Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1937)
- Date
- 1937-01-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450961-2450963--82708-2540659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Nr/'2 Der Israelit 14. Januar 1937 hier viel davon ab, ob auch .bei den anderen Völkern eine Wiedergeburt der Religiosität bevorsteht, oder ob es bei der heute, wenn auch etwas schwächeren so doch noch immer genu< starken Herrschaft eines anmaßenden Materialismus bleibt. Jedenfalls ist es ratsam, sich be. diesen Massen selbst vom energischesten Vorstoß nicht zu viel zu versprechen. Kühner in unseren Hoffnungen dürfen wir bezüglich der liberalreligiös Erzogenen des Wes tens sein. Doch auch hier nicht bezüglich ihrer Intellektuellen, — die nicht bescheidener als die intellektuellen Gottlosen sind und deren G'ttesglaube oft sehr dürftig, zuweilen auch bloß vorgeschoben ist, — sondern in Hinsicht auf die Menge, die ihnen folgt. Diese ist ihren Führern auch nicht mehr so hörig, wie die Massen der Gottlosen den ihrigen. Vom Hause aus für die Stimme des jüdischen Gewissens empfänglicher, ist sie es durch die großen Katastrophen der unmittelbaren Gegenwart sicherlich noch meh geworden. Es bedarf nur eines wuchtigen Zu rechtrückens ihrer Köpfe und Herzen. Der psy chologische Moment war schon da, in dem es mit unfehlbarer Gewißheitdes Erfolges hätte geschehen können und — rviipht geschah. In ihrer Selbstzufriedenheit von der einen und in ihrem Mangel an Selbstsicherheit von der anderen Seite ließ ihn die Orthodoxie ungenützt, überließ sie die Ratlosen, die Verzweifelten, die Suchenden, die ins Ungewisse Bereuenden den auf der vollen Höhe der Propagandakunst stehenden Besitzern der einzig wahr sein sollenden Religiosität, d. h. der alten Verstrickung. Nun scheint sich ja der psychologische Moment etwas übermäßig ausgedehnt zu haben und scheinen, was der Allmächtige verhüten möge, noch solche Momente zu drohen, sö daß das Versäumte vielleicht noch nachzuholen ist, Wenn nur wenigstens jetzt die führenden Persönlichkeiten sich hervorwagen und mit den alten unsympathisch-idyllischen Methoden äuf^ räumen wollten. Genug der Uebung, die Differenzen innerhalb der Orthodoxie, sowohl die tatsächlichen als die aus Rechthaberei stammenden, totwichtig zu nehmen! Genug der abgeschmackten Entrüstung über Einzelheiten der religiösen Entfremdung! — diejenigen, die es angeht, wissen ja nicht, daß und womit sie sich vergangen haben, wissen nicht, was sie mit solcher Entrüstung anfangen sollen und finden sie und das ganze Getue darum herum lächerlich. Genug all diesen Kleinzeugs, sondern mit Sturm hinein in den Sturm! Sturm auf die Seelen der Aufgewühlten, der Suchenden! Wie viele doch von ihnen, die unter der Schwere der-Ereignisse erschauern, strömen in die liberalen Synagogen. Keinem fällt es auch nur ein, sich in einer orthodoxen Trost zu holen. Und wenn es einem einfiele, er könnte ihn in dem nur auf jüdischkeitsbewußfe Besucher abgestimmten G'tteshaüse nicht finden. Da heißt es, sie durch geeignete Kundmachungen an geeigneten Tagen und zu geeigneten Stunden zoi besonders für . sie veranstalteten G'ttesdiensten zu bringen. Und nicht bloß für eine ästhetische Abrollung der heiligen Handlungen zu sorgen — vor der Nachäffung der kühlen Förmlichkeit liberaler G'ttesdienste sei* besonders gewarnt — sondern das den Entfremdeten Fremde oder Fremdgewordene in seiner religiösen und religiös erzieherischen Ursprünglichkeit so stark und so schön zu bieten, daß sie zumindest nachdenklich werden. Da heißt es, nicht in der eigentümlichen Diktion, die sich die Orthodoxie angewöhnt hat und die den Fernestehenden abstößt, zu predigen und keine Ausfälle gegen diejenigen zu machen, die von der Tradition abgewichen sind, sondern den