Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-12-10 · Heft 49 (10.12.1936) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 49 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450957--82610-2540556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10 Nr. 49 D 1 a c 1 i t 10. Dezember 1936 Oberrabbiner Dr. B- L. Ritter V*ST* Ein Gedenkwort und eine Anfrage zur ersten Jahrzeit. Ein Jahr ist es am 'dritten Tage von Chanukah, •daß Oberrabbiner Dr. B. L. Ritter V"ST in Amsterdam verschieden ist. Die* Reden, die er sich an seinem Grabe verbeten hat, zudem war es ja Chanukah, haben vielleicht Manchen die Größe dieses Rabbiners nicht erkennen lassen .Die Würdigungen im ,,Israelit" und im „Nachlath Zewi" haben zur Genüge auf seine Mannhaftigkeit, seine Konsequenz und sein Ansehen in den Kreisen der Gesetzestreuen hingewiesen. Das soll hier nicht wiederholt werden. Aber vielleicht ist es nötig oder zumindest recht, auf seine literarische Tätigkeit, so weit gutachtlich, hinzuweisen. Sie zeigt, daß in ihm eine Kenntnis des Talmuds und der Poßkim ruhte, wie sie westeuropäischen Rabbinern nicht immer zu eigen ist. Die wenigsten dieser Anfragen, die wenigsten seiner talmudischen Bemerkungen, die wenigsten seiner Entscheidungen sind gedruckt. Zu erinnern ist an Beiträge in der talmudischen Betrachtungen gewidmeten Zeitschrift nvs^n bn> die in Waitzen erschien, an ein Responsum, das bei Israel Braun im fünften Teile seines rr>a bx.~\w> abgedruckt ist, an einen Aufsatz in mm (Warschau 1910), an «einen Kampf gegen den unechten Jeruschalmi (im ,,Israelit" 1907 und 1908), an seine Aeußerung zum Frauenwahlrecht (in Wohlgemuths Jeschurun), und an seine Rezension der n"w •wr (in der Monatsschrift 1896) u. a. m. Und alle diese und seine sonstigen Entscheidungen sind nach einem mehr oder minder eingehenden Briefwechsel mit den größten Geonim des Ostens und der Judenheit überhaupt getroffen. Es werden nur Wenige wissen, mit welchen Autoritäten dar Halacha-Ritter in Briefwechsel gestanden hat und welches Ansehen er, der deutsche Rabbiner, bei ihnen genossen hat. Daher ist es nicht verwunderlich, daß seine Stimme auch im großen Rabbinischen Rate der Agudath Israel gehört wurde. W o sind diese Dokumente, wo sind diese wertvollen Briefe geblieben, wo i s t die große, rabbinische Bibliothek von Oberrabbiner Dr. Ritter, mit ihren seltenen halachischen Werken, mit Responsen, die vielleicht nur einmal noch aufzutreiben, mit den ältesten Ausgaben der Poßkim, mit den reichen Anmerkungen des letzten Besitzers? Man hat sozusagen nichts während dieses Jahres über diese großartige Büchersammlung gehört, der der Verstorbene mit aller Liebe des Sammlers, des Forschers und Kenners sich gewidmet hat. So möge mit dem Gedenkwort diese öffentliche Anfrage verBunden sein, von Jemanden, der in Antwerpen diese Bibliothek gesehen und bewundert hat, und dem Dr. Ritter die schönsten und seltensten Bücher — darunter neben Rabbinica auch andere Sammlungen mit Raritäten — gern und mit gewissem Stolz gezeigt hat! P. „Sommernachtstraum" im Berliner Kulturbund. Die Aufführung des „Sommernachtstraums" im Berliner Kulturbund war ein künstlerisches Ereignis. Vom Kulturbund war es ein Wagnis, Shakespeares zartestes Spiel auf die Bühne zu bringen, — aber das Wagnis ist überraschend gut gelungen. Umrahmt von Mendelssohns bezaubernder Musik, die unter Kurt Singers Führung auch dem verwöhnten Opernbesucher einen künstlerischen