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Der Israelit · 1936-12-17 · Heft 50 (17.12.1936) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 50 (17.12.1936)
Date
1936-12-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 50 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung, j Mühsam überlegte er, was zu tun war. Ließ er die Lücke öffnen, war sein Freund zu einem Verächter seiner selbst geworden. Blieb sie geschlossen, hatte er die Leute hier zum Feind. Sie mißtrauten dann ihm genau so sehr wie den Juden, ihrer Kinder und ihres Hasses willen. Noch unschlüssig, was zu tun sei, hörte er die Stimme Davids auffordernd den Arbeitern zurufen: ,,öeffnet die Lücke — sofort —" Die Stimme riß zum Gehorsam, beißend im Befehl war sie, wie im Hohn. Schon griffen die ersten nach den Spaten und Hacken, wie eine Wunde uar es, die man dem Fundamente schlug. Schweigen ringsum, nur das Hämmern und Brechen vollführte die eintönige Melodie, Die Augen stierten halb ausdruckslos, vielfach auch mit einer Spannung, die sich vor der Enttäuschung genau so fürchtete wie vor einer eintretenden Bestätigung ihres Verdachtes. Ganz hinten, wo der "junge Arbeiter lag, zerschunden von Hieben und roher Behandlung, klang ein Winseln, das genau so rasch erstarb, wie es auftauchte. David allein stand gleichmütig wie ein Stein neben den Arbeitern. Keine Menschenseele ahnte, was er litt. Er wußte, irgend etwas, mochte es das Geringste sein, reizte diese stumpfe Menschenmasse zum Irrsinn. Es gibt solche Zeiten im Jahr. Alles ballt sich an innerster Wut, Enttäuschung und verwandten Gefühlen zusammen zu einem Ausbruch, der ganz anderem als dem Betroffenen gilt. Er flehte G'tt innerlich nur um eines an: laß daj Opfer des jungen Arbeiters schwinden wie die Sonne am Abend ... Was der Ewige jedoch mit seinem Volke vorhatte, ließ er sich selbst nicht durch die heißeste Bitte eines frommen, reinen Mannes aus der Hand nehmen. Die Lücke öffnete sich, unendlich vorsichtig hob man Stein von Stein, aber man fand nichts, weder Leichnam noch sonstiges. Noch aber wagte David nicht aufzuatmen. Es mußte etwas zu finden sein, das Verdacht erregte. Er musterte die Arbeiter, es waren jene, die die jüdischen anlernten, einer darunter war von Prosper verjagt worden wegen Unredlichkeit, heute aber arbeitete er ungestört mit. In seinen Zügen lag eine grenzenlose Enttäuschung. Von ihm konnte man Hetzereien gegen die Juden schon erwarten. Er ließ auch nicht ab, den Boden zu durchwühlen, er grub weiter, als die anderen zögernd i nd achselzuckend auf den Junker schauten, der wie verloren auf die Lücke schaute, als sei eine g1 eiche in seinem Innern, die ihn schmerzte und brannte. Nur einen kurzen Schrei stieß der unredliche Arbeiter aus, als er sich bückte. Teuflische ri'aude stand in. seinem Gesicht beim Bücken und Erhaschen einer Flasche mit breitem Hals. Zugekorkt war sie, gefüllt mit einem dunklen Grund, £;de, staubig trockene Erde faßte sie. Nun ist es so weit, rang es sich aus David, «ls die Menschen ringsum mit funkelnden Augen auf diese mysteriöse Flasche stierten und schon die Fäuste ballten, ohne zu wissen, um was es sich handelte. Der Funke im Pulverfaß zündete unverzüglich, so klein und nichtig er auch war. David war mit wenigen Schritten bei dem unglücklichen jungen Juden und schleifte ihn zur Stelle, wo Prosper die Flasche mit Erde stumpfsinnig betrachtete, als begreife er etwas nicht. Er wollte sprechen, aber es gelang ihm nicht, David tat es für ihn. ,,Was bedeutet dies?" herrschte er den Juden an, der sich in seinem kräftigen Griff wand und verstand, daß nun sein kleines Opfer gestanden werden mußte. ,,Heilige Erde aus Palästina," flüsterte er, daß nur David es verstand. „Heilige Erde, die mein Bruder schickte, eingebaut sollte sie werden ins Fundament, so daß der Tempel dennoch auf jüdischem Boden, auf jüdischer Erde stehe . . Der harte Griff lockerte sich und wurde sachte. Aber David fand nicht Zeit, dieses wundersame Wollen ganz zu erfassen, das den einfachen Juden zu solchem Tun zwang. Er wußte, der Bruder des jungen Mannes befand sich ruf Reisen, daß er im Heiligen Lande weilte, erfuhr ) er nun als tiefstes Geheimnis. Prosper starrte sie beide an. Es schien, als wollte er sprechen, schreien und beteuern, daß er nicht freveln, sondern nur sein Kind wiederhaben wollte. Es erging ihm aber wie einem, der einen Brand, anzündet und meint, nun sei es genug der Flammen, den aber die Flammen mit verzehren, denn die Menschen scharten sich drohend zusammen und aus ihrem Mund kam Unglaubliches, das sie dennoch wie ihr Leben glaubten. „Das Kind ist in der Flasche, diese Hexenmeister müssen vernichtet werden . . ." Zu Ende war die Macht des Blickes, mit dem David die Menge meisterte. Zurück blieb ein verwundbarer Jude, der sich hüten mußte, als erster der Masse entgegenzutreten. Und Prosper hatte den Augenblick versäumt,' in dem er sich die Macht über die Menschen? hätte sichern können. Nun