Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-12-31 · Heft 52 (31.12.1936) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 52 (31.12.1936)
Date
1936-12-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450960--82680-2540629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Tempelbaii zu Heikenbriinn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.J Man wurde stutzig. Burkhardt merkte es und biß sich zornig auf die Lippen. Sollte dieses Weibsbild seine Pläne durchkreuzen? In wilder Wut drängte er vor. „Laßt euch von der Jüdin nur behexen — mehr will sie nicht. In der Wallfahrtskirche — glaubt das nicht, ich selbst habe die Kirche durchsucht —" „Lügner," schrie es plötzlich ven einer anderen Seite und wie von einem Schlag betroffen, ließ er die Hände von dem Mädchen, das er am Arme packte und zu sich reißen wollte. „Lügner!" sagte die ruhige Stimme nochmals und alles wandte sich nach der Richtung, aus der sie kam. Aus einer Seitengasse trat die Burgherrin selbst, den Knaben Stephan auf dem stark gewordenen Armen, der verweint und müde aussah und nur aufzuckte, als er Burkhardt sah, der kreideweiß zurücktaumelte und flüchten wollte. Nun hielten ihn plötzlich Hände fest, die ihm vorher zuwinkten. . Man ahnte einen schrecklichen Irrtum, eine Freveltat, mit der man sie selbst hatte belasten wollen. Die Burgherrin ließ den Knaben auf den Boden gleiten und trat neben Githa, ihre Hand suchend in flehendlichster iBitte um Verzeihung, Aber noch war es nicht .Zeit für Worte. Hier galt es einen Schurken zu richten. „Sag', Stephan, und zeig' auf den, der dich in die Kapelle lockte und .dort einschloß —", fragte die junge iMutter. Stephan, ausgeweint und völlig glücklich, wieder bei Mutter zu sein, die so lieb zu Githa seiner Freundin war und sie streichelte, nahm sieh zusammen und deutete auf Burkhardt. „Der da kam gestern zu mir und ließ mich erzählen. Er fragte, ob ich schon in der Kapelle gewesen bin. Ich hab's ihm nämlich einmal früher gesagt. Da schimpfte er, weil ich noch nicht dort gewesen war. Heute müßte ich hin. Ich versprach es. Er führte mich hin. Kaum waren wir drin, stieß er mich in ein dunkles Eck und die Türe ging zu . . ." Den Rest erzählte die Burgherrin, die sich schuldig fühlte zu diesem Bekenntnis, das — sie dankte es dem Himmel — noch rechtzeitig kam. Wie hatte sie gefleht, nicht Blut auf ihr Haupt zu laden, während sie mit dem Knaben hierher eilte. Es war so gewesen, wie es Stephan schilderte. Burkhardt lockte das Kind, dessen frommes Gemüt er ausnützte, zur Kapelle, stieß es in jenes finstere Gelaß und ließ die Falltüre zuklappen. Was hätte geschehen können, fand man den Knaben nicht, erschreckte selbst die Zuhörer hier in der Judengasse. Ein Kutscher der Burg suchte noch ein letztesmal und stieß auf die Kapelle, die er durchsuchte. Das vor Schreien fast heisere Stimmchen überhörte er des öfteren, bis er in wildem Schreck die Falltüre aufriß und den Knaben fand. Als ahnte er die Gefahr für die Heikenbrunner, die Mörder werden wollten an unschuldigen Menschen, so rannte er zur Burg zurück und von dort aus lief das Schicksal noch rechtzeitig die glatte Bahn, '.. .Burkhardt fühlte sich zu Eis werden, denn die Griffe wurden härter und wilder. „Schlagt den Hund tot," tobte die Volksmasse nun gegen ihn und er sah sich verloren, wie seine Pläne in alle Winde zerflatterten. Aber die' Burgherrin, an die er sich flehend wandte, drehte sich um und schlug die Hände vors Gesicht. „Strafe wurde uns zuteil," sagte sie mühsam zu Githa. „Prosper liegt schwer krank in der Burg —" Die Tränen der Burgherrin erinnerten die Menschen an ihre Freveltat am Junker, den sie blutend am Marktplatz liegen ließen. Vielleicht war er tot — Angst faßte sie, keiner wollte mit deibei gewesen sein, Was ging sie schließlich die Juden an. Bei denen waren keine Reichtümer, genau so wenig wie bei ihnen selbst. Fort, nur fort von hier . . . Binnen kurzem war der Platz geräumt, zurück drängten die Leute, und im allgemeinen Aufbruch entkam Burkhardt. Alle Schuld, die nur zu finden war, lud sich auf sein Haupt, Wohin er entfloh, wußte niemand. Als nach Jahren ein Brief an die Heikenbrunner Behörde kam, ob der gewisse Burkhardt Bürger der Stadt Heikenbrunn gewesen sei, da erst erfuhr man, daß er herabgesunken war zu einem Subjekt, das Saufkumpanen eines Tages erschlugen, als sie merkten, er spielte mit falschen Karten gegen sie . . . Githa und Maria standen allein am Platze, wo langsam das Unheil gegen die Juden Heikenbrunns versickerte. Sie wagten es nicht, zu sprechen. Der Knabe Stephan stand zwischen ihnen und schaute von einem zum anderen. Er fühlte, daß um seine winzige Persönlichkeit ein Schicksal gespielt hatte und sein liebes Gesichtchen war so unschuldig, daß Githa sich über ihn beugte und seine Bäckchen küßte, die