Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1937)
- Date
- 1937-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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l&i Februar 1937 Israelit Ein Ueberblick über die Finanzen der Palästina Verwaltung in den ersten neun Monaten des Finanzjahres belehrt uns, daß im Vergleich zu diesem Zeiträume im vorigen Jahre die Einkünfte um Lst. 1.160.41.2.— zu rückgegangen sind. Sie betragen jetzt Lst. 3.212.176.—. Die Ausgaben sind fast ums Drei- und Vierfache gestiegen. Die Gründe dafür sind bekannt und die 'Kosten werden Juden und Araber im gleichen Maße zu tragen haben. Ob die Araber auch in diesem Falle unter üblicher Berufung auf ihre Majori tat und ihr Herrenrecht für sich in Anspruch nehmen werden, den Löwenanteil zur Deckung des Defizits beizutragen, ist mehr als zweifelhaft. Aber man sollte doch endlich in arabischen Kreisen einsehen, daß ein friedliches und freundnachbarliches Zusammenarbeiten mit all denen, die guten Willens sind, abgesehen von allen moralischen, ethischen und politischen Momenten, auch unter rein finanziellen Gesichtspunkten besser und billiger ist. Zu den Arabern an leitender und verantwortlicher Stelle, die es noch nicht einsehen wollen, gehört aber der erste Bürgermeister ra Jerusalem, der seine Tätigkeit bekanntermaßen ganz und gar nicht auf die väterliche Betreuung der Stadtbelange beschränkt. Jerusalem hat 76 jüdische S t r a - ß e n k ehrer, die für die Reinhaltung der Gassen und Gäßchen treu besorgt sind. Daß sich in diesen Arbeitern mit Besen und Müllfuhre der jüdische Drang nach hohen Aemtem kundgibt, werden auch die Araber nicht behaupten wollen. Es gibt auch einige Juden unter den „höchsten" Beamten der Stadt — nämlich Schornsteinfeger. Aber der arabische Bürgermeister in der zu 70 Proz. von Juden bewohnten Stadt wünscht nicht eine Reinhaltung der Stadt durch Juden, sondern von Juden, und so möchte er unter Berufung darauf, daß ihre Besoldung jährlich Lst. 1300— beträgt — gewiß nicht zu viel für 76 Familienväter — die 76 jüdischen Straßenkehrer entlassen. Demgegenüber konnten die jüdischen Abgeordneten darauf hinweisen, daß zum Bereich dieser 76 Straßenkehrer ausschließlich die jüdischen Viertel gehören. 122 Araber ziehen tagtäglich mit Besen und Eimer aus, um die anderen Stadtviertel ZU reinigen, deren Tagelohn wohl um eine Kleinigkeit geringer ist, die aber auch einen ganz anderen Lebensstandard aufweisen. Wenn der Herr Bürgermeister von Jerusalem mit dieser „Säuberung" im Straßenreinigungsgewerbe eine Sparpolitik zu treiben gedenkt, so sei er doch auf die oben angeführten Zählen im Bericht der Finanzverwaltung verwiesen. Die Truppen, die verstärkte Polizei, die Tanks usw. kosten schweres Geld. Hier sollten die Herren zu sparen, beginnen, die Reinhaltung der heiligen Stadt—in jeglichem Sinne — aber unangetastet lassen. Der Großmufti sagte1 vor der Königl. Kommission, wenn der panarabische Staat einmal Wirklichkeit geworden ist, dann sollen die Jude n in diesem arabischen Großstaate ihre M i nderheitsrechte haben. Was die jüdische Minderheit von der Gnade der Machthaber eines arabischen Staates zu erwarten hat, dafür bietet Jemen ein lehrreiches Beispiel. Der jemenitische Jude Chaim S h a r a b i erzählt in einem Offenen Schreiben im Tel Awiwer „Dawar" folgendes: - „Ich lebte bis' vor kurzem im Jemen. Als der j jetzige Im an den Thron bestieg, konfiszierte er das j gesamte unbewegliche Vermögen der Juden und verj kaufte die Häuser an ihre früheren Besitzer ßofort | Nr. 7 Seite 5 zu einem teuren Preis zurück. Bald darauf wurde jenen Juden, die nach Palästina reisen wollten, das Vermögen zum zweiten Mal beschlagnahmt. Das Verbot der Auswanderung gilt ausschließlich für Juden. Will ein jemenitischer Jude eine Inlandsreise machen, muß er auch dann eine hohe Summe als Garantie für seine Rückkehr erlegen. Vor kurzem erst wurde ein Jude, der eine Reise nach Katur unweit Aden unternahm, in Ketten gelegt und nach dem Jemen zurückgebracht, in den Kerker geworfen und zu Tode gepeinigt. Dem