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Der Israelit · 1936-11-26 · Heft 47 (26.11.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 47 (26.11.1936)
Date
1936-11-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Nummer 47 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.] :;v; .. 18.' * :. . '. : Unendlich mühsam, trotz aller Begeisterung, schritt der Tempelbaü vorwärts.; Prosper war ein anspruchsvoller Bauherr. Immer wieder -geriet er - außer sichP wenn irgend ein Stein nur anders saß, als in seiner Phantasie)' An diesem neuen Bauwerk, .das er nach längerer Pause schuf, während der er Burgherr spielen mußte, was ihm nicht besonders zusagte; hing er mit besonderer Liebe. Ihm war es recht, daß. langsam nur alles fertig wurde, was er anordnete. Jedoch vermochte . auch das langsamste Arbeiten .einmal ein Ziel zu erreichen. Das Fundament neigte seiner Vollendung zu. Es war ein Meisterstück geworden, ,wenn man überlegte, daß es meist ungelernte Arbeiter waren, die am Bau mithalfen. Ein tiefer Keller, der weit mehr Juden zü fassen vermochte, als in Heikenbrunn überhaupt , ansässig waren, zog sich geschickt durch dieses Fundament. Da war ein Kieller für die Heiligtümer abgetrennt, hier einer mit steinernen Bänken und einer Vorrichtung zum Feuern. Alles vorgesehen. Man hätte nicht glauben mögen, daß dies ein Junker erbaute, so vertraut mit allen Nöten der Juden war die Hand, die alles anordnete. Es war mehr als Stolz, mit dem Prosper am Tage vor der Vollendung sein Werk betrachtete. Zwar war es kein Marmorstein, auf dem sich der Bau erheben würde, aber ein Fundament von eherner Beschaffenheit, in dessen weiten Räumen nach tausend Jahren noch Menschen stehen würden voll Bewunderung. Eine Lücke klaffte noch, als man Feierabend machte. Sie sah aus wie wunde Stelle in einem wohlgeformten Körper. Mit einem Aufatmen wandte sich der Junker von dem Bau, um nach Hause zurückzukehren. Unterwegs kam ihm die Lust an, nochmals bei David einzukehren, doch war die Judenpforte zur Gasse schon geschlossen.. Er. wollte nicht auffallen und gab den Ge-, danken, sich das Tor nochmals öffnen zu. lassen, schon im Werden auf. >■ ' f Einen wundersamen Abend erlebte er in seinem Heim. Ein berauschender Duft kam vom Tal zur Burg und schlich sich in A\e .Fenster. Wie. unendlich schön ist die „Natur, flüsterte Prosper seinem Weibe zu, das: neDen ihm stand, und mit ihm - hinaus auf sein l Land:, schaute. . Daß sie, wie in ünruheyoller .Ahnung, ..innerlich, fror, konnte sie selbst nicht wissen, doch waren ihre Augen weit und fragend, als sie in dieser Nacht schlaflos ins Finstere starrte . Dann kam der Morgen, golden und gleichmütig wie viele in diesem Monat. Für Prosper brachte er eine Freude. Ein Knecht brachte ihm 'die Nachricht, daß ein fleißiger jüdischer Arbeiteröoeh^inä'd^^'Naöht' die. Lücke im Fundament schloß. Das erzählte Prosper seiner jungen Frau beim ge'meinsamen Frühstück. : .-■ . .......;■ - „Dil siehst Ma;ßrausi" meintey er,: als sie ihm Wie verlören in§: Gesicht '• starrtet'^ i,Ich-glaube, du hörst:'gär\:nicM"W:r'^..,\i'.'.,,,. '"./. ';■'". '.