Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450959--82653-2540601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23. Dezember 1936 Der Israelit Nr. 51 Seite 3 Wachet über das siebente Jahr! (Fortsetzung von Seite 1.) Eine Heimkehr ins Land Israel bat in der Gegenwart durch G'ttes Fügung wunderbar begonnen. Doch die meisten der Zurückkehrenden sind trotz der Erfahrungen eines Galuth von zwei Jahrtausenden in ihrer Seele zerrissen. Sie haben sich bewußt dem Denken ihrer Galuthaußenwelt assimiliert, und nur unbewußt, mehr oder weniger verblaßt, leben in ihnen noch Traditionen der Ahnen fort. G'ttes Gnade muß diesem Geschlecht schon beistehen . . . Trotz der Hoffnung auf das Vatererbarmen bleibt einem jeden in diesem unserem Geschlechte, der sich ehrlich um die Zukunft unseres Volkes sorgt und den Sinn seiner viertausendjährigen Vergangenheit wenigstens ahnt, die ernste Pflicht der Verantwortlichkeit dem jetzigen entscheidungsvollen Moment gegenüber. Denn bedenklich schwankt die Schicksalswage; Nicht im Hinblick auf die politischen Situationen ist dieses Wort gemeint. Die Diplomaten denken, aber ein Höherer lenkt. Das nächste Jahr — 5698 —• rundet sich wieder zu einer Jahrwoche ab. Das siebente Jahr will im Lande Israel das Volk Israel prüfen, ob es wieder wie sein Ahn Jakob-Israel um das G'ttliche in sich kämpft und über all die Galuthschlacken seiner Seele siegt. Mag ihm auch Edom im Galuth die Sehne seiner natürlichen Kraft verrenkt haben; es muß den Genius Edoms, der sich seiner bemächtigt hat, niederzwingen und seinen eigenen Genius, den um den Sieg des G'ttlichen ringenden Genius, Herr über sich werden lassen. ,,Seid heilige Menschen, denn G'tt, euer G'tt, ist heilig", und ,,seid ein heiliges Volk!" fordert seit Jahrtausenden G'ttes Thora auf. * Es ist leider klar, daß in Erez Israel die überwiegende Mehrheit sehr weit von einem Wochenrundschau. Parität. Wie von uns bereits bekanntgegeben, hat das Kleine Aktionskomitee in einer dem Zusammentritt der Untersuchungskommission vorausgegangenen Sitzung in Tel Awiw das Prinzip der politischen Parität mit großer Stimmenmehrheit angenommen. Obwohl Weizmann diesen Punkt in seinen Aussagen vor der Königlichen Untersuchungskommission nicht berührt hat, so hat er doch von den zionistischen Zentralinstanzen die Ermächtigung, -— sollte er darüber noch befragt werden, — die Bereitschaft der Zionisten, dem Prinzipe der Parität zuzustimmen, zum Ausdruck zu bringen. Was unter der politischen Parität zu verstehen ist, sagt uns ein Artikel 'der ,,Palestine Review". Es soll eine jüdisch-arabische Verständigung auf der Basis der gleichen Behandlung von Juden und Arabern zustande kommen. Der Paritätsgedanke stamme von Weizmann, der nach langwierigen Aussprachen im A.-C. akzeptiert w.urde. Die politische Parität, heißt es im Artikel weiter, sei einerseits der Inhalt eines Programmes ehrlicher Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht zur vollständigen Durchführung des Mandats mit seinen beiden einander nicht widersprechenden Verpflichtungen gegenüber den Juden und den Arabern, andererseits' bezeichne' sie die Linie, auf der sich die Juden und Araber auf der Fläche des Verständnis für das Thora-Diadem ihres Volkes entfernt ist und die Heiligkeit, die dem Wollen und Sein ihres Volkes Weg und Ziel sein soll, nicht mehr kennt. Es gibt aber noch eine Minderheit, in der der Geist der Makkabäer lebt. Diese Schar hat sich nicht durch den Geist Edoms brechen lassen und hungert lieber, als