Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1936)
- Date
- 1936-11-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 47 D e r I s r a e I i t 26.. November?1936 Aus der Agudas Jisroel-Bewegung, Berlin, 16. Nov. Die Reihe der Vorträge bei den Sinailehrgängen der Agudas Jisroel eröffnete Herr Dr. MaximiKan Landau mit dem Thema „S, R .Hirsch und unsere Zeit", Ein großer Zuhörer* kreis lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit den gutdurchdachten, in feiner Diktion vorgebrachten, geistreichen Worten des Redners. Jedes Zeitalter hat sich mit dem Ideenkreis der Neugestalter der Orthodoxie auseinanderzusetzen, ganz besonders aber ist dies eine Forderung für unsere Generation, die durch eigenes Erleben aus der Fassung gebracht, nach neuen Idealen und Grundprinzipien sucht. Gerade in den Kreisen der treuesten Anhänger, der Männer, .die dem Tauro-Derech Erez-Ideal, der Verbindung moderner Kulturwelt mit den alten, ewigen Forderungen der Tauro treue Gefolgschaft leisten, sieht man sich durch die Entwicklung der Dinge erschüttert, vor neue Tatsachen gestellt, so daß die Frage lautet: Gilt auch nach Verlust der Emanzipation, in einem Zeitalter, da die Umwelt sich uns verschließt, das Tauro=Derech-Erez-Ideal Hirsch'scher Prägung? Ist dieser deutschen Mischung gegenüber nicht die ostjüdische Einseitigkeit — etwa des alten Jesehiwo-Milieus mit der grundsätzlichen oder jedenfalls doch praktischen Ablehnung der nichtjüdigehen Kulturwelt, der Beschränkung auf alles Jüdische, vorzuziehen? Landau meint — nein. Denn das, was unter Hirsch'schem Ideal zu verstehen ist, ist nicht auf eine kurze Zeitspanne — etwa auf das deutsche Judentum im Emanzipations=Zeitalter — beschränkt, sondern stellt die Einleitung einer ganz neuen Epoche der jüdischen Geistesgeschichte dar. Nicht etwa nur aus Rücksicht auf 'die Zeityerhältnißise soll der Jude, auf jüdischem Boden fest verwurzelt, mit seinem Zeitalter zusammengehen. Der Derech Erez-Begriff ist vielmehr die weitgehende Forderung an den jüdischen Menschen, alle Erscheinungen des Lebens zu 'benutzen, um sie mit seinem Judesein zu ver- , schmelzen. Aehnlich wie auf dem Gebiete anderer geistigen Erscheinungen das Judesem zu einer Durchdringung der Welt mit dem sittlichen Ideengut der Tauro verpflichtet, SO ist auch die von S. R. Hirsch geschaffene Organ isationsform nicht zeitgebunden und mit ' Rücksicht etwa nur auf die Zufälligkeiten des Gemeindelebens gefordert, sondern bleibt Grandbedingung für die Verwirklichung der religiösen Ideale. Die Orthodoxie soll — in Variation eines bekannten Wortes von Staatspräsident Benesch — eine Festung sein, aber kein Gefängnis. Vor allem aber sei es m heutiger Zeit Pflicht der gesetzestreuen Judenheit, sich mitten ins Volksganze hineinzustellen und, bei aller Wahrung der geistigen Grenzen, &n allen Gesamtheitsaufgaben, an allen Problemen des Tages mit dem vollen Einsatz ihrer Kräfte mitzuwirken. Sie dürfe die im Volksleben "wirkenden Kräfte, die dort neu entstehenden Schöpfungen und Gestaltungen nicht ignorieren und ihre Formung nicht fremden Händen überlassen. Sich der Mitarbeit am Volks* ganzen zu versagen, hieße nicht nur das große Gebot des Arewus verletzen und den Mitbrüdern das ihnen .zustehende Recht des Belehrt- und Geführtwerdens vorenthalten, sondern bedeutete auch durch Fernhalten der neuen, im Grunde doch jüdischen Werte eine Verarmung und Verkümmerung der eigenen Gemeinschaft. Elternabend des Esra-P. A. J. in Leipzig. Um „seinen Eltern" und den Lehrern der jüdischen Schule einen Einblick in seine Arbeit zu verschaffen, hatte der Esra-P. A. J. Leipzig zu einem clternabend geladen, der