Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-12-31 · Heft 52 (31.12.1936) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 52 (31.12.1936)
Date
1936-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450960--82676-2540625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

31. Dezember 1936 Oer Israelit Nr. 52 Seite 9 sehen Kultusjemeinde, Staatsrai Dr . Des ider F ri e d- .mann. Die Abordnung informierte den Oberkommissar über die schwierige Lage der in Wien lebenden Ausgewanderten und betonte, daß eine Besserung der .Verhältnisse eintreten würde, wenn das in Genf getroffene vorläufige Abkommen auch für Oesterreich Geltung erlangen würde. Die Abordnung ersuchte den. Oberkommissar, die auswärtigen Hilfskomitees, insbesondere den Council for German Jewry in London, auf die * besonders schwierige materielle Lage der :n Oesterreich lebenden Ausgewanderten aufmerksam zu machen und sich für möglichst weitgehende Hilfeleistung dieser .Komitees einzusetzen. Sir Neill Malcolm versprach die vorgebrachten Anregungen beiden maßgebenden Stellen im Rahmen seines Auftra^- ges zu befürworten. Jüdische Studenten an den österreichischen Hochschulen« Wien, IL Dez. Nach der soeben erschienenen Statistik über die Frequenz der österreichischen Hochschulen im Sommersemester 1936 gibt es unter den 18.095 Hörern aller zehn österreichischen Hochschulen (die Salzburger theologische Fakultät nicht miteingerechnet) 2043 oder 12 Proz. Juden. Auf die 14.091 Hörer entfallen 16.88, auf die 2590 Hörer der Technischen Hochschulen, 222 und auf die 1414 Hörer der übrigen Hochschulen 133 Juden. An der " Wiener Universität gibt es -unter 2300 Juristen 251, unter 3580 Philosophen 416 und unter 3596 Medizinern 974 "Juden; insgesamt gibt es bei einer 'Gesamthörerzahl von 9675 an der Wiener Universität 1641 jüdische Studenten; sie machen 17 Prozent der Gesamthörerschaft aus. Dieser hohe Prozeritsatz ist zum größten Teil rdarauf zurückzuführen, daß die Erwefbsaussichten der jungen jüdischen Generation auf vielen Gebieten eingeengt wurden; trotzdem wird er von der judengegnerischen Presse zum Anlaß genommen, die Einführung des Numerus «lausus an den Hochschulen zu verlangen. Zu bemerken ist, daß ein erheblicher Prozentsatz der jüdis-chen Studenten aus dem Ausland kommt, der Prozentsatz der inländischen jüdischen Studenten ist bedeutend niedriger als der der jüdischen Studenten überhaupt. Von den österreichischen Universitäten ist diejenige inTnnsbruck fast j u d en'i r e i; nur sechs jüdische Studenten sind dort inskribiert. An der Tierärztlichen 'Hochschoile in Wien gibt es nur zwei Juden. Dagegen sind jüdische Hochschöler an der Wiener Hochschule für Welthandel stark vertreten. (ITA 3 Holland. .Amtseinführung des Oberrabbiners von Amsterdam. Amsterdam, 22. Dez. Der rj.eue Oberrabbiner von Amsterdam, L. H. Sarlouis., der seit 25 Jahren dem Amsterdamer Rabbinat angehört, ist in Anwesenheit von drei Vertretern des Amsterdamer Stadtrates und zahlreicher Repräsentanten judischer und nichtjüdischer Behörden durch den Vorsitzenden des Amsterdamer Synagogenrates A. Asseher feierlich in sein neues Amt eingeführt worden. Die geistliche Amtseinführung erfolgte durch Rabbi P. Coppenha£"en in der überfüllten Neuen Synagoge. In seiner Antrittspredigt •sprach sich Oberrabbiner Sarlouis gegen jede Konzession aus, die ein Abweichen von dem Wege des orthodoxen Judentums bedeuten würde, und erklärte seinen festen Willen, die Irrenden zum Judentum zurückzuführen und dem Abfall, der in Amsterdam so viel Unheil angerichtet habe, Einhalt zu gebieten. * * « In einem von der Amsterdamer aschkenasischen Gemeinde veröffentlichten Bericht wird festgestellt, daß die Seelenzahl der Gemeinde Ende 1935 64.385 gegenüber 65.328 zu Beginn des Jahres betrug. Es wurden 434 Ehen geschlossen und 13 Ehen religiös geschieden. 