Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1937)
- Date
- 1937-02-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 5 1937 Feuilleton Beilage Von Alice Qpp«nheimcr. ile'mz Grünberg streckt sich und reckt sich. Der Morgen ist schön, aber was hilft's einem, wenn man nicht weiß, was beginnen. Er dreht sich zur anderen Seite, um von neuem in einen Dämmerzustand hinüberzugleiten. EJs klopft: „Heinz, stehe auf, es ist neun Uhr vorbei, ich kann den Kaffee nicht länger warmhalten." „Ja., ja, ich komme gleich" ruft Heinz. Eine Weile spater sitzt Heinz am Kaffeetisch, sein Kaffee .steht unter einer Haube, seine beiden trockenen Brötchen liegen auf* dem Teller, noch manch anderes gebrauchtes Geschirr ist auf dem Tisch. Das Tischtuch weist viele Milchflecken auf, ein Zeichen, daß auch Kinder hier schon ■gefrühstückt haben. Heinz Grünberg streckt die Füße weit vqjp sich unter den Tisch, reibt seine Hände ineinander und stützt nachdenklich den Kopf darauf. Früher hatte manweniger Zeit zum Kaffeetrihken, da mußte man ins Büro, aber die Zeit von früher war «doch schöner, man wußte schon am Kaffeetisch alles Weltbewegende, man hatte seine Zeitung, lebte nicht dumm und unwissend dahin, man hatte teil am Weltgeschehen. Jetzt aber konnte man sich keine Zeitung mehr halten, so wenig, wie die Frau ein. Mädchen. Früher — das war doch schön! Ina, seine Frau, trank immer mit ihm zusammen den Kaffee, einer wartete auf den anderen, aber jetzt ging das nicht mehr! Ina fing schon um 6V2 Uhr mit der Hausarbeit an, dann weckt© sie die Kinder, sorgte, daß. sie zur Schule gingen, sie mußte sich eilen, der Haushalt brachte viel Arbeit, denn nur für ein paar Stunden hatte sie eine Zugeherin. Ina ,war tapfer. Wie hatte sich Ina, seine junge Frau, in die neuen schweren* Verhältnisse geschickt, sie, die als junges Mädchen nie zu irgend einer Arbeit gezwungen war, die immer nur ihren Lerneifer im Studium befriedigt hatte. Heinz steht - auf und geht zur Küchentür. „Ina, Ina, bist Du in der Küche?" Ina kommt. „Was ist, Heinz?" Meinen Morgenkuß will ich mir holen." Ina lächelt, aber ein müdes Lächeln ist es. „Wohin gehst Du, Heinz?" „Erst mal an einen Zeitungskiosk, ich muß lesen, was in der Welt vorgeht, dann werde ich auf die Arbeitsbeschaffungsstelle gehen, um mir dieselben Worte "wie gestern sagen zu lassen: „Kommen Sie bitte morgen wie der 1" „Ja, Inalein, wie lange soll das noch SO gehen?" „Heinz, nicht den Kopf hängen lassend es wird noch eine Arbeit für Dich zu finden sein." Er nimmt Mantel und Hut und geht fort. Draußen ist es frisch, aber die Sonnenstrahlen erwärmen ein wenig die Luft und lösen ein Prickeln in der Haut aus. Heiniz' Weg führt -durch einen Park. Junge Grasspitzen strecken sich aus dem Erdreich hervor, kleine gelbe 'Blüten lassen ein Frühlingsahnen in Heinz wach werden. Was soll das alles, denkt Heinz. Immer und immer wieder die Erneuerung in der Natur, immerund immer wieder ihr Verfall. Ist ejs bei uns Juden nicht ganz genau so? Immer "und immer kommen wir im Kreise der Nationen zu Ansehen, erleben, einen Frühling, um •schlimmer hinabzusinken wie das Sterben eines Winters? Vögel in äen Ztyeigen zwitschern, locken. Heinz hprt ihrem?. Ges^ mehr im ganzen'Jahr diese Hohe, diese ^9]^du|ig, (erreicht, fis ^^.Ze^'äer erwacKenden Natur, /Mäiuictien "wirbt ums WeibchehV Weibchen jubelt dem . /,, r Männchen zu. Für was das Locken, das Haschen, das Singen und Zwitschern, denkt Heinz. Eine Weile bleibt er stehen, hört auf den Vogelgesang, dann