Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1936)
- Date
- 1936-11-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- Mohel 2× ep/1006163
- Mosbach 2× ep/1045224
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Das Mohelbuch des R," Seligmann v. Hüffenhardt Bearbeitet und besprochen von Samuel Jeselsoh» in Neckarbischofsheim. Ein merkwürdiges Geschick brachte dieses Buch in meine Hand. Von seiner Existenz war mir nichts bekannt. Ein Großonkel von mir — selber "Mohel — hatte es in seinem Besitze. Er nahm es mit von hier nach Frankfurt a. M., wo er die letzten Lebensjahre verbrachte. Vor etwa 60 Jahren starb er. Vor etwa drei Jahren kam es aus dem Besitze eines Alihänd* lers durch einen Frankfurter Mohel, der mein Interesse voraussetzte und es mir zum Kaufe anbot, zu mir. Es kam wieder an den Ort, an dem es sich früher vielleicht mehr als 100 Jahre aufgehalten hatte. Das Buch enthält Milos aus den Jahren 1686 bis 1730, etwa 1200 an der Zahl. Die Eintragungen sind in der jüdischen Kurrentschrift jener Tage geschehen und bieten eine Fülle interessanter Tatsachen. Der Mohel, R. Seligmann, der Sohn des berühmten und gelehrten Dajans de® Bezirks, R. Naftali Herz, aus dem Geschlechte Ginz wohnte in Hüffenhardt, einem Baueradorf im östlichen badischen Kraichgau, das etwa drei Wegstunden von Mosbach entfernt ist. Von hier aus besorgte er seinen heiligen Dienst vollkom5 men leschem schomajim (um des Himmels willen ohne jede Gegenleistung), wie ihm Andere in diesem Buche still und ohne Aufhebens bescheinigen. Das Gebiet seiner Tätigkeit erstreckte sich auf den Umkreis von mehr als 100 Kilometer. Man denke an die Beschwerden der Reise in jenen Zeiten, an die Unsicherheit der Wege, an die Schwierigkeiten der Nächrichten-Uebermittlung, an das Fernsein von der Familie an Sabbaten und Feiertagen und man kann sich einen Begriff machen von der Jiroh — der G'ttesifurcht — dieses Mannes, von seiner Seelengröße, seiner Opferbereijtschaft. Die meisten Orte, an denen er fungierte, waren isicher nur von wenigen jüdischen Familien bewohnt, oft mußte er an einem Tage an zwei weit auseinander liegenden Plätzen sein heiliges Amt vollziehen. In jüngeren Jahren versieht er den Eintrag der Milo mit einem Wort aus der laufenden Sidroh, so treffend gewählt, daß man staunen muß über all dieses Wissen und dieses Mitgefühl. Da segnet er das Kind, dessen Vater nicht mehr lebt, dort weint er mit einem anderen um die tote Mutter. AI® ein Beispiel dieser unsagbaren Opferbereitschaft führe ich hier folgende Milos aus dem Jahre 5479 (1719) an: Am 2. Tischri (2. Tag Rosehhaschono) amtiert er in Gundelsheim am Neckar (wohin er natürlich schon zwei Tage vorher reisen muß), am 3. Tischri in Rohrbach bei Sinsheim, am Schabbos den 6. Tischri ist er in Sontheim bei Heilbronn (auch dahin muß er schon tags zuvor kommen), am 8. Tischri ist er in Berwangen, am 18. Tischri (Chol hamoed Sukkos) ist er in Babstadt, am 19. in Eichtersheim. Am 22. Tischri ist «r in, Münzesheim (dieser Tag ist Schemini Azereth, er muß also schon tags zuvor eintreffen und kann erst am nächsten Tage mit Eintritt der Nacht frühestens weiter reisen).. Am 24. Tischri ist er in Michelfeld und am nächsten Tage in Stein am Kocher. Es ist Spätjahr und vielleicht noch ingenehme Witterung. Aber später mitten im tiefsten Winter ist er z. B. am 8. Kislew in Bonfeld bei Heilbronn, am 9. — Freitags — in Grombach bei Sinsheim, am 12. in Horkheim bei Heilbronn, am 16. — Freitag — in Walldorf bei Heidelberg, am 25. in Baiertal (Sonntag). Wenn er nicht schon Freitag nach Baiertal gereist ist, brauchte er die ganze Winternacht von Samstag auf Sonntag, um von seiner Heimat aus früh morgens am Sonntag in Baiertal zu sein. Daß er in seiner so großen Verwandtschaft überall herangezogen wird, ist wohl zu verstehen. Aus den Einträgen sind die weitverzweigten Aeste der Familie wohl zu erkennen. Er führt Söhne, Enkel und Urenkel in den heiligen Abrahamsbund ein. Klar konnte ich feststellen, daß auch ich zu seinen Nachkommen zähle. 