Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1937)
- Date
- 1937-02-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 6 1937 Wir. \ Von Alice Oppenheimer, , (Fortsetzung.] „Jüdisches Wissen, jüdisches Wissen," meint Heinz, „was braucht man da noch Lehranstalten. Jüdisch sein, das haben wir ja gelehrt bekommen!" Jacob lacht, „Wenn Sie das jüdisches Wissen nennen, weil Sie als Jude abgebaut, oder weiß sonst was sind, können Sie mir leid tun. Haben Sie nie etwas von jüdischer Geschichte gehört?" „Doch, aber mein ganzes Interesse galt der deutschen Kultur und die erfüllte mich ganz/' Jacob staunt nur, so einen merkwürdigen Judenhatte er doch noch nicht gesehen. Ja, früher konnte man sich solche Menschen denken,aber heute! Nein, unglaublich heute! ''■— Die Zeit ist vorgeschritten^ Jacob' muß fort. „Erzähle mir; morgen, was Du gelernt hast," ruft Heinz ihm nach. — Die Stunden am Nächmittag wollten und wollten nicht zu Ende gehen. Der muntere Junge hatte es verstanden, Heinz ein wenig über.. die /ekelerregendeArbeit - hinwegzuhelf en? jetzt, da der,- Jüngiec fort istfi sieht -Heinz nichts wie Schmutzjnspürt er nur. den beißenden Geruch. ' 'tlffi'katä'mßlit? ich 'kann'! feinfach nicht!" Eine Weile starrt Heiriz v^ er' von netfem an zu'zählen'; 5 Hosen, 3 Unterhosen; 10 Hemden . neuf und nöchmals ftedn, er kann mit dem besten Willen 'die Sache rriiÖht fortsei-,, zen. Mittlerweile ist,6,es"6 Ühr geworden. Feierabend/;^ ' ' ^-/-"^ -:'y-" 'Arn7 nächsten . M'orjgilh 'ist Heinz pünktlich.' wieder zur Arbeitsstelle; gewandert;//Es ist Frei-' tag(*' der Gedänke,'! daß'. hiörgenL am Samstag die Wäscherei' nicht arbeitet, er' keifie '■■Wäsche' zü zählen braucht, macht ihn frohgemute ^Ein paar. Minuten häch! ihm kbmnrt Jacob. „Tag Jacob, hast Du viel gelernt gestern auf Deiner JesclnV woh?" ,,Ach^ börßOv.Sie doch auf iimit ■< meiner Jeschiwoh, es ist Ihre ganz genau so." „Meine?'' Damuß .Heinz lachen..,,^ein,..für: so was habe ich mein ganz Lebtag noch keinen. Pfennig, gegeben, das kann ich mit ruhigem. Gewissen sägen. J^och. mehr kann ich Dir sagen, .wenn so Leute aus dem Osten kommen, weil sie hofften,. Geld, jür^ jhre jüdischen Lehranstalten. zu bekommen, ..dann pflegte ich.."ihnen gewöhnlich; zu sagen: „P.a-fürjmüssen Sie nach. Deutschland fahren,. Ihr.- müßt selbst , für. E,urV: Ansta^tei^, sorge^|', upd ließr, .s^e, ihrer -Wege . gehen,' ^„ Wissen;.j5ie,".. jneint Junge,, „wie . SJie,.,mir. ^ikoimneß? „f-An Tjesach , les en, vwiih, in der:, Hagadah üb er das Pesachfes.t) und den-.Sinn. desselben, in .y^rjscJiie^cnjer^.Fragestellung. Einer bildet den Satz: „Was Soll „Euch" dieser .Dienst,!?." Nun heb.t über ..das,.,,Euch" eine lange Diskussion an./Niehl: wahr, "Sie sind das unschuidige Cämm.'lefai!: mitleVeff'Wß heute, weil auch Sie in die große, verzweigte Familie der Juden geraten 'sind, ohne zu wissen; wieso, Sie Herr Grünberg?" „Kleiner, ereifere Dich nicht-' so. Erzähle mir Heber, was Ihr gelernt häfetr> Jetzt bÄjBerich'^äclf.^ei den*'Taschentüchern^verzählt, ichrkänn die Arbeit yb:^ MHerr::tGrüriberg, jetzt. gents mit'1 d'ett' 'Erzählen öicht,- aber heute Abend, wenn hier Schluß ge1- Aachf wird, begleite ich Sie hoch ein! Stückbnten."' Und sofion ist" der. Junge ins Abzählen"Vertieft.- 11, 12^',,, .;;pnjd dks geht so 4ortubis;60. 'Wieviele Tasche^ aüfgfe-,; schrieKenV.'ach, sehen Sie' doch mal iiäch,■■ Herr ■' krünberg.? 