Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1937)
- Date
- 1937-01-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 1 D I 5 r a e 1 i t 7. 'Januat 1937. Kaschruth einer Großstadt wie London ist das Erziehungswesen. Eine vor kurzem stattgehabte, von den verantwortlichen Persönlichkeiten einbeni fene Notabeinversammlung beschäftigte sich insbe sondere mit der traurigen Läge der Mädchen er ziehung in London. Viele tausende von Mädchen erhalten überhaupt keinen Religionsunterricht, und selbst aus noch relativ frommen Häusern des Eastends geht eine Generation vollkommen assimilierter junger Töchter hervor. Es kann kaum anders sein, da selbst dann, wenn diese Mädchen hie und da in den Abendstunden eine homöopathische Dosis von Religionsunterricht erhalten, der assimilierende Einfluß der öffentlichen Schulen dadurch nicht wett gemacht werden kann. An und für sich sieht es in der großen Masse auch in der Knabenerziefaung nicht besser aus, nur daß hier immerhin eine gewisse, wenn auch nicht sehr große Anzahl von guten oder halbwegs guten Talmud Thoras und einigen Jeschiwohs wenigstens kleine Gruppen von unterrichteten Bne Thora zu erzeugen vermögen. Für die schulentwachsene Jugend beider lei Geschlechts bemüht sich Iii der letzten Zeit d: von Litauen hierher verpflanzte Tiferes Bachurim-Bewegung, zahlreiche Schiurim. einzurich ten. Der Schöpfer der Tiferes Bachurim-Bewegüng, Raw B i s k o , entfaltet auf diesem Gebiete eine starke Energie. Wenn auch auf der einen Saite zu bedauern ist, daß durch diese neue Vereinsgründung die Zersplitterung der religiösen Jugend in die verschiedensten kleinen Organisationen noch eine Zunahme erfährt, so mag es doch sein, daß manche Fernstehende durch den unpolitischen Charakter dieses reinen Lern verein® angezogen werden. Die Zeiirei Agudas Jisroel, die im Nor* den und Osten Gruppen besitzen, haben sich in der letzten Zeit zusammen mit dem Lernverein Ben Zak* kai und den Jugendgruppen des Sinai und des Mis rachi zu einer Art Koalition unter dem Namen „Council of orthodox Youth Orgamisations" zusammengefunden. Der Council will die Arbeit der Orga nisationen koordinieren, ohne in ihre innere, Autonomie einzugreifen. Der Krebsschaden, an dem das orthodoxe Judentum in London sowohl wie in den Provinzstädten krankt, ist nicht sowohl der Mangel an individuell religiös denkenden und lebenden Persönlichkeiten, sondern vielmehr das völlige Fehlen jeder ein* heitlichen Organisation. Gelänge es der britischen Agudas Jisroel in den verschiedenen Stadtteilen Londons, wie auch in den größeren Städten des Landes, die tatsächlich vorhaa* denen Gesinnungsgenossen zu sammeln, sie zu regelmäßigen Zusammenkünften und Aussprächen zu vereinigen und mit dem Dogma zu brechen, daß regelmäßige Jahresbeiträge in diesem Lande nicht üblich seien, so würde ein ungeheurer Schritt zur Gesundung des ganzen religiösen Lebens geschehen sein. Vorläufig sieht es allerdings nicht danach aus, als ob sobald mit einer solchen Entwicklung zu rechnen sei, weil niemand die Initiative ergreift. i Afrika. Die Zahl der Juden in Südafrika. Johannisburg, 31. Dez. Zur Richtigstellung übertriebener Angaben, die in der judengegnerischen Presse erschienen sind, teilt die offizielle Vertretung der südafrikanischen Juden* heit, der South African Jewish Board of Deputies, in einer Erklärung mit, daß es zurzeit in Südafrika 95.000 Juden gibt, die etwa 4,75 Proz. der Gesamtbevölkerung ausmachen. In der südafrikanischen Presse, so heißt es in der Erklärung des Board, sind jüngst völlig irrige und irreführende Zahlen über die jüdische Bevölkerung in Südafrika veröffentlicht worden. Es wurde erklärt, daß die Juden 7—7% Proz. der europäischen Be* völkerung ausmachen, und demgemäß wurde die Zahl der jüdischen Bevölkerung mit 130.000 bis 140.000 berechnet. Die tatsächlichen Verhältnisse sind die folgenden:: Die Ziffern der Zählung von 1936 sind noch nicht zusammengestellt worden. Nach höchst verläßlicher Schätzung der natürlichen Vermehrung und nach den amtlichen Einwanderungszahlen beträgt die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1936 etwa 95.000 Dies macht knapp 4,75 Proz. der gesamten jetzigen europäischen Bevölkerung von etwas über zwei Mil Iionen Seelen aus, gegenüber 