109 verschiedene Orte sind es, an denen er tätig war. Man kann genau verfolgen, daß auch für ihn der Anfang nicht leicht war. Erst im achten Jahre gelangte er auf Ii Milos im Jahre, dann erweiterte sich seine Arbeit, bis zu 52 im 33. Jahre dieses heiligen Berufes. An vielen Orten seiner Tätigkeit wohnen heute noch Juden, an vielen anderen sind sie längst verschwunden. Manche Orte stehen mit Milos an dem Buche, die als ehemaliger Wohnsitz von Juden nicht bekannt waren. Ich nenne hier Biberach, Kirchhausen, beide bei Heiibronn, Dilsherg bei Hei* delberg, die berühmte Veste aus Tillis Zeiten; die Hofguter Zimmerhof, Eülenhof, Ehrenbürger Schloß, das Dörflein Helmhöf ,alks an der badisch-württembergischen Grenze gelegen. ' Auch auf die Größe der Kehillos. lassen sich Schlüsse ziehen aus der Häufigkeit der stattgehabten Milos im ganzen Tätigkeitszentrum von .etwa 40 Jahren. Da ist BÜschofsheim (jetzt Neckarbischofsheim) mit 68, Qdenheim mit 42, Neidenstein mit 33, neinsheim mit 38, Ittlingen, Eichtersheim mit je 34, Flehingen, Weiler unterm Steinsberg mit je 33, Stein am Kocher mit 29, Mosbach mit 31, Wimpfen am Neckar mit 28, Rappenau und Michelfeld mit 27, ' Hirschhorn am Neckar mit 24 Milös. Interessant sind die Feststellungen über die vor kommenden Namen und deren Häufigkeit. Es wurden gezählt: Moses und dessen Abwandlungen Masis, Mosche, Mase 133^ Löb 128, Mehr 125, Itzig 113, Abraham 96, Jokef, Jakob, Jeckle, Jokel 87, Wolf 72, Lippmann 71, Ahron 68, Josef 62, Herz 61, Hirsch 61, Seligmann 57, David 57, Leser 50, Juda Jehuda, Jude! 50, Josle 47, Mordechai 46, Schemuel 44, Gumpel Gumprich 42, Schimeon 41, Eisik 38, Chajim 37, Sanwill 36, Baruch 33, Kaufmann 31, Feibisch 24, Bendit 24, Gerschon 22, Bär 21, Zadok 18, Sender 18 Vereinzelt kommen vor: Gabriel, Götz Getsch, Tebele, Anschel Anselm, Enslein, Joel, Getschlik, Jona, Avigdor, Jische, Elieser, Henle, Gottlieb, Jo chanan, Feis, Falk, Aberle, Benjamin, Daniel,. Eli, Susmann, Uri, Hele, Ascher, Alexander, Akiba, Tubioh, Sinai, Nachum, Goel, Jomtof, Koschmann. In vielen der 109 Orte lassen sich Lehrer feststellen. Man sieht, wie nichts die oft so armen, bedrückten Menschen daran hindern konnte, ihren Kindern das nötige Wissen zu verschaffen. Auch im Hause des Mohels selber muß sich eine Talmudschule befunden haben, was daraus hervorgeht, daß in dem Mohelbuch Einträge von Lehrern sich befinden, die im Hause des Mohels tätig waren und da gelebt haben. Einer dieser Lehrer hat das. kurz vorher in Amsterdam erschienene Werkchen über die Miloh: „Sod haschem" nebst „Scharbit haschof" des R. David de Lida in der charakteristischen Schrift jener Zeit in das Mohelbuch abgeschrieben. Ein Anderer hat die bezüglichen Vorschriften des Schulchan Aruch eingetragen. Hie und da ist es das Kind eines Oreach, das er in den Bund aufnimmt. Aus weiter Ferne Kommen diese müden Wanderer, um eine feste Stätte zu suchen. Ueberall finden sich Glaubensbrüder, die .eich ihrer annehmen. Oft ist der Mohel selber auch gleich Gevatter und schreibt diese Tatsache gern