Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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31, Dezember 1936 Der Israelit Nr. 52 Seite 5 schule nicht vorliegt, andere Werte aber kompensieren. Man kann nicht schematisch vorgehen und wird es auch hier nicht. Züchtung von Gesinnungsheuchelei zum Zwecke der Erlangung von agudistischen Zertifikaten? Das müßte ein seltsamer Heuchler sein. Es ist immer noch bequemer, zionistische Gesinnung zu heucheln, die keine große geistige Ansti engung und keine Opfer der Tat fordert, als agudistische Gesinnung zu heucheln und, zum Schein, das Joch des Gesetzes auf sich zu nehmen. Ein Aufruf „zwischen den Zeiten". Es entspricht fast einer jüdischen Gepflogenheit, „zwischen den Jahren" besinnlich stille zu stehen und mit der Rückschau und Ausschau auch tiefere innere Schau zu halten. So hören wir, wie allüberall in den verschiedenen Ländern und von den Führern der verschiedenen Kenfessionen die kirchlichen und bürgerlichen Festtage dazu benutzt werden, die Völker und die Menschen zur Besinnung zu rufen und vor allem zum Kampfe gegen die Gottlosigkeit aufzurufen. Ein betrübliches Symptom, wenn man den Menschen erst zu G'tt rufen muß, zugleich aber erfreulich, daß im Momente der geistigen Not die Rufer, Mahner und Wegweiser am Platze sind. In vielen Ländern sind Botschaften und Enzykliken von Erzbischöfen und anderen hohen Würdenträgern ergangen, in denen I sich diese gegen den Dämon des Bolschewismus und der Gottlosen-Bewegung wenden. In England ist es der bekannte Erzbischof Ganter b u r y , der am letzten Sonntag des alten Jahres in einer durch den Sender verbreiteten Ansprache die Gemeinschaft des englischen Volkes aufrief, die religiöse Selbstbesinnung wiederzufinden und ,,den Kräften, die für das allgemeine .Absinken der moralischen Auffassung verantwortlich sind, den Kampf anzusagen," womit er offensichtlich auch auf die Vorkommnisse in London-Ost abzielte. Er warnte im Ferneren vor der Gefahr der Gottlosigkeit und vor Aelte-sien Jisraels würden seine g'ttliche Mission leugnen und in Zukunft nicht mehr auf seine Stimme hören. Mosche erwidert und spricht: ,,Sie werden mir nicht glauben und ferner nicht mehr auf meine Stimme hören." * * * Kap. 4. V. H.aVs ow ■>» ir oirV ns dst vVn 'n ~TOin -'tt K^n -ny i« npa v~m „Da sprach G'tt zu ihm: Wer hat einen Mund dem Menschen gemacht, oder wer macht stumm, oder taub, oder hörend und sehend oder blind, bin ich es nicht, G'tt?" Das Zeitwort nps öffnen wird häufig in Verbindung mit erry erwähnt, so in Jeschajahu 42, 7 mns? awv npzb „sehend zu machen erblindete Augen". Wir finden jedoch in demselben Kapitel mps in Zusammenhang mit d-3IN: vnw> sb"\ d-mw rnps „mit geöffneten Ohren, aber er hört nicht" (V, 20), Beide Bedeutungen darf man dem npa unseres Verses zuschreiben, ms? npa in ffirt in „oder taub, oder hörend und sehend, oder blind". Daher ist npa zwischen snn und eingeschaltet. * * * Kap, 4. V. 20. nann bv djjsti vaa ari imtx n« n»a np'i ■vpa D'p^xn ntsa m ns?» np'i cnita nxiK jp'i „Da nahm Mosche seine Frau und seine Söhne, ließ sie auf dem Esel reiten und kehrte nach dem Lande Aegypten zurück. Und den Stab G'ttes nahm Mosche in seine Hand." Die Uebersiedlung Ziporas und ihrer Kinder soll dem Volke Jisrael als Vorzeichen seiner baldigen Befreiung dienen. Mosche wird seine Familie wohl nicht der ägyptischen Knechtschaft ausliefern wollen! Warum also der Lärm? Müßte im Grunde der Zionismus sich nicht freuen, wenn der Keren Hajischuw recht viele liberale junge Juden in Volljuden wandelte? Die Auseinandersetzung zwischen Agudismus und Zionismus ist die Schicksalsfrage des Natienaiheims, ja der