Verstörten den innigen Zusammenhang der jüdischen Idee mit den Vorschriften des Religionsgesetzes und ein leuchtendes und lockendes Bild der treuen Jüdischkeit als eines seelischen Heimes sondergleichen zu zeigen. Von selbst müssen die Hörer darauf kommen, daß das ihnen hier Gebotene etwas ganz anderes, Sichereres, Standfesteres ist als das, was man ihnen sonst vorzusetzen pflegt. Und nach diesen, Methoden müßte in Zeitschriften geschrieben 'werden, die für den Vorstoß besonders herauszugeben wären Clubs, um in intimerem Kreise . den Entfremdeten näher zu kommen, müßten gegründet werden. Kurse zur Unterweisung der Interessierten in jüdischer Lebensführung wären einzu richten. Von allgemeinen Versammlungen ohne g'ttesdienstlichen Charakter wäre . aber . abzusehen. Sie ziehen hinab statt hinan, sie lass in die Stimme des-Verführers im Vorteile sein. " Weit mehr noch als bei den liberal-religiösen Durchschnittsmenschen des Westens läßt sich bei demjenigen Teile der Östlichen Massen erreichen, der in der Beobachtung der religiösen Vorschriften salopp geworden ist, aber sich doch noch mit dem Religionsgesetz verbunden fühlt und den ich mit dem Ausdrucke ,,die Halben" bezeichnen möchte. Der Kampf um ihre Seelen ist in einem mit dem Kampfe um noch andere Seelen zu führen: Mit dem Kampfe um die Seelen der „Ganzen", mit denen sie fast noch im selben religiösen Milieu leben.. Die ,,Ganzen", das sind nämlich wir selber oder besser; das glauben wir zu sein. Und damit komme ich auf den letzten Punkt zu sprechen, der <m Grunde der erste hätte sein sollen — auf den Vorstoß .in. unsere eigenen Reihen. Oder können wir uns etwa einbilden, bei den anderen zum Ziele zu kommen, wenn sie sehen, daß bei den Mahnern auch nicht alles stimmt? Oder giauben wir gar etwa, daß unsere Leute, die sich zum alten traditionellen Judentum bekennen, Volljuden sind? Daß sie auch nur das-.Religionsgesetz. so erfüllen, wie .es erfüllt werden soll, geschweige die inhaltlichen Gebote des Judentums? Sehen wir denn nicht haarscharf, daß auch sie zu den Entfremdeten gehören? Da gilt es — auch ihre Herzen sind durch die furchtbaren Ereignisse aufgewühlt — mit aller Kraft und ohne Furcht vor dem Widerstand der Dummen und der Böswilligen zu stürmen, Sturm zu laufen gegen alle Verflachung der G'ttesfurcht und der ethischen Gesinnung, sowie gegen alle Formlosigkeit. Da gilt es, allen den frommen Irrenden, die ahnungslos vor verhängtem Heilig- , tum stehen, eine Ahnung zu geben von der führenden Rolle des Judentums im großen, Weitendrama G'ttes, von der Äuserwählüng als dem Ausgangspunkt und von Moschia'ch . als dem Zielpunkt des Weges, den Israel in steigender .Selbstvervollkommnung gehen muß. . Und darum rufe ich allen, die ecKtes Führertum in sich fühlen, zu: Was das Chassidus schon einmal in seiner Weise tat,' — daß es ejrien frischen Zug in die erlahmende jüdische Welt brachte — das tut jetzt in eurer Weise! Uebersehet nicht die große Notwendigkeit, äußere Verhältnisse anzustreben, die die Massen für den Aufstieg geeigneter machen,, aber vor allem schiebet das große Werk der geistigen Sammlung nicht auf! Sammelt . unsere „Ganzen", sammelt die „Halben", sammelt sie in losen Zusammenschlüssen um euch! Ihr braucht keine Wunder zu zeigen, ihr braucht bloß durch euern überquellenden Glauben ein neues Glücksgefühl, eine neue Moschiach'sehnsucht, den heißen Willen, G'tt ganz zufriedenzustellen, in ihnen auszulösen. Und der Segen des Gelingens wird. groß sein, größer als ihr euch je gedacht habt Er wird zu denjenigen ausstrahlen, die aus der vollen Entfremdung herausgeführt wurden, er wird die siegreiche Arbeit an diesen vervoll- - ständigen. Nehmet die Sache des Vorstoßes nicht leicht! Sie ist wichtiger als vieles, was euch bisher als wichtig erschien. Tröstet