Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 51 D Israelit 23. Dezember 1936 D^r Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Ostpreußen. Königsberg i. Pr., 16. Dez. Die jüdische Bevölkerung in Ostpreußen hat sich Von der Zeit vom Juni 1933 bis zum September 1036 um etwa 25 Proz. von 8000 auf 6000 vermindert. In Königsberg sank, die jüdische Bevölkerung von 3300 auf 2700, also um 20 Proz., in Elbing von 367 auf 181, also um mehr als 50 Proz. Außer Königsberg hat keine Gemeinde mehr als 500 Seelen. Ueber 300 Seelen haben nur die Gemeinden Tilsit und Allenstein, alle anderen Gemeinden in der Provinz liegen unter dieser Zahl. Bemerkenswert ist, daß in dem angegebenen Zeitraum die Zahl der jüdischen Kinder Oesterreich. Wiener Brief. Wien, 16. Dez. Anläßlich der Eröffnung von zehn Speiseküchen im Rahmen der jüdischen Winterhilfsaktion der Jüdi sehen Kultusgemeinde Wien wurde der ITA=Korres pondent von der Gemeinde eingeladen, auf einer Rundreise durch alle Wiener Bezirke sich persönlich von der Großzügigkeit und straffen Organisation der Winterhilfsaktion zu überzeugen. In allen zehn großen Speisehallen drängten sich die Bedürftigen massenhaft, um das warme Mittagsmahl teils in den Küchen selbst zu verzehren, teils es nach Hause tür sich und die Familie mitzunehmen. Die Kostproben zeigten, daß die Speisen tadellos zubereitet werden. Für den verarmten jüdischen Mittelstand sind gesonderte Speiseräume eingerichtet. Täglich werden durch diese Aktion 1600 Personen unentgeltlich beköstigt. Im Rahmen der Winterhilfsaktion werden außer dieser Speisungsaktion folgende Wohlfahrtseinrichtungen den ganzen Winter hindurch durchg(?= führt: eine Kohlenaktion, eine Lebensmittelpaketaktion, Tagesheimstätten für schulpflichtige Kinder, eine Bekleidungsaktion, eine Aktion ,,Jugend in Not", Zinszahlungshilfe, Bargeldhilfe für den geistigen Mittelstand, sowie Wärmestuben in allen Bezirken Wiens. Neben dieser Winterhilfsarbeit läuft gleichzeitig die normale Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde. Alle diese Aktionen werden fast ausschließlich aus den Mitteln der Kultusgemeinde bestritten, da aus der allgemeinen Winterhilfsaktion der Regierung für die auch zum großen Teil jüdische Spenden einlaufen, nur ein Betrag von 10.000 Schilling der Jüdischen Kultusgemeinde für ihre Winterhilfsaktion zugewiesen wird. Die Winterhilfsaktion der Kultusgemeinde ist mit 150.000 Schilling veranschlagt worden. Auf der konstituierenden Sitzung des vor kurzem gewählten Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien wurden Staatsrat Dr. Desider Friedmann erneut zum Präsidenten auf vier Jahre, zu Vizepräsidenten mit einer einjährigen Amtsperiode der Rat der Stadt Wien, Dr. Jakob Ehrlich, und Oberbaurat Robert Stricker wiedergewählt. Damit wird die Gemeh.ele durch ein ausschließlich zionistisches Präsidium geleitet. In das Vertreterkollegium der Kultusgemeinde sind von der Union österreichischer Juden und von den Zionisten je drei Mitglieder ernannt worden. Verhandlungen zwischen der Union und den Zionisten über die Wahl eines Vertreters der Union in das Präsidium haben zu keinem Ergebnis geführt. Dänemark. Einheitsliste b^i den GemeindewaMen in Dänemark. Kopenhagen, 16. Dez. Nachdem die Regierung die neue Wahlordnung für die Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde in Kopenhagen, welche eigentlich die ganze jüdische Bevölkerung in Dänemark repräsentiert, genehmigt hat, werden am 21. Dezember die Wahlen iZUT neuen Delegierten-Versammlung auf demokratischer Grund* läge (Proportional- und Frauenwahlrecht) stattfinden. Der zunächst eingeleitete Wahlkampf ging hauptsächlich um Verteilung der Mandate zwischen den altansässigen und den neu (im