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Der Israelit · 1937-01-14 · Heft 2 (14.1.1937) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 2 (14.1.1937)
Date
1937-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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14. Januar-1937 Der Israelit Nr. 2 Seite 3 Zur religiösen Lage der jüdischen Jugend. (Fortsetzung von Seite 1.) dischen Geschichte, die einen anderen Weg versuchten, .der Götzendienst und das Sadduzäerium, Karäertum und Urchristentum, blieben auf die Dauer jüdisch-geschichtlich unwirksam. Sie lebten nicht aus unserer Volkssubstanz. Beruht also jüdisches Leben auf Gesetzergebenheit, so erst recht jüdisches Führertum. Praktisch gesprochen: auf dem Eifer in Erfüllung und Studium — Studium ist schon ein Teil der Erfüllung — des Gesetzes. Widersinnig erscheint hier der Führungsversuch, der nicht daher rührt. Das naive Volksbewußtsein ist nicht imstande, einen, jüdischen Wegweiser auch nur ernst zu nehmen, der nicht zu selbständiger Behandlung einer talmudischen Materie imstande ist. Es fehlt ihm ja die Kontinuität der jüdischen Geschichte, und vornehmlich ihr Gehalt. Wer nicht die überlieferte Lehre durch eigenes Lernen und Denken zu erfassen gesucht hat, kann somit nicht jüdisch lehren und denken. Verwundert sieht die thoratreue Jugend sich vor die Tatsache gestellt, daß der überwiegende Teil der jüdischen Jugend in Deutschland sich mit einem jüdischen Weg begnügt, der auf eigentliche Kontinuität verzichtet, und Führer anerkennt, die im jüdischen Kernwissen, nämlich dem „Lernen", dem Durchschnitt des thoratreuen Kreises unterlegen sind. Das gilt gleichermaßen für die schon lange jüdisch strebenden Kreise, also auch für die erst von außen her auf ihr Judesein Verwiesenen. Wie ist diese Genügsamkeit zu erklären und zu beheben? Wie ist der seelische Riß in der Judenheit 'der Gegenwart 50W0hl als auch zwischen ihr und der Vergangen heit zu überwinden? Denn — und damit komme ich zur Erklärung — der tiefste Riß durch die Judenheit der Gegenwart ist der zwischen Orthodoxen und Nichtorthodoxen, besser: zwischen den Thoratreuen und Nichtthoratreuen. Es stehen Sich gegenüber die Einstellung auf G'tt und die auf die Welt. Und die, die nur auf die Welt schauen, sind eingeteilt in solche, die den Nachdruck auf die materielle Kultur legen und solche, die das Leben aus dem Geiste begreifen. Wohl die Mehrheit der jüdischen Jugendlichen in Deutschland denkt in vorderster Reihe an den materiellen Aufbau unseres Volksdaseins, sei es in Palästina oder sonstwo. (Denn selbst dieser Gegensatz ist zweitrangig gegenüber dem Problem Orthodoxie oder nicht.) Wenn auch zuweilen von einem hinter der sozialen und politischen Volksgestaltung liegenden geistigen Ideal gesprochen Wird, SO tritt dies dann aber zeitlich, und nicht nur zeitlich in den Hintergrund. So wie die Moderne überhaupt Politik und Wirtschaft der Wissenschaft und Kunst gegenüber bevorzugt, so spiegelt es sich in der jüdischen Jugend wider, und sie sucht kaum, gewiß aber nicht mit dem ganzen Ethos ihrer Jugendlichkeit nach der echten geistig-seelischen Substanz jüdischen Volksdaseins. Der andere Teil der Nichtthoratreuen lebt wohl .im-Geiste und sucht seinen Standpunkt zu legitimieren, wozu nur die Geschichte als Lehrmeisterin verwandt werden kann. Das zwingt zur Auseinandersetzung mit den Thoratreuen. Da werden Begriffe der jüdischen Geschichte gewählt, ihre Form, oft wirklich; ihre höchste Form übernommen, aber ihr eigentlicher ursprünglicher Gehalt bleibt unausgenützt, unerworben. G'ttes