euch auch nicht mit; der alten Ausrede, daß G'tt ein kleiner Kreis von Treugebliebenen genüge. Es ist nicht wahr. . Das ganze Volk hat er ausgewählt für alle Zeiten; Das ganze Volk hat er heilig haben wollen, will er heilig haben. G'tt wartet darauf, und wir haben in jedem Augenblicke die Pflicht/ alles zu tun, damit er nicht zu lange warte. An dsese Pflicht seid gemahnt! (Der Aufsatz ist einem Sammelwerke entnommen, das sieben Rufe unter folgenden Ueberschrifteri enthält: „Aufstand",.: „Verländ-' lichung", „Knesseth Jisroel", „Der Vorstoß", „Auf ewigem Fundamente", „Vor. allem der innere Aufstieg" und „Moschiach'-'; Kühne Birnbaum'sche Gedanken erhalten hier in Sprache und Form echte Birnbaum'sehe Eigenprägung. Dieser eine „Vorstoß" zeugt für die anderen. 'Das Buch ist in gefälliger Aufmachung'bei U'it g e - v e r i j Messilo', Antw erp'en. beziehbar.) Korrespondenzen, Deutsches Reich. Erste Sitzung der neuen Repräsent»ntenvCrsammlung. Berlin, 12. Jan. 3ei der Konstituierung der neuen Repräsentantenversammlung wurde das Präsidium der Repräsentantenversammlung einstimmig und der Gemeindevorstand mit großer Mehrheit wiedergewählt. Direktor Heinrich Stahl bleibt wieder Vorsitzender des Vorstandes. .. . Gleich nach der Wahl hielt der Vorsitzende, 3Di.= 'rektor Stahl, eine programmatische Rede, in, der er zunächst auf die Entwicklung der Gemeinde in den letzten Jahren und auf ihre Beziehungen zu den lnzwischen ins Leben getretenen Körperschaften hinwies. Alle seien vom Bestreben erfüllt, aus den jüdischen Menschen die jüdische Gemeinschaft .zu gestalten. Die Bedeutung der Gemeinde und der von ihr geleisteten Arbeit werden heute allgemein anerkannt. Es sei mit Genugtuung zu verzeichnen,daß die besten Kräfte heute der Gemeindearbeit zugeführt werden, wenn auch die Formen, in welchen, siph oft der Zudrang zu der Genieindearbeit äußert, nicht immer erfreulich, seien. Alle Arbeit;jmüsse ausschließlich von den Interessen der jüdischen, Gemeinschaft diktiert sein. Er hält die Einheit und die Geschlos* senheit der Gemeinde für das heiligste Gut. Zu den" Hauptaufgaben Jüdischer Gegenwartsarbeit gehören Betreuung der Menschen, hier und Regelung, des Aus* Wandererstromes. Die Repräsentanten .hätten .sieh, als Träger jüdischer. Gern ei n d e t r ad i.t.ion zu empfinden. (Die Traditionen des Judentums-sind, indes noch älter ^als .die jder Gemeindey. und wir wollen hoffen, daß: es. so gemeint i§t,. daß die Gemeindetraditionen nicht in Widerspruch mit den heiligen Traditionen der „Gemeinde Israels"...stehen)... 1 Es werden darauf die einzelnen Mitglieder. der.; Versammlung in ihre Aemter eingeführt und Herr '• David Heiman h als Alterspräsident dankt dem bisherigen Präsidium und dem;Gemeindeyprstand. Auch andere Repräsentanten sprechen Direktor Stahl . ihr Vertrauen aUs und'begrüßen ihn als Verkörperung äder'Gem&ihdeeinheit. Eä folgt dann die Neükonstitii« iierung der Versammlung und die""Neuwahl des" Ge-' 1 meindevorständes, die " das obenerwähnte' Resultat. ergeben. - "'; ■ '' 1 Die Zahl der Juden und Mischlinge „ in Deutschland. „,..• •' . B.e r 1 i n , 11. . Jan. Bei der Einweihung eines Thüringer Aerztehausas in Weimar hielt Reichsärzteführer Dr. Wagner eine Rede, in der er, nach einem Bericht des „Berliner Tageblattes",- ausführte, daß. dem Schutz von Blut, und Rasse alle anderen Fragen untergeordnet wer-, den müßten. Der weiteren Vermischung mit frem=. dem Blut hätten die Nürnberger Gesetze Einhält ge* - boten. Es gebe heute in Deutschland 500,600 Juden, 200.000 Halbjuden und 100.000 Vierteljuden., Schön '/ in der nächsten Generation werde es keine Halb« juden mehr geben. . Viele Von ihnen sterben' ohne Kinder, aber die anderen Kinder würden Vierteljtfden sein, für die die Ehegenehmigung eingeführt-ist.