Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1937)
- Date
- 1937-01-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450961-2450964--82724-2540676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Malten wir unsere Waffen rein! (Fortsetzung von Seite 1.) kein Wolken mahnen das jüdische Volk" zur Umkehr und Rückkehr. Sie mahnen die Weltorthorioxie vor allem, ihre letzten Kräfte aufzubieten, um das Nationalheim der Thora zu gewinnen und zu erhalten. Sie mahnen die berufenen.. Vertreter der Thora vor allem, dem Volke die Lehren und Forderungen der Thora. mit doppeltem Eifer und gesteigerter Unerschrookenheit vor Augen zu halten und ihnen ein makelloses Vorbild ehrlicher und konsequenter Thoratreue zu geben. Die Autorität, der imparative Charakter der Thora ist im Natipnalheim schwer erschüttert, die Volksüberzeugung von der absoluten Sachlichkeit und Willensreinheit der 'berufenen Vertreter der Thora bedenklich ins Wallken geraten. Wehe denen, die selbst die noch vorhandenen Reste in solcher Zeit ihres Teils untergraben. II. Vor etwa 15 Jahren erschien im Nationalheim ein von fast allen rabbinischen Autoritäten unterzeichneter Aufruf, der sich gegen die unter Leitung des Waad Leumi stehende jüdische Landesorganisation „Kenesseth Jisrael" wandte und den freiwilligen Beitritt zu dieser Organisation wegen des bei ihr geltenden Frauenwahlrechts, wegen ihres thorawidrigen Erziehungswerks, wegen ihrer thörauntreuen Vorsteher, überhaupt wegen ihrer Weigerung, sich eindeutig unter die Herrschaft der Thora zu stellen, als den Gesetzen der Thora widersprechend verbot. . Dieser Aufruf trug auch die Unterschrift des Rabbiners P. Z. Frank , eines anerkannten Gelehrten defe Talmud, eines anerkannten Meisters der Handhabung des Gesetzes. Frank war Mitglied des unter Vorsitz des Oberräbbiners Kuk V"XT stehenden Gerichtshofs. Gleichwohl trat er, mit Billigung des Oberrabbiner Kuk, Kenesseth Jisrael, entsprechend seiner eigenen halachischen Entscheidung, nicht bei. Aus guten Gründen lehnte es auch .Oberrabbiner Kuk Zeit seines Lebens ab, die ihm unterstellte Schechitah, die alte Schechitah Jeruscholajittls, aus den Tagen vor der Mandatsherrschafi, Kenesseth Jisrael einzugliedern. Als Oberrabbiner Kuk starb, erachtete der Waad Leumi, dessen starke Seite die Pietät nicht;st, die Zeit für gekommen, die Schechita, wie es übrigens der geltenden Verfassung von Kenesseth Jisrael entspricht, unter eigene Verwaltungsobhut zu nehmen. Frank erstrebte das Oberrähbinat von Jeruscholajim. Der Waad Leumi zeigte sich abgeneigt. Die Freunde Franks „krönten" ihn einstweilen in mehr oder weniger feierlicher Sitzung zum Oberrabbiner. Aber es war keine echie Krone. Frank wandte sich gegen die Schechita des Waad Leumi. Er verbot jedem Jehudi namens der Thora, Fleisch von dieser Schechita zu .benützen. Das war die Zeit, da Jeruscholajim mit dreifacher Schechita beglückt war: die Schechita der unabhängigen Gemeinde,- die Schechita Franks und die Schechita des Waad Leumi;' Es war. die Zeit, da der Boden des heiligen Landes vom Blute der Erschlagenen dampfte und Brand und Aufruhr allerorts wogten. Frank verhandelte mit Vertretern der unabhängigen Gemeinde. Freilich auch mit dem W^aad Leumi. Mir selber erklärte er, so wahr es heute, Tag sei, sei er dem Waad Leumi-nicht beigetreten. Und es war damals Tag. Einem Entwurf, den ich Ihm, vorlegte, der sich mit aller Scharfe i-egen Kenesseth: Jisrael in ihrer heutigen Ver--' iäisüng wandte,, . und der ihn und seinen