setzt er nachdenklich seinen Weg fort. Merkwürdig, der warme Sonnenstrahl macht Freude, Lust am Leben im Tier und mich, den Menschen, stimmt die zu neuem Leben erwachte Natur melancholisch. Wir zeugen Geschlechter zu Streit und Haß. Geboren zum Leben, geknechtet im Leben. "Ist es nicht der Einzelne, der tritt, dann ist es die Nation oder gar die Völker gegen einander. Heinz kommt es hoch, er spuckt zur Seite, geht weiter. Dort an der Litfaßsäule steht eine Menschenmenge, er gesellt sich zu ihr, sieht ein Plakat, muß aber warten, bis er von der, nachdrückenden Menge so weit vorgeschoben ist, daß er entziffern kann, was darauf steht. Anzeigen über Versammlungen und Vergnügungsveranstaltungen. So erreicht er das Büro für Arbeitsbeschaffung. Drei Treppen hoch, dann linke Tür. Vor ihm stehen noch zehn Menschen. Drei Frauen, eine alte und zwei jüngere, sind auch unter den Wartenden. „Ach Fräulein," wendet sich die eine der jüngeren Frauen an das Fräulein am Schalter, „dürfte ich nicht erst einen Augenblick mit Ihnen reden, ich muß nach Hause, ich habe zwei grippekranke Kinder." Dann wendet sie sich zu den Umstehenden und sagt: „Lassen Sie mich einen Augenblick nur vor, ich will auch niemand eine Stelle hier vorwegnehmen." Die Sprechende ist eine große, schmale Frau mit sympathischen graublauen Augen, unter denen starke dukle Ringe liegen. Die Nase gibt . dem Gesicht etwas Scharfes, sie .ist gebogen und läuft ziemlich spitz aus. :Ein kleiner feiner Mund .. * •> ■ . r*W-:; bild&l den Abschluß des Gesichtes. Jeder läßt . die Frau vor. Ihr Organ ist volltönend und tief, sie spricht nicht leise, nicht beschämt, nur flehend, daß die anderen Wartenden ihr Schicksal vergessen und betröffen sind von dem Erleben dieser Frau. „Ach Fräulein, schaffen Sie doch meinem Manne Arbeit, Arbeit. Ich rede nicht von Verdienst, den wir auch dringend nötig hätten, ich rede nur von Arbeit, vom Schaffen. Mein JV$ann war einer der besten Menschen, jetzt gibt es nichts als Streit. Er lungert herum, er raucht den ganzen Tag, das ist seine Beschäftigung. Ich fürchte um sein Leben, ich bangei wenn er aus dem Hause geht, ich fürchte, wenn er im Hause ist, um unsere Ehe und die Kinder. _ Schafft ihm Arbeit!"' Händeringend steht die Frau, Tränen kommen ihr. „Ach', entschuldigen Sie bitte, daß ich mich so gehen lasse." Es ist nicht die erste, die so zu der Sekretärin des Büros spricht, sie ist nicht die letzte, noch ein Zug vieler gleichleidender Juden und Jüdinnen wird hier vorüberziehen ... Die Sekretärin, öffnet die Tür und tritt zu der Gemeinschaft der Wartenden. „Ich habe hier eine Stelle als Wäschezähler in einer Wäscherei mit Samstags sogar frei." „Wer reflektiert darauf?" Zehn Finger strecken sich. „Wollen wir dieser Frau das Vorrecht geben, wenn ihr Mann diese Stelle will?" Zwei riefen „Ja", die übrigen schweigen. „Sind die Uebrigen nicht dafür?" fragt das Fräulein . weiter. Wieder Schweigen. Da hebt die ältere Frau den Kopf, der von einem dicken wollenen Scheitel umgeben ist: „Ja, gebt es ihr, nicht Esse und Trinke, kei Ruh im Haus, kei Ruh außerm Haus, gebts ihr!" „Na ja" hört man hier und dort. „Schicken Sie mir Ihren Mann, wie heißen Sie doch?" „Pinkus." „Gut,. Herr Pinkus soll heute Mittag um drei Uhr hier sein. Noch eins, Frau Pinkus, was war Ihr Mahn bis jetzt?" „Zahnarzt, aber seit zwei Jahren brotlos." . Für Heinz Grünberg ist keine Arbeit da, so wenig,1 wie -l^''die*''äMcr.en^'r'*Er' läßt drei Tage" i.,u _-SZvW.;h<yrt; .-; *«f|Pr-.