Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-12-10 · Heft 49 (10.12.1936) · page 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 49 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450957--82630-2540576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 Chanuckah im Frühling. Die jüdischen Einwohner des Dorfes Oberteichen ' waren ohne Ausnahme fleißige Leute. Sie bestellten ihre Gärten, und Aecker, ..wenn diese auch nicht viel Ertrag brachten; denn Öberteichen lag am Abhang eines waldreichen Mittelgebirges, und seine schmalen Feldstreifen waren steinig. Man sagte im allgemeinen von der- Gegend, es sei dort dreiviertel Jahr Winter und: einviertel Jahr kalt. Das mochte zwar übertrieben sein; jedenfalls war das. Klima dem Getreideland nicht günstig, weshalb sich die Bauern hauptsächlich mit Kartoffeln und Rüben begnüg-' ten. Die Bestellung . ihrer kleinen Grundstücke: ließ ihnen noch reichlich Zeit zum Betrieb eines Handwerks. Neben Schneidern und Schuhmachern gab es unter ihnen besonders Seiler und Seifensieder, und auch die Juden betrieben dies;©; Gewerbe. Jakob Feldmann war Seifensieder, Es fiel niemanden ein, ihn und seine Frau der Trägheit zu'"'beschuldigen oder.die-Dürftigkeit der Familie den Eltern zur Last zu legen. Die Zeiten wären eben hart, und die Feldmanns waren nicht die Einzigen, denen es schwer fiel, sich und ihre' Kinder zu ernähren. Daher entschlossen sie sich endlich, auszuwandern. Sie besaßen Verwandte In Südafrika, die sich vor Jahrzehnten dort anf gesiedelt hatten und gut durchbrachten. An ihnen fanden sie für den Anfang einen Halt, was . sehr wertvoll für . sie war; denn „Aller Anfang. - Ist: schwer"; Mit G'ttes Hilfe gelang es Feldmann,., sich in einer größeren Stadt Südafrikas, woselbst sich eine 'jüdische Gemeinde befand, an einer Seifenfabrik zu beteiligen.. Er konnte bald seine Familie, die inzwischen bei den Verwandten Aufnahme gefunden hatte, nachkommen lassen und mit ihr eine kleine Wohnung bei der Fabrik beziehen. Die größte Schwierigkeit war überwunden' 'Feldmanns waren religiöse Leute, und sie hatten sich fest vorgenommen, den Gesetzen und Gebräuchen unserer Religion treu zu bleiben und gern Opfer dafür zu bringen. Als nun bald der. Ki'slew kam, :wurden--' aus den Kisten die „Ghanuckaheisen" geholt. Es waren dies Leuchter von verschiedener Form, zum Teil ererbte, die schon den Vorfahren gedient hatten. Sie nahmen: sich ganz gut aus an den Fenstern : des Wohnzimmers, vor denen fremdländische Bäume und,- Sträucher Schatten spendeten. Denn in Südafrika ist jetzt Frühling, und die Natur schmückt die Erde ähnlich wie bei uns >zur: Zeit des. Schewuoth-Festes. Als aber dann Wirklich Chanuckah kam, als man abends um 9 Uhr daran ging, zu entzünden, während zu den geöff-r neten Fenstern linde Düfte aus den vielen Blüten hereinzogen, als die Mutter einen Strauß Rosen neben <defi Leuchter des Vaters stellte und die Mädchen in bunten FrühlmgsMeidchen sich hinter die Knaben drängten, da gelang es den Kindern nicht, sich in die ChanuckäHstim-; mung zu versetzen. Waren sie doch gewohnt, daß am Chanuckah Schnee vor den Fenstern lag und sich schon um 4 Uhr die Winternacht lang- . sam auf das stille Dörfchen senkte. Aber in der üblichen Melodie priesen sie den König der : Welt, der unseren Vätern um diese Zeit Wunder " erzeigt hat und uns diese Zeit erleben ließ. Die Lichtlein brannten. Still wartete man : darauf, daß der Vater mit dem Gesang des ,,Moaus zur" beginnen werde. Warum zögert er noch? War das nicht eine : Träne, die in seinem Auge glänzte? — Ja, es war eine Träne! Aber entschlossen zu i derj- Lichtern aufblickend, wischte sie der Vater; sich aus dem Auge, und zu Frau und Kindern : gewandt, sprach er: „Heute habe ich zum ersten; Male am Erew Chanuckah den gepriesen, der; : seines Bundes mit unseren Vorfahren eingedenk ist, der seit der Sintflut auf seiner Erde stets gleichzeitig „Saat und Ernte, Kälte und Hitze,; Sommer und Winter, Tag und Nacht" nicht feiern läßt, und nun wollen wir auch fröhlich ihm sirigen, der nicht nur ungern Vätern Wunder getan,;spndern auch uns." " : ' ' ~ Und laut und ' froh wie je ' erscholl es im ■ Kreise: ,,'Möaus zur jeschüosi." ' v;; " . h. e,... Die alte Synagoge. Von Meßdel Lewkowitz in R^gßnsburg. Es ist ein herrlicher Spmmertag. Die Sonne lacht vom bläuen FirmamenF und "die gefiederten Sänger singen ihr schönstes Lied. Eine wahre Lust ist es, zu solcher Zeit durch die Felder und 'Wälder zu wandern und" sichT an den Wundern des allgütigen Schöpfers zu erfreuen. -. " Mein Weg führt mich eben in ein kleines Dorf. Einen schmucken Anblick bietet es mit seinen niedlichen Häusern, und sauberen Höfen. Bei meinem Dahinschreiten kommt es mir in den Sinn, daß hier einst eine blühende jüdische Gemeinde war, von deren Existenz heute leider nur noch die Synagoge und der — Friedhof zeugen . . . Da es . gerade um die Minchohzeit ist, beschließe ich das G'tteshaus aufzusuchen, um in. ihm meine T'fillah zu verrichten. Gerne weist man mir den Weg zur Synagoge, und rasch habe ich diese erreicht. Ein kleiner bescheidener Bau ist es, von einem kleinen Gärtchen umzäunt, mit wenigen Fenstern, auf denen: dicker Staub lastet. An der Vorderseite , besagen schöngeformte Buchstaben, daß „dies ' das Tor des Ewigen ist." Vor dem Eingang ladt i ein Bänkchen zur kupzeni Rast ein. An lauigen Somerabenden mögen darauf wohl viele gesessen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.