Wirken in der -jüdischen Geschichte wird zum „Anruf der Geschichte" abgeschwächt, die Wucht des jüdischen Gesetzes verblaßt zu einem allgemeinen iBegfiff der „Tat". Da fragt es sich, wie so ernst, strebenden, atifopferungsbereiten Menschen dieser Fehler, ja Irrtum entgehen kann. Durchsucht man die Argumente gegen die rückhaltlöse Hingabe an Anschauung und Forderung der Thora, so ist ihr echtester Gedanke: Wir können nicht! Wir können nicht in uns die Ueberzeugung aufnehmen, daß die Offenbarung ein einmaliger historischer Akt seir und daß dieser historische Akt auf ewig gelten soll. Dieses Nichtkönnen beruht in der Mehrbewertung des Wechselnden in der Welt gegenüber dem ewig Gleichen, beruht letztlich in einer Mehrbewertung der Einstellung auf die Welt gegenüber der Einstellung auf G'tt. In vergeistigter Form wiederholt sich der Fehlgriff einer tief greifenden geistigen Assimilation an Europa, der sich bereits bei den Streitern der materiellen Kultur herausgestellt hat. Es bedürfte des einmaligen großen Entschlusses der am Karmel von einem polytheistisch assimilierten Volk gefaßt wurde: Haschern (unübertragbar) ist doch der G'tt! Die Ereignisse 1933 haben diesen einmalig-plötzlichen Entschluß nur bei wenigen erweckt. Angesichts der Tiefe des Gegensatzes zwischen Thoratreuen und Nichtthoratreuen mußte der Weg der thoratreuen Bünde wesentlich intern gerichtet sein. Recht hatten sie darin, sich nicht nach manchem Wunsch auf Rückgewinnung für die Thora zu konzentrieren. War doch genügend im eigenen Lager zu leisten! Ein großer Teil des bisherigen religiösen Denkstoffes war entfallen: die Auseinandersetzung mit Naturwissenschaft und Bibelkritik. An dessen Stelle trat in erster Linie das Lernen aus den für das Judentum verbindlichen Geisteswerken. Als neue Macht geistigen Einflusses steht die östliche Jeschiwah da, wo selbst sich zur Zeit nicht weniger als 150 Jugendliche aus den thoratreuen Bünden Deutschlands befinden. Der Einfluß, der von dort ausgeht, ist von ganz eigenartiger Struktur. Die Jeschiwah lehrt, daß die richtige Einführung in jüdische Werte nur in einem Milieu erfolgtenfkann, in dem Menschen leben, denen keine Anstrengung zu groß und keine Zeit zu lange währt, wenn es sich um Lernen dieser Aufgabe handelt, in der Menschen leben, die 5 bis 10 Jahre ihres Lebens ausschließlich hingeben. Das Studiumverfolgt keinen beruflichen Zweck, sondern erkennt den Selbstwert des Wissens um G'tteswort und seine Persönlichkeit' bildende Bedeutung. Nur in der Jeschiwah, so gilt dort die Meinung, lernt man es, wie das Wort der Thora jede Regung und Bewegung „im Hause und draußen, beim Schlafen und Wachen" beherrscht. Hiermit ist die Jeschiwah zum einflußreichen Erziehungsfaktor geworden. Neben dem ,,Lernen" ist nun eine andere Problematik aufgebrochen, die ihren konkreten Ansatzpunkt in Erez Jisrael hat, und die wieder in unmittelbare Beziehung zu den Nichtthoratreuen führt und zur Frage der Ueberbrückung zwingt. Das ist die Frage, wie eine Lebensgestaltung, d. h. eine Formung der materiellen Kultur durch die Thora durchzuführen ist, wie sich die Thora zum Leben verhalte. Das jüdische Leben in Erez Jisrael ist nicht durch die Thora gestaltet worden. Aber indem heute die Thoratreuen eingegriffen haben, nicht nur durch Lernen, Beten und Handeln, sondern durch Arbeit, harte körperliche Arbeit, tut sich das Problem auf: Wie hätten wir das Land aufgebaut? — um dann die Tendenz der heutigen Kämpfe festzulegen.' Eines ist sicher, wenn auch nicht in allen Teilen der thoratreuen Jugend erkannt; Es genügt nicht, einen