Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-11-26 · Heft 47 (26.11.1936) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 47 (26.11.1936)
Date
1936-11-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450955--82577-2540521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

ffa-fnm*»' t ■■y-r ,.»•«>•-»■>' " -. IBK l[öTöTöir^5TÖIÖTö!f HIE Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands IMIIi— -HIIHIIH- —IIIHIIH mHIIoIo o||o—olojojollt—« -^IIMIII— HIIHIIH- HIIHI Wie die Frankfurter Juden einen Rabbiner gewählt haben. Von Rabbiner Dr. Rosenwasser in Berlin. (Nachstehende Arbeit macht nicht den Anspruch, in allen Einzelheiten, insbesondere in der Datumgebung historisch zu sein.} ' I. Schon sehr früh, gegen Ende des 12. Jahrhunderts, hatte die Frankfurter Gemeinde einen Rabbiner, der durch sein bedeutendes Werk Weltruf erlangt hatte. Das war Rabbi Schimon Hadarschan Aschkenasi, der Verfasser des Jalkut Schimauni. Man nannte ihn auch .Rabbi Simon an der Pfort. In Frankfurt prägte man über ihn das schöne Wort: „Rabbi Simon an der Pfort' Kann die ganze Thora auf ein Wort" — Was der gewaltige Mosche ben Mainion, der um dieselbe Zeit lebte, auf dem Gebiet« der Halacha, das bat Rabbi Schimon Hadarschan auf dem Gebiete der Hagada .geschaffen. Der eine sammelte mit seiner „starken Hand" alle Jialachischen Vorschriften, der andere alle in den beiden Talmuden und in anderen alten jüdischen Werken enthaltenen Erzählungen, 'Gleichnisse und ethischen Weisheitssprüche. Die Frankfurter Kehilla, an die ganz Großen gewöhnt, «etzte in .den folgenden Jahrhunderten ihren ganzen Stolz darein, nur den größten Gelehrten, den selbstlosesten und demütigsten G'ttesmann zu ihrem Rabbiner zu wählen. Die Stadt Frankfurt kann für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, die einzige Stadt ■der Welt zu nsein, in der alle Zeit die bedeutendsten talmudischen Größen, die die Juden nach Maimoni- ■des hervorgebracht haben, in ihrer Mitte als amtierend« Rabbiner gehabt zu haben. Selbst Wilna steht liier zurück, da der Wilnaer Gaon ein Privatmann -war und nicht Rabbiner von Wilna. Sagte man doch mit Recht von Frankfurt, daß die naa-» »nsn o-napj-n '»sn gleichzustellen sind, die Weisen Frankfurts sind den Weisen Jabnes, der berühmten Lehrstätte Rabbi Jochanan ben Sakkais, gleich zu achten. Greifen wir «inen aus der glanzvollen Reibe der Rabbinen, die in Frankfurt segensreich, gewirkt haben, heraus, einen, der heute noch bei den jüdischen Massen in jedem kleinsten Dorfe im Osten noch lebt, als ob er jetzt noch seine heilsamen Lehren in die Welt schickte. Ttabbi Jesaja ben Rabbi Abraham Halevi Horwitz, der Verfasser des Werkes Sehne luchaus habris, ab» gekürzt Scheloh, ist der Mann, der jedem einfachen schlichten jüdischen Menschen aus dem Volke so innig vertraut ist, daß er ihn noch heute in Frankfurt zu finden vermeint. Dieser Rabbi Jesaja Horwitz wird bei der jüdischen Masse nicht anders als der heilige Scheloh genannt. Einen Namen, den Rabbi Jesaja vollauf verdient, denn seine Werke werden nicht müde, Liebe unter den Menschen zu predigen, Habbi Jesaja Horwitz hat sein edles Wirken für die Liebe unter Menschen nicht in Frankfurt, beschlossen. Als Greis ging er nach Palästina und im Jahre 1630 ist er in Tiberias zur letzten Ruhe bestattet -worden. Hat Rabbi Jesaja