Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1937)
- Date
- 1937-01-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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p^^f^^^^^^p JJ^SSI'lpg^^ Feuilleton- Beilage Der Nummer 2 1937 Die Erbend Von Schalom Alechem. Deutsch von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. ,,'Die M e y e r s und die Schneyers". Sie waren eigentlich nur ein Meyer und ein Schneyer, Zwillingsbrüder, die einander so ähnlich sahen, daß es zeitweise fast unmöglich war, festzustellen, wer von ihnen Meyer und wer Schneyer v/ar. "• Als sie nech. Säuglinge war eh, wären sie beinahe vertauscht wor den { vielleicht, aber sind sie tatsächlich vertauscht worden. Das geschah folgendermaßen: ihre Mutter war eine kleine kränkliche Frau, die trotzdem fast jedes Jahr ein Kind zur Welt brachte. Aber die Kinder'überlebten nicht das erste Jahr. Einmal schien es, als habe der Kindersegen ein Ende genommen. Aber es geschehen Wunder, und die Frau bekam in älteren Jähren Zwillinge. Für zwei Kinder reichte die Milch nicht aus, und man mußte trotz aller Armut eine Amme nehmen. Die Mutter nährte Meyer, und Schneyer wurde von der Amme betreut (Meyer war etwa eine halbe Stunde älter als Schneyer). Auch die Amme war von schwacher. Gesundheit, und die beiden Kinder hatten infolgedessen^ keine ausreichende Nahrung und schrieen ganze Nächte vor Hunger. Eines Tages sollten die Kinder gebadet werden. Man legte sie in eine Mulde mit heißem Wasser. Sie wurden feuerrot und schienen sich dabei sehr wohl zu fühlen. Beide Frauen standen vor der Mulde und gössen immer wieder frisches Wasser hinein. Die Säuglinge strampelten mit den Beinchen und bewegten die Aermchen nach allen Richtungen. Als man sie aus dem Bad nahm, wurden sie in ein- und d a s s e 1 b" e Leinentuch gehüllt und zum Abtrocknen in ein- und dasselbe ßett gelegt. Aber als sie .wieder angezogen werden sollten, konnte man bereits nicht mehr erkennen," wer von ihnen: Meyer und wer Schneyer war. Und es entstand zwischen den beiden Frauen der folgende Wortwechsel: „Ich könnte schwören, daß dieser hier Meyer ist und der andere Schneyer." „Was sagen Sie da? Dieser ist Schneyer und jener ist Meyer. Sehen Sie es denn nicht?" „Sie haben wohl den Verstand verloren!" „Sehen Sie sich doch die Augen an und Sie werden erkennen, daß dieser Schneyer ist und jener Meyer." Endlich mengten sich einige Männer ein und einer; von ihnen sagte: : „Wissen Sie was? Legen Sie die Kinder an, und -wer von. ihnen nach der JBrust der Mutter greift, ist Meyer. Das ist ganz ^einfach." Als man die"' Kinder bei der Mütter anlegte, griffen sie beide gierig nach der Brust.;. „G'ttes Wunder! "Seht, wie der Allmächtige die Welt geschaffen hat," sprachen die Männer mit Tränen in den Augen. Dann machten sie den Vorschlag, eine Gegenprobe vorzunehmen und die Kinder bei .der Amme anzulegen;: Und was geschah? Sie glauben;' wohl, daß sie nicht lutsch-' ten? Und; wie; lutschtensie!.... ... r- 1 , Seit diesem T#gef wurde y.aiif die! Unterscnei^ dung.j zwischen Meyer und Senneyjtx verzichtete Man'- nannte [sie/i:fojrt^a.„. „Die: Meyers und;die Schn&yers"^ gleiqhs^m*, ^lsywareb ^s^anfeei Meyers¬ und zwei v Schne^eVsi v dlis"" 'iheiß& jeder-von ^ihuaen wäreh zugleich |ein Meyer vHiiid edh ..