•/;' Nun flachte sie verlegenauf,; und;nannte ' sich verschlafen;' Das* werdeschon wieder vergehen. Sie gähnte herzhaft und er neckte;-v Von' der Lücke im Fundament sprach keiner mehr. Während auf; der Burg die Menschen zum neuen Tag sich rüsteten, ' war schon lange reger Eifer auf 'dem Bau wach,^ begann doch nun das beste Teil des Baues. Schon ragten die Stang m und nötigen Baustützen in die Höhe und, man beschäftigte sich eifrig mit dem, was der Bauherr anempfahl. Die fleißigen Hände rührten siqh, nimmermüde das herbeiz'utragen, was dem Tempel zugute kam. Kein Wölkchentrübte den Himmel — es arbeitete sich wunderbar bei diesem Wetter ... . Dennoch warben Wolken vorhanden, wenn auch unsichtbar, •■ sie drohten.: dennoch auf die Juden von Heikenbrunn, 1 ohne daß sie nur die leiseste Ahnung davon hätten.' Iii der Burg rief man..nach Stephan. Eben war er noch im Eßraum gewesen,. seine Stimme hätte fragend und freundlich'geklungen, die gewohnten kleinen Unarten'fehlten heute gänzlich. Aber Antwort auf die ersten. Rufe gab er nicht. - . -. Es war die alte Magd, die ihn betreute, deren Stimme laut geworden war. Als sie ihn nicht kommen sah, rief sie nach' der anderen Richtung seinen Namen. Aber auch hier vermochte sie ihn nicht zu finden. Jerusalemer Psalm. Ein Duft von Rosen und Zypressen, Die .stumme Pracht von quadernen Palästen, .Von Gärten, blumig, leicht vom Wind bewegt; Oelbäume, staubbedeckt, dem Fels entragend, Und schwere Sonne, Tändelregung löschend, Wie Fliegensummen ihrer Hoheit lästig. Nur wandeln, schreiten! Weder rechts noch links In Küssen sich verlieren oder Tränen; — Schon sinkt der Abend in den Arm der Nacht Und Sterne künden jene Ewigkeit, Die .schön ist und. notwendig, wie der Fels, Wie Sturm und Regenschauer; beugt die Kniee, Anbetend ihre, große Herrlichkeit! Uri Rosenheim. Sie raffte die alten Glieder zusammen und stieg hinauf, zum Aussichtskämmerlein, das ihm verboten war, weil es an vier Seiten offen stand, das er aber gar gerne aufsuchte. Auch hier fand sie ihn nicht. Er wird im Stall bei den Pferden sein, keuchte die Alte und stieg hinab in den Hof, wo sie aufgehalten wurde vom Plausch mit einem Knecht. Das Suchen aber setzte sie fort nach diesen wenigen Minuten. Auch im Stall fand sie ihn. nicht, bei den Hühnern war er nicht gewesen und den Entenj teich mied er, weil er stank. Trotzdem suchte sie ihn auch hier, ganz den Grund vergessend, wes- ■halb sie.,ihm nachgeeilt war.; Er. müßte da sein, ihre Pflicht, nein, ihr,e >Liebe zu 'dem kleinen Junker duldete es nicht, daß er abwesend war, ohne daß sie wußte, wohin er die Schritte lenkte. Als sie das Haus, die Stallungen und jeden Winkel durchsucht hatte, der ihr zugärigig war, (wägte sie^es endlich, :'die Gemächer der Burg-i herriri 7 zu, betreten', . . \ .-iXi*-' 'V. - •■. V ■• 'Jr ■ Sie. fand die, junge Frau über eine Handarbeit gebeugt amd;wartete, bis-die Schöne die einzelner! Stiche1 ausgezählt 'und sich, gemerkt hatte. Der sich.';\pedÖr aufrichtende Blick der Frau traf das^ j^esiclit der Magd und freraidHch-fra.