Horwitz, unermüdlich für •die Verbreitung der Liebe unter den Menschen gearbeitet, so hat ein anderer Frankfurter Rabbiner rastlos und unaufhörlich für G'ttvertrauen geworben. TJas war Rabbi Josef Juspa Nörlinger Hahn,, der Verfasser . des Werkes Josif Omez, Dieses Buch «scheint wie geschaffen für, unsere Zeit, Jeder, der die "Aufgabe hat, unglückliche Menschen aufzurichten, sollte heute dieses Buch zur Hand nehmen. Eine gütige Vorsehung hat den Frankfurter Juden diesen Itabbi Juspa zu einer Zeit gesandt, als die Juden Frankfurts in größter seelischer Not sich befanden. Alle hatten damals, — man schrieb das Jahr 16i2 und Bürger der Stadt verlangten in einer Eingabe an den Rat der Stadt die Austreibung der Juden, weil diese „vom Blute der Bürger lebten" — den Mut verloren, nur Rabjbi Juspa blieb unerschütterlich im Vertrauen auf G'tt. Eine ganze Abhandlung "hat er über das G'ttvertrauen geschrieben und mit allen Stellen aus dem heiligen Schrifttum belegt. — TRabbi Juspa Hahn war auch der. Mann, der sich als Rabbiner, -nicht damit begnügte, bloß halachische ^Entscheidungen zu treffen, alle Vorgänge in der Gemeinde lagen ihm am Herzen und für alles und jedes liat er seine ganzen Kräfte eingesetzt. Als Rabbi Juspa hochibetagt sehr schwer erkrankte, und die ■ganze Gemeinde um sein teures Leben bangte, begab sich der Vorsteher der Gemeinde, in Begleitung der bedeutendsten jüdischen Gelehrten der Ge» meinde, an das Krankenlager des Rabbi. Rabbi Juspa, der schwer darniederlag, bemerkte gleich die sehr ernste Miene der Männer, die gekommen waren, um nach seinem Befinden zu sehen. Rabbi Juspa erhob sich, und sagte: Ich weiß, Ihr seid in größter Sorge, wer nach mir das Rabbinat in Frankfurt versehen soll. G'tt wird Euch schon zur rechten Zeit den rechten Mann schicken. Kommet in 'drei Tagen wieder und ich sage Euch, wie der Mann beschaffen sein soll, den Ihr zum Frankfurter Rabbiner wählen sollet. Nach drei Tagen kamen der Gemeindevorsteher und die Gelehrten wieder, Rabbi Juspa Hahn überreichte ihnen mit zitternder Hand ein Blatt, auf dem drei Fragen mit schwacher Hand aufgezeichnet waren. Wer diese drei Fragen auf dem Gebiete der Bibel, der beiden Talmude und der Halachasamm- Iung des Maimonides beantwortet, so sagte Rabbi Juspa, soll Rabbiner in Frankfurt werden. Bald darauf schloß Rabbi Juspa Hahn seine müden Augen für. immer. Tief und allgemein war die Trauer der Frankfurter um den verehrten und geliebten Rabbi. Nachdem die Trauerzeit vorüber war, traten die Gemeinderäte und die jüdischen Weisen Frankfurts zusammen, um zu beraten, wie der letzte Will« Rabbi Juspas erfüllt werde. Die Gemeinderäte, mit Zustimmung der jüdischen Weisen Frankfurts, beschlossen einstimmig, nur den zum Rabbiner zu wählen, der die drei Fragen Rabbi Juspas zur Zufriedenheit der Gelehrten Frankfurts beantworten kann. II. Eine Delegation von jüdischen Gelehrten Frankfurts, zu der drei Kaufleute zugezogen wurden, gewählt vom Vorstand der Gemeinde, war aus ersehen, den künftigen! Rabbiner zu wählen. In Deutschland wurde zunächst Ausschau gehalten, an allen talmudischen Hochschulen, die damals in so großer Zahl in Deutschland noch vorhanden, waren, legte man Gelehrten die drei Fragen Rabbi Juspas vor, doch keiner hat sich gefunden, der mit seiner Antwort die jüdischen Weisen Frankfurts befriedigt