Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1937)
- Date
- 1937-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Januar 1937 D e r, I 8 r a e 1 i t Nr. 1 Seite 3 iCf-IX- Die Aguda vor der Royal Commission. (Fortsetzung, von Seite 1.) Er war^wohl nurazu — klug. Er verlangte ein Maß ypiiy^ß^stbesch^dy^^, das eine „Partei" im allgemeinen nicht aufzubringen vermag. Er verlangte die Preisgabe des Anspruchs, daß Zionismus und jüdisches Volk identisch sei, und die Jewish Agency namens des ganzen jüdischen Volkes zu sprechen vermöge. Er verlangte wohl auch eine wesentliche Zügelung der Lust am — Wort. Das war alles zu schwer. So kam es, daß erst die Jewish Agency und, unmittelbar nach ihr, die Aguda. vor der Kommission erschien. Nach der Aguda wird der Waad Leumi, wohl auch der Misrachi, wohl auch die Revisionistenpartei vor ihr erscheinen.;•: II. ■ , Die. Hältung der Aguda vor der Kommission war durch zwei Tatsachen von vornherein bestimmt: 1. Das eigentliche politische Thema war längst, überschritten. Das Auftreten der Jewish Agency hätte sich zu einer ganz allgemeinen Rechnungslegung, das Auftreten Weiz-manns. sogar zu einer — ideologischen Manifestation aus geweitet. Weizmann aber muß wissen, daß die Ideologie:i uns heute nicht verbindet, sondern trennt. 2. Das getrennte Auftreten der Aguda, von der Jewish Agency seibist verursacht, führte der Kommission den. Riß, der heute das jüdische Volk durchzieht, mit der ganzen Kraft einer Demonstration vor Augen und zwang die Aguda zugleich, de* Klage der Thora wegen Rechtsverkürzung, wegen Bedrückung und Unterdrückung ihre Stimme >zu leihen, zumal formell Punkt 2 der Legitimation der Kommission sie auch ber auf fragte, in s eine Prüfung einzutreten, ob nicht die bisherige Art der Verwirklichung des Mandats den: Arabern oder den Juden — und ganz gewiß auch nur einem Teil der Juden — Unrecht zugefügt habe. Die Frage des Vorsitzenden, ob nicht das Problem des Waad Leumi eine innere Angelegenheit der Juden sei, sollte offenbar nur, wie so manche andere Frage, die entsprechende Antwort provozieren, was daraus klar - hervorgeht, daß der Vorsitzende alsdann diesem Problem eine eingehende Diskussion gewährte. Die Aguda als solche hat keine anderen Anliegen, als die Anliegen der Thora. Tritt einmal die Aguda, von der Jewish Agency selber verursacht, getrennt auf, so bedeutet dies, daß eben nicht nur von Alijasperre und Bodensperre, dem eigentlichen politischen Thema, sondern von der Gesamtsituation gesprochen werden soll. Wie 'konnte da die Aguda von Gemeinde und Chinnuch und Sabbat schweigen? Mit keinem Wort hat im übrigen die Aguda, zu Gemeinde, Chinnuch und Sabbat, weder in ihrem Memorandum, noch in ihren mündlichen Darlegungen,' den Waad Leumi oder eine, , sonstige jüdisdiibL Stelle angegriffen. Ihre Angriffe richteten.;' .'sicJH.;; g^gen die Mandatsregierung, die in. allenj dr|ei;J*unkten, ihres Erachtens, gegen; das im^Maridajt' -aü der: Gewissensfreme^!: Was itn Besonderen die' Gemeiridefrage betrifft, so mutet es einigermaßen seltsam an, wenn gerade die zionistische Presse uns den Vorwurf macht, sie nicht''als belassen fzui ihaben; Was heißt das eigentlich? Jedermann weiß^ daß es nun einmal im Lahde Juden; igiblif idehen ihr Gewissen verbietet, sich Kaessethi;jißräel anzuschließen. Jedermann weiß,' qäß es, bis bj'ßtzt am heftigen Widerspruch des Waad Leumi lag, daß diese Juden keine Gemeinden Charakters mit den Befughissen solcher bilden können. Warum? Warum sollendiese Juden,' die der Stimme ihres QeVissehs,n:dem vor .15 Jahren von fast; . allen' rabbinischen Autoritäten des Landes ausgesprochenen;{jeböt folgen, warum