>;Schneyer. XT ßftt nui .einmal k,airi es voff daß, d!er; Rebbecini stecken mußte, wenn Meyer etwas angestellt hätte. Damit aber kein Neid entstand, beschloß der Rebbe, stets beide zu verprügeln. Und das geschah auch mit größter Gewissenhaftigkeit. Erst später, nachder Bar Mizwa, traten bei Meyer und Schneyer Merkmale auf, an denen man sie mit Leichtigkeit unterscheiden könnte. G'ttes Wunder! Es begannen bei ihnen auf Wangen und Oberlippen Härchen zu sprießen, bei Meyer schwarze (wie Tinte) und bei Schneyer rote (wie Fetter). Die Bärte wuchsen mit Windeseile, Bei ihrer Hochzeit hatten sie Vollbarte wie richtige Besen. Der eine war ein schwarzer und der andere ein roter Besen. Bisher beschäftigten wir uns ausschließlich mit Meyers und mit Schneyers und lernten, auch ein wenig die Mutter und die Amme kennen. Aber mit keinem Wort wurde ihres Vaters gedacht, als hätten sie, G'tt behüte, überhaupt keinen Vater gehabt. So etwas kannbei uns nicht vorkommen. Wir haben, G'tt sei Dank, keine Fihdelhäuser, in denen Kinder ohne Vater aufwachsen. Bei uns ist es noch nicht vorgekommen, daß ein Kind groß: wurde und nicht wußte, wer sein richtiger Vater war. .Sollte es aber dennoch vorgekommen sein, so geschah das sicher in Odessa oder in Paris oder im fernen Amerika. Für Kaßrilowska kann ich bezeugen, daß sich dort so etwas nie ereignet. hat. Kurz, die Meyers und die Schneyers hatten einen Vater, und sogar einen sehr schönen Vater, der Schimschon hieß. Er war ein ehrlicher Jude mit einem großen, schönen Bart. Man kann sagen, daß Schimschons Bart größer war als sein Gesicht. Ja, man konnte sein Gesicht vor lauter Bart fast gar nicht sehen. Deshalb hieß er auch in Kaßrilowka nicht anders als Reb Schimschon Bart. 7 Wer war Reb Schimschon Bart? Es war einer, der sich sein Leben lang um ein Stück Brot quälen mußte, mit der Armut Krieg führte, wie es bei den Juden in Kaßrilowka gewöhnlich der Fall war. Sie fürchteten die Armut nicht. Als Reb Schimschon Bart gestorben war, wurde er mit großen Ehren zu Grabe getragen; fast die ganze Stadt ging hinter der Bahre her. Man bedauerte nicht so sehr, daß Reb Schimschon nicht mehr unter den Lebenden weilte, als vielmehr, daß die Gemeinde wieder einen Juden verloren hatte. Merkwürdige Leute, diese Juden von Kaßrilowka. Nicht genug damit, daß sie sich kaum satt essen können, würden sie es noch begrüßen, wenn bei ihnen überhaupt niemand stürbe. Ihr einziger Trost ist, daß man überall stirbt, sogar in Paris, und daß sich niemand vom Tode loskaufen kann. Selbst Rothschild nicht, der größer ist als mancher König. Wenn seine Stunde geschlagen hat, fordert man ihn auf, sich in das Jenseits zu bemühen, und ermuß folgen. Und nun lassen Sie uns zu Meyer und Schneyer zurückkehren. Solange ihr Väter, Reb Schimschon Bart, lebte, waren die beiden Brüder ein Leib und eine Seele; Aber nach seinem Tode wurden sie gegen einander feindselig. Und wollen. Sie wissen, warum? Na, worüber entstehen Zerwürfnisse nach dem Tode des Vaters? Selbstverständlich über die Erbschaft. Wohl hat R^h Schimschon weder Felder noch" Wälder, weder Häuser noch Renten oder gar bares Geld hin- , terl^ssen. Nicht: aus Schlechtigkeit oder Geiz, vG'tt bewahre,;sÖndern einzig und allein, weil er v nichts hätte. Aber glauben Sie ja nicht, daß Reb l'Sjchtmschon seinen.; Kindern gar nichts hinterlas- ,j seni-hat.