hätte. Die Männer, die atisgesan'dt waren», kamen nach Frankfurt zurück, sie haben den künftigen Rabbiner Frankfurts nicht gefunden. Wochen und Monate vergingen und aufs Neue wurden die Männer ausgesandt. Dieses Mal nach Litauen, das stets in dem Rufe stand, große jüdische Gelehrte zu besitzen. Aber auch aus Litauen kamen die Frankfurter Weisen unverrichte* ter Sache nach Hause. Wiederum traten der Vorstand und die jüdischen Gelehrten Frankfurts zusammen, um zu beraten, was aus dem Frankfurter Rabbinat werden solle. Inzwischen verbreitet sich in der ganzen Welt die Nachricht, daß Frankfurt einen Rabbiner suche, Dringende Einladungen kamen aus Ungarn und aus Polen. Noch einmal wollten die Frankfurter versuchen, irgendwo in der Welt den hünftigen Rabbiner Frankfurts zu finden. Wiederum sehr beschwerliche, Monate lang dauernde Reise nach Ungarn und nach Polen, In Ungarn wurden vergebens alle talmudischen Lehrstätten abgesucht, keiner hat sich gefunden, der die Frankfurter Weisen befriedigt hat. Nun gingen die Frankfurter nach Polen und gleich nach der berühmten Stadt Krakau, der Stadt Rabbi Mosche Isseries. In Krakau haben alle gelehrten Männer sich bemüht, den künftigen Frankfurter Rabbiner zu finden, vergebens, die Delegierten Frankfurts waren nicht zufrieden. Nun hieß es heimkehren, das Frankfurter Rabbinat verwaist zu lassen und die ganze heilige Sache G'tt zu überlassen. Ein Dajan der Krakauer Gemeinde riet indes dringend, doch noch einmal in Lemberg einen neuen Versuch zu wagen. Die Frankfurter ließen sich überreden und fuhren nach .Lemberg. Die Frank* furter Gast« wurden in Lemberg sehr herzlich he» grüßt, man riß sich förmlich um sie. Jeder wollte sie als Gäste bei sich sehen. Am ersten Sabbat ihrer Ankunft in Lemberg gab es iin Hause eines Vorstehers der Gemeinde eine Bris Mila, Die Gäste wurden gebeten, an dieser heiligen Handlung teilzunehmen., Die Frankfurter willigten um so lieber ein, als sie hörten, daß sehr viele Gelehrte dort anwesend sein wenden und der junge Sohn des Vorstehers einen halachischen Vorträg halten werde. Nach dem Mahle erhob sich ein 16jähriger Knabe und hielt einen halachischen Vortrag. Die Frankfurter Ihorchten mit gespanntem Interesse. Der Knabe begann seine sehr klaren Ausführungen, mit der ersten Frage Rabbi Juspas, beantwortete diese und ging gleich zur zweiten und dritten Frage über,. die er mit seltener Klarheit auseinandersetzte. Nach Schluß des Vortrages stürzten die Frankfurter Gäste auf den Kna* ben zu, küßten und umarmten ihn und waren vor Freude nicht zu. halten. Der Knabe war sehr verlegen und entschuldigte sich, daß das Vorgetragene nicht seine eigene geistige Leistung sei. Wer hat Dir das beigebracht, fragten die Frankfurter, außer sich vor Freude. Mein Lehrer, war die Antwort. Wo wohnt Dein Lehrer, war die Rückfrage. Er ist hier unter den Gästen. In einem Winkel saß ein bescheidenes,' schmales Männchen von etwa 30 Jahren. Das war Rabbi Josua ben Zwi Hirsch Falk, der spätere berühmte Verfasser des Pne Jehoschua. Mit aller Feierlichkeit wählten sie ihn zum Frankfurter Oberrabbiner. Rabbi Josua aber erklärte, er sei Kinderlehrer, er finde sein Glück und seine Zufriedenhext, G'ttes Lehre der Jugend zu übermitteln. Und in einer Ahnung, daß ihm in Frankfurt schwere geistige Kämpfe bevorstehen, sagte er, daß er keine