sollen sie deshalb bestraft werden und. minderen Rechtes bleiben? Spricht , das nicht, von der Thora-nicht zu reden gerade; 'allen westeuropäischen Grundsätzen Hohn, denen der Waad Leumi sich sonst nur allzu gerne anvertraut? Und wenn der Waad. Leumi gleichwohl sich der selbstverständlichen Forderung modernen Denkens und Fühlens widersetzt und die Regierung deshalb ihr nicht Genüge tut: da soll die Aguda, vor der Kommission als solche auftretend, sie verschweigen und damit zeigen, daß ihr selber diese Forderung nicht lebenswichtig dünkt, -sie als inner jüdische Angelegenheit erachten und damit beweisen, daß sie abwarten wolle, bis es dem Waad Leumi gefalle, sein Ohr der Gerechtig (keit und der Gewissensachtung zu leihen? Nicht die Aguda, sondern der Waad Leumi trägt die Verantwortung dafür, daß der Ruf nach aner kannten Gemeinden der Thora, — in der Göla, wo immer er sich erhob, längst erfüllt, — im Lände vor die Kommission getragen werden mußte.. III. :t Bis tief in die zionistischen Kreise hinein — , der Artikel des „Haboker" beweist es — emp I fand man im Land das Auftreten der Aguda vor der Kommission als Befreiung von einer seit Beginn der Tätigkeit der Kommission immer mehr, wachsenden Beklemmung. Bereits seit Wochen gingen die Verhandlungen, und noch war im Lande der Thora selbst nur der Name der Thora. aus keinem berufenen Munde gefallen, noch war das. Band mit der Vergangenheit, unsere Hauptstütze gegenüber den Arabern, von keiner berufenen Hand, geknüpft. Wer gleich Weizmann mit der Vergangenheit so gründlich gebrochen hat, vermagwirklich nicht die Brücke zu ihr und von ihr in ^eijZukunft zu schlagen. Aus seinem VMunde jklang es wenig glaubhaft, daß die Geschichte, äes jüdischen Volkes beweise, es könne nicht vergessen. Warum soll das jüdische Volk das Län-d;±nicht vergessen können, wenn es, soweit f es :an Weizmann liegt, die Thora zu vergessen vei-inag? Wie kann die Geschichte des jüdischen Volkes zum jüdischen Lande ohne die Thora geklärt werden? Wenn nun einmal vor der Kommission eine allgemeine Rechnungsabiegung erfolgen sollte: war es rri,ehfig, war es klug, war es würdig in dem Lande, das allen Kulturreligionen heilig ist, die geistigen Dinge zunächst völlig hintanzusetzen?; '.; Als die [ ehrwür dige Gestalt des agudistischen Oberrabbiners den Saal betrat, und der größere Teil des. jüdischen Publikums--warum nicht alle? — sich spontan von den Plätzen erhob, da hatten keineswegs nur die Agudisten den Eindruck, daß endlich das jüdische Volk der Geschichte vor der Kommission erscheine, dessen Antlitz G'ttesfurcht und G'tteswissen und Leiden und Sehnsucht ein einmaliges Gepräge verliehen haben, das jüdische Volk der Geschichte sich zum Mänd^ bekennen und den arabischen Versuch der<|kennung von Volk der Thora und Land der Thö^a|im Namen G'ttes zurückweisen werde. Un^ljalsb geschah es. Zum ersten Mal klan-,;gen heb^iS.che Laute ans Ohr der Kommission. Zum erstesi Mal erfuhr die Kommission, daß nur die Thora das jüdische Geschichtsrätsel zu lösen vermag, nur der Thora wegen das jüdische Volk sich selbst und1 seine Beziehung zum' Land behauptet habe, mehr als die Hälfte der Gesetze; der Thprai außerhalb des Landes nicht erfüllbar sei, ütta^:4|e;Thora des Landes so wenig entraten könne,;wieT des Volkes. Zum ersten Mal sprach auch das Volk der Propheten vor der Kommission, dessen Sehnsucht auf Völkeryersolinung und Vplke.i^erständigung gerichtet ist, uOfdi das auch heuj;^: schim' danach strebt, aus d^! (Heiligen Lände'^^ der1 Menschenliebej'und der wechseisejiiigen Menschenächtung zu ~ jmanchen. Zum -eris.tßii;}jMale-hÖrte auch die KomriusjMon den Namen iö^t^es, jder