Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1937)
- Date
- 1937-01-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit *__Vj_s ,_ Nummer 4 1937 HäUtsch, die Stadt der Karäer. Von H. Wachsmann. Halitsch ist schon lange nicht mehr Hauptstadt vöh Gälizien, es ist nur noch eine" Provinzstadt mittlerer Größe in, Großpolen, aber heute leben hoch in der Stadt wie zur Zeit der Großfürsten die verschiedenen 'Religionen und Sekten nebeneinander. Hier iebeii' Karaiten, Subotnikes (sabbathältende Christen), Altgläubige, Staroweres genannt, „jüdische (Katholiken" und noch viele /aridere Sekten und KonventikeL :v Am meisten interessieren -uns. natürlich .die K a.r a,i t.e n .oder- K a r ä:e r , die» uns, blutgemäß wie ihrer Lehre nach am nächsten stehen. " Es wohnen hier fünfzig kaiäische Familien,v die 200 ''S£'el£n zählen. Durch die Heiraten im engen eigenen Kreis sind sie teilweise stark; degeneriert. Man sieht unverhältnismäßig viele Krüppel und Schwachsinnige in der kleinen Ka-! räergemeinde. Im Ganzen kennen wir -nur vier Karäerge- > meinden in Polens und zwar in Wilna, Troki, t u z k? und* in H«a I ft s c,h. Die HAlitscher Ge- * - * j , . --r . ■( , . ' - -r< *Ameinde hält sich für die eigentliche, für die Elite- .gemeinde. Sie lieben>.nicht,.. daß>. von ihnen gesprochen und geschrieben wird.-.v Einer ^der,-bekannten Halitsche); ~Mas.kilim< ,SP> erzählen,!, sie,: habe ein-. Buch über>/sie verfaßt fdndjcs.eivVon-G'tt dafür sphwer . bestra^t^ W.Pf den . -1. Diese ..'Karäer, die angeblichsichV^n^das nackte t;V{f0rt' 4er Bibel halten und alle rabbinischte,. -Tradition ablehnen, sind in ihremreligiösen Leben sc holl; von Traditionen und oft .ganz unsinnigen IJ&bötlieferungen, daß sie sich bald selber im Knäuel ihrer Lehren nicht mehr auskennen. Alles ist legendär' und« mysteriös und der; Aberglaube schießt bei ihnen hoch in die Halme. - - ' Merkwürdig genüge daß die Karaiten selbst mit dem Aberglauben behaftet sind* daß, wenn man auf dem Geschäftswege oder gar navch; Sabbatausgang einem. Karaiten begegnet^ man am ganzen-Tag oder im Laufe der ganzen Woche keinen >Erfolg^im Geschäft. -mehr^ziu« erwarten habe . ■-■>-,•.- . ■ - -. ...; ■■- -. . . i . ,■ ■ - In früheren Zeiten pflegten die Karaiten ihre. Toten bei Nacht und Nebel zu bestatten. Heute geschieht es bei Tag. Sie markieren bei der; Leichenbestattung Ruhe "und Gleichmut. Es wird vie;l auf Haltung gegeben-, auch wenn Verzweiflung« sie mn ersieh; niederbeugt .Die'-*AMimilStiö^ große Verheerungen angerichtet. In ,.-1 Halitschi pflegte es schon vorzukommen; daß wenn emer N der Gemeinde die Taufe annimmt, , alle Verwandten bei dem feierlichen Taufakt als Gäste, in der Kirche zugegen sind.', : Obwohl die-Karaergemeinde in ihrern]^ ßhä-, cham und> Schochet, einen, ^ige^ieh, M o he 1 b$-. sitzt,; nehmensie, jdqgh, lieber) die. Dienste; /-/d^s jüdischen Möbel in, .Anspruchj dem sie; ein^ leichtere Hand ,zusprechen, ,;), ' '.; :;■-.