Neigung habe, die Würde und die Bürde eines Rabbiners in einer Großstadt zu übernehmen. Die. Frankfurter waren verzweifelt, kehrten in ihr Quartier zurück, um die Rückreise vorzubereiten. Ein Mitglied der Delegation, ein gemütlicher Frankfurter, erzählte, um die Anderen in eine bessere Stimmung zu bringen, ein Erlebnis, das sein Vater vor 25 Jahren hatte: In Frankfurt war eine. Dajanstelle frei geworden. Wie die Frankfurter einmal sind, mußte auch für diese Stelle ein ganz Großer herbeigeschafft werden. Man suchte lange im Lande, der Geeignete war nicht co schnell zu finden. Da kamen Kaufleute aus Fulda zur Frankfurter Messe und erzählten, daß in ihrer Gemeinde, ein sehr großer Gelehrte in sehr kümmerliehen Verhältnissen lebe, der sich für diese Stelle sehr gut eignen würde. Eine Delegation von Frank* furter Gelehrten fuhr nach Fulda. Wo geht ein Frankfurter hin, wenn er nach einer Stadt kommt? Nach Schul. Und wer weiß am besten über die Ge* meindemitglieder Bescheid? Der Schamosch der Gemeinde. Die Frankfurter fragten den Schamosch über den und jenen. Der wortkarge Mann schien aber keine Neigung zu haben, über andere Leute zu sprechen, also fing man von gelehrten Dingen an, da sprudelte der Mann und geriet in Extase. Die Frankfurter fanden, daß sie hier ein Phänomen auf dem Gebiete des Talmuds entdeckt haben. Du bist Frankfurter Dajan, sagten die Delegierten zu dem Schamosch, aber der Schamosch erklärte, daß er glücklich sei, am Heiligtum G'ttes Dienst zu tun, zur Ehre G'ttes Lichter anzuzünden und den heiligen Raum auszufegen. Er wünsche nicht Dajan in einer Großstadt zu sein. Und der Mann blieb dabei, alles Zureden war vergebens; So ergeht es uns auch jetzt, schloß der Frankfurter. — Die Pferde wurden angespannt, um heimzukehren. Als die Frankfurter abgefahren waren, ereignete sich ein großes Unglück in dem Viertel, in dem Rabbi Josua Falk in Lemberg mit seiner jungen Frau wohnte. Durch eine Explosion wurde das ganze Viertel zerstört. Und wie Rabbi Josua Falk selbst in der Einleitung zum Pne Jehoschua Seder Noschim erzählt, hat das schreckliche Unglück 34 Menschenleben, zum größten Teile Juden, gefordert. Auch seine junge Frau war darunter. Rabbi Josua selbst war zwischen schwere Balken eingeklemmt und völlig verschüttet. Eine Rettung war kaum noch möglich. In dieser Not gelobte Rabbi Josua, wenn er am Leben bleibe, wolle er nach Frankfurt gehen, da es doch scheinbar der Wille G'ttes sei. Er wurde gerettet. Nachdem er sich von dem Todesschrecken erholt hatte, bat er, den Frankfurtern nachzureisen und sie zu ersuchen, nach Lern« berg zurückzukehren. Die Frankfurter wurden bald eingeholt, sie nahmen ihren Rabbiner mit xmd nach Wochen beschwerlicher Reise kamen sie wieder in Frankfurt an. Am ersten Sabbat nach ihrer Ankunft war ganz Frankfurt auf den Beinen, Stolz strahlte auf jedem Frankfurter Juden. Frankfurt hatte unter den Großen den Größten zum Rabbiner erhalten. Der Oberrabbiner, Rabbi Josua Falk, hatte es im Laufe der Jährzehnte in Frankfurt nicht leicht. Wie er mit seinem prophetischen Blick vorausgeschaut hatte, entstanden bald große Konflikte. Ein Zusammenstoß mit Rabbi Jonathan Eibenschütz, dem Oberrabbiner von Hamburg, Altona und Wandsbeck kam. Rabbi Jonathan ist wegen seiner Kmeios, Amuletten, in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.