Laufe des letzten halben Jahrhunderts) eingewanderten Juden, die bereits die* dänische Staatsangehörigkeit erworben haben und di fast die Hälfte (etwa 3000) der jüdischen Bevölkerung in Dänemark ausmachen. In beiden Gruppen fand der Vorschlag, in diesen ersten Wahlen eine dem Gebot der Stunde entsprechende Einigung zu erzielen, lebhafte Zustimmung. Durch Aufstellung einer Einheitsliste sind laut den neuen Statuten die eigent liehen Wahlen fortgefallen und die in der Liste ge nannten 20 Delegierten und 8 Stellvertreter als gewählt erklärt worden. Von diesen gehören 15 Delegierte und 6 Stellvertreter zu den Altansässigen, 5 Delegierte und 2 Stellvertreter zu den Neueingewanderten, Unter den gewählten Delegierten befinden sich Prof, Dr, jur. Stephan Hurwitz, die bekannten Rechtsanwälte Max Rothenberg und K. S. Oppenheim, die meisten anderen sind führende Persönlichkeiten des Handels- und Gewerbestandes. Sechs Delegierte gehören der zionistischen Richtung an. Die Delegierten=Versammlung tritt nach Neujahr zusammen, um die 7gliedrige Repräsentanz aus außerhalb der gewählten Liste stehenden Persönlichkeiten zu wählen. (ITA.) Polen. Die Kolonialforderungen Polens und die jüdische Auswanderung. Warschau, 18. Dez. In einem Expose über die Außenpolitik der polnischen Regierung, die der Minister für auswärtige Angelegenheiten, Oberst Josef Beck, im außenpolitischen Ausschuß des Senats erstattet hat, kam er auch auf die polnischen Kolonialforderungen zu sprechen, die er mit der jüdischen Auswanderung aus Polen in Zusammenhang brachte. „Wir haben," so erklärte der Minister, „die Frage der Zuteilung von Kolonien für Polen zur Sprache gebracht. Zum Teil hängt diese Frage mit dem Problem der Auswanderung von Juden aus Polen zusammen. Dieser Aspekt der polnischen Kolonialpolitik icät bedeutsam, da ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Polens sich mit dem Versuch befaßt, für sich ein Nationalheim in Palästina zu errichten. Aber die Frage der jüdischen Auswanderung ist nicht ausschließlich ein palästinensisches Problem; es ist ein europäisches Problem, oder eher ein osteuropäisches Problem, da infolge der einschneidenden Veränderung in der Wirtschaftsstruktur der osteuropäischen Länder ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung vor der Gefahr steht, seine Existenzgrundlage zu verlieren. Insbesondere die jüdischen Zwischenhändler, die einen wesentlichen Teil der jüdischen Bevölkerung Polens ausmachen, suchen nach einer neuen Laufbahn für ihre Kinder; diesen Elementen kann durch Auswanderung geholfen werden." In jüdsich-parlamentarischen Kreisen wird auf die Tatsache hingewiesen, daß der Außenminister zwar ausführlich auf die Bemühungen der polnischen Regierung eingegangen ist, die Auswanderung von Juden aus Polen zu fördern, über "irgendwelche Bemühungen der polnischen Regierung jedoch, die volle Rechtsgleichheit der Juden in Polen zu sichern, nichts gesagt hat. Jüdische Einwanderung nach Madagaskar. Warschau, 18. Dez. Der insbesondere von judengegnerischer Seite immer wieder befürwortete Plan, eine Besiedlung der Insel Madagaskar mit Juden durchzuführen, ist, wie der ITA. von besonders zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, vor kurzem Gegenstand von Verhandlungen zwischen der polnischen und der französisehen Regierung gewesen. Von polnischer Seite war angeregt worden, einen Teil der „überschüssigen" jüdischen Bevölkerung Polens in Madagaskar anzusiedeln. Demgegenüber wies die französische Regierung darauf hin, daß die klimatischen und sonstigen Verhältnisse Madagaskars nur wenigen Hundert europäischen Einwanderern eine Niederlassung in Madagaskar ermöglichen würden. - Oie französische Regierung erklärte sich