verschmiert und heiß vom Weinen waren. „Du bist nicht schuldig, auch deine Mutter und dein Vater nicht, das war von G'tt geschickt, denn die Juden wurden wieder unbedacht und glaubten, es sei ihr eigenstes Verdienst, wenn es ihnen besser geht. Wir hatten scheinbar wieder G'tt vergessen trotz unseres frommen Tempelbaues ... ist es nicht so, kleiner Stephan , . ." Er verstand genau, was sie damit sagen wollte. Aber er schüttelte den Kopf dennoch mißbilligend, „Nein, es ist doch alles gut gegangen, ich war in der Kapelle und hab' im dunkeln Eck gebetet, trotz aller Angst, und G'tt hilft uns, wie dein G'tt euch!" Die beiden Frauen wagten es endlich, sich über des Kindes Köpfchen anzusehen und in den Augen der Frauen lag das Sehnen, alles Schreckliche zu vergessen. Githa nahm beide Hände, die sich ihr entgegenreckten. „Geh' nach Hause, Maria, zu deinem Gatten, bring' ihm die gute Nachricht, wie ich den Meinen den Frieden bringe . . . alles andere überlasse man der Zeit." Zögernd nur schaute Maria in die Gasse, in der es anfing zu leben und sie fühlte, nun war sie überflüssig. Nun kamen aus allen Winkeln die Judenfrauen und iMänner und wollten es kaum glauben, daß der Einzige ihrer Väter noch genau des gleichen Sinnes war wie vor Jahrtausenden, als er beschloß, die Juden als sein Volk auszuwählen und zu lieben auf strenge, aber väterliche Weise. Deshalb wandte sie sich ab und zog den Knaben mit sich. Als er unterwegs fragte, warum Githa nicht mit ihnen ginge, warum es in der Gasse überhaupt so dunkel sei, antwortete seine Mutter und dämpfte die Stimme, als vertraue sie ihm ein Geheimnis an: „Dort ist es nicht dunkel, nein, ganz hell ist es in diesen Menschen, denn in ihnen leuchtet der Glaube als ewiges Licht ..." Und weil es seine Mutter so überzeugt sagte, glaubte es Stephan gern, daß im Juden ein Lichtlein glimmt zu allen Zeiten, ob trüb, ob freudig, das Licht seines unentwegten Glaubens an die Güte G'ttes. 21. Pfarrer Dominik hatte ein böses Gewissen. Er sagte sich, daß es seines Amtes gewesen wäre, Milde zu predigen, den Aberglauben zu bekämpien und den Juden den Frieden zu gönnen, nach der ihre Zurückgezogenheit verlangte. Nun, angesichts der fast entstandenen Greuel, wandte sich sein eigenes Innern gegen seine eigene Gesinnung und er wollte gutmachen, wie ein guter Mensch dies von sich abverlangt, ging er den fehlen Weg. Er kannte die Schritte, die er zu unternehmen hatte. Lange schon waren die Scheiben des Rathauses wieder heil, Ostern und auch — Pessach war lange gewesen, nirgends störte jemand die Ruhe der Judengasse, in der man aufatmete und trüber denn je lebte. Das wußte Dominik genau und es schmerzte ihn, einmal gegen den Bau des kleinen Judentempels gewettert zu haben. Die Buße legte er sich auf, zum wiedergenesenen Burgherrn zu wandern, um zu fragen, ob das kostspielige Fundament da sei, daß die Mäuse darin nisteten. Unverzüglich stieg er zur Burg hinauf und fand den Burgherrn blaß, aber wieder bei Kräften, über seinen Plänen sitzen, unlustig und mißmutig. Nun hieß es, fest zupacken und mit einem Schlag alles wieder ins Reine bringen. Es stand ihm zwar wenig als Pfarrherr der Gemeinde zu, Partei der Juden zu ergreifen, aber er fühlte, dieses Fundament, in dem die Lücke immer noch klaffte, war wie ein peinigendes Gewissen der Stadt. Man machte allgemein einen Bogen um die Stätte. Prosper hatte nicht mehr den fröhlichen Schein im Gesicht. Es bedrückte ihn das Erinnern und er fuhr unwirsch auf, als Dominik anfing, vom Tempelbau zu sprechen. Was er wolle, daran sei nicht zu denken. Der Vorsteher der Juden jage ihn gewiß mit den Arbeitern zum Teufel, wie er recht habe. An dem Bau klebe Pech. Er denke einfach nicht mehr daran. Dabei dachte er Tag und Nacht an diesen unseligen Tag, der ihm die Freundschaft eines reinen Mannes nahm. „Mir ist, als hänge mit dem Tempelbau ein Gelübde zusammen, oder gar zwei. Eines aus dem Mund einer frommen christlichen Frau, der Gemahlin unseres Burgherrn, eines dagegen aus dem Mund dieses Judenvorstehers' David. Beide Gelübde schweben also —" Nun gab Prosper nach und sackte zusammen. Ja, die Schwäche nach der langen Krankheit, das Fieber, etnschuldigte er. Aber Dominik ließ nicht nach. Jeder Anfang muß ein Ende haben. Er wisse genau, was sich zieme in dieser Angelegenheit, Dann sprach er von anderem, von kirchlichen Dingen, vom Knaben Stephan, der artiger als jedes Kind war, nur bubenhafte Neigungen hatte, unter denen nur das Durchbrennen fehlte. Als er gegangen -war, fühlte sich Prosper vor dem charakterfesten Manne beschämt. Gewiß, jener war kein Judenfreund, aber die Rechtlichkeit siegte in ihm. Wenn einer von den beiden Freunden den Anfang zur Versöhnung machen mußte, so war er es. Und er wollte es auf besondere Art unternehmen. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.