1,62 Täsc&entücher". „Ach, jetzt kann ich^nochmals anfangen," klagt der Junge' ..Un<i dabßi sind es noch Taschentücher, auch das rioch, es scheint die ganze Familie Bauer Stockschnupfen zu Jiaben!" . <■ Am Nachmittag,; um 4 IJhr erscheint die dicke dralle Frau und sagt: .„Es, ist für: heute Schluß, um 5 Uhr fängt Schabbos an. Montags wird immer eine Stunde früher begonnen, Tag auch!" Ob ich, am Montag, wiederkomme, denkt Heinz. Was sägt Ina, mein kleiner tüchtiger Kamerad, wenn ich die Flinte ins Korn werfe?! Um 4 Uhr ist Schluß. Heinz schlendert langsam nach Hause, da hört er jemand hinter sich herlajufen, er wendet den Kopf um »und erkennt Jacob. Heinz bleibt stehen und wartet. Ganz außer Atem erreicht ihn Jacob. „Herr Grünberg, ich versprach Ihnen, von unserer Lehrstunde zu erzählen, aber leider ist bald Schabbos und ich habe keine Zeit mehr. Wollen Sie mir aber einen Gefallen tun, dann kommen Sie morgen Nachmittag so um 5.30 Uhr zu unserer Soholausch Sudes." „Zu was, mein-Junge?" Jacob wiederholt. AKTUELLE NEUERSCHEINUNG! : Iii unserem Verlage erscheint soeben: DIE VERTRETUNG DER AGUDATH ISRAEL VOR 1 DER ROYAL COMMISSION IN ,:: PALÄSTINA eine zusammenfasseti.de Darstellung des gesam,-?';ten bisher unveröffentlichten Mäteriälsi enthalt tend u; a. die Memoranden der Vertretung der jA'gudath Israel in Palästina, der Histadruth Po-s! aie Agudath Israel, sowie des wörtlichen steno-- <#,; grafischen Berichtes der ägudistischen Dfclegätionj,|!Die Broschüre umfaßt über 100 Seiten und ist! i dtirch uns sowie durch . die Palästina-Zentrale; )Frankfurt a. M. zum Preise von RM, 1.;—..zu; jbeziehen. Bei Abnahme von mindestens 10 Exem-; I plaren:.. wird ein Rabatt von 25 Proz. gewährt.! Das Werk bietet neben seinem .aktuellen Inhalt. für Agudisten und alle diejenigen, die sich für den Aufbau Palästinas auf religiöser Grundlage •interessieren, ein erschöpfendes Bild der Forderungen, die das orthodoxe Judentum bei dem Aufbau Palästinas zu stellen-verpflichtet ist. Der Reinerlös ist für den Keren Hajischuw bestimmt. jHfERMON VERLAG FRANKFURT A. M. „loh weiß nicht, von was Du sprichst, Junge, {aber wenn Dir soviel daran liegt." „Ja," uiiterjbracht ihn Jacob, „ich komme um 5 Uhr und hole,: S|.e ab, danngehen wir in die; Lessinigstraße in;unser Heim." Fort mit Wiiideseile springt1 Jacob. jHeinz haj.j sepe^, Freud,e,n^n.. 4 p1,..Jüng)ing.. So erreicht er seihe Haustür, 'wähfencf seine Gedanken noch um Jacbb und seihe jiSehofauscTi Sudes" kreisen/" 5" : ';;' ' ': „Du5 bist früh heute," meint Ina, nist 'Dir nicht gut, öder strengt Dich die Arbeit'zu sehi1 aii?v uDie Arbeit, Ina, kann man bewältigen, aber den Silin1 "nicht." „Welchen Sinn, was willst Du damit sagen?" Heinz Grünberg geht müde und schlapp ins Zimmer; wirft den Hut zu'Boden und setat sich in den ^Sessel. „Heiöz, wäs; ist Dir?"1 „Ich kann nicht mehr, Ina, ich kann;mit dem; besten Willen nicht mehr, riechst Du es? ' Idh 'rieche floch "riäch^-lauter Schmutz und Stank. Ina!T Ich kann nicht mehr! Und zu was? Gestoßen, ge-- $toßen, verstoßen!" „Heinz,, sind sie schlecht zu^DirV^sö " retie dBch."?! „Nein, %äs nicht, »bef |)u, ich, unsere Kinder Völler!; sollen leben und iäberi ^keinen Raum dazu tind das Leben gibt keihe'n*' Sinn; loh ■ kann "doch nichts dazu,; daß mein Vater ein Jude war. Damals, als ich acht. Tage alt war, legte man mir das Judenzeichen, die Brismiloh, an; hätten sie mich nur gefragt. Nein! hätte ich geschrieen, ich will nicht." „Das, Heinz, hätte Dir auch nicht geholfen, Du gehörst einer Reihe von Geschlechtern an, an die bist Diirgefesselt, ob Du willst oder nicht." Es schellt. Ina geht hin und macht