in sein Buch. In der heutigen Zeit, in der das Interesse für Familienforschung neu erwacht ist, bietet das Mohelbuch ein gutes Hilfsmittel, um dunkle Familienzu* sammenhänge aufzuhellen und den Stammbaum bis in die Zeiten 'des Mohels Seligmann klarzustellen. Schon manches Mal hat es diesen Dienst leisten können. Kultuskuriosa in Amerika. Möglich ist alle®, unmöglich nichts. Das gilt erst recht für Amerika. Wer das nicht glaubt, möge folgende Geschichte hören: In einer Berliner Veranstaltung einer religiösen Organisation sprach eine nicht unbekannte Rednerin über das religiöse Leben in Amerika auf Grund persönlicher Eindrücke und Beobachtungen. Sie sprach von den verschiedenen religiösen Richtungen, selbstverständlich und besonders ausführlich auch über das bekannte amerikanische Reformjudentum. Von einem Ereignis wußte die Referentin da zu berichten, dessen Wahrheit sie ausdrücklich verbürgte. Wenn jüdische Feiertage „ungünstig fallen", dann werden sie vom Synhedrion der Reformgemeinde einfach „verlegt". Ohnedies werden alle Feiertage nur einen Tag gefeiert. So trug sich folgendes, zu; Rosch=Haschonoh fiel auf Sabbat und Sonntag. Nach dem Din der Reform ist also nur am Sabbat Rosch-Haschonoh. Auf das Schofarblasen wollte man aber nicht verzichten, denn das ist auch für die Reform noch eine wichtige Einrichtung. Also ganz ein* fach: man bläst am Sabbat Schofar. Das wäre doch noch nichts „Besonderes". Nun aber erkrankt unglücklicherweise der Schofarbläser. Ein Ersatz für ihn ist beim besten Willen nicht ausfindig zu machen. Das ist gewiß Pech. Aber darum das Schofarblasen ausfallen lassen? Gewiß, es bedeutete noch eine Weitere Reform, aber schließlich „so weit" will man doch auch nicht gehen. Es ist doch Rosch-Hasch«- noh, und seit Jahrtausenden wird an diesem Tage in die Posaune gestoßen. Das kann man nicht einfach abschaffen, das muß unbedingt erhalten bleiben.- Darin ist auch die radikalste amerikanische Reform „orthodox". Wenn sich also augenblicklich kein Jude findet, der Schofar blasen kann, dann muß es eben ein Nicht jude sein! Aber wie soll ein Nichtjude auf einem solchen Widderhorn blasen können? Dazu gehört doch mindestens ein langes Training; aber leider war doch dafür keine Zeit, mehr, Roseh» Haschonöh stand vor der Tür! — •— Da wandte man sich schließlich und endlich in der letzten Verzweiflung an einen stellungslosen Trompeter, der sein Amt vorzüglich versah.- So geschah es valso, daß in Montreal am Rösch- Haschonoh und zwar am Sabbat .ein Nichtjüde als Schofarbläser" fungierte, und sich dabei" einer Trotts pete bediente. -— ——-: ..;V." S. G. Personalien. Straßburg, 10. Nov. Hugo B enj a m i n ist nicht mehr. Urplötzlich wurde er kurz nach Schabbos-Ausgang in Straßburg seinen Lieben entrissen;' "Wer dieser patriarchalischen Gestalt zu begegnen die Gelegenheit hatte, war sofort eingenommen von der Vornehmheit und Güte, die von dieser Persönlichkeit ausstrahlte. Hugo Benjamin, der schon früh' seinen Vater verlor, verstand es schon in jungen Jähren durch umsichtige und unermüdliche Arbeit den Aufgaben des Leben» gerecht zu werden und sich eine geachtete Position zu erringen." Es entsprach seinem bescheidenen Wesen, so wenig wie möglich an die Oeffentlichkeit zu treten. Doch war wohl kaum eine Institution im jüdischen Frankfurt, der er nicht; seine tatkräftige Unterstützung gewährte. Es war insbesondere die Israelitische Volksschule in Frankfurt a. M., der sein tätiges Interesse galt. Der Heimgegangene verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Straßburg, wo