Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 52 Der Israelit 31. Dezember 1936 Außenminister Josef Beck gibt in einem Expose über die Außenpolitik der Regierung zu, daß die polnische Forderung nach Kolonien zum Teil mit dem Problem der Auswanderung der Juden aus Polen zusammenhängt. Beck behandelt die Frage immerhin noch unter, dem Aspekt des jüdischen Nationalheimes in Palästina, wenn auch er durchblicken läßt, daß dabei für Polen schon die Judenauswanderung an sich ein ersehntes Ziel ist. Der Hinweis der französischen Regierung auf die Notwendigkeit, selbst eine Auswanderung im begrenzten Ausmaße nicht allein auf Juden zu beschränken, sondern unter dem Gesichtspunkte der allgemeinen Bevölkerungspolitik >:u regeln, dürfte die polnischen Machthaber darüber beiehren, daß für Evakuierungen eines bestimmten Teiles der Bevölkerung, nur um einem anderen Teile mehr Luft und Raum zu schaffen, die Welt kein Verständnis hat. THMMWagalMBahBMI^ srecien der Werirefer der Aus den Einführungs reden, die die Vertreter der Agudas Jisroel, Oberrabbiner D ,< - s c h i n s k i , Rabbi Mosche Blau und Dr. Isaac B r e u e r , vor der Königlichen Untersuchungskommission gehalten haben und die uns nun im Wortlaute vorliegen, geben wir hier die entscheidenden Stellen wieder: 0 b e r r a b b i n e r Jos. Dusch in ski: Ich habe die Ehre, vo Ihrer Exzellenz als Oberrabbiner der Agudat Israel in Palästina zu erscheinen. Als solcher halte ich es für meine Pflicht, die Stimme der Heiligen Thora, welche Israel als das Volk der Thora für sich und die anderen Nationen der Welt erhalten und bewahrt hat, vor Ihnen sprechen zu lassen. Ich weiß, daß in diesem Augenblick Mil!io nen Jüdischer Herzen m der ganzen Weli sich mit mn im Gebet vereinigen, daß der Allmächtige mir helfen möge, die Worte zu wählen, die Eingang in Ihr Herz finden mögen. Jeder Kenner der Bibel weiß, daß die Söhne des Volkes der Tohra nicht als Fremde nach Palästina gekommen sind. Die ganze Thora legt von der Tatsache Zeugnis ab, daß der Allmächtige G'tt einen unauflöslichen Bund zwischen dem Volke Israel und •dem Heiligen Land ^eschlo&sen hat; mehr als die Hälfte der Gebote und der Thora können nur in diesem Lande erfüllt werden und nicht außerhalb Palästinas. Als vor etwa 2000 Jahren die größere Mehrheit des Volkes Israel aus dem Lande vertrieben wurde, betrachtete Israel dieses Ereignis nicht alleüi als seinen eigenen Ruin, sondern auch als eine Gefahr für die Existenz der Thora. Hätte die Katastrophe des Verlustes des Landes den Zusammenbruch der Nation bedeutet, wäre dieses Volk im Laufe der Zeit erloschen, und sein Los wäre dem vieler anderer Völker gleich geworden, die von ihrem Land verbannt wurden; auch das Volk Israel hätte sich allmählich den anderen Nationen angeglichen und wäre gleich ihnen von dem Erdboden verschwunden. Nur die Thora ist es, die den Schlüssel gibt zu diesem weltgeschichtlichen Rätsel der Existenz eines Volkes, das trotz seiner Zerstreuung seit Tausenden von Jahren weiter besteht. Es war eben nicht allein das Band zwischen Volk und Land, das diesem Volk die Kraft und die Widerstandsfähigkeit gab, um die schrecklichen und . beispielslosen Leiden und Verfolgungen Tausende von Jahren ertragen zu können. Wenn dieses große Wunder geschehen konnte, so v/ar es lediglich durch den Glauben und die Treue gegenüber G'tt und seinem Gesetze. Und weil die Thora ihre volle Erfüllung ohne das Volk Israel und das Heilige Land nimmermehr finden kann, brachten es alle Gruppen des jüdischen Volkes fertig, loyal zu bleiben nicht nur gegen ihre neue Heimat, sondern auch gegen das Heilige Land; denn sie alle teilten den Kummer der Heiligen Thora, die, fern vom Hailigen Lande, zwangsläufig unvollkommen bleiben muß. Sie hatten niemals aufgehört, sich als Söhne des Heiligen Landes zu be? trachten und dem Tag entgegen zu harren, an dem sie gewürdigt würden, nach Zion zurückzukehren, wie ihnen dies durch die Thora und die Propheten verheißen worden war. In Anerkennung dieser Tatsache, daß die Söhne des zerstreuten Volkes Israel sich bis auf den heutigen Tag als Söhne des Heiligen Landes fühlen, wurde die Balfour-Deklaration gegeben und dieser Tatsache muß die gleiche Bedeutung beigemessen