am vergangenen Sonnabend im überfüllten Saale des Jugendheims stattfand. — Nach einigen einleitenden Chorliedern berichtete zunächst H. Biberfeld über die Arbeit des Bundes. Es gilt in einem viel kürzeren Zeitraum als früher, der Jugend eine feste jüdische Anschauung zu geben und sie gegenüber der Verflachung des Begriffes von der jüdischen Tat zu wirklicher Erfüllung der Mizwoth zu erziehen. Man kann erst dann in Wahrheit von einem bewußten Judentum sprechen, wenn es nicht beim Bewußtsein stehen bleibt,, sondern sich im praktischen Tun auswirkt. . Und nur dann hat eine jüdische Gemeinschaft die Garantie auf Bestand, wenn alle ihre Glieder sich der Forderung zum vollen Einsatz für die jüdische Idee, der Thora. unterwerfen, und entfaltet diese wiederum die ihr allein innewohnende Kraft der Bildung und Erhaltung eines Klall Jisrael. Die Kibbüzim des Noar ■ Agudati in Erez Jisrael haben die hohe Aufgabe, K'ris-tallisatiönszentren des Klall Jisrael, zu werden. Dem . Es.ra-P. A. J., der seine Chawerim und :Cha- .weroth zu festen. Gliedern' dieser Kibbüzim erziehen will, ,{st damit Weg' und' Ziel seiner-Arbeit gegeben. — Aus dem Bund führt der Weg in die . Jeschiw*,, das Beth Chinnuch oder die Mittleren-Hachschara des Noär Agudati. Letztere sind neuartige Schöpfungen des Noar Agudati, in denen neben den Fächern der Jeschiwa auch Iwrith, Gegenwartskunde, Englisch u. a. gelehrt wird bezw. handwerkliche Arbeit einen Teil" des Tages in Anspruch nimmt. In Frankfurt a. M. befinden sich drei solcher Bäte Chinnuch, von •insgesamt 130 Chawerim besucht, im Sommer wurds auch in Berlin eines eröffnet. Erst nach i—2jährigem Besuch eines derartigen Instituts kommen die Chawerim auf eine der Hachscharahstellen des Noar Agudati in Siegburg, Halberstadt, Frankfurt a. M., Enschede, Bex u. a. 0. Der Weg der Chaweroth führt über Mädchenseminar (Hamburg) oder Haushaltungsgemeinde (Wolfratshausen) in die Hachscharah. Ein Lichtbildstreifen zeigte dann die Chawerim und Chaweroth .des Esra-P. A. J. bei Arbeitsges meinschaften und Sichoth, beim Basteln, auf Fahrt, beim Spiel. Auch in die Werkstätten war die Kamera gegangen und hatte die „Hachscharisten'.' an Schraubstock, Hobelbank und Nähmaschine aufgenommen. Chöre begleiteten die Bilder, als Intermezzo traten die jüngsten Esräerinnen in einem kleinen Singspiel auf, und als der Filmstreifen unter starkem Beifall abgelaufen war, bat Rabb. Rogösnitzki um das Wort. In warmen, eindringlichen Worten richtete er an die Eltern den Appell, .die Arbeit des Esra-P. A. J., der in einer Zeit der Ziellosigkeit und Zersplitterung berufen sei, zur „Esrat Jisrael" zu werden, nach besten Kräften zu unterstützen. Aus Halberstadt. Die Frauengruppe der Agudas Jisroel hat die Tätigkeit in diesem Semester wieder aufgenommen. Die Reihe der Vorträge wurde von Frau Ida B a e r eröffnet, die vor einigen Tagen von einer Palästinareise zurückgekehrt ist. Die Vortragende hat in einem einstündigen Referate ein anschauliches Bild des dort Gesehenen gegeben. Besonders interessant war, was Frau Baer über die vielen Synagogen in Tel Awiw und über den G'ttesdienst an der a'wun ö'»1 berichtet hat. Die Agudajugend in Straßburg. Die Anwesenheit des Herrn Redakteur Schachn o witz, Frankfurt a. M., in Straßburg, benutzte die im Verein „ Jeschurun" organisierte Agudajugend und die Führer der Pirchim, unter Leitung des Herrn Salomon S p e i e r , um noch in später Abendstunde eine zwanglose Aussprache über die Probleme der Aguda zu arrangieren. Herr Schachnowitz erstattete der Jugend in gemütlicher Plauderstunde einen anschaulichen . Bericht über die Marienbader Tagung und die dort zur Verhandlung