Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 50 (17.12.1936)
- Date
- 1936-12-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Über den Genesiskommentar von B. Jacob. Von geschätzter Seite erhalten wir folgende Zuschrift; Die Erwähnung des Genesiskommentars von B. Jacob im Leitartikel der vorletzten Israelitnummer hat mich veranlaßt, dieses dort so anerkennend mrwähnte Buch mir flüchtig anzusehen. Ich habe dabei folgende, hier wörtlich angeführte Stellen gefunden: „Daß die biblische Erzählung von der Sintflut naturgesetzlich unmöglich ist, also keine Geschichte sein kann, wird von allen Seiten zugegeben (5. a, a. v. Hum. und Dr.). Schon die Sammlung aller Tierarten, der zahmen wie der wilden, sogar aller Vogelarten und allen Gewürms, und zwar je ein Männchen und ein Weibchen, ist ein starkes Stück für den Glauben. Aber die Ueberflutung des ganzen Erdballs mitsamt den höchsten Bergen, sowie der Abfluß der unermeßlichen Wassermengen ist nicht einmal vorstellbar, usw." (Seite 236.) „Daß die Urgeschichte keine wirkliche Geschichte ist, bedarf für den Denkenden keines Wortes mehr. Die Abzahlungen beweisen, daß die Thora sie als -wirkliche Geschichte auch nichi verstanden -wissen will. Wer tatsächliche Geschichte erzählen will, tut dies in der ungebundenen Rede der Prosa. Wer zu einer durch bestimmte Masse wie. Rhythmen und Zahlen gebundenen greift, gibt damit zu erkennen daß er dichtet und konstruiert. Das freie Leben ver läuft nicht nach zahlenmäßigen Proportionen. Es mö gen Tatsachen zugrunde liegen, aber sie müssen sich gefallen lassen, nach den Massen gemodelt zu wer den. Mit der Urgeschichte will die Thora eine Dich* tung und Konstruktion vorlegen, usw." (Seite 310.) „Entscheidender spricht gegen die Autorschalt des Patriarchen ein formaler Grund: es wäre unbe greiflich, daß ein in den letzten Zügen liegender Greis, eine solche Ansprache gehalten haben soll, die voll Kraft und Feuer, mit ihrem hochpoetischen Schwung und Glanz der Rede in Kühnheit der Bilder, Wahl edler Worte und dem Rhythmus der Satzglieder zu den vollendetsten Erzeugnissen der prophetischen Dichtung der Hebräer gehört. Dazu kommt, daß sie bei aller Unbestimmtheit der Schilderungen dennoch gewisse Zustände voraussetzt, die nicht als notwendige Entwicklungen anzusprechen sind, und die vorauszusagen nicht im Geiste der israelitischen Prophetie liegt. Vielmehr ist die Rede nicht anders zu beurteilen als alle Reden und Worte, die wir bisher aus dem Munde von Personen vernommen haben. Der Verfasser des Buches lebte auf alle Fälle Jahrhunderte nach ihnen und hat ihnen in den Mund gelegt, was sie jeweils hätten sagen können oder sollen." (Seite 929.) Es dürfte wohl dem Sinn des verehrten Verfasser® des erwähnten Leitartikels entsprechen, -wenn ich hier auf derartige in Jacobs Geneisiskommentar enthalte* nen Stellen, die dem Verfasser des Leitartikels entgangen sein dürften, hinweise. Es ist daher sorgfältig zu prüfen, wem dieses Buch in die Hand gegeben werden darf. Wir möchten dies hier ausgesprochen haben im Sinne jenes höheren Scholaums, den wir alle sehnlichst erstreben. (Top ra») D^nipaff orras^» bvnv> "bv nwyb Schi. Aus Mischna Pea, Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg (O.-S.) Der Satz Mischle 22, 28 (23. 