Genuß bot, zog die unsterbliche Handlung, in der straffen Regie Fritz W i s t e n s , die Zuschauer von Anfang bis zu Ende in ihren Bann. Die Aufführung hatte Rhythmus, Verve und dabei echte Poesie. Wenn es doch nicht ganz gelang, die traumhaft-unwirkliche Atmosphäre herbeizuzaubern, so lag das wohl mehr an den beschränkten technischen Möglichkeiten und der zahlenmäßig sehr geringen Statisterie. Höchstes Lob verdienen jedoch die Dekorationen des Bühnenbildners Heinz C o n d e 11; was hier angesichts der vielen Bilder und Verwandlungsszenen des Stückes bei den primitiven Einrichtungen des Theaters in der Kommaiidantenstraße (das Theater verfügt nicht einmal über eine Drehbühne} geleistet worden ist, ist» wirklich bewundernswert. Auch die Kostüme sind mit gutem Geschmack entworfen und passen sich dem Rollen= Charakter der Träger an, Die Darstellung stand auf der Höhe der Aufgabe und ließ die sicher führende Hand eines feinfühligen Regisseurs erkennen. Die Rollen des Lysander und des Demetrius waren bei Hans Karl Rosenberg und Walter Herz gut aufgehoben, während von ihren Gegenspielerinnen Ruth Condell eine temperamentvolle Hermia war und Ruth Manheim er die Helena fein aber etwas bläßlich gab. Der Hippolyta lieh Gina Fried mann (Petruschkä) die königliche Haltung und gewinnende Anmut. Eine Glanzrolle war Alfred B 6 r 1 d n e r s> Zettel, unstreitig die beste Leistung -des Abends. Ueberhaüpt sind die Rüpelszenen, in denen sich Willy Prager, Herbert Grünbaum und Fritz Lion als Handwerker auszeichneten, im allgemeinen besser herausgekommen als die hauchzart zu behandelnden romantischen Partien im Wald, Trotzdem war das Königspaar der Elfen, von Elfriede Borodkin und Gerda Klein harmonisch dargestellt, von allem anderen abgesehen, schon rein sprachlich ein Genuß. Der junge Wolfgang Bernstein versuchte sich mit sprühendem Temperament und Koboldslaune an der schwierigen Rolle des Puck, und die schwebenden Tänze der Elfen, von Nelly Hirsch sorgsam einstudiert, trugen" zum geheimnisvollen Zauber der Sommernacht bei. Das Ensemble wirkte im ganzen vortrefflich mit= und ineinander; ein dringendes Desiderat wäre nur, daß manche seiner Mitglieder zu besserem Sprechen erzogen würden. Alles in allem war es eine glänzende Aufführung, auf die der Kulturbund stolz sein kann, Ein erlesenes Publikum, das sich zur Festvorstellung am 2. Dezember eingefunden hatte, dankte mit reichem Beifall und zwang die Darsteller immer wieder vor die Rampe. Maximilian Landau. Mattathias Traum. Aus Makkabäerzeit. . Schwer atmend durchschritt der greise Priester die Landstraße, die auf sein Haus zu Modim hinauf5 führte. Sein Auge voll düsterer Flamme zu Boden gesenkt, den sonst so stolzen Nacken von Gram gebeugt, trug er schwer, schier hoffnungslos das Schicksal von Volk, Familie und Vaterland in seiner Seele. Heftiger Wind machte. sich auf. Schon dämmerte es und wurde immer düsterer. Bald verstummte vor dem brausenden und immer stärker werdenden Windsturm jeder andere Laut in der Natur; Vogelgesang erstarb, der letzte helle Sonnenblick verschwand im Wolkengrau, — Angst, unsägliche Angst lagerte sich auf Schöpfung und Kreatur. Mattathias schaute voll Ehrfurcht und Grauen in das- Wettern des Sturms. Bäume bogen sich vor seinen Blicken wie Erntehalme, flüchtendes Wild jagte verängstigt vorüber in seine Schlupfwinkel, Wetterwolken leuchteten feurig auf. Gefahr drohte auch ihm, dem einsamen Wanderer. Sein Herz