die für das siebente Jahr geltenden g'ttlichen Gebote auf ihrem Boden nicht zu beobachten. Sicherlich könrlen durch eine gut organisierte Propaganda noch weitere Teile der Landbevölkerung für die Schmittoruhe gewonnen werden. Doch beide brauchen auch, da sie eine Minorität darstellen, eine organisierte finanzielle Unterstützung. Sedom wäre wegen zehn Gerechten gerettet worden. Der Bestand des heutigen Jischuw in Erez Israel hat schwere Angriffe zu bestehen — wir in Erez Israel spüren die Anstürme — und eine Minorität dem G'tteswort Treuer kann ihm Makkabäertat bringen. Die ihr die Treue wahrt der großen Vergangenheit eures Volkes nud bangt um seine Zukunft, die ihr auch aus den furchtbaren Ereignissen der Gegenwart gelernt habt, daß Israel nur auf einen Verbündeten, auf G'tt, seine Hoffnung setzen darf, bereitet schon jetzt das siebente Jahr vor! Wo in der jüdischen Welt solche Treue sind, ist es ihre heilige, von größter Verantwortung getragene Pflicht, sich zu einem Ortskommittee zusammenzusetzen und die jüdische Gesamtheit ihres Ortes über die Bedeutung des siebenten Jahres zu informieren und Geld zu sammeln und an ihre Agudas Jisroel-Landeszentrale weiterzuführen. Mandats treffen, und zwar so, daß eine Herrschaft des einen Volksteiles über den anderen unmöglich gemacht und der ungehinderte Fortschritt des jüdischen Nationalheimes ebenso wie eine freie Entwicklung der Araber in Palästina gesichert sei. Dieses Paritätsprinzip ist das ,,Ei des Kolumbus", das aber nicht erst von Weizmann in die richtige Stellung gebracht worden ist. Seit Jahr und Tag vertreten wir bei der orthodoxen Aufbauarbeit in Palästina dieses Prinzip der politischen Parität, suchen Wege der Verständigung sowohl mit der Mandatarmacht wie mit den Arabern. Aus diesem Paritätsprinzipe heraus waren und sind wir auch strikte Gegner der überspitzten A-wodah Iwrith, sofern sie über die Pflicht des *py "pnK Tll ins Politische lind Nationale hinüberweist. Das schließt aber nicht aus, daß wir, ohne Prioritätsrechte geltend zu machen, das Eintreten Weizmanns für dieses Gleichheitsprinzip begrüßen und unsere Bereitschaft zur Unterstützung dieser Bestrebungen erklären. Ob die vor der Kommission wiederholte und unterstrichene Erklärung Weizmanns, Palästina müsse jüdisch sein wie England englisch ist, diesem Paritätsprinzipe dienlich sein kann, darüber läßt sich streiten. Die Paritätsanhänger werden das Wort so interpretieren, als habe Weizmann mit diesem stolzen Ausspruch nicht Palästina schlechthin, sondern das Jüdische National heim gemeint, das sich genau so restlos jüdisch gestalten könne, wie die freie arabische Entwicklung daneben gut und vollprozentig arabisch bleibt. Ob aber die A r a - b e r den guten Willen aufbringen, das Wort so zu verstehen? Dasganze Gerede vom Paritätsprinzip hat aber zur Stunde leider nur akademischen Charakter und bleibt frommer Wunsch, solange sich die Gegenseite nicht dazu äußert und auch noch gar keine Miene macht, in die ihr entgegengestreckte Hand einzuschlagen. Auch hier gilt wie im gewöhnlichen täglichen Leben der Grundsatz: Der Friedlichste kann nicht Frieden halten, wenn es der Nachbar nicht will . . . Und wieder Rasierklingen ... Unsere Ausführungen an dieser Stelle über die von der Zionistischen Vereinigung in Deutschland angeforderten Rasierklingen als Chanukahgeschenk für die jüdischen Polizisten in Palästina, gehen der „Jüdischen Zeitung" in Breslau ein wenig auf die Nerven. Man soll mit Rasierklingen nicht spielen, und wenn es das