10) abv 101) bs „Verrücke nicht uralte Grenze" wird in Mischna Pea 5, 6 sowie 7, 3 mit midraschischer Freiheit ausgelegt und angewendet. Pea 5, 6 heißt es: „Wer nicht zuläßt, daß die Armen Nachlese halten, oder wer den einen zuläßt und den andern nicht, oder wer einen von ihnen dabei unterstützt, d^ij? bm son bs U3n: dt by o^wn ns bm nt -nn „der beraubt die Armen; auf diesen ist gesagt: Verrücke nicht die Grenze der Heruntergekommenen. Aehnlich heißt es Mischna Pea 7, 3 „Was ist »~>s? Das was bei der Weinlese herunterfällt. . . . Wer einen Korb unter den Weinstock stellt, während er Weinlese hält, der beraubt die Armen; auf diesen ist gesagt: Verrücke incht die Grenze der Heruntergekommenen." So weit die beiden Mischnajot. Die Kommentatoren heben den Draschcharakter der Auslegung von a^iy hervor und verweisen auf Jeruschalmi, wo zwei Amoraim die Bedeutung von o^iy verschieden erklären. Der eine sagt, es seien die fca'lS» "bw „die aus Mizraim Heraufgezogenen" gemeint, denen die Tora gegeben wurde. Der andere sagt: a-bw sei ein nm ''JO-Ausdruck, ein Euphemismus. Wie man statt „blind" sagt „vielsehend", so stehen hier D^iy „Heraufgekommene" an Stelle von irrnTP „Heruntergekommene", d. h. Arme. In der obigen Uebersetzung wurde die letztere Erklärung gewählt, die wohl als die plausiblere angesehen werden kann. "' . Es erscheint nun rätselhaft, weshalb in diesen. beiden ' Sätzen der Mischna als Schriftbegründurig >dafÜE;-,4&ß man dje Armen .nicht, berauben; dürfe, dero Satz in Mischle bbijV'm löri gewählt1 würde."(Vgldarüber u. a. Tossafot Jomtow und Toss. Chadaschim.) Es hätte doch viel näher gelegen, den einige Sätze vorher stehenden Vers Mischle 22, 22 in bnn bs „Beraube nicht den Armen" oder einen der anderen Schriftverse zu wählen, welch« nach ihrem schlichten Wortlaut die Beeinträchtigung der Armen verbieten. Statt dessen hat die Mischna als Schriftbeieg einen Satz gewählt, der erst durch einen Drasch den Hinweis auf das spezielle Gebot gewinnt, Arme 'nicht zu schädigen. Es' kann aber für den, welcher das Wesen der Mischna und den Geist unserer Weisen kennt, keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn sie es vorgezogen haben, diesen Satz zu wählen, sie einen triftigen Grund dafür hatten. Was hat sie nun dazu veranlaßt? Meines Erachtens liegt der Grund darin, daß der Satz aus Mischle kein Schrftbeweis für das Verbot der Beraubung von Armen sein soll. Vielmehr ist die Stelle anders aufzufassen: Pea 5, 6 behandelt zwei Fälle. Der erste Fall ist, daß der Besitzer die Armen nicht zur Nachlese zuläßt, ohne daß er vielleicht selber Nachlese hält. Der zweite Fall ist, daß er, anstatt die Nachlese der Gesamtheit der Armen zu überlassen, dieselbe nach seinem Belieben vertritt, also die Gerechtsame der Armen eigenmächtig abgrenzt. Der Satz Q"3S?n m bm nr nn bezieht sich nun auf den erstsn Fall. Der Satz nt ^s? a'Visf hsi um Vt» *i»sa dagegen auf den zweiten Fall. Die beiden Sätze wären hiernach, folgetidevmaßen m übersetzen: „Dieser beraubt die Armen. Von je nem ist gesagt: Verrücke nicht die Grenze der Heruntergekommenen." Aehnlich ist auch Pea 7, 3 zu interpretieren und zu übersetzen. Nach ihrem Wortlaut enthält diese Mischna zwar nur einen Fall: „Wer einen Korb unter den Weinstock stellt, wäh rend er Weinlese hält." Aber, analog der vielfach angewendeten Formel ">:inj? "om t-oonn -mon ist die Mischna in ihrem Wortlaut zu ergänzen, um den vollständigen Sinn zu verstehen. Das Unterstellen des Korbes umfaßt zwei Fälle. Der erste Fall ist, daß der Besitzer den Beeren-Abfall den Armen ent ziehen will, ohne ihn vielleicht selber zu verwenden. Der zweite Fall ist, daß er ihn nach seinem Gutdünken an Arme verteilen will. Auch hier wären also die beiden Sätze wie in Mischna 5. 