bereit, Einwanderer aus Polen in diesem begrenzten Ausmaß zuzulassen, jedoch nur unter der. Bedingung, daß die Auswandererelemente aus allen Teilen der Bevölkerung und nicht nur au* dem jüdischen genommen werden. '■' In Warschauer offiziellen Kreisen glaubt man, daß mit Rücksicht auf diese Antwort der französischen Regierung der zu propagandistischen Zwecken so oft erwähnte Madagaskar-Plan von der polnischen Regierung als praktisch bedeutungslos fallen gelassen werden wird. Das Schechitagesetz in Polen tritt in Kraft. Warschau, 21. Dez. Das Schechitave'rbot tritt mit dem 1. Januar in Kraft und je näher der Termin herankommt, um so mehr steigert sich die Aufregung in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung. Abgesehen von der Beschränkung des Koscherfleischkonsums, werden 50 000 Juden, die bis jetzt in der Fleischbranche beschäftigt waren, brotlos. Die meisten Gemeinden, die ihr Budget von der Koscherfleischsteuer bestreiten, kommen aus dem Gleichgewicht. Außerdem bekamen die Gemeinden ein Zirkular, mit dem sie verpflichtet werden, ihre Schochtim z u entlassen. Angesichts dieser Notlage haben dieser Tage die bekannten agudistischen Parlamentarier, Abgeordneter Minzberg und Senator Trockenheim, im Agrarministerium interveniert. Es besteht berechtigte Hoffnung, daß das Gesetz etwas gemildert oder daß sein Inkrafttreten noch hinausgeschoben wird. Repräsentanz der Warschauer Jüdischen Gemeinde vor der Auflösung. Warschau, 20. Dez. Wie von gut informierter Seite mitgeteilt wird, soll die wochenlange Krise in der Repräsentanz der Warschauer Jüdischen Gemeinde demnächst dadurch gelöst werden, daß ein Regierungskommiss a r und ein ernannter Beirat mit der Leitung der Gemeindegeschäfte betraut werden. Als Regierungskommissar ist Mauricy M. e i s 1 in Aussicht genommen. Der Beirat soll hauptsächlich aus Vertretern der jüdischen Wirtschaftsorganisationen, aber auch der Aguda und der Zionisten bestehen. Es wird in diesem Zusammenhang u. a. auch Senator Jacob Trockenheim genannt. Eine offizielle Ankündigung der Auflösung der Gemeinderepräsentanz ist bisher noch nicht erfolgt. Mit Rücksicht darauf, daß die bisher getrennten jüdischen Gemeinden von Krakau und P o d - g'orze vereinigt werden sollen, ist vor kurzem die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Krakau aufgelöst worden. Es wurde von der Behörde eine kommissarische Leitung eingesetzt, in die auch dr.ji Zionisten berufen wurden. Diesie haben aus grundsätzlichen Erwägungen heraus die Berufung abgelehnt. Advokat Ryppel und zehn Mann auf dem „Erlösungsmarsch" nach Palästina. Warschau, 16. Dez. Wie es heißt, ist Adv. Ryppel mit zehn Mann von Warschau nach der rumänischen Grenze abmarschiert, um seinen ursprünglichen Plan eines „Erlösungsmarsches" nach Palästina in die Wirklichkeit umzusetzen. Er will mit seinen Leuten zu Fuß nach Palästina wandern. Bereits im vergangenen Monat war Adv. Ryppel mit 150 Mann von Warschau aus aufgebrochen. Sein Zug fand aber 40 km hinter Warschau ein klägliches Ende. Die Polizei kam und löste seine Abteilung aüf. Der Bombenanschlag auf das TOZ-Haus in Grodno. — Die Täter verurteilt. Warschau, 15. Dez. Das Kreisgericht in Grodno hat die Mitglieder der illegalen national-radikalen Partei Alfons- Panasiuk und Dominik Jaroszewicz, die am 16. März einen Bombenanschlag auf das Gebäude der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden „TOZ" in Grodno verübt haben, zu je drei Jahren Gefängnis verurteil!. Der dritte Angeklagte, Kazimierz Bogusz-Grecki, wurde freigesprochen. Bei der Strafbemesisung wurde die Tatsache, daß Panasiuk in einem Brief an sein« Mutter die Tat und seine frühere judenfeindliche Einstellung bereut hat, nicht berücksichtigt. unn