Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-12-10 · Heft 49 (10.12.1936) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 49 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450957--82621-2540567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Naturwissenschaftliche Betrachtungen. Von San.-Rat Dr. A. Stern in Frankfurt a. M. Wir stehen noch im Zeichen des Buches i"TtP8"n' der „Genesis", und haben allsabbatlich Gelegenheit, uns an der Hand des Thorawortes Gedanken hinzugeben über Schöpfung und Entwickelung der Welt, ihrer Naturgesetzlichkeit und sittlichen Ordnung. Da mag es angebracht sein, einigen Erwägungen .Raum zu geben, die sich auf den modernen Forschungsergebnissen der Naturwissenschaft aufbauen. Die Zeit ist vorläufig vorbei, da man voll Stolz über die Fülle errungener Naturerkenntnisse und deren Ausbeutung zu hochentwickelter Technik wähnte, zum Kern alles Wesens und Geschehens vorgedrungen zu sein, eine Art Schöpferwonne empfand und auf religiöse Gläubigkeit mitleidig lächelnd herabsah. Es war ja alles so einfach: Jedes Sein und Werden in der Welt ließ sich auf zwei überall und absolut geltende Naturgesetze zurückführen, deren Ablauf sich mathematisch genau und in den Zahlen einer mathematischen Gleichung ablesbar ausdrücken ließ. Es waren dies die Gesetze der Erhaltung der Materie und der Erhaltung der Kraft (Energie). In der Biologie hatte man im Psychischen nichts anderes als das Spiel physikalisch-chemischer Vorgänge in den Gehirnzellen gesehen. In der grofoeri Formulierung der Materialisten alter Schule lautete dieser Gedanke: „Das Denken, Fühlen, Wollen ist ein Produkt der Gehirnzellen, "wie der Urin ein Abscheidürigsprodukt der Nieren." Angesichts der in den letzten Jahrzehnten gewonnenen Erkenntnisse dürfte man wohl bescheidener geworden sein und an Selbstsicher- Tieit verloren haben. Selbst der große Physiker Planck, der jüdische Nobelpreisträger, sagt: ,,Auch für die Physik gilt der Satz, daß man nicht selig wird ohne den Glauben, zum mindesten den Glauben an eine gewisse Realität außer uns." Man war jetzt in der Physik bis zur theoretischen Statuierung eines „Weltäthers" vorgedrungen, der überall sein und alles durchdringen muß, und doch nichts „Wirkliches" (d. h. „Wirksames") ist. nichts körperlich Ausgedehntes, keine materielle Substanz, ein Etwas, was erst Wirklichkeit wird, wenn es in Bewegung gerät. Wo aber ist das primum movens, der erste Antrieb, der diesen allgegenwärtigen, nirgends faßbaren und nicht vorstellbaren Weltäther in Wellenbewegung versetzt und sozusagen aus dem „Nichts" ein .„Etwas" gemacht hat? — "pun n In der Chemie hatte die Wissenschaft unter der Zuhilfenahme der Theorie von den Atomen Hunderttausende von Körpern herstellen können, auch solche, von denen man früher glaubte, nur die lebende Natur könne sie /hervorbringen {z.B. Farbstoffe und Riechstoffe der Pflanzen, tierische Stoffe usw.). Nun ist man aber vorwiegend durch die Arbeiten des jüdischen Nobelpreisträgers Bohr zum Einblick gelangt in das „Innenleben" des Atoms, welches als eine bewegte Welt im Kleinen erscheint. In diesem Mikrokosmos des Einzelatoms kreisen in gesetzlichen, für jedes Element eigenartigen Bahnen negative elektrische Ladungen um einen positiv geladenen „Kern" in ewigem Kreislauf, so wie im großen Kosmos die Planeten um die Sonne. Zahl und Bahnen dieser Ladungen sind es, die das Wesen der verschiedenen chemischen Elemente ausmachen, und sie stellen für unsre Sinne das dar, was wir als Gold, Blei, Schwefel, Sauerstoff und die anderen Elemente bezeichnen. Es fehlt uns aber jede Begriffsmöglichkeit, wie aus dieser Konstellation und Bewegung elektrischer Ladungen das wird, was wir chemisches Element nennen. Und auch hier wieder 'die Frage nach dem primum movens! In der lebenden Natur hat uns eine raffinierte mikroskopisch-kinematographische Technik befähigt, das Weben und Treiben innerhalb der lebendigen Zelle direkt zu sehen und zu beobachten. Wir bemerken, wie in jeder Zelle unzählige vielgestaltige Partikelchen in ruheloser Bewegung begriffen sind, deren ßinn und Zweck uns unbegreiflich ist. Die einzelne Zelle also, in welcher die