6 zu übersetzen: „Dieser beraubt die Armen. Von jenem ist gesagt: Verrücke nicht die Grenze der Heruntergekommenen," Eine entsprechende Analogie bietet neben anderen Beispielen Mischna Chagiga 1, 5: ..Von diesem ist gesagt: „Eine Silbermaa, zwei Silber." Von jenem ist gesagt: „Jeder nach der Gabe seiner Hand, nach dem Segen des Herrn, den er dir gab." Die 275 jährige Menorah der Altonaer großen Synagoge. (Verspätet eingetroffen.) Vor 275 Jahren wurde die schöne massive Menorah der, großen Altonaer Synagoge gestiftet, die noch jetzt ein sehenswürdiges Kunstwerk damaliger Metallgießerei bildet. Am Sockel findet sich eine Inschrift in erhabenen Buchstaben, die in deutscher Uebertragung lautet: ..Zur Ehre des Schöpfers und zur Ehre seiner heiligen Thora, die uns. eine Leuchte ist, hat folgende Cbewra- Lernvereinirfung diesen Leuchter gespendet." Es1 folgen dann die 12 Namen der Stifter und die Jahreszahl 422 (1662). Diese Menorah hat ihre eigene Geschichte. Als Altona noch ein Fischerdorf war, bestand hier bereits eine jüdische Gemeinde mit Gemeindeinstitutionen. 1616 wurde der Deutsche Aschkenasische Friedhof zuerst in Benutzung genommen und 1620 der Gründer der Gemeinde, Samuel Lob Jehu da Altona, .dort beigesetzt. In der Breitenstraße 163 befand sich eine Betstube, und jede Zunft hatte ihre Chewra, ihren Lernverein,-wo die Mitglieder nach des Tages Mühen täglich zum Lernen kamen, wie die Glückel Hameln (Seite 212} berichtet, und ein solcher Lernverein, dem auch ihr jungverheirateter Gatte, Chajim Hameln, der Inschrift der Menoroh entsprechend, angehörte, stiftet dese Menorah. Die ersten zwei Namen sind die Lehrer des Verein«, der Gelehrte Wolf W i 1 n a , Schwiegervater des berühmten Gaon, Verfasser des Schach" zur Jore Dea, der zweite Lehrer ist der vor 275 Jahren verstorbene Rabbi Anselm Wilna. Als 1681 die große Synagoge erbaut wurde, wurde diese Menorah in dieselbe übernommen und dort in der Stellung von Norden nach Süden aufgestellt. Diese Stellung der Menorah der Altonaer großen Synagoge wird in dem ResDonsenwerk „Knesses J2cheskel" Nr. 43 als maßgebend für alle anderen Svnagogen der Drei-Gemeinden angeführt, wie auch im Werke „Schaare Teschowoh" .zu Orach Ghaiim in Hilchoth Chanukah Nr. 671 die Stellung der Altonaer Menorah zitiert wird. Während der Schweden.beschiießung 1711, da die Rückwand der Synagoge von Kanonenschüssen ar<s beschädigt wurde und auch viele Tempelgeräte darunter litten, blieb unsere Menorah unversehrt stehen. Sie strahle aber auch;n hrem Glänze, als 1768 neben ihr der T h r o n s e s sei de® dänischen Königs und die seiner Minister aufgestellt wurden. Sie sah Generationen kommen ^nd;-gehen.und. .zahlreiche -der Familien, deren Namen Im Sockel' "verewigt sind, freuen sich heute noch, wenn die Lichter an dieser Menorah angezündet werden. Sie äst ein Denkmal in der Geschichte unserer Gemeinde und möge als Symbol gelten, daß das Lichtt der Thora stets in unserer Gemeiinde erhalten bleibe. Rabb. "E. Dukesz. Ein jüdisches Museum in Nikolsburg und eine wertwolle Urkunde. In der altehrwürdigen Gemeinde Nikolsburg, dem früheren Landrabbinat. von Samson Raphael Hirsch, ist vor kurzem ein Jüdisches M u s e u m eröffnet worden, von dem die Welt außerhalb Mährens" durch ein eben erschienen es Gedenkbuch, abgefaßt und herausgegeben im Auftrage des Kuratoriums von Prof. Dr. Alfred Engel, Kunde erhält. Das künstlerisch schön ausgestattete und mit reichen Illustrationen versehene Buch bringt nach einer Einleitung in tschechischer Sprache eine hochwertige Studie über die Altschul-Synagoge in Nikolsburg von Dr. Heinrich Blum, die allerdings den Bau mehr nach seiner architektonischen Seite als nach seinen geschichtlichen Wandlungen behandelt. Ausgewählte Grabschriften des jüdischen Friedhofes von Nikolsburg von Dr. Alfred Willmann führen schon tiefer in die Geistesg&schichte der Gemeinde hinein. Man erfährt aus einem Anhang auch, einiges Über alte jüdische Friedhofsgebräuche in Böhmen-Mähren. Eine Studie vom heimgegangenen Oberrabbiner von Wien, Dr. David Feuchtwang, befaßt