ganzen jüdischen Nation. Möge diese Auseinandersetzung auf beiden Seiten mit der Würde erfolgen, die die geschichtliche Größe des Gegenstands verdient. dem Atheismus als Idee einer Staatsgemeinschaft, wie man dies in Sowjetrußland erlebt. Wenn auch all diese Mahnungen und Aufrufe sich nicht direkt an uns richten, so schlagen sie doch verwandte Saiten in unserer Brust an. Unsere Wege zu G'tt gehen auseinander; was uns aber allen gemein ist, das ist die Erkenntnis, daß ohne das Licht der Religion das ganze Gebäude der Menschengesellschaft ins Wanken geraten muß. So wissen wir uns im Kampfe gegen die Gottlosenbewegung eins mit der gesamten Kulturmenschheit. Diese Rufe verpflichten uns aber auch als Juden, noch mehr in uns zu gehen, verpflichten urs zur Einkehr und Umkehr bis zum letzten Stadium der an uns von Thora und Propheten gestellten jüdischen Forderung. Getreu dem Worte Michas (4, 5): h atsra -fti unaKi rpV« av2 irV"1 O'ösn ,D OPj^K Im Gaiut bei Juden! ., . An dieses Wort Dr. Nathan Birnbaums wird man durch folgende Zuschrift aus Haifa erinnert: Wie bekannt, geht seit den Unruhen der Gesamttransport von Zitrusfrüchten über den Hafen von Haifa, und zwar durch Vermittlung der Gesellschaft ,,Pardes". Allen Bitten und Verhandlungen zum Trotze, werden von der Gesellschaft die Hafenarbeiten auch am Sabbat in aller Oeffentlichkeit ausgeführt. Die Gesellschaft zeigte nicht die Spur von gutem Willen, den Wünschen der Gesetzestreuen Rechnung zu tragen, obwohl es sehr leicht gewesen wäre, die Sabbaientweihung zu vermeiden. Es geht hier lediglich um materiellen Gewinn, auf den die Gesellschaft nicht verzichten zu können glaubt. Der Schmerz der gesetzestreuen Kreise beim Anblick dieser öffentlichen Sabbatentweihung durch die jüdischen Angestellten und Arbeiter einer | —O——1— Eine Perle und ihre Fassung. Von A. Mannheimer in Deitelbach. (Schluß.) Der Hawdologruß an die neue Woche versorgte den Juden mit der nötigen Kraft und Ausdauer, mit der Lebensenergie, die aus Glauben und Hoffen erblüht, um auch die schwersten Hindernisse zu überwinden. Der Vater hebt die Gewürzbüchse empor und dankt beim Genießen des Duftes dem Schöpfer für das Schaffen der verschiedenen Gewürzarten. Warum gerade jetzt, da der Sabbat endet? Sinnig und schön ist die Deutung. Jeder Jude spürt in sich am Sabbat einen Zuschuß geistiger Kraft, der vom Himmel stammt, die sogenannte mm nsw. eine Seele mehr als sonst. Sie entflieht mit Sabbatende. Man empfindet eine Art Schwäche. Den Kranken hält man oft ätherische Oele, Parfüme, Essenzen unter die Nase, um die Lebensgeister zurückzurufen. Aehnlich hier. Physisches und Geistiges hängt zusammen. Wir kennen heute noch nicht den wunderbaren geheimnisvollen Zusammenhang der Seele mit dem Körper. Und doch ist er da, zeigt sich in seinen Auswirkungen. Vom Sabbat wissen wir, daß er durchgeistigt ist, wsa'v eine Seele besitzt im Vergleich zu den sechs Arbeitstagen. In diesem Sinne gilt die bekannte Erzählung von der eigenartigen Schmackhaftigkeit der sabbatlichen Gerichte. „Wir haben ein Gewürz, ras? ist sein Name, das verleiht allen Speisen des siebten Tages ein besonderes Aroma. Nur wer den r-ns? wirklich hält, prüft dies." Die selige Stimmung, die unsern Geist am raw zu besonderem Schwung befähigt, entweicht mit Sabbatende. Etwas wie eine Lähmung, Erschlaffung legt sich auf die jüdische jüdischen Gesellschaft ist um so größer, als dabei auch ein Paritätsprinzip durchbrochen wird. Nach dem Abkommen müßte auch ein gewisser Prozentsatz von gesetzestreuen ArbeiternausderAgudaunddemMisrachi beschäftigt werden. Was tut aber die Gesellschaft? Sie stellt den Aguda- und Misrachi- Arbeitern