4,25 Proz. bei der Zäh lung von 1926. Nicht weniger übertrieben und irreführend, heißt es zum Schluß, sind die Behauptungen über den Um fang der jüdischen Einwanderung. Tatsächlich zeigt die offizielle Statistik, daß in den fünf Jahren bis Dezember 1935 . die Einwanderung von Juden aus allen Ländern insgesamt durchschnittlich 907 Perso nen jährlich umfaßte. Richtig ist es, daß 1936 die Zahl def Einwanderer aus Deutschland stieg und im Oktober ihren Höhepunkt erreichte. Doch ist dies darauf zurückzuführen, daß am 1. November ds>. Ts.4 die neuen Einwanderungsvorschriften in Kraft ge treten sind. Neuregelung der Einwanderung nach Südafrika. Johannesburg, 31. Dez. Der südafrikanische Jewish Board of Deputies hat als Entgegnung auf die im Zusammenhang mit der Neuregelung der Einwanderung entfaltete Propaganda für vollständige Ausschaltung von Juden bei der Ein= Wanderung eine Erklärung „an die Bürger Südafrikas" veröffentlicht, in der er seine Grundsätze über jü dische Einwanderung nach Südafrika darlegt. In der Erklärung wird festgestellt, daß die südafrikanische Bevölkerung dafür eintritt, daß nur der beste Einwanderertypus ins Land kommt. Sie begrüße es daher, daß eine Qualifikation der einzelnen' Einwanderer auf Grund persönlicher Charaktereigenschaften, wirtschaftlicher Stellung, Beruf und kultu* rellen Niveaus gefordert wird. Dagegen, könne sie der Auffassung nicht zustimmen, daß den Interessen der südafrikanischen Nation gedient wäre durch unterschiedliche Behandlung von Ein wander ungsbe werbern auf Grund von Rasse oder Religion. Die; jüdischen Bürger Südafrikas würden mit" allen gesetzlichen Mit* teln dem Bestreben, Juden als Juden von .der Einwanderung auszuschließen, entgegentreten.'V Es wird sodann in Abrede gestellt, daß es zwischen den nicht jüdischen und jüdischen Bürgern Südafrikas einen Interessenwiderstreit gebe. Die Behauptung, der jüdische Einwanderer besitze keine Änpas* sungsfähigkeit, wird zurückgewiesen. Es.;gebe kein Gebiet des nationalen Lebens in kulturellem, sozialem und wirtschaftlichem Sinn, auf dem die Juden sich mit der nichtjüdischen Bevölkerung nicht völlig identifiziert hätten. Anfängliche kulturell© Unterschiede zwischen dem Neueinwanderer und der alteingesessen nen Bevölkerung verschwänden sehr rausch und seien bei der nächsten Generation nicht mehr zu bemerken. Die Religionsverschiedenheit habe auf diesen Prozeß keinerlei Ekifluß. Auch die Vaterlandsliebe: des Juden für sein Geburts- oder Wahlland könne ehrlicherweise nicht bestritten werden. Wie* in anderen Ländern, so hätten, auch'in Südafrika die Juden in einer ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechendem Ausmaß dem Lande gedient. Was die jüngste Einwanderung von Juden aus Deutschland betrifft, so habe weder der Board noch, eine andere jüdische Organisation unterschiedslose jüdische Einwanderung ermutigt. Gegenüber der wirklichen oder vorgegebenen Furcht, die Einwände* rer aus Deutschland könnten eine Gefahr für das Land sein, stelle der Board fest, daß es sich um, Männer und Frauen von guten CharaktereigenschaiT; ten und hoher physischer und erziehungsmäßiger Eigs nung handle, die sich für Südafrika als Gewinn erweisen würden. Schon in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts im Lande hätten viele von Ihnen neue Industrien und neue Beschäftigungsmöglichkeiten ge-, schaffen, die der älteren südafrikanischen Bevölke* rung zugute gekommen seien. Der Board könne nicht tief .genug die Tätigkeit . derjenigen beklagen, die augenscheinlich die jüngste Einwanderung : Von Juden aus Deutschland benutzen möchten, um Mißstimmung gegen die jüdische Bevölkerung zu schaffen. Die Juden hätten nicht den Wunsch, der Union neue Schwie* rigkeiten zu bereiten; sie seien im Gegent^ilc bestrebt, im. Geistegegenseitiger Toleranz und Verständigung mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern zum .