- jgend. lächelte sie ihr zu. Die Magd war sehr;verlegen;'J:d&nn *sie störte .nicht gern die Burg- Herrin.. ''"•'••K; ' "• ,y: : V ' . „Wünschst duwas*.,Lena," fragte JV^aria die Magd, doch schüttelte die eifrig den Kopf. Gewiß nicht, nur sehen wollte sie, ob Stephan hier spiele, damit sie an ihre Arbeit gehen könne. Der Stephan. Uebers Gesicht der jungen Frau glitt es wie ein Schatten. Sie hatte gemeint, er spiele bei der alten Magd. Auch sie rief ihn vor wenigen Minuten vergeblich. In der Alten erstarrte etwas" zu Eis. Ihr fiel das Gerücht ein, das die Stadt durchlief, das man verlachte und doch nicht vergaß. Es tauchte auf: Judenostern. . Sie war -eine Magd mit primitivem Geiste und D.enkungsvermögen, das nur die Herrschaft und deren Wohlergehen umkreiste: Alle Gefahr des Gerüchtes erstand in ihr als namenloser Schrecken und heulte auf in . den Worten: „Der Stephan ist nirgends hier . . ." Mariastand wohl auf, hastig und erschreckt, aber sie blieb ruhig. Sie vermutete ein böses Gewissen bei der Alten, die am Ende; nicht aufpaßte auf den Knaben, wie ihres Amtes war.. Aber sie fühlte, daß etwas in ihr genau so-aufschrie, wie in der Magd, nur herzzerreißender hoch als bei jener. Sie. begann die Alte wie ein Kind auszufragen. Ob er da sei, wo man ihn zuletzt sah, angesteckt aber von der offensichtlichen Angst der Alten, floh sie aus dem Raum und hastete im Haus herum, ziellos, um bei Prosper zu landen, der zeichnend in seiner Stube saß. Das Kind, stieß sie hervor und erschreckte den starken Mann fürchterlich. Er zankte ein wenig, als er das harmlos Richtige hörte. Er wird irgendwo Verstecken spielen, er ist doch scon fünf Jahre alt. Als er, Prosper, so alt war, ging er auf Entdeckungsfahrten. Dennoch ließ der junge Vater nach dem Knaben suchen, „Gleich wird man den Schlingel finden und dann soll er seine Strafe haben." Aber keiner brachte den Knaben. Wie vom Erdboden verschluckt war er. Man. rief sich die Kehlen wund, aus den Minuten des Suchens wurden Stunden, bis die Magd aufheulend die keimenden Gedanken herausschrie: „Judenostern . . .!" Alle standen starr. Ja, in dieser Woche sollte Judenostern beginnen. Man wußte es, denn die Vorbereitungen ^der Judengasse verrieten es. Prosper stieß ein böses Wort gegen die Magd aus, aber ein Blick auf seine Frau ließ ihn verstummen, deren feine Hände sich in die Brust krallten, als suchten sie das Herz anzuhalten im wilden Klopfen. Marias Gedanken schlugen einen tollen Wirbel, von einem sprangen sie auf den anderen, sie verwirrend und erschlagend zugleich. Sie sah sich als Kind vor dem Gesinde tauschend stehen und zuhören, was sie sich zuraunten. Sie kroch in die Winkel vor Angst und "kam nach langem Rufen erst wieder zum Vorschein. Sie erblickte wiederum das Bild ihres Knaben, überstürzend verwischte ein roter Schein beide Bilder, Eine Frage gellte in ihr: wo ist Stephan, um plötzlich aufzuschreien: „Mein Kind, ich will mein Kind haben . . ." Prosper eilte zu ihr, faßte und rüttelte sie, aber seine Worte waren wenig überzeugend. Nun kam aus seiner Einsamkeit endlich der alte Burgherr und schalt über all den Lärm, um jäh zu erstummen, als er erfuhr, was die Unruhe!dieses Morgens zu bedeuten habe. Aber als Vater von kräftigen Jimgen. war er noch länge nicht bereit, solchen Flausen nächzugehen, wie sie die Xeute hier aufbrachten. Nun stieß, in all die ermahnenden und ermunternden Worte des Alten, der markerschütternde Schrei der Burgherrin, in deren Hirn sich aus allem Wirwarr der eine Gedanke, das eine Entsetzliche schälte: \ „Die Lücke im Tempel ist geschlossen r—" * (Fortsetzung folgt.)

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