-..f.i, yr. -:\ :..•=■■ ' ■•.>-' , .-. -■ \vf> > vergehen, ehe er wieder den gewohnten weg zum Arbeitsnachweis nimmt. Im Büro sind nur wenige Menschen. Heinz kommt schnell dran. „Fräulein, ich wollte mal "wieder nachfragen." „Ja, wenn Sie wollen, können Sie schon morgen eintreten in einer Wäscherei als Wäschezähler." „Fräulein, irren Sie sich nicht, die Stelle bekam doch vor drei Tagen ein Zahnarzt Pinkus?" „Nein, ich irre mich nicht, die Stelle ist seit heute , wieder frei, Herr Pinkus hat sie aufgegeben. Was waren Sie sonst von Beruf?" „Rechtsanwalt." „Wollen Sie es versuchen? Gezahlt wird nicht schlecht und Samstags haben Sie frei." „Die Bezahlung, Fräulein, ist mir nicht so wichtig, als daß ich Arbeit finde. Ich schäme mich vor Frau und Kindern, denn wie ein Tagedieb empfinde ich mich selber. Auf eine Stelle mit Samstags frei reflektiere ich nicht, mir ist der Samstag nicht mehr als der Montag.. Aber — danke Fräulein, ich will Sie nicht länger aufhalten." Am nächsten Morgen um 8 Uhr betritt Heinz Grünberg, der einstige Rechtsanwalt, die Waschanstalt Stern als Wäschezähler und Sortierer. Er wird in einen Raum geführt, der voll von größeren und kleineren Säcken steht, manche stehen so stramm wie Soldaten, manche so eingeknickt, als ob sie sich vor Lachen krümmen müßten; einige Körbe sind noch in dem Raum und zwei lange Bänke. Eine dicke dralle Frau führt ihn zu einem Sack und erklärt: „Sie holen die Wäsche aus dem Sack, sortieren sie, Hose zu Hose, Röcke zu Röcke und kontrollieren, ob die Herrschaften auch richtig aufgeschrieben haben, stimmts nicht, dann schreiben Sie in rot ihre Stückzahl daneben. Jacob, Jacob, komm, hilf mal dem Mann!" Ein hübscher Junge von 15—16 Jahren trat ein, packt einen Sack, stößt ihn um, daß die Wäsche ins Zimmer fliegt. „Ne schöne Arbeit haben Sie sich ausgesucht, hoffentlich bauen Sie nicht auch so ab, wie der Herr, der vor Ihnen hier drei Tage war. Das ist auch nichts für einen Studierten. Ich bin der Sohn hier, bin von klein auf hier herumgelaufen, mich stört kein Schmutz und kein Geruch mehr, ich bin's gewohnt und dann, das Wasser spült alles rein." Also fangen wir an." Heinz Grünberg meinte umsinken zu müssen,' solch ein bestialischer Geruch entsteigt dem gefüllten Sacke. Dann die Wäsche, welch ein Schmutz! Heinz faßt die Wäsche nur mit zwei Fingern an, mit der anderen Hand hält er sich die Nase zu. Als der Junge den Fremden so stehen sieht, bricht er in schallendes Gelächter aus. „Auf die Weise werden wir wohl die Nacht zum Zählen nehmen müssen. Sie müssen sich dranhalteri, denn um 12 Uhr muß alle Wäsche im Waschraum sein." Abends um 6 Uhr ist Feierabend. Heinz geht den Weg nach Hause, als ob Zentner seine Füße beschwerten. Er merkt nichts von der lauen Frühlingsluft, er hat den sonderbaren Wäschegeruch in der Nase, eine von Schweiß und Schmutz geschwängerte Luft. Zu Hause sitzen die drei Kinder am Tisch und essen ihre Pflanzenbutterbrote und trinken ihren Kakao. „Vater, Vater, wo warst Du denn den ganzen Tag, erzähle Vater!" Heinz Grünlberg erzählte nichts, er bittet nur seine Frau um ein Bad. Am nächsten Tag geht Heinz wieder zur Arbeit. Auch der Junge ist da. Das Zählen geht schon ein wenig schneller, aber leichter wird die Arbeit Heinz nicht. Der Ekel läßt ihn nicht los. Jacob, der Junge, meint: „Heute Nachmittag können Sie es wohl schon alleine schaffen, ich möchte auf die Jeschiwoh." „Was ist das?" fragt Heinzl „Eine Lehranstalt für jüdisches Wissen," sagt Jacob. (Fortsetzung, folgt.)