^Er; hafihnen etwas vermacht,., das Geld- . "wer;t hatjünd &äs man jederzeit Verpfänden oder? iverkaufet, &oinnt;e,/:und zftracr sinen Platz im alten. ' ">iBetHaus..;y©n ^Kaßrilowska^ ganz'- vorne an der ' ^Östwancfc ^ebjent dfem Plalz ^d^s;Kabbiners^Reb dps^fl.; Ab^r ^in»^Klci|^gk€*t .fcajtW Reb Schim-. ^sSn^-^^'an^u^^en' yer^e^se^'wer den Platz llifti jtethäiis^ €:fb'^;ckol^t^..J^sy#'^=^t, Schn$y£r.;| Sicher hatte Reb Schimschon nicht daran gedacht, daß der Tod so nahe sei. Ihm war es nicht , in den Sinn gekommen, daß der Todesengel uns auf Schritt und Tritt begleitet, sonst hätte er sicher ein Testament gemacht oder den Erben vor Zeugen bestimmt. Der erste Streit zwischen den beiden Brüdern dürfte wohl am Sabbat nach Schloschim (das sind die dreißig Trauertage) begonnen haben. Meyer sagte, daß von Rechtswegen ihm der Platz im Bethaus zukomme, denn er sei der ältere. (Wir wissen ja, daß Meyer etwa eine halbe Stunde früher als Schneyer geboren wurde). Schneyer wiederum brachte zwei Argumente vor: erstens wisse man nicht, wer von ihnen der ältere sei, denn nach den Angaben ihrer Mutter wären sie als Säuglinge vertauscht worden, und infolgedessen körine er, Schneyer, ebensogut Meyer sein,, und Meyer müßte demnach Schneyer sein. Zweitens habe Meyer einen sehr reichen Schwiegervater mit einem eigenen Platz an der Ostwahd. Da dieser, aber keinen Sohn habe, werde der Platz, so G'tt will, über hundertzwanzig Jahre sowieso in Meyers Hände kommen. Dadurch werde Meyer zwei Plätze an der Ostwand haben und er, Schneyer, nicht einmal einen halben Platz. Ist das gerecht? Ist das menschlich? . Als Meyers Schwiegervater, ein reich gewordener Mann, Schneyers Ausführungen mitahgehört hatte, geriet er in furchtbaren Zorn und sagte: ' „Das ist doch eine Frechheit ohnegleichen. Ich bin noch nicht vierzig Jahre alt und habe die Absicht, noch recht lange zu lebejv Woher weiß eigentlich Schneyer, daß ich nie einen Jungen haben werde. Im Gegenteil, meine Frau wird mir sicher noch mehrere Knaben schenken. So eine Frechheit!" Um dem Streit ein Ende zu machen, legten sich einige Männer ins Mittel und schlugen vor, den Platz im Bethaus abzuschätzen. Dann müßte . der Bruder, der den ganzen Platz beansprucht, dem anderen die Hälfte des Wertes auszahlen. Aber die Brüder wollten von diesem Handel nichts wissen. Am ersten Sabbat kam Meyer ein wenig früher in das Bethaus und setzte sich auf den Platz seines Vaters. Schneyer mußte die ganze Zeit stehen. Am zweiten Sabbat war Schneyer früher da und setzte sich auf des Vaters Platz. Diesmal mußte Meyer die ganze Zeit stehen. Am dritten Sabbat stand Meyer in aller Frühe auf, nahm den Platz seines Vaters ein und zog den Tallis über den Kopf .Als der vierte Sabbat gekommen war, erhob sich Schneyer noch "früher und eilte in das Bethaus. Diesmal setzte eisich auf den Platz des Vaters und verhüllte seinen Kopf mit dem Tallis. Das ging so lange, bis sie am Schabat Hagadol gleichzeitig vor dem Bethaus ankamen. Das Bethaus war. noch geschlossen. Sie stellten sich vor die Tür und sahen sich voll Grimm und Zorn an, wie zwei Kampfhähne, die jeden Augenblick bereit sind, loszugehen und einander die Augen auszupicken. So konnten einmal die ersten feindlichen Brüder Kajin und Abel auf freiem Felde unter G'ttes Himmel einander gegenüber, gestanden haben. Und doch darf man nicht vergessen, daß Meyer und Schneyer Kinder anständiger-Eltern wären. Sie wären noch nicht so .weit gekommen,; daß sie tatsächlich einander irgendein Leid zufügen wollten. Sie standen und warteten aüR.E|- riel, den Scham.es, ' der jeden Morgen die Tür . zum . Bethaus, aufschloß.;Die Minuten des War- - iens schienen ihnen; jeine' Ewigkeit; Endlich kam Esriei mit dem-Schlüssel. Aber er; konnte nichi" .an-; das Schloß heran, denn die beiden Brüder c standen; davor und keiner wollte von der Stelle 1 weichen;, um nicht den Äugenblick zu Versäumen, / •alsr erster in: das Bethaus zu gelangen und Platz zu besetzen. ■[ : {SQhltöjiolgtf f