wuchsen sie ihm über den Kopf, überragten ihn an Rachsucht und Wut und sahen niemanden anders als sich selbst als Herren . . . „Tod den Juden," tönte es. In die Menge kam Bewegung, man strebte der Stadt zu. In viele kroch die Aussicht auf die Schätze der bettelarmen Juden in der Gasse. Manche trieb die Mordlust, wieder andere waren besessen von dem Aberglauben und der Teufel ritt sie selbst. Alles in allem ballten sie sich zu einem Chaos, vor dem David zurückwich, Ein leiser Ruf genügte, um alle Juden zurückzutreiben in ihre Gasse. ,,In die Häuser," mahnte David und verlor auch jetzt die Herrschaft nicht über sich. In der Verwirrung vermochten die Juden zu fliehen, ohne daß einer nach ihnen umschaute. Auch der jüdische Arbeiter schlich davon, aber erst auf Geheiß des Vorstehers. Nur David war noch neben Prosper, der Platz mit dem angebrochenen Fundament war leer, die Flasche mit der heiligen Erde hielt Prosper immer noch in Händen. Er hörte neben sich die Stimme seines Freundes, dem er das Vertrauen gebrochen hatte. „Dein Werk war es, die Juden zu schützen und zu verderben. Es war die rechte Hand nicht, die ich ergriff, um meinen armen Juden einen Tempel zu geben . . ." Als Prosper jäh aufschaute, weil die Stimme schwieg, war David bereits davongeschritten. „Mein Kind —" stieß Prosper hervor — „Soll denn dieses reine Kind schuld an einem Morden sein —" Er stierte auf die Erde. Aus dem heiligen Land hatte ein junger Jude diese Erde hergeschafft, so tief ging also der jüdische Glauben! Er wußte, nun kam die Zeit wieder, in der die Juden, gelassen und müde, ihr ewiges Ge- | schick des Gejagtseins wieder antraten nach Tagen schöner Hoffnungen. Nun verkrochen sie sich wieder. Nicht zur Wehr setzten sie sich, kamen die Mörder, um sie niederzumachen. Nein, das durfte nicht sein. Hatte er schon Schuld, dann mußte er sie auch tilgen. Nicht ein Haar durfte diesen Menschen, die schuldlos am Verschwinden des Kindes waren wie er selbst, gekrümmt werden. Er schob die Flasche mit der heiligen Erde in die Tasche und wurde mit dieser Bewegung wieder er selbst, ein Mensch zwar, Kind seiner Zeit, aber ein reiner, gut denkender und fühlender Mensch. Kein Haar — nein, kein Haar sollte von ihrem Haupte fallen, wenn er es nicht befahl . . , 19. Ein Stein rollt bergab in rasendem Galopp, keiner hält ihn auf, wenn er nicht fürchten muß, selbst zerschmettert zu werden. Es ging bergab ins Verderben, doch galt es keinem andern als den Juden Heikenbrunns. Von hohen Hoffnungen auf menschenwürdiges Dasein herabgestürzt in die niederste Verzweiflung hockten sie in ihren Stuben, lichtlos und leise nur jammernd. Jene, die sich aufrichten wollten zur Abwehr, band Davids Machtwort die Hände. Keiner rühre sich aus seinem Hause, lautete dessen Befehl. Nun warteten sie auf Leben oder Tod. Schritt um Schritt näherte sich ihnen das Unheil. Die Menschenmasse Heikenbrunns ballte sich auf dem Marktplatz um einen, den man sonst verachtete, jetzt aber als einen Propheten ansah, denn nun erinnerten sich die Leute, kein anderer als Burkhardt habe vor dem hexenhaften Treiben der Juden gewarnt. Sein Boden, vorgeackert durch lange Zeit, hatte die Saat empfangen und sie keimte nun auf zu .voller Blüte. Verändert war der Mensch seit dem Augenblick, als es hieß, das Kind ist verschwunden. Hämisch grinsend stierte er vor sich hin und wartete. Noch war die Zeit nicht gekommen, auf die er hoffte. Erst, als sich die Menge, von dem Tempelbau zurückkehrend, um das Rathaus scharte, wild schreiend nach denen, die sich angstvoll um den Ratstisch setzten und beratschlagten, was wohl in diesem Falle, in dem es keinen Schuldigen gab, zu tun sei. Jetzt fühlte Burkhardt, daß er kommen mußte. Weiß der Himmel wie, plötzlich stand er auf dem Marktbrunnen vorm Rathaus, dem wasserspeienden Gnom, an dessen verschmitzt grinsendem Kopfe er sich festhielt, selbst ein Lächeln um die Mundwinkel, das die leichtgläubige Menge verspottete. Er feuerte an, wo nur ein Schüren galt, um alles zu verzehren. Er berichtete seine Beobachtungen. Er bestätigte, daß die Juden „zauberten", er bewies es am Beispiel der ritterlichen Familie, die ein Jude in den Bann hielt mit der Hexe von Braut. Auf den Scheiterhaufen gehörten sie alle — . v „Nieder!" kreischte man besessen und wartete, daß sich die Balkone am Rathaus öffneten und der Bürgermeister selbst ihren Zorn billige. Doch duckten die Leute da drinnen in ratloser Verzweiflung nur noch mehr die Köpfe übei Akten und Formeln, unter denen sie keine fanden, die sich auf diesen Fall anwenden ließen. Einer unter der Menge vorm Rathaus bückte sich und schmiß das erste Fenster ein, um jenen für die Untreue zu danken, die sie dem Aufstande zollten. Das war das Zeichen. Binnen weniger Zeit war kein Fenster mehr heil an der Front des Gebäudes. Nun lechzte die Volksseele nach weiterem, stärkerem Mittel, um sich auszutoben. (Fortsetzung folgt.)

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