jüdischer Gleichberechtigung in Polen gerichtet. Die jüdische Bevölkerung in Polen hat dasselbe Recht auf Leben und Entwicklung, wie alle übrigen Tiele der Bevölkerung und wird sich dieses Recht niemals und von niemandem rauben lassen. Während sie diese Tatsache nachdrücklich und entschieden feststellt, hält es die Konferenz aber gleichzeitig auch für ihre Pflicht, sich gegen die ein* seitige und > ungesunde Antiauswanderungskampagne zu wenden, 'die seit einiger Zeit Yon gewissen jüdischen Kreisen ausgeht und das Ergebnis entweder einer falschen Reaktion auf die Haltung gewisser Teile der polnischen Bevölkerung oder politischer Auffassungen ist, die in keiner Beziehung zu den wirklichen Interessen der jüdischen Volksmasisen stehen. Die hervorragenden Ergebnisse der im Leben des jüdischen Volkes in Polen eine erstrangige Bedeutung besitzenden jüdischen Einwanderung nach Palästina und die Hunderttausende, die in der Zeit nach dem Weltkrieg nach verschiedenen Ländern ausgewandert sind, sind der beste Beweis für die positive Bedeutung der jüdischen Auswanderung, die auch in Zukunft erhalten und ausgebaut werden muß. Die Konferenz hält es für ihre Pflicht, die jüdische Bevölkerung vor verschiedenen nicht genügend kontrollierten Plänen für Massenauswanderung zu warnen, wie sie in letzter Zeit lanciert wurden, solange über sie keine autoritative Meinungsäußerung der maßgebenden Körperschaften des jüdischen Völkes und vor allem derjenigen Körperschaften vorliegt, die sich seit langen Jahren mit jüdischer Auswanderungsarbeit befassen. Litauen.! Abkommen in Kovrno, K o w n o , 9. Febr. Das Organ des Verbandes der litauischen Handwerker und Kleinhändler „Verslas", in dem wieder* holt heftige judenfeindliche Angriffe erschienen sind, hat mit dem in litauischer Sprache erscheinenden Organ des Verbandes der jüdischen Frontkämpfer, „Apzvalgo", ein Abkommen getroffen, demzufolge „Verslas" sich verpflichtet, die Angriffe gegen Nlie Juden einzustellen und in Zukunft die Interessen der Handwerker und Kleinhändler ausschließlich unter wirtschaftspolitischen (Gesichtspunkten zu behandeln, Dagegen verpflichtet sich das Organ der jüdischen Frontkämpfer, beleidigende Aeußerungn gegen „Verslas" zu unterlassen. Die juristische Fakultät der litauischen Universi-. tät in Kowno hat beschlossen, auf Kosten der Fakultät ein Werk des Dekans Prof. Jabulaitis, über „Die Parlamente der litauischen Juden im 17. und 18. Jahrhundert" herauszugeben. Dieses Werk behandelt die Geschichte und Jurisdiktion der litauischen Vierländer-Synode {Waad Arba Arzot). Italien. Neue jüdische Gemeinden in Italien gegründet« Rom, 9. Febr. In Anwesenheit des Oberrabbiners von Genua, Dr. Pacifici, fand die Gründungsfeier der Jüdischen Gemeinde von San R e m o statt. Die Gemeinde, der auch die Kurorte Bordighera und Ospedalettä angeschlossen .sind, zählt etwa. 100 Seelen. Für die religiöse Erziehungsarbeit an der Jugend der neuen Gemeinde wird die Jüdische Gemeinde Genua Sorge tragen. Dank der Initiative des Oberrabbiners Dr. Pacifici fand auch in der Hafenstadt Spezia die Grün1 dungsversammlung einer neuen jüdischen Gemeinde statt. Im Einvernehmen mit den lokalen Verwaltungsbehörden übernimmt die Jüdische Gemeinde Genua die Versorgung der jüdischen Einwohner von Spezia mit Koscherfleisch und wird sich auch sonst um die religiösen Bedürfnisse der jungen Gemeinde kümmern. Die jüdische Gemeinde in Addis Abeba. Rom, 10. Febr. Die von der jüdischen Gemeinde in Rom nach Abessini-en entsandte Delegation ist nun zurückgekehrt und berichtet über die Gemeindebildung in Abessinien Folgendes: In Addis Abeba istnun eine jüdische Gemeinde organisiert, die -178 Seelen zählt, und zwar 163 Männer und 15 Frauen. Von diesen sind 25 italienische Staatsbürger. 