>'&' j Zü? Thbrärolleni^oni^eri sie recM'billig,1 denfr sie kaufen am liebsten diejenigen an, dde'iriiden jüdischen! Genieinden 'als« %>$s§ul'*; nicht mehr ' gebraucht werden. (Wer verkauft /ihnen diese? pel haben sie aber auch handgeschriebene Gebetbücher äüf Pergament. Iii 'diesen Gebetbüchern sind auch ihre Statuten und Gesetze yerzeichnetV Jedes 'Statut beginnt mit" dein Worte IJäDOn „Wir haben beschlossen," woraus auf eine'gewisse parlamentärische Ordnung in der Gemeinde zu schließen ist. v , In der Halitscher Synagoge liegt eine hebräisch-lateinische Bibel, "die die Gemißinde vom polnischen (König J a n K a s c h m i r im 16. Jahrhundert als Anerkennung für; die Loyalität der Gemeinde dem Königshause gegenüber erhalten hat. ' . Die Karäer sind in dieser Beziehung recht elastisch. Sie dienten den Oesterreichern so treu, wie sie heute gute ,,Polen karäischer Nationalität" sind.: Sie verstanden und verstehen' es, überall weitgehende Pr i v i 1 e g i e n zu genießen. Ueber 50 Prozent der Karäer sind bei der polnischen Bahn beschäftigt, obwohl im polnischen Bahndienst kein einziger Jude anzutreffen ist. In der Halitscher Gemeinde verkehreh ^okalbahnefo bei welchen das gesamte Personal,;*>■;>>>";: s f c S" TEL AWIW Goldgräberstadt ohne Erz, Gewachsen wie Jonas Kikäjon, Ragest du himmelwärts — Hinauf bis zu G'ttes Thron. Wenn auch dein träumendes Herz In Hast' und Staub sich verhüllt, G61dgräberstadWohne Erz < \ Dein kindlich^rührendös 'Bild Sieht doch die Liebe voll Schmerz ,: •Hinter der lauten Fassade; Goldgräberstadt ohne Erz —r- Öhne flirrende Maskerade, \;•. . ..: ri -u/'i: ' ... - -\ Bist du der Müden-Traum'; '> Vcm Heimat, Ruj^ und Glück: /r Von G'ttes Mantels^um,..;;. r Bist 'du ihr liebstes " Stück. Aus deinen kühnsten"'Bauten Klingt noch der Nigun der Lehre. Schäme diqh nicht seiner Schwere, Lausche den suchenden Lauten: :: ... ■ ' . '. •■ Sie sind Blut für dein Herz, Ohne* sie bleibt es leer. Goldgräberstadt ohne Erz, 'G'ttes Kikäjon am Meer. Schalom Ben-Chorin. Äft Rußland herausgegeben worden; In ihrem 'Temvom Zugführer bis zum letzten Schaffher, Karäer sind; In Halitsch sagt man:. ,jWenn ein Karäer zur Welt kommt, wird, er gleich in : das, Eisenbahnerregister eingetragen; '■ •;■ - 'Die' Chachamim, das sind die geistigen Führer^'der Karäer, werden vom{vRegiernngsetat ge-'!jriau.>so rausgehalten wie diejGeistlicKen äerjanderen Konfessionen. Das hindert den Chächam"? •aber.'inicht, noch einen anderen Beruf auszuüben. Es ist paradox, aber leider dennoch wahr, daß diese unsere Halbbrüder zum Teile recht a n t i s e m i t"i s c h eingestellt sind. Uebrigens will eine Kommission festgestellt haben, daß die Halitscher Karäer,. teilweise, keine. Nachkomi-men^jeiier ..unte^ Anan, im ac|hien Jahfhundert in Bab^yloriien entstandenen (Sekte, sondern /von t a t-ä/r i s c h e r.(Abstammung", und damit kein;e;!Semiten sind. Das'isj4^r"Wei§hp*1t'^t.er,"S^)i^ß.'