Kreis endgültig mit der unabhängigen Gemeinde ver-" binden -sollte, "erjdär'tß>er seine, volle Zustimmung. Üie Verhandlungen ' zogen1 sich alsdann freilich auf unserer Seite in die Länge, wurden wohl auch auf unserer Seite ""nicht ohne Störung (Kol Jisrael!) geführt. :] Frank schloß Frieden mit dem Waad Leumi. Mit der Kandidatur des Rabbiner Herzog schien er sich abfinden zu können. Die. ,,Krone" legte er wieder ab. Frank führte seine Schechita dem Waad Leumi ZU. Nun darf wieder jeder Jehudi namens der Thora die Schechita des Waad Leumi benutzen. Nun gibt es in Jeruscholajim wiederum pur eine zwiefache Schechita. Frank trat dem Waad Leumi bei. Gemeinsam mit Herrn Ben Zwi, gemeinsam mit Herrn Dr. Katzenelson trat . er als Vertreter des Waad Leumi — auch damals war es Tag! — vor die Königliche Kommission. Vor ihr aber erklärte er unter anderem: „Die jüdische Religion ist nach Grundlage und Wesen eine einzige und einheitliche Relfgion, die alle Juden in ihren verschiedenen Gemeinden in den Ländern ihrer Zerstreuung eint, und es gibt im Judentum keine religiösen Gruppen, die in Bezug auf das eigentliche religiöse Leben eine Sonderstellung einnehmen. Klar und deutlich erklären wir vor aller Welt, daß nicht der geringste' prinzipiell-religiöse Unterschied zwischen Kenesseth Jisrael und der von ihr getrennten Agudath Jisrael besteht. Wenn es einen Unterschied zwischen ihnen gibt, so besteht er in dem Maß von-Geduld, das ihnen zueigen ist." Vor ihr aber erklärte er weiter: ,,Die Bedeutung von Kenesseth Jisrael und -Jie Bedeutungdes palästinensischen Oberrabbinats besteht darin, daß sie es dem jüdischen Volke in Erez Jisroel ermöglichen, sein Innenleben autoncm ZU ordnen. Eine ihrer wesentlichen Bestrebungen gilt der Stärkung der einigenden Elemente und der Aufhebung der trennenden Elemente und Sprachweisen, die zwischen den verschiedenen jüdischen Gemeinden je nach ihrer Herkunft von der Gola bestehen. Die geordneten Gemeinden und die bei ihnen bestehenden Gerichtshöfe bilden die Urzellen des kommenden Nationalheims. Wie das Nationalheim eins und einheitlich ist, unvorstellbar In Zerbröckelung und Teilung, so lassen sich auch seine Urzellen nicht getrennt und zersplittert vorstellen, dergestalt, daß jedes Grüppehen, das etwa in bezug auf Rabbinat oder sonstige Ein^ zelheiten eine Sonderanschauung hat, sich eine eigene Gemeinde oder einen eigenen Gerichtshof bilden könnte." Und Frauenwahlrecht? Und thorawidrige Schulen? Und thora-entfremdete Vorsteher? Und grundsätzliche Weigerung, die Herrschaft -der Thora anzuerkennen? Und die Erklärung vor 15 Jahren im Namen der Thora? Und die Erklärung vor einem halben Jahr im Namen der Thora? Und Jie Erklärung vor mir? Und das eigene Fernbleiben von Kenesseth Jisrael bis zur Schwelle der Königlichen Kommission? Es ist wirklich eine der härtesten Proben der — Geduld. III. Ueber die ungeheuerliche Erklärung des Waad,Leumi vor der Königlichen Kommission, die 'iHerr Rabbiner Frank voll und ganz deckt,, ibraücht den . Lesern dieser Zeitschrift gegenüber ganz gewiiÖ k^iri Wort verloren zu werden. Die -Bagatellisierung der Thora, die Bagatellisierung des abgrundtiefen Gegensatzes zwischen Thoratieue und Thoraverrat. zwischen Gemeinde der Thora und Gemeinde, die mit der Thora allenfalls— Geduld hat, tritt in dieser "Erklärung so klar hervor, die Preisgabe . von Gemeinden der Thora zugunsten des kommenden Nationalheims wird in ihr so deutlich ausgesprochen, daß es sich nicht lohnt, eine eingehendere