54 Mitglieder sind Falaschas. Dazu kommen 61 Jemeniten und 38 Bürger aus Mittel* und Osteuropa. Dr. Witerbo, der Führer der Delegation, besuchte auch Gondar, das ein Falaschazentrum besitzt von mindestens 5000 Seelen. Sie alle äußerten den Wunsch, als treue Juden angesehen zu werden und treue Diener des italienischen Staates, .zu sein. Die italienischen Beamten verhalten sich sehr loyal gegen die Falaschas und 'dulden keinerlei Ausschreitungen der Abessinier gegen sie. * * * Ein Leser schreibt uns: Wie schon früher einmal, las ich' auch in Ihrer letzten Nummer besonderen Hinweis auf Abessinien als .Siedlungsgebiet für jüdische Auswanderer. Ich habe in Addis Abeba einen jungen Freund, der gerade hier weilt. Er weilte .schon einige Jahre in ItaÜenisch=Somaliiand und ist erst vor wenigen Monaten nach Addis Abeba übersiedelt. Aus seinem Berichte geht hervor, daß z. B, in Addis Abeba, der etwa 130.000 Einwohner zählenden Haupt: stadt, es sowohl an> Unternehmern ~wie an Unternehmungen und Waren stark mangelt und daß da sehr viel zu machen wäre. Leider geben die, Italiener hierzu die Erlaubnis nur Italienern. 'Selbst Un5 ternehmer und Konzessionäre von früher müssen heute um neue Könzessionen^nachsuchen, oder das Gebiet verlassen. Da die Konzessionen in Rom vom Kolonialministerium gegeben werden, so dauert die Erledigung solcher Gesuche sehr lange und fällt für Nichtitaliener meistens negativ aus. Hinzu kommt noch, daß es an Transportmitteln stark mangelt. Was die Schmalspurbahn (eingleisig) zu befördern imstande ist, dient in erster Linie für die Beförderung von Lebensmitteln und Arbeitern und Hilfskräften aus Italien, so daß noch Jahre vergehen -können, bis die Verkehrsverhältnisse Ansiedlungen ermöglichen. Vor allem fehlt es dort auch an Baumaterialien. In der Regenzeit, von März bis September, ist das Fortkommen noch viel schwieriger. Die Stadt Addis Abeba dehnt sich auf etwa 30 Kilometer aus, aber die Hütten und Häuser sind nicht nach Straßen und Plätzen geordnet. Sie hat noch keine Wasserleitung und keine Kanalisation, auch keine' elektrische Beleuchtung. Nur einige Private leisteten sich diesen Luxus. Was aber noch wichtiger ist, darüber schweigt sich mein Freund aus, das ist die Frage, ob nicht einmal 'die Urbevölkerung von irgend einer Seite aufgestachelt wird und. vor allem den Europäern Schwierigkeiten beredtet? Darum halte ich, soweit ich von hier aus urteilen kann, die Ansiedlung in Abessinien vorerst noch nicht für zweckdienlich. Man könnte freilich sondieren und Pläne ausarbeiten, nach Zu= Sicherungen und Sicherungen Ausschau halten. Mehr nicht. Die Aerzte, die von früher her dort :ihre Praxis ausüben, dürfen ihre Praxis behalten. Neue Aerzte müssen schon Italiener sein und von Rom aus die Genehmigung erhalten. Die Reise per Flugzeug dauert nur vier Tage, wobei man nur etwa 8 Stunden täglich fliegt und nacht® immer rastet. Kostet aber ab Rom big Addis Abeba 6000 Lire. Per Schiff dauert die Reise 14 Tage. Die Bahn vom Hafen geht nur dreimal in der Woche (einspurig) und ist immer stark überfüllt. Diese Bahn gehört einer^ französischen Gesellschaft und .diese dürfte kaum an eine baldige Ver« besserung denken, , J. M. England, Zwanzig-Jahres-Feier der Gründung d«r Jüdischen Legion« London, 16. Febr. Anläßlich der Zwanzigjahres-Feier der Gründung der. Jüdischen Legion, -die innerhalb des Heeresverbandes des Feldmarschalls Allenby an der Eroberung Palästinas teilgenommen hat, fand am Montag, den 15. Februar, in London unter dem Vorsitz des Abgeordneten Colonel Wedgewood ein Festban5 kett statt. Ansprachen auf dem Bankett hielten der ehemalige Kolonienminister L. S. Amery, der seinerzeitige Kommandant der Legion, Oberstleutnant Patterson, und der Präsident der Neuzionistischen Or* ganisation, Wladimir Jabotinsky, der die Gründung der Legion angeregt und sie organisiert hat. Zahlreiche bekannte Persönlichkeiten der militärischen und politischen Kreise Englands, unter ihnen Feldmarschall Sir C. W. Chetwode, Viscountes Snowden, Lord und Lady Marley und Sir Archibald Boyd- Carpenter haben Einladungen zu der Feier angenommen. Außerdem waren die Vertreter einer Reihe von Botschaften und Gesandtschaften anwesend. Sir Arthur Wauchope in London eingetroffen. . London, 11. Febr.! Der High Commissioner für Palästina, Sir Är<| thur Wauchope, ist am Donnerstag in London eingetroffen. Obwohl sich Sir Arthur offiziell nur zu dem Zweck nach England begeben hat, um dort seinen Urlaub zu verbringen, ist anzunehmen, daß er sich an den politischen Beratungen anläßlich der Arbeiten der Kgl. Kommission beteiligen wird, (ITA.)