Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Nummer 51 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrann. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden» (Fortsetzung.) Die Augen glänzten. Es schien, als wende sich die ganze helle Wut gegen die Ratsherrn, denen es angst und bange wurde. Einer murrte, als wenn nicht er am meisten gegen die Sache gewesen wäre, daß es nun an der Zeit war, an sich selbst zu denken. Er finde einen Tod durch Pöbel wenig angenehm. Schließlich, so vollendete ein anderer, der an Weib und Kind dachte handle es sich um die Juden, nicht um die Bürger selbst. Ihnen gingen „die Lichter auf" und sie traten endlich auf den mit Glassplittern übersäten Ballton, als seien hier Teppiche von Wert ausgelegt. Sie schienen ruhig, als das Volk bei ihrem Anblick verstummte. Sie wellten die Erlaubnis, dann machte es doppelten Spaß, denn gegen die Lanzen der Wachen wollte man nicht ankämpfen. Die mußten auf ihrer Seite sein. Sonst wären sie längst zur Judengasse gezogen, wenn sie nicht Furcht vor den Soldaten gehabt hätten. G'ttesgericht, hörten sie sagen — man müßte die Juden zur Verantwortung ziehen, alles Worte, die im Notfalle sich widerlegen ließen, nun waren sie gezwungen, sie auszusprechen, um sich selbst zu retten, denn die Soldaten standen unschlüssig, wem sie zuhalten sollten. Ihnen Befehle gegen das eigene Volk zu erteilen, vermochten sie nicht. Wie ein Schrei stieg es zum Himmel. G'ttesgericht. Man wandte sich, aber es ging nicht vorwärts, denn vorne staute sich die Menge vor einem einzigen Menschen. Nein, es war kein Jude, wie man es meinte, es war der Burgherr selbst, der Junker, der der Menge entgegentrat, die der Judengasse zurasen wollte. Sein Gesicht war fahl und entschlossen. Er überschaute die Lage sofort, er brauchte nur Burkhardts verzerrtes Antlitz zu betrachten, um im Bilde zu sein. Sein Arm reckte sich Halt gebietend empor und wirklich stutzte die Menge. Verächtlich glitt sein Blick zum Balkon, wo die Ratsherrn noch immer zitternd standen in ihrer machtlosen Würde. „Noch bin ich Herr in Heikenbrunn und nicht die da droben!" schrie er, und es klang über die Menschen wie eine Peitsche im Schlag. Seine Stimme hatte die alte Macht wie immsr, das fühlte Burkhardt in seinem ohnmächtigen Haß, in dem er sich ertappt sah unter den Aufrührern, verachtet von dem Mann, den er haßte. Verloren war alles, wenn die wankelmütige Menge nicht ihm, sondern jenem folgte. Er lachte daher auf. Judengünstling," schrie er — „aus dem Wege — Judenknecht!" Nur für eine Sekunde wankte Prosper bei dieser infamen Beleidigung, dann hob er die Fäuste und ging auf den Beleidiger zu. Man mißverstand die Regung, man glaubte sich angegriffen von dem Junker, verletzt in heiligen Hechten. Man verwirrte sich immer mehr in den Unglauben eines Glaubens xuud die erhobene Faust, die allein dem Schurken Burkhardt galt, traf förmlich alle hier im Kreise. Ein '(brüllender Schrei war die Antwort auf Prospers Geste. Von irgend her, vielleicht von Burkhardt selbst, blitzte eine Waffe und streckte Prosper nieder . . . Für einen Augenblick waren alle wie erstarrt. Aber die Stimme Burkhardts schrillte über den Gefallenen aufmunternd und fordernd, den Juden ade Unbill hier heimzuzahlen. Und der Rausch wuchs zur Besinnungslosigkeit . . . Näher kamen die Schritte der Judengasse, de.en Tore weit offenstanden. Die Wachen hatten sich zurückgezogen; sie kamen nicht zu Hilfe, weder den Juden noch der rächenden Menge. Sie waren mir nicht anwesend, zu schützen und zu helfen. David scharte tapfere Männer um sich und warnte sie vor Abwehr. Nur im äußersten Notfall wollte er zugeben, daß sie, die Waffengeübten, für alle stritten. Wenige waren sie nur, doch ersetzten sie — angefeuert durch jahrelange Hebungen unter Davids Aufsicht — ein ganzes Heer von Soldaten, Fest entschlossen war David, sich nicht abschlachten zu lassen mit den Seinen um eine Utcpie. Er fühlte, das litt G'tt nicht, daß tapfere, wehrhafte Männer zusahen, wie man unschuldige Kinder und Frauen niedermetzelte. Erst wenn kein Atem mehr in seiner und der Kameraden Brust war, wollte er nachgeben — demütig das Haupt zu beugen, 'befahl G'tt nicht in jenen Stunden der Gefahr. Das Herz Dick haben Sie gemordet, mein Bruder,. . . Am Grabe eines jüdischen Wächters in Palästiaa. Dich haben sie gemordet, mein Bruder. Vor unsren Füßen klafft der Abgrund deines Bluts. Du ragtest, Unbekannter, voll Wächtermuts Und dich haben sie gemordet, mein Bruder. Dich haben sie g'emordet, mein