Entwicklungstheoretiker d a s Urwesen erkannt zu haben glaubten, etwa in der Gestalt der Amöbe, hat sich plötzlich als hochkomplizierter Organismus erwiesen. Damit ist wohl die „Homunkulus"-Ho£fnung, künstlich im Laboratorium lebendes Eiweiß zu erzeugen, mit einer #ö3' d. h. mit der Fähigkeit, sich zu bewegen, zu Stoffwechseln und sich fortzupflanzen, auf ein Minimum gesunken. Aber dieses Problem der ">n tfS3 beschäftigt die experimentelle Biologie der letzten Jahrzehnte aufs Schärfste. Man hatte sich die Entwicklung eines lebendigen Individuums vom Ei durch das Embryonalleben hindurch bis zum fertigen Geschöpf ganz mechanistisch vorgestellt. Man dachte sich diese Entwickelung in millionen- und millionenfachen Stufen oder Phasen vor sich gehend. Jede dieser Stufen sollte ganz einfach mechanisch physikalisch, etwa wie im chemischen Prozeß, die nächst höhere Stufe blindlings bedingen, bis das Lebewesen vollendet war. Das Experiment des Hallenser medizinischen Forschers Rotix schien dies zu bestätigen: Wenn man nämlich das einzellige Froschei züchtet, so beobachtet man, -wie auf demselben eine Furche entsteht, wie das Ei dann in zwei Zellen zerfällt, wie diese zwei sich zu vier Zellen teilen usw. Wenn nun Roux die eine Furchungszelle des Zweierzustandes getötet hatte, entwickelte sich aus der Iebendgebliebenen Furchungszelle, also sozusagen aus der halben Eizelle, auch nur ein halber Embryo. Aber der Leipziger Philosoph und Experimentator Driesch kam zu einem anderen Ergebnis. Er konnte aus dem halbierten Frosch-Ei zwei vollständige kleine Embryonen und aus den vier isolierten Zellen des Viererzustandes vier verkleinerte vollständige Larven züchten. Ja, er konnte den Keim des See-Igels im späteren Entwickelungsstadium in zwei beliebige Teile zerschneiden und aus den Teilstücken zwei harmonisch ausgebildete Individuen züchten. Derartige Resultate sind in der toten Welt nicht denkbar. Es ist nicht denkbar, etwa aus einer Maschine einen Teil herauszunehmen oder zu versetzen und doch ein richtiges Ergebnis der Form und ein richtig gebliebenes Verhältnis aller Teile zu einander zu erzielen, wie dies beiDriesch's Versuch der Fall war. Es muß demnach in der Eizelle eine Kraft eigner Art und Gesetzlichkeit ruhen, die allen Hindernissen und Störungen zum Trotz die Entwicklung zu einem harmonischen Ziele richtet und ordnet. Dieses unbegreifliche Prinzip hat man das „vitalistische" (vita Leben) genannt. ">n Man kann es nicht wägen und nicht messen, es unterliegt nicht dem Gesetz der Erhaltung der Materie und der Kraft, aber es :st „wirkende Wirklichkeit". DWV1? 813 HPK' in die Wirklichkeit gesetzt, um weiter zu wirken: Dieses Prinzip hatte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts der große Berliner Physiologe Dr. Bois Reymond höhnisch „das Mädchen für alles" genannt, das überall zur Stelle war, wo man im Denken nicht weiter kam. Er war eben der Vertreter der skizzierten mechanistischen Richtung und theoretisierte mit dem sogenannten „Laplace'- schen Geist". Laplace meinte nämlich, wenn man sich einen Geist vorstellte, der jedes Ding in der Welt nach Lage und Größe sowie alle Kräfte des Kosmos in einem gegebenen Augenblick übersehen würde, so könne dieser Geist mit mathematischer Sicherheit alle vergangenen und kommenden Dinge und Geschehnisse wie eine Sonnenfinsternis berechnen. Aber es ist mit Recht gesagt worden, der Laplace'sche Geist stände vor der gegebenen Situation wie der Schachkenner vor einer Schachpartie. Auch dieser übersieht die Stellung der einzelnen Figuren und kennt ihre Wirkungskraft, d. h. er weiß, wie jede Figur gehen und schlagen kann, und doch kann er nicht einmal den ersten Zug vorwärts oder rückwärts berechnen. Hier ist nämlich eine andere Wirklichkeit noch im Spiele, nämlich der Schachspieler, der aus den vielen Köhstellationsmöglichkeiten eine bestimmte Auswahl trifft, indem er den nächsten Zug tut. Mit diesem Zug ist aber wieder eine nicht nur quantitativ, sondern auch qualital i v vollständig neue Struktur der Partie entstanden, die wiederum nicht nätUrnotwendig blindlings die nächste Situation und Struktur be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.