gekommenen Fragen, deren einige in ungezwungener Aussprache noch weiter geklärt werden konnten. Ei ntopfs ammlung Pfundspende; r Chanuckahopier Drei Forderungen — eine Erfüllung! Vermischtes, Berlin, 16. Nov. Eine Düsseldorfer Versicherungsgesellschaft kündigte einem ihrer nichtarischen Angestellten zum 30. Juni 1936 mit der .Begründung, daß er, der bereits über zehn Jahre in ihren Diensten gestanden und damit die Anwartschaft auf Ruhege* halt erworben hatte, infolge seiner nichtarischen Abstammung nicht ruhegehaltsberechtigt sei. Das Reichsarbeitsgericht hat die Kündigung für rechtsuhwirksam erklärt. Der Ruhegeldanspruch habe seinen' Rechtsgrund lediglich in dem Arbeitsverhältnis und stehe mit Fragen politischer Gleichberechtigung unter Deutschen in keinem Zusammenhang. Einer Kündigung aus wichtigem Grunde wegen der nichtarischen Abstammung des Klägers könne nicht zugestimmt werden. Di© Weiterbeschäftigung jüdischer Angestellter außerhalb des von der Gesetzgebung erfaßten Rahmens unterliege grundsätzlich keiner Beschränkung. Tatsächliche Gründe hätten dargelegt werden müssen, daß die jüdische Abkunft des Klägers den Fortbestand des Arbeitsverhältnisses der Beklagten nicht zumutbar ercheinen lasse. Solche Gründe sind 'aber nicht dargelegt worden. Berlin, 23. iNov. . Im Rahmen der „Sinäi"-Lehrgänge spricht Rabbiner Dr. Esra Münk über das Thema „Judentum und Umwelt" in der Aülä Siegmundshof 11 (am Bhf, Tiergarten)1. 1. Vortrag: „Gö-; lusschmach und Golusstolz" am Dienstag, den 1. Dezember, 20.45 Uhr; 2. Vortrag: am Dienstag, den 22. Dezember, 20.45 Uhr. — Gäste willkommen. — Eintritt frei. — Pünktlicher Beginn. Die Einladung ergeht von der Agudas Jisroel, Berlin, Büro: Berlin* Charlottenburg 4, Mommsenstr. 55, 1. Straßburg, 24. Nov. Auf Einladung des min» ovp- Vereins füllte am Sonntag abend ein überaus großes Auditorium den Saal des Chambr e . d es m e - tiers bis auf den letzten Platz, um einem Geschichtsvortrag des Herrn Redakteur S. S'chachn o w i t z , Frankfurt a. M., zu lauschen. Das Thema . hieß: „Das Marranentum und die Bildung der ersten sephardischen Gemeinden in Südfrankreich":. Redner schilderte in großangelegtem Vortrag anschaulich die Uebertritte zum Christentum im spanischen Judentum lange vor der Inquisition, die. in den 80er Jahren des 15- Jahrhunderts plötzlich hervorbrechende Viarfolgungswelle gegen die sogenannten -Conversos,', d.« erst jetzt mit dem Schimpfnamen „Marranen" belegt wurden, bis zum Austreibungsedikt vom 31. März 1492. Von den mannigfachen Leiden der Ausgewanderten ging Redner auf das Martyrium der zurückgebliebenen Marranen und die Auswahderungswellen im 16. und 17. Jahrhundert aüs Spanien und Portugal über, die zur Gründung der ersten Sephardimgemeinden in Holland und in Frankreich-führten. Speziell in S ü d f r a n k r e i c h fanden die Zugewanderten nicht nur Glaub ensigenossen, sondern zum Teile auch Brüder mit dem gewohnten spanischen Ritus. So in den Gemeinden Bordeaux, Nizza, La Rochelle, Bayonne und Montpellier, die in kurzer Zeit vollkommen sephardischen Charakter annahmen, den sie bis auf den heutigen Tag tragen, während die in kleiner Zahl nach Nordfrankreich gekommenen Flüchtlinge sich dort in die aschkenasischen Gemeinden einreihten. Redner wie« nach, daß der Begriff „Zorphät" sich auf Nordfrankreich und Süddeutschland erstreckte, woraus auch der zum großen Teile gemeinsame Minhag resultiert. Er suchte noch zum Schluß die Frage zu beantworten, warum das Marranentum eine „spa-, nische Spezialität" blieb und es in Frankreich und Deutschland trotz der noch schlimmeren Leiden zur Zeit der Kreuzzüge und während der