äiuf. ,,Tagf Liebling," hört man sie sagen, ,,wars schön in der Schule?" „Ja, fein war es, der Lehrer erzählte zwei Stunden über den Schabbos, wie er ihn nennt. Weißt Du, was er am Schluß sagte? Heute Abend ist Schabbos, da geht Ihr hin und bittet die Elfern, daß sie Euch segnen. Das ist was Großes, Wunderbares, sagte Herr Kohn. Vati, Tag Vati, gelt, heute Abend segnest Du mich." „Ich habe Dich doch immer lieb, warum, soll ich gerade heute Abend Dich «segnen?" „Vati, liebhaben tue ich Dich auch, segnen, ich glaube nicht, daß ich Dich segnen kann, das können immer nur die Größeren mit den Kleineren, die Eltern die Kinder, die Kohanim die Gemeinden, G'tt die Menschen,1 so, glaube ich, meint Herr Kohn," Alle drei Kinder werden an diesem Abend von Heinz und Ina gebenscht. Zum ersten Male ist es, daß der Freitag'Abend durch diese; kleine Zeremonie sich f abhebt, vom Alltag, erhöben wird zu etwas Besonderem. Den Samstag wollte Heinz zu Bett bleiben, um sich seelisch und körperlich von den Strapazen des Alltags zu erholen. Aber die Kinder haben seit neuestem' am Samstag keine Schülei ' toben in der Wohnung "herum, stellen an,' daß i man keinen Sohläf finden kann. Also aufstehend Heinz zieht sich umständlifch ari und geht dann f zuJ den Kindern.;,Was macht Ihr jetzt, £eht Ihr fort?"'' ,',Jä',s< sägt Priedel, ,.',ich gehe zü Herrn Kohn und darf Elisabeth mitbringen." \ „Was mächt Ihr 'da?" „Wir wollen Sohabbös feiern/' [-Trlnr Kleinen nur, oder auch die Großen?";,Das weiß ich nicht,' aber wir feiern und Feiern ist \ schön."•"— Ganz selig kamen die Kinder km Mittag nach Hause. Leise singen sie ihimer' vör sich hin „Jismach Moische bemätrias chelkan . . . Punkt 5 Uhr Naohmittags kommt Jacob, des Wäschereibesitzers Sohn. Zufällig öffnet ihm Herr Grünberg selber. „Gut Schabbos,' Herr Grünberg, ich komme, Sie abzuholen, Sie''gehen doch -mit?" „Tag mein Junge, ich -weiß nicht recht, denn ich bin so unfromm und weiß so gar nichts, ,daß ich nicht glaube, dorthin zu passen." „Ach, kommen Sie doch bitte mit, machen Sie mir die Freude." H'err,Grünberg läßt den Jungen in der Türe stehen, er führt ihn in kein Zimmer, er geniert sich, seine - guteingerichtete Wohnung sehen zu lassen. Er, der Wäschezähler. Er holt Hut und Mantel, ruft. Ina ,,auf Wiedersehen!" zu und geht mit dem Jungen ins Heim in der Lessjngstraße. D, ort sitzen ca. 20 junge Leute im [Älter von, 15—25, Jahren.|an^ einem langen Tisch, Ün einer, 'schmalen.Stube., \Einer sucht den^ande-!ren zu. übertönen, jeder will zu, Wort, kommen, keiner kann yor Lärm ■ den anderen ^erstehen. Hinter Heinz und Jacob tritt noch! ein Mann ein. [Er ist kj^in,: Jhat einen lagnen Bart, Pejes, zwei wundervolle blaue Augen,' die leuchten und erl i ' . ,. ■■ . \ . ' *; ' . wärmend wirken, wie zwei Sonnen. Plötzlich herrscht Ruhe. Jacob findet in der Ecke der Stube einen. Stuhl, er läßt Heinz darauf sitzen, stellt sich neben ihn. Der Lehrer hat einen Stuhl an i den Kopf des Tisches gestellt bekommen, . setzt sich und beginnt: „Vsrige Woche sprachen Wir .,ganz. allgemein über die Märannen. Marannen ist spanisch und ist .ein häßliches Schimpfwort. Heute möchte /iph! eine Familie herausgreifen, ihren Schicksalsweg verfolgen, weil ' ihr Erleben unser Erleoen ist. Nicht, daß -unsere' 5eele. beschwert ist durch das Geschick unserer Vorfahren, sondern diese Menschen, diese Fami- IJie Mendes Nässi des 16. Jahrhunderts, sind wie wir von heute, wir von gestern, wir zeitlos gleichbleibend bis zu Moschlachs Zeiten. (Fortsetzung folgt.)