^Wohl des! gesamten südafrikanischen Volkes zusammenzuarbeiten. ■ Syrien. Die syrischen Christen und die panarabische Foederation. B eirut, 30. Dez. Der Maronitisehe Patriarch, das geistliche, Oberhaupt der .christlichen Libanon-Provinz,' präzisiert in einer Beiruter Zeitung die Haltung der Maroniten gegenüber dem Plan einer panarabischen Föderation folgendermaßen: ' . , Die arabischen Nationalisten planen ein großarabi* sches Reich unter Einschluß Syriens, des Libanon, Palästinas, Transjordaniens, des Irak, des Hedschas und des Nedsch. Die Maroniten sind gegen, den An* Schluß des Libanon an Syrien, sondern für ein selbständiges Libanon. Unter dieser Voraussetzung sind sie bereit, einer arabischen Staatenföderation beizutreten; der Libanon-Staat muß aber als gleichberechtigt mit den übrigen arabischen Ländern behandelt werden. (ITA.) Personalien. Amtseinführung eines Rabbiners, Sillein, 3. Jan. Eine der größten slovakischen JeschurunsGemein* den, Sil lein, führte in äußerst feierlicher Weise ihren neuen Oberrabbiner, Raw Hugo Stränsky, in seinen neuen Posten ein. Raw Stränsky ist Absolvent des Berliner Hildesheimer-Seminars und wirkte, bisher in Nachod in Böhmen. Seine Wahl im Sillein bedeutet, daß diese große jüdische Gemeinde den Weg der strengsten Religionstreue ihren Mitgliedern und ihrer Jugend für die Zukunft sichern will, denn sie bot ihrem neuen Oberräbbiner die vollste Freiheit seines religiösen Handelns an. An der Feier nahmen außer den Spitzen der administrativen Aemter und der Garnison auch < zahlreiche. Delegationen. der Schwestergemeinden teil.- Zuerst wurde der neue Rabbiner vom Vizeobmann der jüdischen Gemeinde und zweiten Bürgermeister der Stadt Sillein, Rudolf B r a u n, .und vom Obmanhe der Chewra. .Kadischah, Heinrich Nü rn'b er g , begrüßt. Sodann hielt der Präses des slovakischen ' Rabbinerverbandes, Rabbiner Dr. Lazar Schwei* g e r aus Nitra, die Einführüngsrede und richtete Mahn= Worte sowohl an die Gemeinde, wie an den neuen Oberrabbinen Raw Stränsky hielt eine einstündige Rede, in welcher er betonte, daß ihn weder Machteintlüsse, noch materielle Verlockungen von der,Treue zur Thora abbringen werden. Die Zukunft des jüdischen Hauses, der jüdischen Familie und der jüdischen Jugend können auch nur im Rahmen einer kompromißlosen Thoratreue gesichert werden. Die nach Tau- senden zählende Hörerschar brachte dem _ neuen Oberrabbiner warme Verehrungen •entgegen. Brandoberndorf, 5, Jan. Im Alter von 68 Jahren starb Emanuel F rank, eine der Persönlichkeiten, wie sie mit dem Rückgang der' Landgemeinden leider immer weniger werden. In N i e d er - O h m e n wo Familie Frank beheimatet war, war der Heimge* gangene annähernd 30 Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde, und mehr als das: er war Vater und Führ rer der Gemeinde auch in der späteren langen lehrerosen Zeit. Er war der Ehrenyorbeter und der Baal Kore und hielt die Traditionell der Gemeinde mit einer Liebe und Treue rein und aufrecht bis zuletzt, >is er, sozusagen als „letzter Mann", als der „Kapitän" das nicht mehr zu rettende Schiff verließ. Erst vor einem Jahre entschloß er' sich mit schwerem Herzen, zusammen mit seinem inzwischen ebenfalls verstorbenen Vetter M. Frank seine geliebte Gemeinde zu verlassen und zu seinen Kindern nach Brandoberndorf zu ziehen. Der verdiente Mann folgt nun der treuen Gattin, die ihm schon vor sieben Jahren in den Tod vorangegangen ist und mit der et .ein echtes jüdisches' Heim der Frömmigkeit und Gastlichkeit ge- :. führt hat, in dem Kinder in gleichem Geiste . großgezogen würden, in die Ewigkeit. Er wirdin sei- . nem Kreise' als einer der nilö» T38,.- unvergessen;i bleiben.; n-axan IchenhauSen, 3. Jan. Wie ein Blitz aus heiterem •,. Himmel wirkte die Trauerkunde in unserer Gemeinde vom Ableben Siegfried Erlangers. Er erreichte ein Alter von erst 55 Jahren. Am ruoa msry hatte ihn die ganze^ Gemeinde zur letzten Ruhestätte be* gleitet. Mit tiefbewegten Worten sprach Herr Haupt* lehrer Ha mm elbu rg er an seiner Bahre . und nahm Abschied von dem vornehmen, allzeit hilfsbe- :U rejten Menschen; Herr Julius K r ä m er, erster Vorsitzender unserer Gemeinde, gab seinem persönliche«;j Schmerz über den Verlust des lieben Freundes Aus- ,, druck. Groß ist der Verlust für die Kulturverwal* : <f tung, dessen, eifriger und unermüdlicher- Mitarbeiter! . er war. Als treuer Chewra Kadischah-Mann und tä* tiger. Mitarbeiter im Verein B ilt ku r C ho lim hat^e ,- , er Gelegenheit, rr»5 in großem Maße zu üben. Möge sein ri'ST der Gattin: und: den zwei Kindern, denen ,•• er; gute jüdische Erziehung, gab,, beistehen. ' mwn .