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Der Israelit · 1936-12-31 · Heft 52 (31.12.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 52 (31.12.1936)
Date
1936-12-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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31. Dezember 1936 Der Israelit Nr. 52 Seite 3 Agudismus als Idee und Tai (Fortsetzung von Seite 1.) Menschen in größeren Mengen restlos in sich aufzunehmen, von Zeit zu Zeit immer wieder in Handlungen höchst energischer Ablehnung sich offenbarend, wobei das Verhältnis beider Faktoren zu einander, ursächlich oder wechselwirkend, völlig dahingestellt bleiben kann. Als Geschichte der jüdischen Menschen ist daher dem Zionismus wie dem Agudismus die jüdische Geschichte wesentlich Nationalgeschichte. Beide lehnen den jüdischen Liberalismus als Versuch willkürlicher Beendigung der jüdischen Nationalgeschichte ab. Beiden hat die Erfahrung der Gegenwart Bestätigung gebracht: die jüdische Nationalgeschichte ist in unseren Tagen trotz des mehr als ICOjährigen jüdischen Liberalismus — vielleicht sogar wegen seiner — um ein höchst bedeutsames Kapitel bereichert worden. Aber gerade diese anscheinend so weit reichende Uebereinstimmung zwischen Zionismus und Agudismus läßt ihren Gegensatz nur um so schärfer hervortreten. Jede Geschichte antwortet zu einer rein äußerlichen Anreihung von Geschehnissen, wenn ihre inneren Triebkräfte nicht in Betracht gezogen werden. Hinsichtlich dieser inneren Triebkräfte aber klaffen Zionismus und Agudismus auseinander. Der Agudismus erachtet als die einzige innere Triebkraft der rätselhaften, ja wunderbaren jüdischen Selbstbehauptung die jüdische Idee. Die jüdische Idee, niedergelegt im überlieferten Schrifttum des Judentums, hatte den jüdischen Menschen über den Sinn ihres Daseins inmitten von Natur und Geschichte als Einzelwesen, als Familie, als Gesellschaft und als Staat dermaßen überwältigend Großes und einzigartig Wertvolles zu sagen, daß sie dieser Idee zuliebe, die zu ihrer Verwirklichung Menschen als Einzelwesen, als Familie, als Gesellschaft, als Staat bei Gefahr endgültiger Verstümmelung forderte, trotz des Untergangs ihres Staates und trotz ihrer Zerstreuung, sich als Nationaljuden unter unsäglichen Martyrien behaupteten, um ihr Einzelleben, ihr Familienleben und ihr gesellschaftliches Leben, soweit das Galuth nicht zwingend hemmte, nach dieser Idee zu gestalten und sich selbst der verheißenen nationalen Restauration aufzubewahren, deren die Idee bedarf, um an Stelle kümmerlicher Galuthver- "wirklichung in dem. ihr zugeteilten und nur von ihr beherrschten Land eine freie Nation als Trägerin zu finden. Der jüdische Selbstbehauptungswille ist somit dem Agudismus völlig gleichbedeutend mit dem jüdischen Willen zur Behauptung der jüdischen Idee. Nicht der jüdische Selbstbehauptungswille erzeugte die jüdische Idee, sondern umgekehrt erzeugte die jüdische Idee, die der Nation nicht entraten kann, den | nationalen Selbstbehauptungswillen. In dieser ] restlosen Identität des Willens zur Idee und des Willens zur Nation erkennt der Agudismus geradezu die geschichtliche Einzigartigkeit des jüdischen Volkes, seinen geschichtlichen Charakter als ein Volk heiliger Bestimmung, zugleich die einzig mögliche Legitimation seines geschichtlichen Anspruchs auf Fortdauer trotz Staatuntergang und Zerstreuung, seines geschichtlichen Anspruchs auf nationale Wiederherstellung. Die These des Agudismus vom Primat der jüdischen Idee ist eine geschichtlich nachweisbare Tatsache. Jede Seite des überlieferten Schrifttums spricht sie aus. Jeder Atemzug unserer Väter war von ihr erfüllt. Ihr gegenüber ist die These des Zionismus reine Konstruktion. Dem Zionismus ist die Nation, nach Weise der Völker, Wert an sich. Ihm steht die Nation, nach