Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1937)
- Date
- 1937-01-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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BeilBie - Nummer 3 Die Erben, Von Schalom Alechem. Deutsch von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. (Schluß.) " „Wie soll ich denn die, .Tür öffnen, wenn ihr davor steht und mich nicht hineinlaßt? Soll denn das Bethaus den ganzen Tag ' geschlossen bleiben?" sägte Esriel und nahm eine Prise Schnupftabak. Diese Worte schienen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Die beiden Brüder traten ein wenig zurück und machten den Weg für Esriel frei. Aber kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, als sie" wild in. das Be'thaus rannten. „Langsam,, Ihr werft' einen Jude» um," schrie Esriel. Aber schon lag er auf dem Boden. „Langsam," schrie er wieder, „Ihr zertretet einen Juden, einen Familienvater." Meyer und Schneyer nahmen vom Schames keine Notiz mehr, Ihnen war es darum zu tunden Platz zu erreichen. Sie sprangen über die Bänke hinweg und kamen; gleichzeitig an.! Mit schwerer Wucht prallten sie auf .einander, als sie sich auf dem Platz niedersetzen wollten. Dadurch gerieten sjte in noch größere Wut und fuhren einander in die Bärte. „Du bekommst den Plat.7 nicht," schrie bald der eine, bald der andere. . ■ In diesem Augenblick trat Esriel, der Schames, auf sie zu und sagtet „Pfui, schämen solltet Ihr Euch. Zwei Brüder anständiger Eltern raufen einander die Bärte aus, und dazu noch an einem heiligen Ort. Pfui!" Aber der Schames mußte bald erkennen,, daß seine Moralpredigt in diesem Augenblick vollkommen verfehlt war. Im Gegenteil, sie spornte die wütenden Brüder noch mehr an, und das Ergebnis war, daß der eine ein Büschel schwärzer Haare, der andere eine Handyoll roter ausgerupft hatte. Auch blaue Flecken wurden an ihren Wangen sichtbar und bei einem-von ihnen rann sogar Blut aus der Nase. Aber kaum hatte Esriel, der Schames, das Blut erblickt, besann er sich nicht lange. Er ging in den;Hof, holte einen Eimer Wasser und schüttete es auf die Brüder aus. Seit die Welt steht, ist 'kaltes Wasser das beste Mittel, einen Menschen zur Besinnung zu bringen. Dieses kalte Bad ernüchterte auch die beiden Brüder. Sie sahen einander an und. — schämten, sich. Sie, beschlossen, hoch' am selben Abend , nach'der Habdala zum Rabbiner Reb Josefl zu gehen und ihn zu bitten, ihre Sache anzuHören und sein Urteil zufälleil. Wäre Kaßrilowka nicht ein Flecken und läge es nicht so abseife von der ' großen Welt, hätte es Zeitungen und Journale, würde die Welt bestimmt mit Reb Josefl in Beziehungen getreten sein. Alle _ Blätter hätten spalienlange Artikel über seine Weisheit gebracht? große ' Gelehrte, namhafte . Männer wären zu ihm gekommen, um ihn zu sehen und seinen klugen Worten zu, lauschen. Phötogräpheni und. Zeichner hätten sein Bild' über' die gänzre: Welt verbreitet^ Interviewer hätten ihn mit Fragen bestürmt, welch'e Speisen er gerne esse, wieviel Stunden er täglich schlafe, was es von Seelenwanderung halte usw. Da. aber' Kaßrilowka ein Flecken ist, der weit abseits von der' großen Welt liegt und dörf keine 7 Leitungen und Journale ..erscheinen, weiß die Welt nichts von Reb Josefl, dem. Rabbiner. Die auswärtigen Blätter erwähnen nicht einmal seinen Namen, große Männer und berühmte i Gelehrte fahren nicht zu ihm, Photographen und Zeichner verbfeiten nicht sein. Bild und Interviewer lassen ihn iii Ruhe. Und Reb Josefl lebt still und bescheiden. Niemand-weiß von ihm zu Erzählen außerhalb des Städtchens Kaßrilowka Es bewundert ihn und erweist ihm große Ehren. (Geld hai Kaßrilowka nicht zu vergeben, aber Ehren soviel man will,) Man spricht von ihm in Kaßdilowka, wie von einem Chacham, der still tür