möglichst konfliktfreien Thoraaufbau zu errichten, also einen vorhandenen nur durch die Thora zu korrigieren; denn dann wäre das Ergebnis immer nur ein Kompromiß. Als Ideal muß uns vielmehr ein Palästina vorschweben, das dem alten Erez Jisrael näher verwandt ist als -dem modernen Europa. Der Weg dahin führt aber über die Rückgewinnung der Thoraentfremdeten. Das wichtigste Mittel, das die thoratreue Jugend dazu wählen muß, ist die Selbsterziehung. Die Thora muß auch in ihren allgemein ethischen Teilen durch ihre Menschen so konsequent gelebt werden, daß die erzieherische Kraft der Thora, vielleicht nicht die Massen, aber gerade die Edelsten für die Thora gewinnt. Es muß der Gedanke vorgelebt werden, daß wirkliche Ethik nicht in der Einstellung auf die Welt, sondern nur in der Einstellung auf G'tt verwurzelt sein kann. Dies scheint mir die Brücke zu sein, die die Einigung des jüdischen Volkes um die Thora ermöglicht. Wochenrundschau. Ein neuer schwarzer Erdteil für Juden entdeckt. — Was sonst aus Polen berichtet wird. — Späte Sühne. — London- Ost. — Elte Araber machen mit. — Unkluge und unwahre Äußerung. —- Flammenzeichen? Die Nachrichten aus Polen lauten nicht stihr erfreulich. Judennot ist unvergleichbar mit anderen „Nöten". Spricht man von „Arbeiter'riöt", so meint man damit, daß es an Arbeitskraft mangelt; Wassernot ist gleichbedeutend mit Dürre. Judenno t aber herrscht da, wo es viel, oder, wie die Polen glauben, zuviel Juden gibt. . Polen , hat das größte jüdische Zenr trum in Europa, es zählt rund dreieinhalb Millionen Seelen. Das wäre noch erträglich, wollten die Polen in den jüdischen Mitmenschen gleichberechtigte Bürger sehen, denen zuliebe man ein bißcben einrückt. Der mit der Staatserneuerung erwachte Nationalismus läßt aber in den Juden ,Fremde'' sehen, und so möchte man sie in der Rauöinot auf irgend eine Weise los werden, Daher die Sucht und Suche nach Kolonien, lies: neuen, Golusländern für die Juden. Nach Madagaskar taucht nun das L i b e r i a - E xp e r i - m e n t auf / Nach Berichten polnischer Blätter. soll bereits zwischen der polinischen Meeres- und Kolönialliga und der Regierung der afrikanischen Negerrepublik Liberia ein Abkommen geschlossen worden sein, wonach Liberia Polen ein großes Gebiet zu Kolonisationszwecken überläßt. Andere polnische Zeitungen berichten über Verhandlungen mit Brüssel über Ansiedlungsraum in Belgisch- Kongo. Die Juden Polens werden sich nach wie vor dagegen sträuben, daß man sie als „überschüssige Elemente" nach irgendeinem schwarzen Erdteile verfrachtet. Was aber nicht ausschließt, daß ein Teil des jüdischen Wandererstromes auch nach Liberia abgelenkt werden kann, vorausgesetzt, daß das Land den Auswanderern günstige Ansiedlungs- und Lebensbedingungen bietet. Inzwischen drängen die Verhältnisse in Polen leider zum Heimatwechsel für die Juden. Das neue Schlacht u n gsgesetz ist mit dem 1. Januar in Kraft getreten und bringt für die Großstadt, so für Warschau und Lodz, noch größere Härten, als man erwartet hatte. Es ist nicht allein eine Fleischsondern in erster Reihe eine Brot frage — in erster Reihe für Zehntausende von Juden, die im Fleischergewerbe tätig waren, und auch eine Lebensfrage für unzählige Gemeinden, die aus den Koscherfleischgebühren ihren Etat bestritten, nicht zuletzt für das große Heer von Schochtim in Stadt und Land, die nun zum Teile brotlos werden. Und überdies hören die großen und kleinen Ausschreitungen gegen juderi nicht auf. In den letzten Tagen fanden schwere Ueberfälle auf

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