werden wie der anderen, daß es nämlich in diesem Lande arabische Einwohner gibt, die sich dem Lande verbunden fühlen. Die Heilige Thora hat dem Volke Israel das Heilige Land versprochen; aber es ist uns< auch gerade durch diese Thora verboten, das Land mit Gewalt zu erobern und nach Vorherrschaft über andere zu streben. Allein wir vertrauen darauf, daß in demselben Maße wie die Heimkehrer nach Zion G'ttes in der Thora verkündeten Willen erfüllen und ihr Nationalheim zu einer Heimstätte der Thora in allem wirtschaftlichen und kulturellen Streben gestalten werden, wir uns der Hoffnung hingeben dürfen, der Allmächtige G'tt werde das Volk des Landes dahin bringen, uns mit Wohlwollen zu betrachten, aus seinem Herzen allen Haß und jede Mißgunst zu tilgen und mit uns zu wetteifern, das Heilige Land zu einer Insel des Friedens und der Liebe von Mensch zu Mensch und von Nation zu Nation zu machen, bis einst der glückliche Tag kommt, da aller Völkerhaß völlig von der Welt geschwunden ist. Im Namen des Volkes der Thora, für das die Agudat Israel sich berufen fühlt zu sorechen, bitte ich, entsprechend dem Wortlaut und dem Geist des Mandats, das in so wunderbarer Weise die Prophezeiungen unserer Propheten bestätigt, keinerlei EinwanderungS; oder Bodenkaufsbeschränkungeri zu treffen und in 'den Grenzen des Mandats nach Geist Und Wortlaut die Möglichkeit zu schaffen, in diesem Lande, das von der Vorsehung erwählt worden ist, eine gesicherte Heimstätte nicht nur für das Volk der Thora, sondern auch für die Thora G'ttes zu errichten.; Nur um eines, bitte ich; Schauen Sie auf die Lage der vielen Tausende Söhne Israels, die, vertrieben von dem Lande ihrer Ahnen, seit der Balfour-Deklaration von der Hoffnung auf Erfüllung ihrer Ideale aufrecht erhalten wurden und deren Augen auf Sie gerichtet sind. Ich bitte Sie, enttäuschen Sie ihre Hoffnung nicht, und mit der g'ttlichen Weisheit, die Ihnen zur Seite stehen wird, mögen Sie Wege suchen und finden, um allen Bewohnern dieses Landes gerecht zu v/erden und dauernden Frieden und Segen für das Land zu erreichen. Rabbi Mosche Blau: Rabbi Mosche Blau stellt sich als Jerusalemer Kind und Nachkomme der ersten Auswanderer von Osteuropa vor, der in der Altstadt innerhalb der Stadtmauer unter Juden und Arabern aufgewachsen ist. Er gehöre zu jenem Teile der jüdischen Bevölkerung in Palästina, die unter dem Namen ,,der alte Jischuw" bekannt ist und sei ein Abkömmling jener Juden, die vor ca. 130 Jahren freiwillig ihren Wohnsitz in der Diaspora aufgegeben haben und unter schweren persönlichen Gefahren in Segelschiffen, die Monate brauchten für die Reise, nach Palästina kamen, um hier ein heiliges Leben zu führen, in Düftigkeit und zufrieden mit den minimalsten Existenzbedingungen. Rabbi Blau sagte dann wörtlich: Dieser Jischuw machte einen großen Entwicklungsprozeß durch, und ihm ist es zu danken, daß bei Ausbruch des Krieges in diesem Lande eine beachtliche jüdische Bevölkerung war, deren Existenz dazu führen konnte, daß eine Balfour=Deklaration gegeben wurde. Diese bereits bestehende Gemeinschaft war das Fundament für die Einwanderung und den Aufbau des Landes in den letzten zwanzig" Jahren. Der alte Jischuw hat auch den Grund gelegt für die jüdischen agrikultureilen Siedlungen in Palästina, und wenn Ihre Exzellenz Gelegenheit haben -werden, die jüdischen Siedlungen von Chedera und Petach Tikwa zu besuchen und sich von ihrer wunderbaren Entwicklung zu überzeugen, so werden Sie zur gleichen Zeit das Andenken jener Helden ehren, die vor ca. 60 Jahren ihr Leben hingegeben haben für den Aufbau des Landes, um unter den gefährlichsten Bedingungen, wie Malaria und anderen Krankheiten und in einem Zustande der Unsicherheit zu leben. Diese frühen Einwanderer haben durch ihr Leben und Sterben den Grund für den agrikultureilen Aufbau Palästinas und das Land ihrer Ahnen gelegt. Dieser Jischuw hat auch die ersten öffentlichen Institutionen gegründet und weiter ausgebaut, wie Hospitäler, Altersheime, Waisenhäuser, Jeschiwoth (religiöse Hochschulen), Talmud Thoras (religiöse Schulen), welche bis zum heutigen Tage ein Bollwerk der jüdischen Gemeinschaft überhaupt und des alten Jischuw im Besonderen sind. Als ein Mitglied dieses