Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1937)
- Date
- 1937-01-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 2 Der lsraeli t 14. Januar 1937 Das jüdisch-amerikanische Zeitungswesen. Das neueste jüdisch-amerikanische Jahrbuch (The American Jewish Year Book 5697, Philadelphia 1936) enthält ein Verzeichnis aller zur Zeit in den Vereinigten Staaten erscheinenden jüdischen Zeitungen und Zeitschriften. Folgende Einzelheiten über die jüdische Presse in dem Lande, .das die zahlreichste jüdische Bevölkerung hat, sind aus .diesem Verzeichnisse zu entnehmen: Es gibt zur Zeit in den Staaten 143 jüdische Zeitungen und Zeitschriften, darunter 7 Tageszeitungen, 80 wöchentlich (oder halbwöchentlich) und etwa 40 monatlich erscheinende. Mehr als 30 Staaten haben ihr eigenes jüdisches Organ, darunter solche, die weit von den Zentren jüdischen Lebens entfernt sind und nur geringe Bevölkerung haben wie Oklahama im mittleren Süden und Montana in den Rocky Mountains. Als Erscheinungsort steht natürlich an erster Stelle New York mit über 50 Zeitungen und Zeil= Schriften. Das älteste jüdische Presseorgan ist wohl die 1854 gegründete Wochenschrift American Israelite in Cincinnati, die jüngsten sind im letzten Jahre gegründet (1935—36 13 neue). Bei weitem die meisten werden in englischer Sprache veröffentlicht; immerhin aber 30 in Jiddisch, 7 in Hebräisch, 1 ungarische, 1 in Ladino, 1 in Blindenschrift (The Jewish Braille Review, Monatsschrift}. Mehrere der Zeitschriften sind zweisprachig, eine dreisprachig (Englisch=Hebräisch-Jiddisch). Von den Tageszeitungen, sämtlich in jiddischer Sprache, erscheinen 4 in New York, die anderen in Chicago, Philadelphia und Cleve; land; die älteste ist das 1885 gegründete New Yorker „Jewish Morning Journal and Jewish Daily News". Als Zeitschriften besonderer Art seien noch erwähnt; The Jewish Veteran, The Jewish Farmer, The Hebrew Physdcian (Harofeh Hoivri) in hebräischer Sprache, Kinder-Journal, The Pioneer Woman, Jewish Music, Theatre-Radio World. Die jüdisch - weltanschaulich« Einstellung der Presseorgane läßt sich der Statistik nicht entnehmen; selbstverständlich sind alle Richtungen vertreten. S—r. Richard Strauß als Sachverständiger für ein Synagogenwerk. Im Wiener Zivillandesgericht ist «in Prozeß anhängig, in dem als Kläger die greise Witwe des verstofbenen Solocellist.en der Staatsoper Josef Sul z e r auftritt, die von der Israelitischen Kultusgemeinde die Anerkennung des Urheberrechtes und Unterlassung des Eingriffes in ein Werk ihres Mannes fordert. Der verstorbene Cellist war auch Chordirigent der Kultusgemeinde, und eines seiner musikalischen Werke wird noch heute an den hohen Feiertagen in den Synagogen s?um Vortrag gebracht. Dr. Richard Smetana führte in seiner Klage aus, daß Josef Sulzer ein Werk seines Vaters, des berühmten Oberkantors Salomon S u 1 z e r , umgearbeitet habe, wodurch sich diese Schöpfung als eine urheberrechtlich geschützte Neubearbeitung darstelle. Ueberdies werden 46.000 Schilling an Tantiemen gefordert. Für die beklagte Kultusgemeinde brachte Dr. Schenk vor, daß es sich bei der Umarbeitung um keine Neubearbeitung handle. Um diese Streitfrage zu klären, beschloß der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Kl am pH, an Dr. Richard Strauß als Vorsitzenden des Sachverständigenkollegiums für Tonkunst eine Anfrage zu richten. Er 6oll entscheiden, ob es sich bei dem umstrittenen Werke um eine urheberrechtlich geschützte Neubearbeitung