die Bedingung, am Sabbat zu arbeiten, in der Gewißheit, daß sie die Bedingung nicht annehmen und daher auf die Einstellung verzichten werden. Zu bedenken ist dabei, daß es sich um Hafenarbeiter aus Saloniki handelt, die in der Heimat den Sabbat streng gehalten hatten, hier „aber von einer jüdischen Gesellschaft zur Sabbatentweihung erzogen und gezwungen werden. Im griechischen Saloniki haben ihnen die nichtjüdischen Stadt- und Staatsbehörden den Sabbat freigegeben, ihre jüdischen Arbeitgeber im jüdischen Land nehmen ihnen den Sabbat. — Wir geben dieses Schreiben eines deutschen Rabbiners, der in Haiiü wohnt und wirkt, in der Erwartung wieder, daI3 der ganze Jischuw und auch die Golah, die den jüdischen Jischuw j ä - d i s c h haben will, sich gegen diese skandalöse geistige Entrechtung von Juden durch Juden zur Wehr setzen. Madagaskar. Auf der Suche nach Absatzgebieten — für Juden, die für Polen scheinbar eine Transportware bilden, kam die polnische Regierung auf Madagaskar, eine Insel im Indischen Ozean, die unter französischer Herrschaft steht. Es wird bekannt, daß auf Bemühungen der polnischen Regierung, einen Teil der jüdischen Bevölkerung Polens nach Madagaskar abzusetzen, ihr von französischer Seite der Bescheid geworden ist, daß die klimatischen und sonstigen Verhältnisse dort für Ansiedlungen in großem Maßstabe nicht günstig seien. Eine kleinere Anzahl von Einwanderern könnte die Einreiseerlaubnis nach Madagaskar erhalten, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Auswanderungselemente aus allen Teilen der Bevölkerung und nicht nur aus Juden sich zusammensetzen. Damit scheint Madagaskar als Problem der Judenansiedlung für Polen auszuscheiden. Uns bleibt aber der bittere Nachgeschmack, daß Polen seine „überschüssigen" Juden nicht allein dahin, wo ,,die Zitronen blühen", sondern, wenn es sich gerade gibt, auch wo „der Pfeffer wächst" hinschaffen möchte. Der polnische Seele. Ist es zu belächein, wenn die Besomimbüchse kreist unter den Hausgenossen, daß jeder sich an ihrem Dufte erquicke? — — Das Kind reicht dem Vater die kleine Fackel. Dieser dankt G'tt, Pxn mxa mm, der die Flammen des Feuers geschaffen. In der Mehrzahl: •niKö- Den Weisen entging es nicht, daß das Licht sich in verschiedenen Farben zeigt, sich in vielen Strahlen bricht. Wie der menschliche Geist, der auch ein Licht genannt wird. Ein Licht ist unsere Thora. Ein Licht jene gute, reine Tat, die wir üben. "Iis n-nm nri» Eine Leuchte ist die Mizwah, ein Licht die Thora. Ein ständiges Licht brannte im Heiligtum, brennt in unsern Synagogen, mit Licht begrüßt die Mutter den Beginn des Sabbat und einen Lichtgruß sendet der Vater ihm nach; ihm nach in die neue Woche. Heute Abend beginnt der erste Schöpfungstag, der Geburtstag des Lichtes. Die leuchtende Kerze versinnbildlicht das. Und damit alles Erhabene und Erhe* bende, alles Schöne und Trostreiche, das Menschen je gefühlt und gedacht bei dem Worte Licht. Nach menschlichem Empfinden hätte G'tt Sein Schöpfungswerk mit nichts Schönerem einleiten können, als mit der Erschaffung des Lichtes. Das mögen die lodernden Flammen der kleinen Fackel künden, wenn sie den Vorabend des ersten Schöpfungstages erleuchten. sn. Und G'tt sah das Licht, daß es gut sei. Es begleitet uns in die frische Woche, ein Hoffnungsstrahl, einst von G'tt selbst entzündet für unsere dunkle Lebensbahn. Und nun der Schlußakt. Der Vater wird zum Philosophen, Hawdoloh — ein Wort, ein Begriff, der sich reichlich anwenden läßt auf die großen und kleinen Erscheinungen dieser Welt. Unter solcher Betrachtung beginnt der Jude die Woche: Hawdoloh, kritische Unterscheidung und Scheidung. Wer das im