Kritik an diesem wahrlich nicht von Frank verfaßten Machwerk zu üben. Was uns aber wohl interessieren, was uns mit tiefstem Schmerz über den Jammer und den Bruch unserer armen Zeit erfüllen muß, das ist die Tatsache, daß ein anerkannter Gelehrter der 1 hora, ein anerkannter Handhaber der Halachah in aller Oeffentlichkeit ein solch frevles Spiel mit dem treiben darf, was im Namen der Thora für erlaubt und was im Namen der Thora für verboten erklärt wird. In dieser Tatsache, die leider keine vereinzelte Erscheinung ist, erblicke ich einen der wesentlichsten Gründe für den wachsenden Verfall der Autorität der Thora und ihrer Vertreter in den Augen und den Herzen der Söhne unseres Volkes, des ijüdischen Mannes und der jüdischen Frau von der Gasse. Wer den Namen der Thora, wer sein Wissen von der Thora, wer sein durch Thorawissen und Thorakönnen erworbenes Ansehen dazu mißbraucht, um seine persönlichen Verhältnisse je nach Bedarf zu regeln und je nach Bedarf nicht nur sein eiganes Verhalten zu orientieren,. sondern auch den Söhnen unseres Volkes Weisungen ZU geben, die zwischen Gebot und Verbot gleich einem unruhigen Pendel hin und her schwanken, der gibt letzten Endes die Thora selber der Lächerlichkeit preis und vernichtet ihr Ansehen in den Augen der Gegner und schließlich auch in den Augen ihrer Freunde. Ein Mann vom Range Tranks, der offenbar innerlich völlig unergriffen ist von der harten und schweren Problematik des Heiligen Landes, von dem tragischen Kampf zweier Welten, der sich heute daselbst vollzieht, der zu dieser Problematik und zu diesem Kampf eine Stellung einnimmt, als handele es sich am Entziehung oder Bewilligung der Aufsicht über irgend ein beliebiges Pflanzenfett, ist in seiner Typik, umwoben vom Hohn der Feinde der Thora und begleitet vom Achselzucken selbst thoratreuer Kreise, die grellste Illustration eines Zustandes, dessen stillschweigende weitere Duldung ein Verbrechen wäre. Keinem anderen Volke würde man wagen, solches zuzumuten, was dem jüdischen Volke gegenüber, was gerade dem thöratreuen jüdischen Volke gegenüber, dessen Geduld man offenbar für unbegrenzt hält, noch für tragbar gilt. Hier müßte eine öffentliche Meinung geschaffen werden? die ihr Verdikt über derartige Vorkommnisse dermaßen nachdrücklich, dermaßen eindeutig ausspricht, daß die Wiederholungsgefahr beseitigt wird. Hier dürften die Thoragrößen nicht tatenlos .schweigen. Unzweideutig müßten sie dem ganzen Volke erklären, daß sie derartige Erscheinungen, trotz Wissen 'ihd Können, in ihren Reihen nicht länger zu dulden entschlossen sind. Nicht Wissen und Können allein macht die Thoragröße aus. Wer in die Oeffentlichkeit hinaustritt, hat seine Thoragröße durch die Reinheit und Selbstvergessenheit seines in G'ttesfurcht gegründeten Charakters, durch die Strenge seiner geger. sich selbst gerichteten Forderung, durch die Vorsicht, die Gewissenhaftigkeit und die Konsequenz seiner das Volk berührende!* Entscheidungen, durch das Verständnis für die in die Zeit hineingestellte Folgenschwere dieser Entscheidungen, durch die überall spürbare Erkenntnis zu erweisen, daß er im Namen G'ttes spricht und also als Bote G'ttes vor seinem Volke zu stehen hat. Ein Privatmann mag seine Entschuldigung in persönlichen Dingen finden, in Kränkung, die er erfahren hat, in falscher Behandlung, die ihm zuteil geworden ist. Einem Großen der Thora, der seinem Volke öffentlich Wege weisen will, stehen solche Momente nicht ZÜr Seite. ]Jnd wo das Ansehen der Thora her-