2206 Juden haben sich 1935 in Amsterdam niedergelassen, 3237 sind fortgezogen. Diese Zahlen hängen •eng mit der Zu- und Abwanderung von Juden atis ^Deutschland zusammen. Geboren wurden in der Amsterdamer Gemeinde abgelaufenen Jahre 792 Kinder. An den Religions* schulen waren 1644 Schüler gegenüber 1721 i. J. 1934 eingeschrieben. Die Gemeindesteuern brachten rund 300.00G Gulden ein, die Wohlfahrtsverwaltung hatte ein Defizit van etwa 30.000 Gulden. Polen. Wegen judenicmdüchßr Ausschreitungen in Pole« verurteilt. Warschan, 20. Dez. Vor dem . Kreisgericht in;L o m z a hatten sich mehrere Angeklagte wegen Beteiligung an judenfeindlichen Ausschreitungen in Zambrow zu verantworten. Der Hauptangeklagte Stephan Lopinski wurde iu zee hn ionalen., lünf weitere Angeklagte wuT.&ex zu 'S -.eeis Monaten Gef ä'H g n i s verurteilt. In Hier. Uüeilsbe<gTÜniiung erklärte der Vorsiizßitäe, das Gericht habe «den Aussagen der jüdischen Zeugen, die bei d^n Ausschreitungen zu Schaden gekommen sind, vollen Glauben geschenkt. Die Austragung -wirtschaftlicher Konflikte durch Exzesse sei leiriE völlig unzulässige Methode, Hie aufs schärfste bekämpft werden: müsse. Aul der lieimfa.hrt vom Wochenrnarkt in Kolno (Kreis ILomza) ist' der jjüdredhe Mafkthändler Chaim Animann "bei 'dem Dorf Gromadzyn von einer : * Horde pinger Leute überfallen und solange geschlagen wortken, bis ter bewußtlos 'liegen blieb. Er wurde ■ j—nach Korno gebracht, wo ^er -nach zwei Stuniden an : Vden Folgen dt r Miß handlangen verschied. Meh= : f ere Personen wurden unter dem Verdacht der Tä- ' ifcerschsft verhaftet. Ein ne3ier Transport von Palästina-Auswanderern -aus Polen abgegangen. Wars chau, 16. ~Dez. ■ Aus Warschau isa ein Transport von 150 Pa- Iästina-Auswandtrera :abgegangen. Die meisten von ihnen besaSen'Zertifikate als Angehörige in Palästina bereits niedergelassener Personen. Aus den beim ' Warschauer Pälästina^Amt angemeldeten Auswandei rungskavndidaten ^eind ' bereits diejenigen ausgewählt ': worden, denen die für Sie nächsten Tage erwarteten 'Zertifikate ans der neuen Schedule zugeteilt werden; ^sollen. : Tfiiriist^r und Abgeordnete debattieren über die Judtsaifrage. [ 'Warschau, -28. Dez. i Am Montag nahm der M i n is t erp r äs i d ei) t j General "Dr. S k 1 a dk o w s'.k i nach einer nitzigevt ) Debatte im Sejm das "Wort izur Judenfrage. In der Debatte polemisierte der Abgeordnete Budzynski gegen die Regierung, weil sie angeblich die Juden begünstige und erging sich in wüsten Beschimpfungen der Juden. Diesen Ausführungen trat der agudistische Abgeordnete Leib "M i nzl) e rg ^entgegen. Er wandle sich an den Ministerpräsidenten, der der Debatte beiwohnte, und fragte, ob es keine Möglichkeit gebe, den judenfeindlichen Angriffen in Polen ein Ende zu machen. Der Redner betonte hierbei, daß der Ministerpräsident als Arzt wissen müsse, daß es viel leichter sei, einer Krankheit vorzubeugen als später den Erkrankten zu heilen. Es sei unmöglich, daß im Lande Ruhe und Ordnung herrsche, solange derartige bösartige Angriffe geduldet werden. Minzberg befaßte sich weiter mit dem neuen Tierschlachtungsgesetz, das am 1. Januar in Kraft tritt, und erklärte, daß durch dieses Gesetz allein 20.000 Juden ihre Existenz verlieren. Zuerst verdränge man die Juden ans ihren wirtschaftlichen Stellungen und dann erkläre man, daß sie dem Land zur Last fallen. Die Rede des Abgeordneten Minzberg veranlaßte eine weitere Reihe judenfeindlicher Abgeordneter .zu scharfen Erwiderungen. Darauf ergriff der Ministerpräsident das Wort, um die Stellungnahme der Regierung in der Judenfrage zu präzisieren. Der Tenor seiner Rede war; Gleiche Behandlung für alle Nationalitäten in Polen, auch für die Juden. Der Abgeordnete Minzberg möge darüber beruhigt sein, daß die Regierung keinen wird straflos ausgehen lassen, der an Ausschreitungen