sich mit der Persönlichkeit des bekannten Rabbi und Stadion David Oppenheim. Alte Zeiten werden vor unseren Augen lebendig, wenn man den von Dr. Heinrich Flesch veröffentlichten Rabbinatsbrief für Rabbi Mordechai B e n e t in Nikolsburg liest und die Bedingungen erfährt, unter welchen dieser geistige Führer das Rabbinat in der alten Gemeinde antrat. Ein Gleiches läßt «ich sagen von den zum ersten Mal veröffentlichten Briefen das Nikolsburger Rabbiners Nachum T r e b i t s c h (mitgeteilt von Rabb. Dr. Isaac Cahan). Auch die Beziehungen des bekannten Hofjuden Samson Wert he im er zu Nikolsburg leuchten uns aus einem Aufsatz von Manfred Lemberger klar entgegen. Alles in allem ungemein wertvolles Material für den Historiker und gute, von Illustrationen unterstützte Lektüre auch für den Laien. Aus der S. R. Hirsch'schen Zeit in Nikolsburg finden wir in diesem Gedenkbuch, und wahrscheinlich auch im Museum herzlich wenig, was man bedauern muß. Das neueste Heft des Nachlath Zwi. Das vor kurzem erschienene „Nachlath Zwi"-Heft für Tischri-Kislew (Oktobeir-Dezeniber 1936), herausgegeben vom Vorstand der Rabbiner Hirsch=Gesellschaft, Druck und Verlag von David Droller, Frankfurt >a. M., umfaßt annähernd 90 Seiten. Aus einem Leitartikel über die pädagogischen Werte des Judentums aus dem Nachlasse von Rabbiner Hirsch ^"ST' sieht man, wie der große Rabbiner bereits in den siebziger Jahren des vonigen Jahrhunderts ewige Leitsätze für ,die Erziehung der Jugend ausgesprochen hat, die heute, nach all den Wandlungen, Umwälzungen und Umstellungen ihre volle Gültigkeit haben. — Zu den „Pflichten und Rechten der Golahmenschen" bemerkt P. K., daß mit Ausnahme der Höchstbegabten, die wirklich etwas zu sagen haben, dem großen Reste der Wenigbegabten heute nur noch übrig bleibt, warnend den Finger zu erheben. Wie man früher vor der These „Religion Privatsache" gewarnt hat, so müsse man heute vor der anderen These „Konfession Privatsache" warnen. Der Kampf sei heute ungleich .schwerer als der der Alten gegen die Reform, da im Gegensätze zu der damaligen Zeit heute der Kampf gegen die Thora so verschleiert ist. — Es ist ein besonderes Verdienst von Rabb. Dr. Josef Breuer, daß er in diesem Heft das kommende S c h m i t a j a h r in Erez Israel in Erinaerung ruft und uns sagt, wie wir uns bei der orthodoxen Aufbauarbeit für die Schmita zu rüsten haben. — Eine Arbeit von hohem Niveau und klarem Wollen, die möglicherweise in einigen Punkten noch eine Diskussion auslösen wird, ist der Aufsatz von Dr. Maximilian Landau über „S, R. Hirsch und unsere Zeit". Es geht wiederum um die viel umstrittene Frage, ob das■ pw TO t» mm -Prinzip Hirsoh'scher Prägung nur eine nyv nsim war, oder seine ewige Gültigkeit für heute noch hat. Maximilan Landau vertritt in konzentrierten Formulierungen die letztere Interpretation. Im Ferneren setzt Dr. Paul Galewski seine Arbeit über den „Rechtserwerb durch einen unbeauftragten Geschäftsführer nach biblisch=talmudischein Rechte" fort, Jakob Katz seine Artikelserie über die „Entstehung der Judenassimilation", Dr. Ph. B i - berfeld seine Arbeit über „Das Noachidische Uvrecht". Rabbiner Dr. B. Cohen diskutiert mit Rabbiner Dr. Klein über die „Neuein Wege" (das Prob: lern der kabbalistischen Studien,}. Salomon S p e i e r referiert über „Stilistik dm Tnach", ein Thema, das er sich mit großer Sachkenntnis vertieft hat. Einige kleinere Aufsätze 1 von G. Italje, Haag, die übliche- Chronik, Palästinaberichte der P. Zder A. Ji,- und eine, fünf ..Neuerscheinuni^eii. .umfassende B.Äi.c h e.r.s ch a u. ßchließen das rieft,; das sich wiederum, abgesehen von seihen' lebehS'aniscnaulachett Zielen, als literarische Revue bester Art bewährt-