Juden ist es sogar vorgeschrieben, ' wie er Zü reiten hat, nämlich mit herabhängenden Beinen ohne Bügel. Wenn ein Jude einen Araber anspricht und ihn nicht „Herr" betitelt, wird er bestraft. Andererseits ist es einem Araber verboten, einen Juden überhaupt beim Namen zu rufen, er darf ihn lediglich „Jud" oder „Unreiner" titulieren. Nach einem neuesten Erlaß des Iman dürfen jüdische Frauen keinen Schmuck tragen." „ Am schwersten wird Jemens Juden das Auswanderungsverbot treffen. Denn aus ihrem unwiderstehlichen Wanderdrang nach Erez Israel ist uns in Palästina jenes herrliche und für den Aufbau so wertvolle Menschenelement entstanden, das wir schlechthin Jemeniten nennen. DAS GOLUS. Von Rabbiner Wolf S, Jacobson,*) Eine Agada über den Sinn des Göhls bringt die Gemoro in Schabbos 145b; sie ist heule, wo so viele von uns am eigenen Körper und an eigener Seele das Golus erlebenf aktueller denn in den Zeiten unserer' Väter, die über das Golus als einen Teil ihrer „Lebensanschauung" sprachen, es aber nicht als eigene „Lebensnot" erlitten! „Schüler saßen vor Rabbi Jauchonon und da der Lehrer für eine Weile schlummerte, fragte der eine den andern verschiedene Fragen, die vorwiegend Zustände in Babel zum Gegenstand hatten. ,,Warum ist das Geflügel in Babel so fett?" Antwort: „In gewissen Gegenden Palästidas gibt es noch fetteres!" „Warum feiern sie in Babel die Feste so fröhlich?" „Weil sie arm sind" (und die Gelegenheit zum Frohsein gern ausnutzen). „Warum tragen die Gelehrten Babels besondere Kleider"? „Weil sie keine wirklichen Gelehrten sind". (Darum muß das Kleid ihnen Gepräge und Haltung verschaffen!) „Warum sind *) Die Ausführungen sind einem der 24 Aufsätze in dem dieser Tage erschienenen „Verstreute Früchte" (p-iTiaa ro-ps) von Wolf S. Jacobson entnommen. Das Buch ist beim Landesdirektorkim des Keren Hatorah, Hamburg 13, Heinrich Barth-Straße 21, zu beziehen, die Götzendiener voller Sünde"? „Weil sie unreine Tiere essen"? Inzwischen erwachte Rabbi * Jauchonon aus seinem Halbschlaf. Er mochte ihre Unterhaltung im Unterbewußtsein gehört haben und er sprach vorwurfsvoll zu ihnen: „Ihr Kinder, (Jünglinge ohne die umfassende Klarheit des Denkens — Raschi) ich habe euch doch gesägt, daß man sich zu Dingen nur äußern darf, wenn sie einem sonnenklar sind"! Was war an diesen harmlosen Fragen so einschneidend, daß Rabbi Jauchonon sich zu dieser Zurechtweisung veranlaßt sehen mochte? Die dreimalige Erwähnung Babels mochte in ahm ein Problem zur Klärung gebracht haben, das ihn schon lange bewegt hatte und in der vom Frager ganz unbeabsichtigten Zusammenstellung der Fragen mochte er so etwas wie einen g'ttlichen Fingerzeig gesehen haben {im Sinne des öfters gebrachten "]j?iüD plOS)! Rabbi Jauchonon war durch das Wort Babel auf das — Golus (L-?33 mV*) gekommen und fand in den Fragen des Schülers manche. Erscheinungen angedeutet über die er bisher nicht hatte ins Reine kommen können — nun sah er einen gemeinsamen Hintergrund bei allen Fragen: das Golus in seinen verschiedenen Wirkungen und es drängte ihn, seinen Schülern seine Erkenntnis zu vermitteln. Er sah die Wirkung des' Golus ..Ehre deinen Vater und deine Mutter, deinen V at e r, das (hinzugefügte 'm) schließt auch die Frau deines Vaters (die Stiefmutter) ein, und deine Mutter, das (hinzugefügte hr) schließt auch den Mann deiner Mutter {den Stiefvater) ein, das überflüssige Waw schließt auch deinen älteren Bruder ein." Unsere Weisen, die auch die unscheinbarsten Andeutungen des heiligen Schrifttextes ergründeten, insbesondere R. Akiba, sahen in der Akkusativ-Partikel et nicht einen rein pleonastischen Schmuck des Stils, sondern einen sinnvollen Hinweis auf einen zu erweiternden Inhalt des betreffenden Wortes, eine Auslegungsmethode, die den Schriftte^t befruchtend vertiefte und bereicherte. Und es ist bemerkenswert, daß auch die alte griechische, uns nur fragmentarisch erhaltene Bibelübertragung des Aquila .diese Deutungsweise sich zu eigen machte und in der Uebersetzung die unübersetzbare Partikel et, um die rabbinische Auslegung