Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-12-10 · Heft 49 (10.12.1936) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 49 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450957--82609-2540555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 49 1936 ÜÜ Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.j ,,Was hast du getan, daß du die Nacht zum Tage machtest?" Der Jude hob den gepeinigten Blick zu Prosper, der förmlich zurückzuckte. Sachte nur hob der Mann die Hand zum Unterstreichen seiner Antwort. „Ein Opfer habe ich durch diese schlaflose Nacht bringen wollen, nicht mehr —" Das Wort Opfer zuckte durch die Menge. Vorn die verstanden noch richtig, was der Mann sagte, nicht aber jene anderen, die sich das Wort nach eigenem Gutdünken formten. Wie eine Schlinge durchzog es 'die Reihen und hakte sich fest an allen Herzen, die sich willig einem alten Haß öffneten. Es schien, als wollten sich die Menschen auf den Arbeiter stürzen, doch hemmte sie Prospers Anwesenheit. „Was birgt die Lücke —" fragte er nur, und sah den Juden zusammenzucken. Eine Antwort erhielt er nicht. Was birgt die Lücke — heulte es aus den Reihen, und er wandte sich jäh zu dem Juden, als wollte nunmehr er ihm die Kehle zudrücken. Aber der junge Jude richtete sich auf. „Schlagt mich tot, tut alles mit mir, aber ich sage nicht, was diese Lücke birgt. Nichts Böses habe ich getan, alles kann G'tt sehen, alles, was ich in dieser Nacht getan —" Darauf wandte sich Prosper ab und taumelte nach einer Richtung, aus der wildes Geschrei kam. Er hob abwehrend die Hände, als man sich des Juden bemächtigen wollte. „Loslassen!" schrie er die Leute an, daß sie zurückwichen und mehr Angst vor ihm hatten, als der Jude vor ihnen. Denn durch eine Gasse, die sich widerwillig in den Menschenreihen öffnete, schritt David, ruhig und sich selbst bewußt. Er war im Bilde, als er vor Prosper trat. Wie gehetzt kam Githa zu ihm, wenige Minuten zu spät, denn schon schleppte man den Arbeiter hierher. Drauf kam er selbst, um Prosper in die Augen zu schauen. Auf raschstem Weg kam er zum Bauplatz, durch menschenleere Gassen mitten in das wüste Geschrei, dessen er sich zu erwehren hatte, als er durch die Reihen schritt. Keiner jedoch rührte auch nur einen Finger, diesen gewaltigen Mann anzutasten. Was man mit dem schwächlichen Arbeiter tat, wagte man nicht bei dem Riesen David. Mit wuchtenden Schritten, denen nur ganz eingeweihte Menschen den Schrecken abzulauschen vermocht hatten, nahte er sich Prosper, der zurückwich, wie im Schrecken vor sich selbst und seinem Tun. Sich hier auf dem gemeinsamen Bau, dem Werk des Vertrauens zum Juden und seinen Gepflogenheiten, so wiederzutreffen, war beiden in gleichem Maße schrecklich, nur jeder nach seinem eigenen Sinne gerecht. Was David, angesichts des bleichen Freundes, aus dessen Augen alle Höllen des Unirdischen drangen, mit Allgewalt überfiel, galt nicht allein dem Freunde. Ihm erging es wie Githa, die sich im Symbol mit dem Judentum verglichen hatte, das stets und immer wieder geschlagen und getreten wurde von der Hand, die aus Laune, Liebe oder Freundschaft es aus der Tiefe zerrt zu jener menschlichen Höhe und von der gleichen Hand wieder in die Tiefe zurückgestoßen wird. Das steifte ihm den Nacken in wildem, ohnmächtigen Zorn gegen sein eigenes Geschick, das es ihm nicht ersparte, diese Szene durchzukosten. Daß Schreckliches kommen mußte, fühlte er in allen Gliedmaßen, doch beherrschte er sich. Er wußte von der geschlossenen Lücke. Als man es ihm am Morgen berichtete, war er förmlich böse gewesen. Gut, es war als eine reine Tat gedacht, wer aber glaubte solches jetzt noch. Es mußte doch zu Mißdeutungen kommen, was auch eintreten konnte. Nun geschah dieses Furchtbare zu gleicher Zeit. Als könnte er die Gedanken von Davids Stirne lesen, so schaute Prosper hin zu ihr, in die Augen, über die Gestalt und schließlich wieder an die Stirne, die eine tiefe Falte aufwies. Nur das Zucken um den Mund verriet Da- O(^Q^^<f==sc>^)O<^0Bg)O^^<>^)(Sac>^)o im an:a «a D^ffn* nyrca -ybx 'IM« Tiy 'TTinry qiö •na^nx •pVy 'nanx d'ö* "ja -I^ma1? p ina >dm ^?ax na ♦nanV »h»bu ^srr 'a!? izrx •snjx aVaa 'maizo wswi man w na - 'mn i:ain jnafr msj^T '3X3' na 'aa^? •nanx na obvrr* ••pim^n ■pnuia "piaa1] xv