Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 49 (10.12.1936)
- Date
- 1936-12-10
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 Nr. 49 Der Israeli t IQ., Dezember1936 Preßburger Bilder, Von Siegfried Geller. , Preßburg, Mitte September 1936. Eine alte J ud en g e'm e i n d e. Preßburg, (slovakisch: Bratislava) die Hauptstadt der Slovakei, malarisch am linken Ufer der Donau — im sogenannten Dreiländereck Oesterreich, Ungarn, Tschechoslovakei — gelegen, umgeben von wunderschönen Anhöhen und Weinbergen, gehört zu den ältesten jüdischen Gemeinden des früheren Ungarn Zum erstenmal werden Juden hier im Jahre 1251 dokumentarisch erwähnt. Im Jahre 1360 erfolgte eine Ausweisung der Juden, die sich bis 1368 im nahen Hainburg (Niederösterreich) aufhielten, um dann an ihren alten Preßburger Wohnsitz zurückzukehren. Auch in späteren Jahrhunderten wurde ihnen wiederholt mit der Vertreibung gedroht, jedoch wurden die bereits erteilten Verordnungen nie ausgeführt. 1848 erfolgte die Gleichberechtigung der Preßburer Juden und vom Jahre 1851 war es ihnen auch gestattet, außerhalb des Ghetto Handel zu treiben. Das Ghetto selbst wurde der Stadt angegliedert. Das Ghetto. Im Preßburger Straßenbild fällt der jüdische Sektor der hauptsächlich aus Ungarn und Slovaken bestehenden Bevölkerung sofort auf: ältere aber besonders viel junge Juden mit lang herunterhängenden Schläfenlocken durchschreiten unbekümmert und von niemandem beobachtet die Straßen. Es gibt in Preßbürg ca. 15 000 Juden, das sind 11 Proz. der Gesamtbevölkerung. Die ärmere Schicht der Bevölkerung ist hauptsächlich im Judenviertel konzentriert, dem ehemaligen Ghetto. Dieser Teil Preßburgs, insbesondere die Judengasse, ist für -denjenigen, der aus westlicheren Regionen kommt, der Hauptanziehungspunkt. Das Leben, das hier gelebt wird, scheint von der modernen Umwelt nicht im Geringsten beeinflußt worden zu sein; es ist eine Welt für sich, eine Welt, wie sie beispielsweise Schmarjahu Levin so trefflich zu schildern weiß. Wir glauben uns um die Jahrhundertwende tief in den Osten nach Russisch-Polen versetzt, wenn man durch die engen, winkligen Gassen und Gäßchen wandert, um einen kleinen Einblick zu erhaschen in das Milieu und das so äußerst anspruchslose und primitive Leben, das hier geführt wird. Unser äußerer Eindruck wird bekräftigt, wenn wir eines dieser niedrigen jedoch verschieden großen Häuschen betreten, von denen jedes wiederum eine Besonderheit für sich darstellt. Eine krumme, ausgetretene Treppe führt hinauf in eine enge, niedrige Behausung, in der nicht selten eine kinderreiche Familie ihr Dasein fristet. Der Hof eines solchen Hauses ist nicht minder sehenswert, Oft haben die Wohnungen nach hinten einen großen Balkon, der sich über die ganze Etage ertreckt; hier werden im Sommer die Mahlzeiten eingenommen, hier spielen die ganz kleinen Kinder, die noch nicht allein auf die Straße dürfen, hier spielt sich sozusagen das ganze häusliche Leben der Bewohner ab. Jeder weiß von jedem, einer hilft dem andern, und so erwuchs ein festes jüdisches Gemeinschaftsleben, streng nach der alten überlieferten Tradition aufgebaut, deren Formen und Gebräuche keinesfalls, wie man es sonst so gern behauptet, „erstarrt" sind, sondern im Gegenteil: das jüdische Leben, wie es «ich hier dartut, erscheint als