Bruder! Weil du nicht zur Flucht warst geschaffen, Weil du nicht kanntest die Mordsucht der Waffen. Dich haben sie gemordet, mein Bruder. Dich haben sie gemordet, mein Bruder, Und mit dir 'die Wahrheit, das Recht auf Erden, Dich rein und heilig'en, dich unversehrten, Dich haben sie gemordet, mein Bruder. (Autorisierte Uebertragung" aus dem Hebräischen von Sch. Ben-Chorin.] und die Seele einsetzen für die Juden, das verlangte der Herr über Israel. Mochten sie kommen, er war bereit . . . Mit keinem Blick berührte er den Ring an seiner Hand, der ihm Rettung bringen konnte. Eis er den Boten zu dem ihm gnädigen Fürsten sandte, wären sie alle vernichtet. Nur einer, und kein irdischer Fürst, sondern der Herr der Erde, vermochte hier Halt zu gebieten. In seine Hand legte er sein und der Juden von Heikenbrunn Geschick . . . 20. Githa zwang sich z*ur Ruhe, Wohl war sie eine hilflose Frau, aber zugleich auch Jüdin. In ihr lebten die gleiche Selbstdisziplin und das Verantwortungsgefühl ihren Mitmenschen gegenüber. Sie vermochte durch Tränen und offene Angst nicht da Panik zu schaffen, wo Ruhe am besten angezeigt war. Verstört kam sie nur von der Burg, um in Davids gesammeltes Innere schauen zu können wie durch Glas. Er vergab sich selbst vor der Geliebten nichts von dem edlen Denken. Dies Bild schwebte ihr vor, als sie die Frauen zur Ruhe mahnte, hier und dort war und doch nirgends, denn ihr Geist suchte nach dem Knaben Stephan. Daß er lebte, spürte sie gewiß. Irgend ein Zufall hielt ihn zurück, artig nach Hause zu kommen, wie er dies gewohnt w-ir. Kinder brennen gern durch, aber Stephan wußte, daß seine Mutter Angst um ihn hatte. Wo war der Knabe? Kam er rechtzeitig genug, um die Schuld von seinen jungen Schultern zu wälzen, die sein Fortsein heraufbeschwor. Konnte er jemals wieder im Leben Ruhe finden, wußte er, daß viele, viele Menschen seinetwegen den schir.achvollsten Ted erlitten? Githa tröstete und milderte die Angst — aber ihr Geist flog weiter, den Knaben Stephan suchend. In einer stillen Minute lag sie am Boden, müde und abgekämpft, in sich die Sucht, wie jene hilflose Frau Lea zu schreien, die Angst vorm Tod hatte, obgleich sie die Neunzig längst überschritt. Ja, sc schreien und jammern — das durfte sie nicht. Aber beten, bitten und flehen um Hilfe, das stand ihr frei. Alles Sehnen nach Hilfe vereinte sich in dem frommen Mädchen, und es war, als wenn die gütige G'tteshand Einsehen mit ihr habe und ihren Geist heller und lichter werden ließ, auf daß sie wie vom Blitz getroffen auffuhr. Nur da kennte er sein. Nur da! Sie raffte sich auf. Sicher war die schwere Klapptüre zugefallen, er erzählte ihr einmal von dem kleinen Wallfahrtskirchlein, eine Stunde von hier entfernt. Fromme Kinder wanderten dorthin, um für ih e Mütter zu bitten. Das war die Sehnsucht des Knaben, deshalb leuchteten seine Augen verheißungsvoll auf, wenn er Mutter und große Freundin betrachtete. Für sie beide wollte er beten! Irgend eine Aufklärung haben für ein kindliches Fragen! Aber längst müßte er schon zurück sein. Sie strich sich über das Gesicht. Sie mußte es zwingen. Noch war Zeit. Eine Stunde hin und eine zurück. Schon hastete sie durch die Straßen, von fernher kamen Stimmen. Es waren die Verfolger. Zu spät. Sie krampfte die Hände zusammen. Es durfte nicht sein, niemals durfte um eines Irrtums willen dieses Unheil geschehen. Das Johlen kam näher — jetzt überschritten sie die Grenze zwischen Judengasse und Tor — sie standen mitten drin und tobten wie besessen. Auf dem kleinen Vorplatz, der den Juden zu manchen Zeiten als Markt diente. Githa war entschlossen, sich selbst zu opfern, wenn es sein mußte. Sie durften nicht eindringen, bevor die Kapelle untersucht war. Der Menschenhaufen näherte sich ihr und sie raffte allen Mut zusammen. Erschrocken fuhren die Menschen zurück, als die schlanke, schöne Frau durch die menschenleere Gasse auf sie zuschritt, als habe sie keine Furcht. Githa hatte keine Angst, wenn auch Burkhardt an der Spitze der Aufrührer stand und ein wütend-höhnisches Grinsen auf den Lippen hatte. In seinem eigenen Staunen wagte er nicht zu glauben, daß er so nahe am Ziel seiner Wünsche stand, die Githa galten. Schon wollte er was sagen. Aber ihn bannte genau wie die anderen der Mut dieses Mädchens. „Halt," rief sie und stand vor dem Menschenhaufen wie eine Herrin. „Der Knabe Stephan lebt. Ich weiß bestimmt, daß er lebt. Habt ihr die Wallfahrtskapelle zum Heiligen Kind durchsucht? Dort muß er sein — sucht erst, dann verdächtigt —" (Fortsetzung folgt.)