zionistische Blatt tut, so tut es dies auf eigene Gefahr. Nach der recht freundlichen Glossierung eines in Breslau gehaltenen Vortrages von Dr. S. Ehr mann, Frankfurt a. M., schreibt das Blatt ungefähr folgendes: „Mit diesen Anschauungen verträgt es sich u. E. schlecht, wenn der „Israelit", das Zentralorgan für das orthodoxe Judentum, in Nr. 48 glaubt, mit der ZVfD polemisieren zu müssen, weil für Chanukahspenden an die jüdischen Polizisten in Palästina auch Rasierklingen verlangt und gegeben worden sind. Wir verkennen die Schwierigkeit nicht, die sich hier auftut. Der „Israelit" schreibt von seinem Standpunkt aus sicherlich mit Recht, daß das Verbot des Rasierens mit einem Messer genau so streng zu nehmen sei wie das der Sabbatentweihung, des Götzendienstes und des Genusses von Schweinefleisch. Aber wir meinen, von unserem Standpunkt aus — jeder weiß und fühlt das — daß zwischen offizieller Sabbatheiligung, zwischen Kaschruth in öffentlichen Anstalten, Küchen usw. und andererseits zwischen Rasieren mit Messer oder Klingen und, um ein bekanntes 3eispiel zu wählen, zwischen . sportlicher Betätigung privater Vereine oder Gruppen am Sabbat ein Unterschied besteht. Gerade darin liegt ja doch das trennende Moment zwischen Gesetzestreuen und Religiös-Liberalen, daß letztere die unterschiedslose Verbindlichkeit aller Vorschriften des jüdischen Gesetzes — ohne irgendwelche Berücksichtigung der Entwicklung nicht anerkennen. Wir meinen daher, daß es keinen Weg einer Verständigung geben kann, wenn nicht gegenseitig etwas Verständnis be=. steht. Auch wir stehen den Wünschen und Forderungen der Kreie, die den Aufbau Palästinas entsprechend dem jüdischen Gesetz verlangen — dazu gehört neben der Aguda bekanntlich auch der M i sr a c h i — sympathisch gegenüber, weil wir die Verdienste der Orthodoxie um Bestand und Erhalt des Judentums hochschätzen, und wir verurteilen Erscheinungen, di& wiederholt in Palästina sichtbar geworden sind, als unvereinbar mit jüdischer ebenso wie mit zionistischer Anschauung. Aber es wird gut sein, Grenzen abzustecken, die beiderseits innegehalten werden müssen. Geschieht das, dann wäre wohl auch der Weg frei für eine wirkliche Zusammenarbeit zwischen der Aguda, nachdem sie aktiven Anteil am Palästinawerk nimmt, und der Zionistischen Organisation. An den Rasierklingen und am Schalom (statt Scholaum) sollte eine Verständigung doch nicht scheitern. Zusammenarbeit mit anderen — ob Frontbund oder Zionisten — ist ohne Kompromisse nicht gut möglich." Dazu wäre zu bemerken, daß sich der ,,Israelit" nicht dagegen gewandt hat, daß der einzelne jüdische Polizist, — so bedauerlich es auch ist —■ das Verbot des Rasierens übertritt, sondern dagegen, daß Geld von allen Juden, darunter auch von Orthodoxen, gesammelt wird, um damit u. a. auch Rasierklingen zu kaufen. Es steht die Kritik dieses Vorgehens also völlig im Einklang mit der von Herrn Dr. Ehrmann ausgesprochenen Forderung, daß mit den Mitteln der Gesamtheit in Erez Jisroel nichts geschehen darf, was gegen das jüdische Gesetz verstößt. Es ist nebenbei auch zu bemerken, daß es ein Irrtum der „Jüdischen Zeitung" ist, wenn sie etwa glaubt, daß der ,,Israelit" an der sephardischen Aussprache „Schalom", statt der aschkenasischen Aussprache Scholaum. Anstoß genommen hätte. Für uns bedeutet „Scholaum" wie „Schalom" Frieden. Rasierklingen als Liebesgabe des Volkes zerschneiden aber den Frieden und die Einheit — weil sie die Basis der Zusammenarbeit mit den Gesetzestreuen untergraben. "• -• '