ein echtes jüdisch-religiöses Volksleben. So empfindet es jedenfalls der, der eine solche Atmosphäre nicht kennt und Gelegenheit hat, einige Zeit Menschen und Sitten zu beobachten. Im ersten Moment mag dieses Leben beengt erscheinen, man vergißt beinahe, daß man sich hier an einem wichtigen europäischen Verkehrsknotenpunkt, an der Strecke. Wien-Budapest=Belgrad befindet, aber bald wird man spüren, daß es zwar räumlich gesehen eng sein mag, im jüdisch-geistigen aber eine Weite vorzufinden ist, wie das eben nur dort möglich ist, wo wirklich jüdisches Leben pulsiert. W i e i m 0 r i e n t. Das Straßenbild ist äußerst bunt und belebt. Fast alle wichtigen Handwerkszweige sind durch Juden vertreten; da sitzt in seiner Ladenwerkstatt, die kaum Platz für zwei Personen bietet, ein älter Schuster auf dem Schemel bei seiner Arbeit, mit dem Käppchen und dem Arba Kanfot, die deutlich 2U sehen sind; nebenan hat ein Trödler sein Warenlager, —- bestehend aus allen möglichen und unmöglichen Dingen, — bis weit hinaus' auf die Straße ausgebreitet, er selbst, an einer langen Wasserpfeife ziehend, sitzt mitten unter seinen „Kostbarkeiten" und wartet gemächlich auf Kundschaft. Gegenüber steht der Fleischer in seiner weißen Schürze und zum Kontrast das schwarze Käppchen auf dem Haupt. Ein große® Schild über seinem Geschäft mit der Aufschrift: „Orthodox Koscher" besagt, daß sein Fleisch der Aufsicht des Rabbinats der orthodoxen Kultusgemeinde untersteht im Gegensatz zu dem Kaschruth der" neologen Gemeinde. Der Friseur hat in jiddischer Sprache, aber in hebräischen Lettern plakatieren lassen, daß Jeschiwabachurim und Thoralernende zu stark ermäßigten-. Preisen bedient werden. Nicht weit davon werden, auf offener Straße Maiskolben (oenannt; Kukuruz) geröstet und frisch zum Verkauf angepriesen. So zieht sich noch eine bunte Reihe von Basaren dahin; die dem Leben der Judengasse ein Gepräge geben> das, wenn man die Menschen und Sitten betrachtet, ein vollkommen ost jüdisch es Milieu, ein „Städtel' für sich darstellt, das in seinem, äußeren Gebahrcn und seiner Buntscheckigkeit aber an orientalische -Verhältnisse erinnert. ' v v V. c " ■ \ '' Im Gasthaus, Um die Mittagszeit, etwa von 12.30—2.30 Uhr ruht das Geschäftsleben vollkommen. Ich betrete um diese Zeit ein kleines Gasthaus in der Judengasse Will, man das Leben im Preßburger Ghetto kennen lernen, darf man einen Besuch in einem jüdischen Gasthaus, einer ,,Schenk" nicht versäumen, denn auch sie ist ein wichtiger- Stein in dem großen,, bun ten Mosaik. Ein sehr einfach hergerichteter nicht sehr heller Raum, einige Tische und Stühle, und Köllig Carol von Rumänien hat auf seiner Heimreise aus der Tschechoslovakei mit seinem Hofzug in S z a t m ä r (Satumare) einige Minuten verweilt und wurde hier von den Spitzen der Behörden und der verschiedenen Konfessionen begrüßt. Mehrere Minuten unterhielt sich der König mit dem Oberrabbiner der Szatmärer orthodoxen Israelitischen Kultusgemeinde, Rabbi Joel Teitelbaum. Rabbi Teitelbaum sprach den vorgeschriebenen Segen und König Carol dankte mit freundlichem Händedruck- Die Szene wird hier im Bilde festgehalten. hinter dem kleinen Ladentisch ein paar Flaschen rechtfertigen schon die Bezeichnung: Hostinec-Gasthaus. Eine ältere jüdische Frau mit einem Scheitel bringt mir für ein paar Heller