Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1936)
- Date
- 1936-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ww m****" i-'^WKi*;^^ Seite 2 Nr. 47 D e Israelit 26. November 1936 Die Versorgung mit Koscherfleisch. — Tagung der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten. Berlin, 17. November. Die Reichszentrale für Schachtangelegenheiten erörterte auf einer Informationstagung die Probleme der rituellen Fleischversorgung der jüdischen Bevölkerung und insbesondere der jüdischen Anstalten in Deutschland. Es waren zahlreiche Vertreter der der Reichszentrale angeschlossenen Organisationen sowie gemeindekonservative und orthodoxe Abgesandte der größeren Gemeinden im Reich erschienen. Das Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Adolf S c h o y e r, der den Vorsitz der Tagung führte, stellte in eingehenden Ausführungen die Bemühungen dar, die bisher von der Reichszentrale für die Versorgung mit Koscherfleisch unternommen worden sind und gab ein Bild der Schwierigkeiten, die dabei zu überwinden waren. Mit Unterstützung der Reichs Vertretung der Juden in Deutschland war es gelungen, eine Spende des American Joint Distribution Committee und des Council for German Jewry zu erhalten, um durch diese den Bezug von Frischfleisch aus Dänemark und, letztens, von Gefrierfleisch aus Südamerika zu ermöglichen und hierdurch eine Versorgung der rituell geführten Wohlfahrtsanstalten, insbesondere der Krankenhäuser und Heime, vorzunehmen. Für die nächsten Monate gehen alle Bemühungen der Reichszentrale dahin, im Rahmen der Gegebenheiten und unter den erforderlichen Einschränkungen und Opfern die rituelle Lebenshaltung auch der privaten Haushalte zu sichern. Der Redner wies hierbei auch auf die wichtige Möglichkeit hin, dem Fleisch gleichwertige Nahrungsmittel, vor allem Seefische, in erhöhtem Maße zu verwenden. Dr. Michael Münk gab in einem großen Referat einen Ueberblick über die Probleme, die für die rituelle Fleischversorgung durch den Fortfall der bis zum Frühjahr bestehenden Möglichkeit, Fleisch im Rahmen des deutsch-dänischen Kontingents zu beziehen, für die Juden entstanden sind, die auf eine streng koschere Lebenshaltung Wert legen. Es ist seit dieser Zeit notwendig geworden, neue Möglichkeiten aufzufinden), die innerhalb der Devisen- und Einfuhrbewirtschaftung gegeben werden, Es hat sich gezeigt, daß auf dem Wege zusätzlicher Kompensationsgeschäfte, d. h. durch Schaffung und Auffindung neuer Ausfuhrmöglichkeiten für Exporteure, Fleisch unter Verrechnung der entsprechenden Beträge eingeführt werden könne. Eine Anzahl solcher Projekte schweben. Es wird alles darauf ankommen, sie im die Wirklichkeit umzusetzen. Dr. Münk erläuterte die Art, in der bisher der Import und die Versorgung mit Gefrierfleisch vor sich gegangen ist. Er gab weiter Aufklärungen über die Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit in Deutschland hergestellten Pflanzenfetten, die als religionsgesetzlich einwandfrei befunden werden und über die Versorgung mit Geflügel und Konserven. In der Aussprache brachte die Versammlung zum Schluß der Reichszentrale ihre Anerkennung für die gemeinsam mit der Reichsvertretung durchgeführten Aktionen zum Ausdruck und richtete insbesondere an die Reichsvertretung den dringenden Appell, auch ihrerseits sich für die religiösen Belange weiterhin einzusetzen und die rituelle Fleischversorgung auf eine gesichertere und breitere Basis zu stellen. Die Eröffnung der „Forschungsabteilung Judenfrage". München, 22, November. In München wurde die Forschungsabteilung Juden frage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland eröffnet. Der wissenschaftliche Leiter der neuen Forschungsabteilung, der Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Karl Alexander von Müller, bezeichnete nach einem Bericht der „Frankfurter Zeitung" die Errichtung der neuen Abteilung als einen Akt der Revolution. Zum ersten Male nehme sich die Wissenschaft eines Gegenstandes an, den sie bisher nicht behandelt habe. Die Fragen, die dem Institut gestellt seien, griffen auch auf alle Gebiete und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Auf der ersten akademischen Tagung der „Forschungsabteilung Judenfrage" behandelte Prof. Dr. Kittel, Tübingen, in einem Vortrag die Entstehung des Judentums und der Judenfrage. Als Ausgangspunkte des Judentums bezeichnete er einmal die Bildung der jüdischen Diaspora in dem Jahrtausend nach d«r ersten Zerstörung Jerusalems und die damit gegebene Entwicklung des jüdischen Volkes. Daß dieses Volk trotzdem nicht eingeschmolzen und untergegangen ist, hänge zweitens mit der in dem gleichen Jahrtausend sich vollziehenden Ausbildung einer theokratisch gesetzlichen Grundhaltung zusammen, die mehr und mehr die Formen des kasuistischen Denkens annimmt und aus der heraus, im Talmud ausgestaltet, eine der stärksten Selbstabgrenzungen gegen die Umwelt sich vollziehe. Diese Abgrenzung