erzitterte nicht. Tief sich beugend seufzte er: ,,Was ist mir Gefahr und Untergang, was ist noch mein Leben, da ganz Israel und seine Krone, die Thora von unerbittlichem Feuer der Heiden verzehrt wird? Gib> o gib mir ein Zeichen, Allmacht meiner Väter, daß Du uns nicht ganz verworfen, daß Du Deines Schwüre« an Awrohom gedenkst. Ach, Herr, ach wie lange noch, und Dein Volk Ist verzehrt und die Erkenntnis Deiner Lehre, Deiner Wahrheit auf Erden ist verschwunden! Gib, ach, gib mir nur ein einzig Zeichen Deiner Hilfe, gib es Deinem Knechte!" Im Nu flammte ein Feuerblitz auf. Mattathias sah vor sich eine niedere Felsenhöhle. Er flüchtete hinein. Tosendes Donnergebrüll nahm ihm den Odem, betäubte seine Stimme. Er fiel in Dämmerschlaf, Und siehe da, als er betend und weinend noch im Traume seinem Schöpfer Israels Leid und Marteren klagte und ihn fragte, von wannen die Hilfe kommen werde, — da hob sich die Decke seiner Höhle hoch auf. Und Mattathias schaute, schaute vor sich stille, schweigende Sternennacht. Er erkannte Mamrehs Zelte unter Terebinthen. Ein königlicher Greis wappnete sich mit Schild und Speer, seine Hausgenossen taten Panzer und klingende Schwerter an, und mit dem Rufe: „Ewiger, mein Schild und mein Beistand," zog jener hohe Greis den 300 Mann sei1 nes. Heerzuges voran, gegen Siddim, dem Tale der Erdharze, zu. Und siehe da! Mit Windeseile erreichte er noch in selbiger Nacht den übermächtigen Feind, und ohne Rast verteilte er vier Haufen zum mächtigen Ueberfal!, und also drang er furchtlos auf den Feind ein, auf den der Schrecken G'ttes fiel, Mattathias erkannte Abrahams, des Ahnherrn ehrfurcht* bare Gestalt. Der neigte sich ihm zu, mit unendlich ernstem Blicke wies er an sein Schwert und wies mit hoch erhobener Hand gegen den Himmel. Die Erscheinung verschwand. — — —- Mattathias schaute weiter im Dämmertraum: der schmählich entweihte Tempel ward von Morijah auf Engelfittichen zum Himmel getragen. Dort aber auf jener heiligen Stätte Morijah erschaute er erbebend den Greis,. Abraham, den Kriegsmann seines ersten Traumgesichts. Der stand, im himmlischen Lichte, gramverzehrt, durch seine G'ttesliebe hochverklärt und erdentrückt, den blanken Stahl in seiner Rechten, bereit zum, Sohnesopfer.: Die Stimme der Erlösung, G'ttes Stimme, hieß ihn,! den Sohn entfesseln, verhieß ihm ewigen Lohn für i seinen Samen; — und siehe da, an jener Opferstatt senkte sich der heilige Tempel aus der Höhe wiederum hernieder. Und noch einmal schaute Abraham; der Ahnherr, ernst prüfend in Mattathias' Antlitz. i! ' „Opfert Eureii Seelen, doch kämpft aus Leibes^ kraft!" täuschte!es beschwörend, an Mattathias' Ohr. .... _ _ ir, . . ' ~ ■-, .. , ••).'.•,... ,. %-~|T~, Die Erscheinung war verschwunden. Der Greis wachte. . - ff * ' ' ■' ',> Ii Der Gewittersturm war vorüber;.,.V«#4iefem <Rjttschluß.-und;yon Weisheit beseelt, richtete jetzt Mättä- , thias sein Auge zum Himmel. Taten4urstri£chweljte seine Glieder, strafften den Greis wiePeinen' Jüngling zur Höhe. Sein fester Schritt hatte, in kurzem das Priesterhaus in Modim erreicht.' - Noch am selben Abend hielt er Rat mit seinen Söhnen.und den Treuen des Ortes. Schlimme hoffnungslose Kunde'tönte djhi von überall entgegen, Er aber hielt «ein Haupt eppor, richtete auf die Verzagten, ermutigte zum Kampfe die Männer und Jünglinge. Diese Nacht lag tie|er Friede auf Mattathias' Antlitz. ' . j. Der Morgen des neuen Tages nahte. Pfeifengetön, Trommel, Heeresrufer