Weise der Völker, über dem Recht; sie ist ihm, nach Weise der Völker, Quelle des Rechts und nicht, wie die jüdische Idee lehrt, Produkt des Rechts. Die jüdische Idee von G.'tt als dem Setzer ewigen Menschenrechts, unabänderbar gleich jener anderen Setzung G'ttes, dem Naturgesetz, kennt er nicht. Daß dieses ewige Men schenrecht G'ttes es war, das, weil eben nationales Recht, vermöge seiner fortdauernden Geltung die Nation selber fortbestehen ließ, und daß diese Nation ihren geschichtlichen Sinn verliert, wenn sie von G'ttes Recht sich trennt, um aus eitler Selbstverliebtheit fortzubestehen, sieht er nicht. Der geschichtlichen Einzigartigkeit des jüdischen Volkes ist er übersatt. Er will das jüdische Volk ,,erlösen'', indem er es zu einem Volk unter Völkern zu wandeln strebt. Als ob die anderen Völker nicht gleichfalls der „Erlösung' bedürftig wären. Siegt der Zionismus, so mag die Welt um ein Volk unter Völkern reicher sein. Das jüdische Volk der Geschichte aber hätte aufgehört. Die jüdische Geschichte als solche wäre zu Ende. III. Der Agudismus wendet sich, gleich dem Zionismus, an alle Glieder des jüdischen Volkes. Gleich dem Zionismus erachtet er jeden von einer jüdischen Mutter Geborenen als den seinen. Während aber der Zionismus sich in dar Anerkennung der Blutgegebenheit erschöpft, erhebt sich dem Agudismus auf der Blutgegebenheit die Rechtverbundenheit. Von Ewigkeit zu Ewigkeit erachtet der Agudismus jedes Mitglied der Blutgemeinschaft als dem nationalen Rechte G'ttes untertänig. So wenig das Recht G'ttes je einen Juden freigibt, so wenig kann der Agudismus je auf einen Juden verzichten. Dem Agudismus sind gemäß der jüdischen Idee Nation und Recht in unauflöslicher Einheit verbunden. Wer die Nation vom Recht trennt, zerstört nicht das Recht in seiner g'ttlich ewigen Geltung, aber er zerstört seines Teils die Nation. Agudismus und „Separatismus" sind Gegensätze. Entsprechend der jüdischen Idee lehnt der Agudismus jüdische Syonisationen ab, die sich ihrerseits von der nationalen Rechtsgemeinschaft dadurch separieren, daß sie dem nationalen Rechte G'ttes die Anerkennung versagen. Jüdische Menschen lehnt der Agudismus nicht ab. Sie sind und bleiben ihm Glieder der nationalen Rechtsgemeinschaft, ob sie wollen oder nicht. Von ihnen kann der Agudismus sich so wenig separieren, wie sie selbst es vom Rechte G'ttes vermögen. IV. Der Agudismus ist der Wortführer des mit der jüdischen Idee, dem Inbegriff des Rechts G'ttes, zu unauflösbarer Einheit verknüpften jüdischen Volkes. Diese Idee gestaltet nicht nur die jüdischen Menschen zu einer Rechtsgemeinschaft, sondern fügt dieser auch das Heilige Land als ewigen Boden völliger Rechtsverwirklichung zu. Die jüdische Idee bedarf des Landes nicht minder wie der Nation. Hierin liegt die Beziehung des Agudismus zum Heiligen Lande begründet. Der Agudismus will die jüdischen Menschen für die Rechtsgemeinschaft erziehen und für diese Rechtsgemeinschaft das Heilige Land aufbauen. Der Keren Hajischuw ist das Instrument, das in Deutschland beiden Zielen dient. Er hat sich zunächst an die agudistische Jugend gewandt. Ihr war die Idee der nationalen Rechtsgemeinschaft nicht fremd. Der Umbruch hatte sie im Innersten nicht erschüttert. Sie brauchte im Wesentlichen seelisch nicht umzulernen. Ihr galt es eine vertieftere Kenntnis des überlieferten G'ttesrechts zu vermitteln, die Beziehungen dieses Rechts zu den sozialen und den nationalen Problemen der Gegenwart zu klären und eine angemessene Vorbereitung für die praktische Tätigkeit im Heiligen Lande zu geben. Unterrichtsstätten wurden eingerichtet, die in stufenmäßiger Folge die jungen Menschen vom Austritt aus der Volksschule bis zum auswanderungsfähigen Alter geleiteten. Zahlreiche Hachscharoth ertüchtigten zu körperlicher Arbeit und