handle. KURIOSA. Der Schriftgelehrte des „Hamburger Israelitischen Familienblattes" erzählt in einer Schrifterklärung zu Wajechi seinen Lesern, daß Vater Jakob auf seinem Sterbebette aus Altersschwäche wirre Reden geführt und seine Enkel nicht erkannt hätte. „Es ist mehr ein Lallen, er spricht -unzusammenhängend." So was wagt Joachim Prinz seiner Lesergemeinde als „Sidro-Erklärung" aufzutischen. Benno Jacob behauptet in seinem Genesis- Kommentar, daß „die erhabenen Dichtungen im Abschnitt Wajechi unmöglich aus dem Munde eines sterbenden Greises kommen konnten, ergo müssen sie später von einem großen Dichter ihm in den Mund gelegt worden »ein. „Wirre Reden" und „erhabene Dichtung", was ist wahr? Wahr ist, daß diese Sorte von Bibelerklärem entweder aus Altersschwäche oder in freier Dichtung die heiligen Texte interpretiert. * * Bei der Vereidigung der englischen Abgeordneten im Unterhaus auf den neuen König leisteten die jüdisehen Abgeordneten den Eid mit bedecktem Haupte. Ein jüdischer Abgeordneter, so berichtet die „ITA", der keinen Hut zur Hand hatte, bedeckte «ein Haupt mit dem Futteral seiner Brille. Es muß ein sehr großes Futteral oder ein «ehr kleiner Kopf gewesen sein. ••. ' - * * Ein jüdisches Blatt in Deutschland läßt sich aus Baltimore in Amerika ungefähr folgendes melden: „Wir haben seit einiger Zeit hier einen neuen Rabbiner. Da die Juden in Baltimore eine sehr orthodoxe Gemeinde bilden, ist auch der neue Rabbiner, der übrigens aus Süddeutschland stammt, strengster orthodoxer Richtung. Aber trotzdem: diese seine Ein= Stellung war nicht entscheidend und ausschlaggebend für Seine Berufung, Als man ihn einzustellen be^ absichtigte, fragte man ihn nicht: Wo wart Ihr Raw? wo habt Ihr gelernt?,-wo habt Ihr Eure Hatara Horaa erworben?, wie lange seid Ihr schon Raw? Nein —■ das alles interessierte gar nicht. Nur die eine Frage legte man ihm vor: „Welchen Sport treiben Sie?" Glücklicherweise besann sich unser Rabbiner, daß er in seiner Jugend einmal Schwimmen t gelernt hatte. Und daraufhin hat man ihn engagiert." Da ist wieder einmal dem Blatte eine dicke Ente über den Ozean zugeflogen gekommen. Wir kennen zufällig den jungen Rabbiner und die näheren Umstände seiner Wahl. Er mußte, nachdem er mehrere Reden und Vorträge in deutscher und englischer Sprache gehalten hafte, auch noch eine tiefe t a 1mudische Abhandlung, genannt. Sugje, von sich geben. Vielleicht hat der Reporter noch nie davon gehört, daß es auch ein „Schwimmen im Meere des Talmud" gibt ... Briefkasten. M. S. in G. Es dürfte sich um Rabbi A c h a i G a o n handeln. Familien-Nachrichten. Geburten: Eine Tochter, Elias «Bilitzky und Frau Rebekka geb. Gibermann, Antwerpen, Uitbreidingstr- 578. Barmizwoth: David. Sohn von Herrn M. Schlesinger und Frau Henni geb. Elbe, Hamburg, Heinrich Barthstr. 34,1-, sa na». — Ralph, Sohn des Herrn Waisenhausdirektor Dr. J. Hallemann und Frau Klara geb. Mandelbaum, Fürth, Julienstr. 2, nVtM piv. — Leo, Sohn der Frau Rosa Zucker, Jerusalem, Beth Hasboon, Ben Jehudastr. n'Bsrn t\yo. — James Josef, Sohn des Herrn Saul Dzialdow und Frau Jenny geb. Malina, Berlin NW 87, Elberfelderstr. 15, tPüst?!? naw, Synagoge Adaß Jisroel, Siegmundshof 11. Vermählte: Jonas Poritzky. Karlsruhe i. B., mit Hedel Poritzky geb. Rosemann, Berlin W- 62, Bayreutherstraße 1. Vermischtes. Berlin, 10. Jan. Bei den Sinai- Lehrgängen der Agudas Jisroel fallen folgende Vorträge vorläufig aus: Rabb. Dr. David Ochs am 23. 1. 37, Dr. Paul Galewski am 14. 