kenntlich zu machen, durch das griechische Wort „syn" cd. h. „mit" wiedergab, was naturgemäß im Griechischen eine Stil Widrigkeit darstellt. Außer n« wurden von den Schrift gelehrten auch andere Partikel sowie scheinbar überflüssige Buch* staben zu Deutungszwecken verwendet, darunter der 3uchstabe Waw. Raschi bemerkt nun zu unserer Stelle, daß mw vi das überflüssige Waw sich auf im niti beziehe, und Bet Josef im Tur Jore—Dea, Ende Kap. 240, korrigiert die Lesart unserer Talmudausgaben, indem er statt l»s 'n«r liest n»K m und nach nvrv vi in den Text einschaltet w- Daß dies "«ine nachträgliche Korrektur ist, geht aus dem Text unserer Talmudausgaben hervor, wie ihn auch Raschi z. St., sowie" ■Nachmanides in seinen Einwürfen zum Sefer hamizwot, Anfang der zweiten Regel, vor sich hatten. Worauf zielt nun in unserem Satz die Bezeichnung mw VI ab? Die Erklärung Raschis, daß sie sich auf 1»k nsi beziehe, ist überaus schwierig. Denn das Waw ist an dieser Stelle durchaus nicht „überflüssig" und kann überhaupt nicht weggedacht wer* den. An allen sonstigen Stellen, an denen die talmudische Interpretationsregel ]wm yy» by epin vi. daß das Waw dem früheren etwas hinzufüge, angewendet wird, handelt es sich um ein Waw, das stilistisch nicht erforderlich wäre, sondern wegbleiben * könnte, ohne daß der Sinn geändert würde, so daß es nach der Terminologie des Talmuds als „überflüssig" bezeichnet werden/ und zu einem Drasch Verwendung finden kann. Um einige Beispiele zu nennen: In v»B>i Num. 28, 15 ist der Zusatz und „überflüssig" und wird daher Schebuot 9b, Jer. Schebuot 3, 4 entspre* chend ausgelegt. Ebenso Chulin 78a in Bezug auf *>i»i Lev. 22, 28. Ferner B. Mezia 95a hinsichtlich '31 Ex, 22, 13 usw. Die Beispiele brauchen nicht gehäuft zu werden. Ueberall sonst handelt es sich um ein „überflüssiges" und daher für einen Drasch freiwerdendes Und. An unserer Stelle dagegen wäre die Bezeichnung „überflüssig" rätselhaft, da der Zusatz und hier nicht wegfallen könnte. Ich bin daher der Meinung, daß man eine andere Lösung suchen muß, Einen Fingerzeig kann uns die Mechilta z. St. geben. Es heißt dort in der Ausgabe des Malbim •pw» iwik'» i9nb imaa dk tr Pst i»a«;is ix und in den beigedruekten Haggahot des Wilnaer Gaon wird angemerkt, daß beim Bibelvers zu ergänzen sei 'Iii. d. h. daß der Satz unvollständig zitiert werde und daß die Fortsetzung zu ergänzen sei. In gleicher. Weise könnten wir auch an unserer Stelle annehmen, daß nur der erste Teil des. Schriftverses •\m nxi Tax /iR "taa angeführt wird und daß die Fort* Setzung hinzugedacht werden muß, auf die sich die Auslegung mw vi beziehen könnte. Ich glaube nun, daß der Drasch auf das unmittelbar folgende w»V yons»' abzielt. Das Wort' pans' wird nämlich Es. 20, 12 mit Waw geschrieben, während es an den zwei anderen Stellen der Tora, an denen es vorkommt, Deut. . 5, 16 und 6/2 defektiv pan«* ohne Waw geschrieben wird. Die defektiven und vollen Schreibungen des Schrifttextes werden im Talmud r-n-tfVi nnon genannt (Kidd. 30a). M. E. ist auch an unserer Stelle rrwv als voll in massoretischer Bedeutung zu verstehen und der Drasch bezieht sich auf ron»r in dem Sinne, daß der Satz gedeutet wird „damit sie deine Tage vermehren", wobei die plene Schreibung als Hinweis auf die Erweiterung des Worts inhalts angewendet wird. Daß die massoretisch volle bezw. defektive Schreibung zu analogen Draschaus- . legungen verwendet wird, ist u. a. aus Ex. 22, 8 jm' (Sanhedrin 4a, Jer. Sanhedrih 1, 1), ferner aus paw»l 1. Sam. 2, 22 (Sabbat 55b) und aus anderen Beispielen zu ersehen. Durch den hier gebotenen Lösungsversuch dürfte auch ein Licht auf die von Tauro temimo zu Ex. 20, 12 behandelte Frage fallen, weshalb Rambam in H. Mamrim 6, 15 die Pflicht gegen den älteren Bruder unterscheidet und sie als 'ixra EV1Q1D bezeichnet. Schriftdeutungen zum Wochenabschnitt. Mitgeteilt von S. Speier. Kap. 27. V. 20. p& wp'i ^mw '3a m nixn nnKi .-van -is rtorrt» nvia *]T tpt „Und du gebiete den Söhnen Jisraels, daß sie dir reines Olivenöl, gestoßen, zur Leuchte hernehmen,