sich lebt und mit seiner Weisheit nicht aufdringlich ist. Erst wenn man ihn um sein Urteil in einer Streitfrage bittet, sieht man, wie tief und scharf seine Gedanken sind, gleichsam Weisheiten König Salomos. ■ Als der Sabbat zu Ende war, gingen die beiden Brüder zu Reb Josefl. Dort hätten sich beleits viele Juden versammelt, begierig, zu' hören, wie Reb Josefls Urteil ausfallen würde, wie es ihm gelänge, den Platz unter den beiden Brüdern zu verteilen. Zunächst ließ Reb Josefl sich die Ansprüche der b . iden Parteien vortragen. Er vertrat den Standpunkt, daß beide zu Wort kommen .müßten. Dann befragte, er Esriel, den Schames, als Zeugen. Zuletzt sprachen einige vornehme Männer des Städtchens. Sie sprachen viel. Aber Reb Josefl ist ein Philosoph und sagt sich, daß sie sicher einmal aufhören würden. Als der letzte gesprochen hatte, wandte sich Reb Josefl an die beiden Brüder und sagte: „Ich habe Eure Ansichten, und die Meinungen der enderen ehrenwerten Männer angehört. Ihr seid beide im Recht. Leider hat Euer Vater Euch im ganzen nur einen Platz im Bethaus hinterlassen. Ich weiß, daß Euch der Platz des . Vaters teuer ist. Aber was ist zu tun? So wie es unmöglich ist, daß ein Mensch sich gleichzeitig auf zwei Stühle setzt, so ist es nicht möglich, daß ein Platz für zwei ausreicht. Es ist viel leichter, daß ein Mensch zwei Plätze einnimmt, und zwar bald den einen und bald den anderen, als daß auf einem Platz zwei Menschen Raum landen. Zum Beispiel: ich halte diese meine rechte Hand hier auf dem Buch. Kann ich gleichzeitig d;e linke Hand auf dieselbe Stelle des Buches legen? Nein, das ist unmöglich. Was aber fängt man mit zwei Brüdern an, denen ihr Vater im ganzen nur einen Platz im alten Bethaus .von Kaßrilowka hinterlassen hat?'Der einzige Ausweg ist: teilen. Aber xyie soll man einen Platz ie-'len. Ich will Euch einen Rat geben, wie ihr beide neben einander, jeder auf seinem Platz, an der. Ostwand sitzen könnt. Hört mich an. Mein Platz ist neben dem Eures Vaters. Kommt nächsten Sabbat in das Bethaus. Du, Meyer, setzst Dich auf Deines Vaters Platz und Du, Schneyer, auf meinen. Damit ist der Streitfall beendet. Die Frage, was ich, der Rabbiner, ohne Platz anfangen werde, ist belanglos. , W o steht es; denn geschrieben, daß ein Rabbiner oder ein anderer Jude unbedingt einen eigenen Platz ander Ostwand im alten Bethaus haben muß? Wozu gehen.wir in das Bethaus? Um zu beten. Zu wem? Zum Allmächtigen. Wo ist er? Ueberall. „Es ist gleich, wo man betet, im Osten oder im Westen, im Norden. oder im Süden, oben neben dem Aron Kodesch oder an der Tür. Die oanze Sache läßt sich vergleichen mit einem König, zu dem zwei seiner Knechte kommen, um eine Bitte vorzutragen. Plötzlich entsteht zwischen den Knechten ein Streit. Sie fahren sich in Gegenwart des Königs gegenseitig in die Bärte,, und raufen einander. die Haare aus, ohne daran ZU denken, aus welchem Grunde sie eigentlich gekommen waren und vor wem sie standen. Der König befiehlt, sie . hinauszuführen, es sei hier rieht der richtiger Ort für derlei Auftritte. So etwas mus'se; män zu Hause •' abmachen, wenn . man nicht verstehe, sich vor "dem König zu berehmen. Ihr werdet das Gleichnis jetzt begreifen. Geht in Frieden nach Hause, und möge Euer Vater ein guter Fürsprecher sein für Euch und für uns alle." So fällte Reb Josefl das Urteil. Am nächsten Sabbat kamen Meyer und Schneyer in das Bethaus. Sie blieben in der Nähe der Tür stehen und begannen zu beten. Nichts vermochte sie zu bestimmen, die Plätze vor dem Aron Kodesch einzunehmen. Selbst der Rabbiner und der Schames Esriel konnten sie nicht dazu bewegen. Denn beten kann man überall. Vorfreude- Von Heinrich pinstädter. Spät weicht die frostige Winternacht dem müh* sam heraufkommenden Tage. Ihre