erweckten die Stadt Modim. Antiochus' Schergen errichteten inmitten des Marktplatzes den Greuelaltar des Zeusgötzen. Viel Volk strömte hinzu. Die Getreuen umstanden voll Ingrimm den Rand des Platzes. Neugierige Gaffer drängten sich vor. Feige, nur um ihr Lebeji Besorgte nickten eifrig den syrischen Häschern zu. Mit laut schallender Stimme las einer von denen den Befehl des. Tyrannen Antiochus vor, seinem Götzen zu opfern. Auf dem Antlitz Mattathias, des Lanzenträgers, quoll die Zornesröte empor. Und er sah, wie ein Mann seines Volkes, Ammihud, langsam dem Götzenaltar zuschritt. „Zurück, Ammihud, zurück!" schrie Mattathias laut und zornig. „Nicht mehr, Ammihud, mein Freund", rief spottend der Abtrünnige, „ich bin AIcibiades, der Diener des siegreichen Antiochus, will opfern dem Zeus, dem Gönner der Wollust." Mattathias tat einen Schritt vorwärts. Sein Herz schlug wild auf! „Abraham, der du deine Vaterliebe bezwungen, nicht verschmäht hast Kampf und Krieg, den Bruder zu erlösen und zu erretten, Dir nach- Dir nach!" Damit ergriff er seine Lanze stürmte auf den eben zum Opfer tretenden Verräter zu und durchbohrte ihn. Mit laut schallender Stimme rief Mattathias: ,Wer für den Heiligen Israels, für Seine Thora und für Judas Freiheit kämpft, herbei zu mir!" Und zu ihm stießen alle Mannschaften Modims; der Aufruhr war entfesselt. Mattathias und die Ssinen verjagten die Heidenknechte. Das heilige Feuer flammte durch ganz Judäa. Wohin es die Makkabäer trugen, warb es G'tteskämpfer. Aus den früheren Duldern und Opfernden waren Abrahamshelden erstanden. Mattathias hatte sein Traumgesicht verstanden:* Zur Rettung der Thora! Hoch trug er des Ewigen Panier, sein Schwert in der Rechten erhoben. Personalien- Bad Neustadt (Saale), 2, Dez, Am 0. November verschied nach langem schweren Leiden im 82. Lebensjahre Sigmund Sichel, erster Kultusvorstand der hiesigen Gemeinde. 15 Jahre stand er an der Spitze der Kultusgemeinde, die er mit besonderer Tatkraft, seltener Weitsicht und hingebungsvoller Treue führte. Ihm ist es zu danken, daß alle. Einrichtungen, die das Wesen einer jüdischen Kehillo ausmachen, in vorbildlicher Weise dastehen. Er war der Gründer unserer jüdischen Volksschule, wofür dem Verblichenen Eltern und Schüler heute sehr dankbar sind. Ausgezeichnet durch ein reiches profanes und jüdisches Wissen, liebenswürdiges Wesen, Geradheit und Rechtschaffenheit in seinem kaufmännischen Berufe erwarb sich der Verstorbene viele Freunde, hohe Achtung und allgemeine Wertschätzung. Das zeigte so recht die große Beteiligung an der Beerdigung. Herr Oberlehrer J. W a h I e r zeiehnete mit tiefer Ergriffenheit, in seiner großangelegten Rede ein lebenswahres Bild des Verewigten als Vater, Jude und Mensch und hob »eine großen Verdienste um Gemeinde, Wohlfahrtseinrichtungen, Schule und die jüdische Allgemeinheit hervor. > Im Auftrage des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Ephraim, Bad Kissingen, dankte er auch für den Bezirksausschuß des Rab'binatsbezirks Bad Kissingen. Namens der Israelitischen Kultusverwaltung dankte Herr Max Friedmann dem verdienten Vorstände.. n"axjo Wochenkalender. Vom 12.—19. Dezember 1936 I Vom 28. Kislew -. 5 Tebet 5697 •>w *p tf03 DTDT Samstag 12 28 00 Sonntag 13 29 y Montag Dez. 14 30 «y Dienstag 15 nata 1 ay. Mittwoch Ii* 2 55?"' Donnerstag 17 3 ':■ . Freitag 18 4 ny. Samstag 19 5 . .iy . naun ruts; P

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.