Brunnenvergiftungslegende keine Marranen gab. Hier fiel den einfachen, an dem rationalistischen spänischen Denken nicht orientierten Juden die Wahl zwischen Tod und Taufe nicht schwer. Hier konnte, es nur .Märtyrer oder Renegaten, aber keine „Herzens* juden" mit christlicher Tarnung dazwischen geben. Der Vortragende versäumte bei dieser Gelegenheit nicht, zu sagen, was das französische Judentum dem heiligen Erbe seiner Großen, eine® Raschi und der Tossophisten und auch des Mannes, der" auf elsässischem Boden im Gefängnis seine Seele aushauchte, Rabbi Meir von Rothenburg, heute . schulde. Der Vortrag wurde sowohl in seinem geschiehtswissenschaftlichen wie aktuellen Teile vom vollen Hause mit größter Aufmerksamkeit angehört. 1 —n. Hamburg, 13. Nov. Am 7. November fand: die Generalversammlung des Vereins; zur Förderung r i t u eil er S p eis eh äü s er statt. Den; meisten Lesern dieses Blattes ist das. segensreiche Wirken dieses um die religiösen Belange des reisenden Paibli« kums so eifrig bemühten Vereins wohl bekannt. Es gehört besonders in unseren Tagen eine .unendliche Kraftentfaltung und weise Umsicht dazu, die best* mögliche Erfüllung seiner besonders ' wichtigen Zwecke und Ziele zu erreichen. , Der vorgelegte Bericht bezeugt erneut, mit welcher Hingabe und Sorgfalt, die Männer, die an seiner Spitze stehen, als echte und wahre, niSD vrrVtf den Obliegenheiten des Vereins sich hingeben und in unermüdlicher Tätigkeit auch unter erschwerten Verhältnissen seine Bestrebungen zu fördern wissen.Fast dreihundert Speisehättser ■ (Hotek und Restaurants, Privathäuser und akademische Mensen)' betreut z. B. der Verein, und sie alle geben die Möglichkeit, auch dort rituell zu leben> wo vor kurzer Zeit noch der fromme Jude vergeblich eine Gaststätte suchte. Da ist es klar, daß diese über weite Gebiete und Länder sich erstrekkenden Leistungen die Opferfreudigkeit der. weitesten Kreise bedingen. Wo jetzt durch Abwanderung viele Brücken entstehen, müßten diese durch gesteigerten'Opferwillen und vermehrten Gemeinsinn sich wieder schließen, und sollte auch der Appell, der an die Gebefreudigkeit echter jüdischer npnx hier ergeht, nicht klang* und erfolglos verhallen. Hier wäre denen, die etwa ihre Heimat verlassen und sich ihrer Verantwortung gegen die Zurückbleibenden voll be= .wüßt sind, eine gute Gelegenheit gegeben, dem um seine Fortexistenz ringenden Verein eine angemessene Spende zuzuführen und sich in seinen Annalen zu verewigen. Das wäre auch die schönste Anerkennung und Würdigung des Vereins und seiner verständnisvollen und umsichtigen Leitung und eine bleibende Tat* zum Segen der Gesamtheit wie im Dienste 'unserer heiligen Lehre. München, 16. Nov. Man schreibt uns: Als Denkmal der lebendigen Verbundenheit Erez Israels mit den Juden in Deutschland in den abgelaufenen Monaten des arabischen Streiks und Terrors beabsiefr tigt Herr Dr. M. Ehrenkranz, der Leiter der he bräischen Sprachschule in München, eine Reihe, charakteristischer, hebräisch geschriebener Briefe aus Palästina mit einer deutschen Uebersetzuhg; und einem Wörter-Verzeichnis im Umfange von 50—80 Druckseiten zu veröffentlichen. Er bittet; ihm geeignete Originale oder Abschriften zu diesem ZvJeck zu überlassen und ihm zu schicken. Nach Entnahme der einschlägigen Stellen, die ein allgemeirjes Interesse beanspruchen, also unter. Weglassung alle?' persönlichen und privaten Angelegenheiten, werden die Briefe\ an die Adressaten zurückgegeben;, . Ani besteh werden Angaben über die Person; des Brie schreibers und die Briefempfänger, sowie., bespnde. Wünsche über die Veröffentlichung der.;iSendunS beigefügt.. : •' ' •- ";.: ' •. .'•-„, ., u '