teilnehme. Und dennoch Boykott und Ausschreitungen! Die Boykottbewegung belebte sich, wie zu erwarten war, in der Weihnachtszeit. Flugblätter wurden in Warschau und in Wilna massenhaft verteilt und die Wilnaer Polizei erklärte sogar auf eine Beschwerde hin, Boykott gegen die Juden sei eine legale Angelegen- -heit. Daß auf einigen Märkten in kleineren Städten Juden mißhandelt und deren Waren demoliert wurden, gehört schon geradezu zur Tagesordnung. Die Zeitungen melden, daß der Abgeordnete Budzynski wegen seiner judenfeindlichen Rede im Sejm von mehreren jüdischen Offizieren in der polnischen Armee zum Duell gefordert wurde. Dadurch, daß B. die gefallenen jüdischen Kameraden beschimpft hatte, fühlen sich die jüdischen Angehörigen der Armee persönlich beleidigt. Es ist dies zwar nicht die übliche jüdische Waffe, um die jüdische Ehre zu wahren, aber die polnischen Zeitungen bringen die sensationelle Meldung in großer Aufmachung und die Oeffentlichkeit sieht, daß Polens Juden nicht alles widerspruchslos hinnehmen. Konstruktive Hilfe für die Juden in Polen. Warschau, 27. Dez. Die kritische Lage der Juden kam in einer Sitzung des Hilfskomitees der jüdischen Gemeinden, an der sich auch ein Vertreter des Joint Distribution Comitee beteiligte, zur Sprache. Es ist geplant, Werkstätten zur Herstellung verschiedener Artikel zu errichten, die auch auf ausländischen Märkten abgesetzt werden können. Zur Durchführung der Aktion ist der Betrag von 20.000 Zloty erforderlich, von denen die Hälfte der Verband derpolnischen Juden in Amerika zur Verfügirng gestellt hat. Unbeschreiblich ist das Elend der jüdischen Kinder in Polen. Auf einer Pressekonferenz der Gesellschaft „TOZ" wurde festgestellt, daß von 14.216 Kindern, die in 46 Städten Polens durch die Gesellschaft in Sommerkolonien geschickt wurden, 56,5 Proz. ausgesprochen unterernährt und nur 8,5 Proz. ausreichend ernährt waren. 47 Proz. der Kinder waren körperlich zurückgeblieben. Bei den Schulspeisungen können die meisten Familien den ganz geringen Betrag von 4—5 Groschen per Kind und Mahlzeit nicht aufbringen, so daß die Schulspeisungen aus öffentliehen Mitteln finanziert werden müssen. Die kommissarische Verwaltung der Warschauer Gemeinde. Warschau, 28. Dez. Die Mehrheit der Repräsentantenversammlung der Warschauer jüdischen Gemeinde hat die Beteiligung an einer kommissarischen Gemeindevertretung abgelehnt. Bekanntlich hat die Regierung die Repräsentantenver= Sammlung aufgelöst und eine kommissarische Verwaltung eingesetzt, in die einige führende Ratmänner berufen werden sollen, was nun an der Haltung der Abgeordneten scheitern wird. Der Vertreter der A g u d a erklärte, daß die Aguda mit Rücksicht auf die Wahrung der religiösen Interessen noch kein glattes Nein sagen könne und sich die Stellung vorbehalten müsse. Eine Reihe jüdische Zeitungen, die gegen die Einsetzung einer kommissarischen Gemeindex^ertretuno polemsierten, wurden beschlagnahmt. Den Blättern wurde die Auflage gemacht, nichts gegen die kommissarische Gemeindevertretung zu veröffentlichen. Das Warschauer Stadtpräsidium erließ ein Rundschreiben gegen judenfeindliche Ausschreitungen. Insbesondere werden die Schulleiter und Lehrer persönlich dafür haftbar gemacht, wenn, wie schon vorgekommen, jüdische Passanten von polnischen Schulkindern beleidigt und belästigt werden. Daß die Behörden damit sehr ernst machen, beweisen viele Meldungen, wonach Bauern, die Juden mißhandelten, in Haft genommen wurden. Keine Entlassung von Schächtern in Polen. Warschau, 27. Dez. Im Hinblick darauf, daß jüdische Gemeinden in letzter Zeit von den Kreischefs aufgefordert wurden, einen Teil der von ihnen beschäftigten Schächter zu entlassen, hat Rabbiner Senator Dr. Schorr im Innenministerium interveniert. Er erklärte, es sei nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.