in so wunderbarer ^eise das , ,ibritische Reich zum Vollstrecker seines geoffenbarten -Willens gemacht hat, hörte sie die Mahnung, sich diesem Auftrag nicht zu entziehen,' vielmehr im Rahmen des Mandats Alijah und Boden erwerb keinerlei Beschränkung zu setzen und die Hoffnung des leidgequälten jüdischen Volkes nicht zu enttäuschen.; Es war lediglich eine Fortsetzung der Rede des agudistischen Oberräbbiners, wenn die alsdann einsetzen/den iFragen iind Antworten, entsprechend den bereits zuvor überreichten sMemödanden, deren Klarheit und Folgerichtigkeit die Kommission zweimal rühmend hervorhob, sich, auf die Gemeinden .der Thora, den Chinnuch der Thora, den Sabbat der Thora und die Arbeiter der Thora erstreckten. Ob denn auch die agudistischen Arbeiter voll und ganz sich zu den der Kommission vorgetragenen agudistischen Prinzipien bekennen, lautete eine Frage. Sie konnte eindeutig bejaht werden. Der Tag der Aguda war der Tag der Thora. IV. Die Kommission fragte auch nach der Beziehung der Aguda zum Zionismus. Ob der Gegensatz darauf beruhe, daß der Zionismus weltlich, oder darauf, daß er z u .weltlich sei. Mit anderen Worten: ob der Gegensatz in einem Gradunterschied liege, oder ein grundsätzlicher sei. Eine klare Frage verlangte eine klare Antwort. Nicht in der Beziehung zur Welt, sondern in der Beziehung zur Thora liegt der Gegensatz. Der Aguda ist Volk ohne Thora nicht denkbar. Versteht man unter. Weltlichkeit die Lösung des Bandes, das die Thora als herrschendes Rechl mit dem jüdischen Volke verbindet, so gelangt in der Tat der grundsätzliche Gegensatz zwischen Aguda und Zionismus in dessen Weltlichkeit, in dessen Weigerung, die Herrschaft der Thora anzuerkennen, zum Ausdruck. Die Kommission fragte auch nach der Beziehung der Aguda zum Misrachi. Ob die Schu-, len des Misrachi vom Standpunkt der Aguda nicht religiös genug seien. Die Antwort vermied es, über den religiösen Charakter des misrachistischen Schulwerks ein Werturteil abzugeben. Die Antwort lautete, daß eben auch der Misrachi zionistisch sei. Dies wird füglich niemand bestreiten können. Die Kommission fragte schließlich auch, warum die agudistische Arbeiterschaft keine Hilfe von den zionistischen Keranoth annehme. Die Antwort: man kann den Zionismus nicht bekämpfen, ohne zugleich die zionistischen Gelder abzulehnen. Die Vernehmung endete mit der Bestätigung, daß die agudistische Alija mit dazu dienen solle, den religiösen Habitus des Landes zu heben.r Ohne Zweifel mißt die Kommission den religiösen, ethischen, wie überhaupt kulturellen Dingen im Nationalheim eine größere Bedeutung zu, als die Jewish Agency vielleicht bisher angenommen hatte. Das achtungsvolle Interesse, das die Kommission der Aguda entgegen brachte, der Platz, den sie ihr in der Reihenfolge der Erhebungen einräumte, beweisen es. Hervorgehoben sei noch, daß die ganze Vernehmung der Aguda auf Grund ihrer Memoran^ den erfolgte, und daher die Kenntnis der Memo-j. randen voraussetzt. Vieles, was in den Memo-? rahden bereits gesagt war, konnte und mußte daher in der mündlichen Verhandlung unausgesprochen bleiben. Eine Kritik des Auftretens der Aguda ist nur unter. Berücksichtigung ihrer Memoranden als eines wesentlich ergänzenden Tätaestandes möglich. , Ueber die Araberfrage in . konstruktivem Sinne zu sprechen, bestand keine Veranlassung, Solange die Araber nicht verhandlungswillig sind, tonnen Vorschläge nicht gemacht werden. V. Das Auftreten der Aguda vor der Kommission lädt neuerdings der organisierten Weltorthödoxie eine ungeheure Verantwortung auf. Sficht mit Worten, sondern nur durch Taten kann sie dieser Verantwortung gerecht werden.