alten Jischuw und als Leiter der Agudat Israel-Zentrale in Palästina, zu der der alte Jischuw zum größten Teile gehört, gestatte ich mir, über einige Punkte- Leben außer acht läßt, fährt nicht gut. Verstand, Erkenntnis ist die Vorbedingung jeder Unterscheidungsgabe, n^nan nsn ps dk. meint der jerusalemische Talmud: wo Erkenntnis fehlt, soll da die Unter= Scheidungsfähigkeit aufkommen? Letztere ist die höhere Stufe logischen Denkens. Und so dankt der Vater, den Pokal in der einen, die leuchtende Kerze in der anderen Hand, dem Weltenkönig,cnp pa b^iznn, ^"irD „der eine Grenzlinie zog zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und den andern Nationen, zwischen dem siebten Tage und den sechs Werktagen: Lob Dir, Ewiger, der scheidet zwischen Heiligem und Unheiligem." Dies die Parole für die Hausgenossen, eine Devise für die beginnende Woche, ja fürs ganze Leben, f 3' üwb ^xiE" zwischen Israel und den andern Nationen. Alle Religionen und Konfessionen sind auf ihre Eigenart bedacht, wachen sorgfältig über den geistigen Besitz, ihr .heiliges Erbgut, dulden nicht Verschwommenheit und Verwässerung, Warum auch Israel nicht? Gerade bei ihm, das als schwache Minderheit unter die mächtigen Nationen zerstreut ward, liegt die Gefahr nahe, von der Masse angezogen und aufgesogen zu werden. Wir können davon ein Lied singen, ein Lied in allen Tonarten. Von den verhängnisvollen Tagen Bileams in Sittim über Esra hinweg bis zur Makkabäerzeit und Gegenwart. Zu schnell, zu leicht und zu oft mißachtete man die Hawdoloh, um den verlockenden Tönen der Assirailisierung nachzugehen. Ihr äußerster Exponent war stets — die Mischehe. Wie Viele in unseren Reihen mußten im jüngsten politischen Umbruch die schmerzliche Erfahrung machen, daß die alte Hawdoloh noch zu Recht besteht. Sehen wir die Grenzlinie nicht, so wird sie uns gezeigt; ziehen wir sie nicht, so wird sie uns gezogen. Der Hawdolohgruß an die neue Woche wäre nicht vollkommen gewesen ohne den Satz wnvb bx^w pa- Er berührt unser Wesen, unser Eigenstes, unsere Existenz als Juden, unsere Zukunft. Damit ist das Höchste erreicht. Zischend erlischt die Hawdolohkerze in einer kleinen Weinlache. Die Sabbatfeier hat offiziell ihr Ende gefunden und „Gut Woch" schallt es rings im Kreise. Sabbat — Kiddusch — Hawdoloh! Eine Perle in wundervoller Fassung. (Der frühere Kabinettschef Kaiser Franz Josefs veröffentlicht eine Monographie über Uriel Birnbaum.) Der frühere Kabinettschef Kaiser Franz Josefs, Graf Pclzer-Hoditz, hat eine Monographie über den jüdisehen Dichter und Maler Uriel Birnbaum, Sohn Dr. Nathan Birnbaums, veröffentlicht, in der er begeistert von dem Schaffen des Künstlers spricht. „Der A'erborgene ungehobene Schatz von Uriel Birnbaums Werk," schreibt der Verfasser, „muß ans Licht gehoben werden, um unserer selbst willen, damit sein Leben, das eine Ehre für seine Zeit ist, nicht zur Schande seiner Zeitgenossen werde." Uriel Birnbaum hat seinerzeit für den mit eigenen Illustrationen ausgestatteten Gedichtband „In G'ttes Krieg" den österreichischen Literaturpreis erhalten. Die Monographie von Graf Polzer-Hoditz ist im Verlag der Jüdischen Kulturstelle erschienen. (Tapferkeitsmedaille eines jüdischen Kriegers aus dem Jahre 1859.) Die Witwe eines jüdischen Kriegers aus dem Jahre 1859 hat dem Bund jüdischer Frontsoldaten in Wien die Tapferkeitsmedaille ihres verstorbenen Gatten mit folgendem Begleitschreiben zugesandt: „Ich übersende Ihnen vertrauensvoll die Tapferkeitsmedaille meines Mannes. Er diente getreulich dem Kaiser zwölf Jahre, focht schon in Italien im Jahre 1859, dann im Jahre 1866 in Preußen und' erhielt beim Sturm auf den Wenzelsberg bei Nachod die Tapferkeitsmedaille. Er war Feldwebel im Infanterie-Regiment Nr. 20 König von Preußen, war zum Leutnant eingegeben, inzwischen kam der Friede. Er starb im Jahre 1896 und wurde auf dem Zentrah friedhof bestattet. Damals bestand noch keine Abteilung des Heldenfriedhofs. Ich stehe im 90. Lebensjahr, bin nicht auf Rosen gebettet; konnte vor wenigen Jahren noch selber Gutes tun, wie es die Gebotsunserer Religion, die mir im Herzen fest verankert sind gebieten." V0m 2 -9, [nmi.ir 1937 Vom 19.-26. 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