ein Glas Bier und sofort die neueste Zeitung. Die Zeitung spielt überhaupt überall eine besonders wichtige Rolle. Ein Kaffeehaus oder eine Restauration mit nicht wenigstens 20—30 verschiedenen Zeitungen ist in der Slovakei undenkbar. Als ich eintrat, waren noch keine Gäst«; da; inzwischen aber haben drei andere jüdische Besucher an meinem und am Nachbartisch Platz genommen, nachdem mir vorher ein freundliches Schalom entgegengebracht worden war. Als selbstverständlich zuerst die Zeitung durchgesehen 'wurde, kommen wir bald ins Gespräch, und ich erfahre einiges über verschiedene Tagesfragen. „Wirb schaftlich haben wir es auch nicht immer leicht," sagt man mir, „besonder® sind die Steuern "sehr hoch, überall in der Welt gibt es arm und reich. Aber wir leben g'ttseidank ruhig und zufrieden, und "im allgemeinen hat man das, was man braucht." Es waren -nicht gerade sehr wohlhabend aussehende Juden, die mir das sagten, das Gegenteil war vielleicht der Fall. Aber hier fand ich ein Beispiel für einen wesentlichen jüdischen Charakterzug: die Genügsamkeit. Man ist zufrieden mit dem, was man hat, und dankt G'tt dafür, daß er nichts Aerge«£& geschickt hat. — —»— . Die Ereignisse in Erez Israel haben: auch: hier große Erregung und tiefes Mitgefühl aufgelöst; Den offenen Brief an die englische Regierung, den Bürgermeister Dizengoff s, A. in der hebräischen Presse veröffentlichte, hatte man aus den hebräischen - Zeitungen ausgeschnitten und an mehrere Schaufenster angeklebt. — Ueber die Jugend; wird .'fhir erzählt, daß, abgesehen davon, daß eineganzefjReihe "auch schon nach Erez Israel gegangen .ist, ein großer Teil auf den Jeschiwoth und sonstigen Lerninstitutionen, die es; hier in reicher Zahl gäbt; ,yerb|eib't^ iimcsich meh-; irefe Jahre dem; inten^y,eQ^vT|(p,i^t^djii^>'|Bli widmen. .Dann bemüht man sich nun'irgendeine-Anstellung, ein kleinerer Teil aber weiht sein'ganzes Leben dein „Lernen". ,V Ich habe Gelegenheit gehabt," dem Unterricht in einer Talmud-Thöra-Schule' beizuwohnen/ in der Jüagere in mehreren Abteilungen ganztägig „lernen". Die Schüler befassen sich hier nur mit dem Studium der jüdischen Disziplinen, aber um ihnen auch einiges Profanwissen zu vermitteln, besuchen sie außerdem, noch einen Privatkurs. Der jüdische Unterricht, dem ich zuhörte, ging in sehr lebendiger Art vor sich. Ein, heller, schlichter Raum war mit etwa 25 bis 30 Schülern im Alter von 12-:—13 Jahren besetzt; ein junger sympathischer Talmudlehrer, der auch pädagogisch keineswegs ungeschult war, erarbeitete gemeinsam mit seinen Schülern ein noch nicht gelerntes Stück Gemara aus Massechet Schabbat. Beim nächsten Mal muß der logische Aufbau dieses neuen Abschnitts möglichst mit dem Raschikommentar auswendig wiedergegeben werden. Die berühmte Preßburger Jeschiwa, die im 17. Jahrhundert gegründet wurde, wurde 1859 als öffentliehe Rabbinatsanstalt erklärt, deren Zöglinge vom Militärdienst befreit wurden. An ihr wirkten u. a. Rabbi Mosche Sofer, genannt Chatam Sofer, 1807 ,bis 1840; (eine Straße ist in Preßburg nach ihm benannt) später übernahm sein Sohn, der Ketaw Sofer, die Leitung, die heute der Urenkel Rabbi Akiba (Sofer) Schreiber inne hat. Die Jeschiwa gilt pädagogisch wie technisch als ausgezeichnet organisiert. Sabbat. Als ein Erlebnis besonderer Art muß die Feier des Sabbat hervorgehoben werden. Bereits eine halbe Stunde vor Sabbatbeginn beginnen alle Laden- und Basarbesitzer wie auf ein Kommando ihre Verkaufsstellen zu schließen, es entsteht ein Hasten und Jagen, die letzten Vorbereitungen für den heranbrechenden Sabbat werden noch in aller Eile getroffen. Wenn man dieses Bild beobachtet, dann erinnert man sich sofort an die Schilderungen des Erew- Sabbat in Tel Awiw. Nach ganz kurzer Zeit schon ist bereits! 