bt run v> spik TTiaab '"ps n^apx pisx D^as '«-nss yn jyan "»uan )V26 •ms?» n:-n p'a wir •iwa^K 9V ^affa ntau« immK iiW» 'iltatX 'H^JIK mvrut "jVim *]»mn "jaax ny 0^^0^)<S50^)0(^0^)0(SO:S)<^0^>0 vids Aufregung, weiter nichts. Aber es genügte Prosper, zu wissen, daß er erregt war. Nur schwach war die Wirkung von Davids mächtiger Gestalt auf den Freund gewesen. Zwischen sie und ihn drängte sich die Lichtgestalt seines Knaben, des Erben und Kindes seines Herzens. Er sah es blutend, irgend auf eine Weise gemordet — „David," rief er heiser und der Mann trat näher wie unter einem Befehl. Aber seine Augen warnten, diese jüdischen Augen, aus denen Weisheit und Menschenkenntnis in jungen Jahren schon drangen. „Zweifle nie an mir," sagte er einmal seinem Freunde Prosper und sie schworen sich, jung wie sie waren, nie das Vertrauen gegeneinander zu brechen, was" immer auch kommen mochte. Noch hielt etwas Prosper zurück, ferne klang die Erinnerung an Stunden, die mehr bewiesen als Worte, denn sie enthielten Taten der Ehre, ausgeführt von diesem Manne, aus dessen Auge ihm etwas entgegendrohte, was er in keines Juden Blick je fand; die Erkenntnis, daß gerade der Jude das äußerste Anrecht auf Vertrauen und Verständnis hatte wegen seiner Eigenschaft als Jude. Doch mißverstand er dies in den Augenblicken großer Not und er öffnete die Lippen zu der Frage, die nicht hier, nicht vor diesem Manne hätte ausgesprochen werden dürfen: „Wo ist mein Kind, David!" Die Menschen waren ein wenig zurückgewichen, denn drohend hatte sich die Gestalt Davids erhoben, so mächtig, .daß selbst die kräftige Gestalt des Junkers schmächtig erschien neben diesem Manne. Doch hob sich keine Faust, um den Frevler, der ein Vertrauen samt der Freundschaft zerschmetterte, zu züchtigen. Ein Jude kämpft nicht mit der Faust da, wo er Geist zu zeigen gewöhnt ist. Deshalb sank nur die Gestalt wieder in sich zusammen, gelassen und ohne Drohung stellte David seinerseits die Frage: „Und das frägst d u mich?" Es war in Prosper, als zerreiße ein Vorhang vor seinen Augen, aber hinter ihm war rotes Blut, Blut seines Kindes und trübte seinen Blick. „Mein Kind," sagte er wie irr immer wieder. David zwang sich, denn nicht seine Ehre galt jetzt, es galt das Leben vieler jüdischer Menschen, die dem Pöbel überlassen blieben, versagte deren Herr. „Die Juden haben deinem Kinde nichts zuleide getan. Das Kind wird aufgefunden werden." Jäh drehte sich der Junker um. „Aber wo — wo —" schrie er und trat den Boden in wildem Zorn. „Wo, vielleicht hier drinnen?" Langsam schwoll die Ader an der Stirne Davids, ein bedrohliches Zeichen, das alle Kraftmenschen in sich haben, reißt ihnen die Geduld. Aber David hatte sich in Gewalt. „So brich die Lücke auf — brich sie auf —" Ruhig klangen die Worte in die Stille, denn keiner wagte zu reden, um alles zu hören, was diese beiden Menschen sprachen. Wirr drehte sich Prosper nach David um. In seinem Gesicht lag Qual. Er hatte nicht den Mut, dies anzuordnen, um nicht das Furchtbare zu finden, was alle hier vermuteten, den Leichnam seines Kindes. David erkannte dies alles nur zu genau. Er wartete auf eine Rede. Irgend einer mußte doch sprechen. „Wie kann ich aufbrechen, was . . . der Arbeiter wollte nicht sagen, was drinnen ist —" stammelte Prosper endlich. „Brich die Lücke auf," forderte die ruhige Stimme in mildem Ton, abweisend zwar, doch ermunternd. Prosper hörte Stimmen aus der Menge: „Abreißen, das Dreckwerk abreißen!" — und es durchflutete ihn eine Wut gegen sich und alle hier. „Keiner rührt die Stelle an, ehe ich nicht sage, was getan werden muß!" . Mühsam faßte er sich dann und überlegte. Er wußte, daß er allen Unwillen gegen sich lud, hinderte er die Menge, Einsicht in jene Lücke zu gewinnen. Er selbst wußte nun, hier fand er sein Kind nicht. Dieser Mann, sein Freund, hatte ihn beschämt und zugleich aus jener warmen Freundschaft entlassen, die ein Halt in seinem Leben war. Er wollte gutmachen und fühlte wieder, wie David als Vorsteher, selbst zerrissen, aber doch bewußt, die Gefähr für viele jüdische Menschen. Meine Schuld allein? Er wußte es nicht — sein kleiner Liebling nur riß ihn zu solchem Handeln. Dennoch war er nicht frei von innerlichem Aufruhr. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.