1.; Dr. Marcus Birnbaum am 18. 1.; Betty Rothschild am 19. 1.; Rabb. S. Offenberg am 21. 1. 1937. Berlin, 10. Jan. Am 17. Januar hält Herr Rabb. Dr. Hermann Klein im Betsaal Siegmundshof 11, einen religiösen Vortrag über „Galuth „und Geulla in Midrasoh und Agada". Ferner hält am 19, Januar in der Synagoge Bethamidrasch, Heidereutergasse 4, rechts II., Harr Rabb. Dr. iE. B i t> e r f e 1 d einen religiösen Lehrvortrag über „Methodische Bibelerklärung". Personalien. M. Sternbuch ^XT« St. Gallen (Schweiz), 13. Jan. Kurz vor Schlußder Redaktion kommt die erschütternde Nachricht aus St. Gallen (Schweiz), daß dort M. Sternbuch plötzlich an einem Schlaganfall verschieden ist. Die Trauerkunde wird in weiten Kreisen tiefen Schmerz und ehrliche Trauer auslösen. M. Sternbuch war ein Jude von chassidischer Prägung und eine Führernatur von großer Energie und Tatkraft. Seiner großen Thoragelehrsamkeit entsprach seine tiefe Frömmigkeit. Wie früher in Basel, so führte er auch später in St. Gallen ein jüdischfürstliches Haus, das Jedermann offenstand und eine Pflanzstätte von miayi mw war. Ein Philanthrop von großem Ausmaße, war er nicht allein auf Abhilfe materieller Not bedacht, seelische Not zu lindern, war er stets am Platze. Er gehörte zu den Führern der Agudas Jisroel und war ihr mit Leib und Seele verbunden. In seiner Gemeinde St. Gallen errichtete er auf eigene Kosten das rituelle Bad, um der Familienremheit aller, die in dieser Gemeinde und Umgebung noch treu zum Gesetze halten, zu dienen. Der Stolz seines Lebens war die Jeschiwa in Montreux, deren Begründer und Leiter, Rabbi Botschko, sein Schwiegersohn, deren fürsorgliche Mutter seiner Tochter ist. Nicht minder wie andere Söhne und Töchter, die im Geiste des Vaters leben und ihre Häuser führen. Der Schmerz ist zu groß und die Wunde zu frisch, um die Per* spolichkeit und das Wirken M. Sternbuchs heute im Einzelnen zu schildern. Möge die aufrichtige Teil* nähme in den weitesten Kreisen am schweren Schlage, der die Familie'betroffen hat, dieser; ein Trost sein und ihr die Gewißheit bieten, daß der Name Sternbuchs nicht vergessen und sich noch lange Jahre zum Segen in der Nachwelt auswirken wird. ,1D13> j?>T3f "DT Halberstadt, 10. Jan. Einen großen Verlust hat unsere Gemeinde durch das Ableben von Rüben Nußbaum erlitten. Ein bescheidener und zurück» gezogener Jehttdi, hat er «furch Frömmigkeit und Fleiß, verstanden, Ehre und Ansehen bei Juden und Nichtjuden sich zu erwerben. Der Heimgegangene, der älteste Bruder des allgemein bekannten Philanthropen Herrn Isaak Nußbaum, kam vor siebzehn Jahren;n unsere Gemeinde. Sein Haus war den Armen geöffnet. Auch Tauroh ließ der Verstorbene in seinem Hause lernen.* Aus dem Elternhause mit frommem Sinne und religiösem Gemüt ausgestattet, führte sich der Verstorbene stets als frommer Jehudi und erzog auch seine Kinder in diesem Geiste. Er hatte den Lohn, alle seine Kinder und Schwiegersöhne als Schaumre Schab'bos zu sehen. Die große Verehrung, die der Heimgegangene genoß, zeigte sich bei der ''iV- Ein ansehnlicher Teil der Gemeinde versammelte sich im Trauerhause. Unser Rabbiner gab den schmerzlichen Gefühlen beredten Ausdruck. Tiefbewegt ßprach dann der Berliner Bruder seinen Dank für alle Belehrun* gen, die er von dem Verklärten empfangen hatte, aus. Hiernach ergriff Herr Rabb. Dr. N e u w i r t h , Berlin, das Wort, um im Einzelnen die schönen Eigenschaften und 'die jüdischen Tugenden, die den Heimgegangenen auszeichneten, zu schildern. Im