'alles geschlössen, (auch der größte Teil der jüdischen Geschäfte außerhalb des Judenviertels sind am Sabbat nicht geöffnet) nicht einmal die Schaufensterauslagen kann man betrachten; das All« iagsleben mit seinen Sorgen ist ringsherum wie gebannt, es ist tiefe Ruhe eingetreten — Sabbat menucha. — — — Geht man um diese Stunde durch diese Straßen dann spürt man etwas von der heiligen Kraft des Sabbat, die sich nicht nur, wie man es gewöhnt ist, zu Hause in den vier Wänden kundtut, Sondern auch hier draußen, im öffentlichen Leben, auf der Straße. Neben einer ganzen Anzahl von kleinen versteckt gelegenen, häufig sehr geschmackvoll eingerichteten Gebetstübchen, in der dieser oder jener Rebbe mit seinen Anhängern ein Minjan abhält, steht im Mittelpunkt die alte ehrwürdige Preßburger Synagoge aus dem Jahre 1399. Hier wie auch in anderen Synagogen fallen am Sabbat unter den übrigen Besuchern einige jüdische Angehörige des Militärs auf, die, um am G'ttesdienst teilnehmen zu können, regelmäßig von ihren Vorgesetzten frei bekommen. Am Sabbatmorgen. nach dem G'ttesdienst ist das Ziel Vieler, an den herrlichen Donau=Terrassen entlang spazieren zu gehen, in der frischen Luft werden die neuesten Ereignisse in der Gemeinde besprochen, Meinungen über den Chasan und die Drascha des Raws ausgetauscht, um schließlich bei den Fragen der hohen Politik zu landen. Am Nachmittag finden unzählige Schiurim und Vorträge statt, am besuchtesten ist wohl der Perekvortrag im Gemeindehaus, an dem immer weit über 100 Personen, Männer, Frauen und Kinder,' teilnehmen. Der alte P r eß b ur g e r J u d e n f r i e d.h. o f. Nicht weit außerhalb der Stadt führt ein herrlicher Weg, immer der breiten „blauen Donau" entlang, die hier allerdings grün schimmert, zum alten Preßbürger Judenfriedhof, auf dem bereits 100 Jahre nicht mehr beerdigt wird. Viele berühmte Männer, die in der Preßburger Gemeinde gewirkt haben, liegen hier begraben. So u. a.- der Chatam Sofer aus Frankfurt a. M., ebenso siein Sohn, auch sein Vorgänger Rabbi Mosche Müschullam usw. In einer Vorhalle sind alle berühmten Namen, die auf den Grabsteinen schon verwittert sind, noch einmal auf besonderen Tafeln in Erinnerung gebracht, die in hebräischer Sprache ein© kurze Charakteristik der betreffenden Persönlichkeit enthält und die Zahl der Jahre ihrer Tätigkeit in der Preßbürger Gemeinde. Der Friedhof ist zur Donauseite von einer hohen Mauer umgeben, die zum Teil selbst aus alten Grabsteinen zusammengesetzt ist, deren hebräische Inschriften man, noch erkennen kann. ' ' ' Landschaftlich Ist dieser alte' /Friedhof, der 500 Jähre alt ist, wundervoll •imDonautal gelegen, ein Blick bei Sonnenschein vom Gebirge aus hinunter auf die unzähligen Grabsteine, eröffnet dem Beschauer ein sehr romantisches Bild. (Die' Bilder dieser Nummer sind :zum großen Teile dem Budapester „Mult es Jp.vö" entnommen.)