komme drittens in einer Umsetzung des alten religiös-sittlichen Erwählungsgedankens in eine immer mehr sich steigernde Privilegierungsvorstellung eines allen Völkern der Welt gegenübergestellten G'ttesvolkes zum Ausdruck. In diesen drei geschichtlichen Grundelementen entstehe beständig die Judenfrage, die sich um so mehr verschärfe, je mehr der Versuch einer Assimilation die Berührungen und Reibungen mit den anderen Völkern vermehrt und je atheistischer und damit hemmungsloser jenes Machtdenken wird. Es sprach sodann Dozent Dr. Karl Georg Kuhn, Tübingen, über „die Entstehung des talmudischen Denkens". In einem Vortrag über den „Einbruch des jüdischen Geistes in das deutsche Staats- und Kirchenrecht" beschäftigte sich Prof. Dr. Johannes H e c k e 1, München, mit Friedrich Julius Stahl, der schon mit siebzehn Jahren zum Christentum übergetreten sei und seit 1840 in Berlin seinen politischen Hauptruhm durch ein Bündnis mit den preußischen Konservativen gegründet habe. Seine Rechts- und Staatenlehre auf der Grundlage der christlichen Weltanschauung sei durch und durch jüdisch. Einen Vortrag über „das jüdische Hehlerrecht" hielt Dr. Herbert Meyer, Göttingen. Im Gegensatze zum deutschen Rechtsempfinden entscheide das auf den Talmudkommentären beruhende jüdische Natiottalrecht, daß ein Hehler nur dann strafbar sei, wenn er um den Dieb(ßtahl gewußt hätte, andererseits aber die Sache behalten könne. Im weiteren Verlauf der Tagung charakterisierte Universitätsprofessor Dr. Franz Koch, Berlin, Jakob Wassermann, der für die Judenfrage dadurch zum typischen und symbolischen Fall werde, daß er in seinem Buch „Mein Weg als Deutscher und Jude", sowie an einer Reihe anderer autobiographischer und sonstiger Bekenntnisschriften sich an den Beginn eines neuen Vorganges gestellt sehe, in dem sich Deutschtum und Judentum, deutsche und orientalische Welt verbinden und miteinander verschmelzen. Dr. Wilhelm Stapel, Hamburg, behandelte das Thema: „Durch welche Mittel erreichte das Judentum seine literarische Vorherrschaft in Deutschland von 1919 bis 1933?" Die Einbruchsteile sei die Kritik gewesen, von hier aus sei der jüdische Geist vorgedrungen. Es sei auch eine Zweckverbindung .zwischen jüdischem Literatentuin und jüdischem Verlagsinteresse entstanden. Redner erwähnte insbesondere Emil L u dw i g und Lion F e u c h t w a n g e r , die mit Hilf e internationaler Verbindungen einen völlig unsubstanzierten Weltruf gewonnen hätten. Weil die Weltherrschaft des jüdischen Literatentums nicht auf Leistungen, sondern auf Kulturpolitik .gegründet gewesen sei, habe sie auch nur vom Politischen her gebrochen werden können, durch eine bewußt deutsche Kulturpolitik, (ITA.) Judenfeindliche Krawalle an der Warschauer Universität. Warschau, 26, November. Die Spannung, die schon seit langenf an den polnischen Universitäten herrscht, kam nun mit einer nicht zu übertreffenden Heftigkeit zur Entladung. Seit Dienstag halten Studenten die Universitätsräume belagert. Wie in Lemberg, Krakau und Wi Ina, so verlangen auch die Studenten in Warschau die sogenannten „Judenbänke", d. h., daß die jüdischen Hörer und Hörerinnen eigene Bänke einnehmen. Die Universitätsverwaltungen wie die zuständigen Regierungsstellen haben bis jetzt diese Wünsche abgelehnt. Als aber in W i 1 n a dieser Tage der Rektor, um anderen Ansprüchen der "Studentenschaft, wie etwa der Reduzierung der Einschreibegebühren, aus dem Wege zu gehen, im Judenpunkte einige Versprechungen machte, gab dieser „Wilnaer Erfolg" den Warschauer Studenten neuen Ansporn, ihre Forderungen durchzusetzen. Am Dienstag Abend wurde die Schließung der Universität verfüg£ Trotzdem gleicht das ganze Stadtviertel um die Universität herum einem Kriegslager, wo Polizei und Studenten in voller Bereitschaft sich gegenüberstehen. Die Unruhen übertrugen sich auch. auf die Technische Hochschule, die < ' ebenfalls ihre Pforten schließen mußte. Die Unruhen hielten am Mittwoch und Donnerstag früh in verstärktem Maße an. Es wird weiter berichtet, daß infolge der unaufhörlichen Kundgebungen und Zwischenfälle der letzten Zeit sich ein starker Rückgang der jüdischen Studentenschaft in Polen bemerkbar macht. Seit 1965 ist die Zahl der jüdischen Studenten in Warschau, wie an allen anderen polnischen Universitäten, mehr als um die Hälfte gesunken. Die Juristische F a k li 11 ä t in Warschau, die im vergangenen Jahre von 200 Studenten besucht wurde, zählt heute nur noch 40 jüdische Hörer. Erschwerungen der Einwanderung nach Südamerika. Berlin, 24. November. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland teilt u. a. mit: Im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Spanien sind in letzter Zeit dn mehreren überseeischen Ländern gewisse Erschwerungen der Einwanderung eingeführt worden. Hierbei han^- delt es sich vor allem, um B r a s i 1 i e n , A r p gentinien und Paraguay. I Alles für die Dame stets aktuell und preiswert STEIN WEG 9