verbanden damit zugleich eine geistige und seelische Fortbildung. In hingefungsvollern Eifer stellte sich die Jugend selber, zusammengefaßt im Noar Agudati, dem K. H. zur Verfügung und leistete wertvollste Werbe- und Selbsterziehungsarbeit. Ihr Ideal ist die Gemeinschaft, geadelt zur Rechtsgemeinschaft der jüdischen Idee. Mit Stolz kann der Agudismus auf diese Jugend blicken. Auch zionistische Gegner konnten ihre Anerkennung nicht versagen, daß aus diesem Kreise wertvollste Menschen als Pioniere wahrhaft jüdischer Kultur ins Heilige Land entsandt worden sind. Es ist dem Agudismus gelungen, seiner Jugend in all der Schwere der Zeit den Frohsinn und die mutige Zuversicht ihrer Jahre zu erhalten und zu stärken, indem er ihr durch das Erlebnis der jüdischen Idee den Sinn ihrer hohen geschichtlichen Berufung enthüllte und den alle Kränkungen ohne Verbitterung überwindenden jüdischen Stolz einpflanzte. Agudist ist, wer das jüdische Schicksal nicht nur auf sich nimmt, sondern auch begreift und in Berufung umwandelt. Im heiligen Lande empfängt die Agudisten die agudistische Arbeiterorganisation, die mit Hilfe des K. H. gegründet worden ist. Dieser Organisation obliegt es, die sozialen Auswirkungen der jüdischen Idee im Lande zur Geltung zu bringen. Sie lehnt den sozialen Klassenkampf ebenso ab, wie den nationalen Chauvinismus. Sie vertritt den Sozialismus derThora. das geoffenbarte Sozialrecht G'ttes, das allein imstande ist, den Frieden des menschlichen Nebeneinander zu gewährleisten. In erster Reihe erstrebt der K. H. die Zusammenfassung der agudistischen Arbeiter in Kibbuzim, woselbst das Leben der jüdischen Rechtsgemeinschaft sich am ehesten entfalten kann. Die bereits bestehenden Kibbuzim haben im Lande große Beachtung gefunden. Auch dem Erziehungswesen im Heiligen Lande hat der K. H. seine Aufmerksamkeit gewidmet. Auf den Schulen beruht die Zukunft des Nationalheims. Kein „Realismus" kann hierüber hinwegtäuschen. Eine Nation ohne nationale Kultur ist eine leere Hülse. Die Kultur des jüdischen Volkes bewegt sich aber völlig um das nationale G'ttesrecht und seine Lebenspraxis. Hierin liegt der wundeste Punkt des Zionismus. Man kann geradezu im Hinblick auf die zionistischen Schulen von einem zionistischen K u! - turdefizit sprechen. Die hebräische Sprache allein kann dieses Defizit nicht decken. Die Sprache ist Ausdrucksform der Kultur, aber sie ist nicht selbst schon Kultur. Die Schulen des K. H. sind wirkliche Nationalschulen. Im Mittelpunkt ihres Programms steht die Kultur der Thcra. Eine Vereinbarung mit der Agency, die auf Veranlassung der Mandatarmacht zustande kam, sichert dem K. H. einen bestimmten Prozentsatz von den jeweils zur Ausgabe gelangenden Zertifikaten für die auswandernde agudistische Jugend zu. Dieser Prozentsatz ist für Agudisten bestimmt, die neben den allgemeinen Vorüedingunen, wie sie das Palästina-Amt stellt, auch noch die besonderen Bedingungen erfüllen, die der K. H. für unerläßlich hält. Die besonderen Bedingungen betreffen die geistige Vorbildung. Die jungen Agudisten müssen vor ihrer Auswanderung mindestens ein Jahr eine nationale Hochschule (Jeschiwah) besucht haben. V. Inzwischen hat der Agudismus begonnen, sich auch an solche Kreise zu wenden, die man ehedem wohl als zumeist liberal ansprechen konnte. Diese Tatsache hat einiges Aufsehen hervorgerufen und dem K. H. von den verschiedensten Seiten heftige Angriffe eingebracht. Der Zionismus glaubt heute das Monopol für sich in Anspruch nehmen zu können, die Führung der deutschen Juden nach dem Umbruch zu bekommen, um ihnen nicht nur physisch, sondern auch geistig und seelisch die neuen Wege zu weisen, die aus Not und Bedrängnis emporleiten. Dinch die Erfahrungen der Gegenwart fühlt er

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