Trauer* hause in Berlin sprachen während der npnw Herr Rabb. Dr. AI t mann, Rabb. Dr. Neuwirth und Rabb. Dr. Rose n'w a s s e r. Möge da® r-iiat .des Verstorbenen der Familie und Jisroel beistehen, n":SM?i Die Frankfurter Woche. Leopold Mosbacher VST* Ein Mann eigener Prägung, in seiner Art einmalig und unersetzbar, is{ mit Leopold Mosbacher am Montag, den 28. Tebeth, von uns gegangen. An der Schwelle de® „Heldenalters", hatte sich Leopold Mosbacher für den letzten Weg so gerüstet, wie es früher unsere ganz Großen taten. Er wünschte keine Reden am Grabe, und der Wunsch wurde ihm von einer höheren Vorsehung schon dadurch erfüllt, daß er am iNeumondfest Bat? n*T zur letzten Ruhe kam. Wenn wir es hier dennoch versuchen, einige Züge dieses in seiner Vielfalt und Vielfarbigkeit einzigartigen Lebens festzuhalten, so nur um kommenden Generationen das Bild eines ganzen Menschen und ganzen Juden zu zeigen, wie sie in unseren Reihen nie allzu dicht gesäet waren. Aus der gleichnamigen Kreisstadt im Badischen kam die Familie Mosbacher vor Jahren nach Frankfurt. Ein günstiges Geschick brachte Leopold Mosbacher in seinen Lehrjahren in die Sphäre von Oberrat Altmann und Samuel Strauß S"*r m Karlsruhe, wo er nicht nur seine kaufmännischen Kenntnisse vertreten, sondern auch seine Seele ganz im jüdischen Wissen und Fühlen verwurzeln konnte. In der Frankfurter Heimat war dann Samson Raphael Hirsch ^"xr die große Sonne, in deren Strablenglanz er all seine menschlichen und jüdischen Qualitäten zur vollen Reife brachte. Aus seiner Wahlverwandtschaft mit dem großen Rabbiner wurde nach seiner Verheiratung mit der Tochter des unvergeß* liehen Benjamin Roos b"£\ auch eine familiäre Ver» wandtschaft. Und seitdem fühlte er sich eins mit dem Meister, seinem Werke und seiner Kehilla buchstäblich bis zum letzten Atemzuge, Liebe zu Klall und Kehilla war ein Grundzug seines Wesens. In einer Zeit, .da man noch nicht soviel von Gemeinschaft sprach, hatten wir in Leopold Mosbacher einen Mann, der vom Klallgedanken .durchdrungen und von der Liebe zur jüdischen Gemeinschaft durchglüht war. Auf v/eite Reisen führten ihn ausgedehnte Geschäfte. Wo er sich aber auch befand, ob in Moskau oder in Budapest, in Rumänien, Frankreich oder auf dem Balkan, immer war er wie Joseph auf „der Suche nach Brüdern", ffpa» »a« 'ns m Er war in der Wiener Adaß Jisroel- Gemeinde, so zuhause wie in Frankfurt, und im kleinsten beßarabischen Orte konnte es vorkommen, daß Gelehrte und einfache Leute sich nach dem Wohlergehen von Herrn Leopold Mosbacher erkundigten. Er war für all diese Menschen weit und breit der Typus des Baal Häbajith Hirsch'scher Prägung, und so trug er, der vollendete Mensch und Jehudi, unbewußt den Ruhm der Frankfurter Adaß Jeschurun in die weite Welt hinaus. Wie wuchs doch all die in einem langen Leben angesammelte Liebe in den Jahren, da Krankheit ihn *ns Zimmer fesselte, zu einem Strome an, der überall hinausstrahilte, wo Juden leben und jüdisch leben möchten! Ein typischer Forscher, ein vortrefflicher Kenner jüdischer Geschichte, ein anerkannter Kalendermann, wie es nur noch wenige seinesgleichen gibt, saß er da, Leiden und Schmerzen vergessend, und korrigierte Geschichtsquellen, fertigte Tabellen an für Sonnenauf- und Untergang, für Sabbatbeginn uad-Schiuß, für die Stunde des Tefilin*!©gen© f#r alle Zonen, wo sjich jüdische Niederlassungen befinden. Emigranten verließen die- Heimat und gingen über Meer växi Land, um dort' ihr neues Leben aufzubauen.