. .einerj-.Pfofe^soren^ömmis.sion, die adsi Genf und Rom hierhei'kam. \' : u.;, t - Die^ "Um^angssprachev der 'Kärä.er as't ein Ge- - misch von Tatarisch und Türkisch, mit einem ^r oße^Emgchläg'^ ^AuWl§#efe Vo4>p^;jiddischen;Dialekt' der^ Judeff-^töeri*:Heinfö^:w sie niGÜts wissen. Ti . Vor wenigen Jahren ging eine R e f o r mbew e g un g durch die Halitscher Karäergemeinde, die manche Gebräuche hinweggefegt hat, auch den alten Chacham, der die Umwälzungen nicht mitmachen wollte. Ein anderer, der williger war, fand sich bald. , Der Reforrn fiel auch der Mögen Dowid7Stern und der hebräische G'ttesname an der Kuppel zum Opfer. Neben der Schul ist ein „Nationales karäisches Haus" entstanden, Wozu, ist ihr Geheimnis. Halitscher Juden rechnen es^an den Fingern ab, wann die Halitscher Karäer nur noch eine historische Reminiszenz bilden werden. Etwa in fünfzig Jahren. Den Rest der kommenden Generation wird die Taufe hin wegraffen.. Die Wände ihrer Schul sind unheimlich kahl. In früheren Zeiten waren sie vielfarbig mit Bibel- und Gebetssätzen, bemalt, heute mutet das Haus wie das Zimmer eines kleinstädtischen Hotels an. Bänke sind keine da. nur „Ständer". Man kann hier nur stehen oder knien. Lediglich die Ostwand .mitj. der Lade hat ihren alten Glanz behalten. Jeder Karäer, der seine Schul betritt, geht zuerst an die Lade heran und küßt den Vorhang, dann kniet er i nieder und murmelt ein Gebet. "Die Zehnzahl für Minjan kennen die Karäer nicht. D rei Mitglieder genügen' für eine Gebetgemeinschaft; Die Melodie ist'getragen und schmelzend nach Art der türkischen Gesänge. Für. das Hebräisch gilt die sefardische Aussprache. - J^e :Sabbate isind zumeist" mit. Klageliedern über die vielen Karäerverfolgüngen in den verschiedenen Zeiten ausgefüllt. Freilich bestehen sie zumeist nur', noch in der Theorie, denn die Jugend' besucht keine Schul und stimmt auch keine Klagelieder mehr an, . Nach der jüdischen Ueberlieferung, sind die ersten Karäer von der Halbinsel K r i m hierher gekommen. Sie wurden hierher vom dortigen Chan im.-Austausch gegen eine Ware geschickt, von der die Karäer nicht gern sprechen und die vielleicht auch nur als Beleidigung von der Gegenseite ausgedacht ist. Ihre eigene Tradition geht dahin, daß. sie als ^;G^cksbringerM nach Galizien geschickt wurden .und Nachkommen von Z adok d e m/'P r i e s t e r. seien. Alle Karaiten halten sich für Kohanim. ';■ Die -wirtschaftliche Lage der JKaräer ist besser^alsi die der Juden. Abgesehen von den vielen Staatsämtern, die sie, im Gegensätze zu den Juden, bekleiden, sind sie ausgezeichnete Handwerker und ernähren sich recht gut» Manche sind sogar zü' ansehnlichem Wohlstand gekommen. Eine legendäre Tradition führt den Stammbaum der Karäer auch bis zür Königin Saba zurück, und bringt. sie' somit in verwandtschaftliche Beziehungen zu den Falaschas in. Abessinien. Wochenkalender. Vom 30; Januar bis.6. Februar 193T / Vom 18.-25. Schebat 5697 . •,•(?'., Sämstag;.; ü' Jan. 30 r 18 'Sonntag ••; 31 ,y :. ,. 19 Montag 1 20 IDienstag F^br 2 03Bf. 21 Mittwoch .-• 3 ■"!".■ 22 Donnerstag V ,f' "4 23 Freitag .5! ■ :. 24 Samstag 6 25 »nv .5)1 kam ' mp . ö»p ■äp '. 2 ■ J /• T" ■ j n.-. ' i*: ■nw» jy. a^bpv 's n^csi&n .; winn^anan Neumbnd: Mittwoch ^abds .11!ühr 25'/,' Min.