Schatten verhüllen noch lang nach Sonnenaufgang die Behausungen der Menschen, denn es braucht. Stunden, bis sich der Sonnenball durch den Nebel gekämpft hat. Obwohl die Wintersonnenwende 'hinter uns liegt, bricht der Morgen nur unmerklich früher an als zur Zeit der längsten Nächte. Erst gegen Mittag empfindet man die zunehmende Sonnenwärme, Aber am Nachmittag zeigt die Natur eine wesentlichere Veränderung. Der Himmel scheint höher, das Firmament klarer, die Sonne heller. Mit Sträuchern und Bäumen, die am Vormittag noch bereift waren, geht /ielfach eine Verwandlung vor sich. Oder wird sie erst jetzt unserem Auge wahrnehmbar? Fast scheint es so, denn nicht auf einmal kann entstanden sein, was sich plötzlich dem Auge darbietet. Da wenden die Sträuoher die Spitzen ihre;r Knöspchen uns zu, während die Bäume mit dem zunehmenden Umfang der ihrigen prunken. Und dort der Busch: Ist er nicht ganz grün geworden? Unter dürrem Grase äugeln weiße Blüten schüchtern hervor, und an den Haselsträuchern schwingen schlanke Blütenkätzchen her -und hin. Da dringt aus deinem Auge ein Leuchten und au« deinem Munde ein leises Singen. Unbewußt. Erst als hinter dir die gleiche Melodie sich schüchtern mit der deinigen vereinigt, als du dich umwendest und deinen Freund gewahrst, der lächelnd dir die Hand reicht und wortlos an deine Seite tritt, da fühlst du, welchsr Gedanke dein Herz zu erwärmen beginnt, da weii3t du auch, welche Weise sich über deine Lippen gedrängt hat; die Frühlingsmelodie der Synagoge, die bei Verkündigung des Monats Sch'wat erstmals in diesem Jahre ertönte und nicht mehr verstummen wird, bis wirklich der Frühling seinen Einzug feiert. . Und du weißt, daß dein Freund das gleiche denkt, und so selbstverständlich es ist, .daß ihr, gemeinsam euren Weg fortsetzt, so selbstverständlich ist aur*h das Thema eurer Unterhaltung. ' Wie wunderbar ist doch der Gleichklang in Natur und Relig'on, in Geschichte und Empfindung.' Du siehst die Sonnenstrahlen, wie sie mit steigender Helligkeit und Wärme durch die blattlosen Zweige der Bäume dringen, erhebst dein Auge und gewahrst die lani» entbehrte Bläue am Himmelszelt, und schon enthüllen sich dir die Wuuder der erwachenden Natur und — erinnern dich an' die Wunder, die dar Allmäcntige geschehen ließ, als es einst galt, das Eis um9Menschenherzen zu schmelzen und die Scharen deines Volkes zu befreien vonden Winterfesseln ihres Schicksals. Du überfliegst im Augenblicke Jahrtausende und landest bei der Gegenwart. Da fließt die traute Frühlingsmelodie des G'tteshauses in dein Herz und erweckt in ihm Hoffnung und Zu=. versieht; ein Gefühl, das nicht' zum ausgelassenen Jubeln und Jauchyen, wohl aber zum leisen Beten und Singen veranlaßt, Auf einmal ist dir die Gewißheit geworden: Es naht der Peßach! Der Peßach naht! " Erst wird der C h a m i s c h o o s o r die Knospen wecken, daß sie sich entfalten und öffnen und die Blüten in ihrer wunderbaren ReinheU aus ihren Hüllen entlassen. Dann werden die vier guten Sabbate die Menschen ermahnen, sich iii gleicher Reinheit zu dem Feste der Befreiung zu rüsten mit Mazzo und Moräur, nachdem sie alles' C h o m e z aus ihren Hetzen und ihren Wöhnüngen entfernt hatten. Und dann wird der Peßach kommen als Fest des Frühlings,1 als Fest der Freude. Und wie natürlich und wie Wunderbar diese Freud© ist,' wie g'ttgeschenkt und unbedingt von irdischen GenüSseh, das empfindet am ersten die Jugend, Denkt -hur nach, was es doch ist, was das Kind vor Peßach erfreut, erfreut in einem Maße, daß die Erinnerung daran es begleitet bis ins höchste Alter. Das .sind nicht etwa kindliche Genüsse, das sind nicht Freuden' und Geschenke, die ihm geboten werden. Das ist vielmehr die Beobachtung der sorgfältigsten und gewissenhaftesten werktätigen Vörberei-