er /die Früchte eines arbeitsamen und erfolgsamen Leberts zu genießen hoffte. Auch in seinem neuen Wohnorte mehrten sich rasch seine Freunde. Die'Nachricht vom Tode Hugo Benjamins löst überall, wo man ihn kannte, tiefe Trauer aus. Herr Rabbiner B r u n s c h w i g brachte in beredten Worten die Gefühle der zahlreichen Träuergemeinde zum Ausdruck. Im Namen der Familie beklagte Rabbiner Bloch, Saverne, den unersetzlichen Verlust, von dem die Familie betroffen wurde. n'awri Die Frankfurter Woche- Israelitische Volksschule und Samson Raphael HirSch-Schule (Real-Schule und Lyzeum). Schüleraufnahme zu Ostern 193 7. Anmeldungen schulpflichtiger Kinder zur Em= Schulung in die Grundschule zu Ostern 1937 werden vom 30. November bis 4. Dezember 1936 von 12—13 Uhr mi Amtszimmer, Röderbergweg 29, entgegengenommen. Bei der Anmeldung sind Geburtsschein und Impfschein vorzulegen. In der gleichen Zeit werden die Anmeldungen für die Sexten der Realschule und des Lyzeums im Rektorat, Am Tiergarten 8, entgegengenommen. Elternabend und Schülerarbeiten-Ausstellung der Israelitischen Volksschule. Die Schule veranstaltet am 6, Dezember bis 13. Dezember eine Ausstellung von Schülerarbeiten auf dem Gebiete des Zeichen-, Werk5, Nadelarbeit- und Hauswirtschaft-Unterrichtes in dem Zeichensaal der Anstalt, Röderbergweg 29. Am Sams* tag, den 5. Dezember um 20 Uhr, wird zur Einführung in die Ausstellung im Turnsaal ein Elternabend abgehalten. Der große Sijum. Der große Sijum des Schaß=Vereins findet dieses Jahr unter der Regie der Gemeinde Israelitische Religionsgesellschaft am Sabbatausgang des i-onn:p ppa'sin der Aula der Samson Raphael Hirsch-Schule statt. Näheres wird noch bekannt gegeben. Den Hadran hält wieder Herr R.-A. Dr. M. Schlesinger. Eintrittskarten sind in der Gemeindekanzlei, Friedberger Anlage 6, jetzt schon zu haben. Erez Jisroel im Lichte der Tauroh« Vortrag von Rabbiner Dr. Merzbach in den Agudagruppen Frankfurt® am Sonntag, den 15. Nov. 1936. Es Hegt wohl im Zuge der Zeit und ihrer Notwendigkeiten, daß eine weitaus überwiegende Mehr* zahl aller Vorträge, die in den jüdischen Kreisen Deutschlands gehalten werden — auch in den agudistischen — sich mehr oder minder mit Erez Jisroel-Fragen beschäftigen. Doppelt wichtig ist es daher, daß die typisch agudistische Note in diesen Vorträgen zum Ausdrück gelangt und die Vorträge mehr sind, als eine bloße Wiedergabe dessen, was dem Interessierten auch aus anderen Quellen über die Zustände und Verhältnisse in Erez Jisroel bekannt ist. Das Muster eines solchen Vortrages — wir dürfen es ohne Uebertreibung sagen — stellte das Referat von Rabbiner Dr. Merzbach über das Thema; „Erez Jisroel im Lichte der Tauroh" dar, welches er in. Frankfurt im überfüllten Hörsaal der Israelitischen Religionsgesellschaft hielt. Den Besuchern der Marienbadener Zentralratskonferenz ist es bekannt, daß ein Antrag der hollän5 dischen Landesör.ganisation dort zur Besprechung kam, welcher die von Dr. Breuer erhobene Forderung, die Anwendung des jüdischen Rechts in Erez Jisroel auf die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die dort brennende sind, durch Thoraautorifaten zu fixieren, zu einer konkreten Forderung an di? Leitung der Agudas Jisroel verdichtete. Die Forderung von Rabbiner Dr, Merzbach war im Grunde genommen nichts anderes, als ein Versuch, und zwar ein gelungener Versuch, die Methoden aufzuweisen, nach denen ein* solche Durchdringung des ganzen jüdischen Lebens in Eres? Jisroel auf Grundlage der Halacha möglich und erfüllbar sei.