Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1936)
- Date
- 1936-11-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 45 D e r Israelit 12. (November 1936 höchstes Lebenswerk erachten, die heiligen Bücher •der israelitischen Religion gründlich zu studieren. Die Aufsicht übt der Rabbiner aus, der ganz unentgeltlich den Unterrieht erteilt und -dessen Wissen durch Rab« binatsautorisation wie auch durch die öffentliche Meinung bestätigt wird. Für den Lebensunterhalt der Bachurim sorgen die Eltern und, insofern es sich um mittellose Jünglinge handelt, erhalten sie ihre Beköstigung an der Mensa der Jeschiwo, welche durch die orthodoxe israelitische Gemeinde erhalten wird. Uebrigens hat die Behörde einwandfrei festgestellt, daß die in den Jeschiwoth studierenden Jünglinge fromme, die Gesetze des Vaterlandes ehrende, von jeder extremen Richtung weit sich fernhaltende Menschen sind, aus denen treue Staatsbürger heranwachsen. Revolutionäre Ideen stehen im Gegensatz zu ihrer Religion, und auch auf Grund der statistischen Daten wurde festgestellt, daß unter den kommunistisehen Elementen des Jahres 1918/19 sich kein einziger Jude mit Peijot befand. Die neologe Pester Israelitische Kultusgemeinde und die Chewra Kadischa faßten den Beschluß, das Gedächtnis der zehntausend jüdischen Gefallenen des Weltkrieges in Ungarn mit einem Ehrenmal zu verewigen. - Rumänien. Cuzistenkundgebung in Bukarest ruhig verlaufen, Bukarest, 8, Nov. Die am Sonntag, den 8. November, in Bukarest abgehaltene Massenkundgebung der Vereinigten Christlichnationalen Partei, bei der der frühere Innenminister Octavian Goga über Probleme der Innern und Außenpolitik Rumäniens sprach, ist dank den umfassenden Sicherungsvorkehrungen der Behörden ohne Zwischenfall verlaufen. Die hauptsächlich von Juden bewohnten Stadtviertel, auf die Ueberfälle befürchtet worden waren, standen unter starker Bewachung von Polizei und Gendarmerie. Italien. Vorstoß gegen die Gleichberechtigung der jüdischen Religion in Italien? Rom, 2. Nov. Der Unterrichtsminister Devecchi hat das Ersuchen des Verbandes jüdischer Gemeinden Italiens, auf eigene Kosten Textbücher für jüdische Schulen herzustellen, aus denen die in den Lehr- und Lesebüchern der Staatsschulen enthaltenen katholisch-religiösen Hinweise entfernt sind, abschlägig beschieden. Seit Beginn des faschistischen Regimes wurden solche Gesuche jederzeit anstandslos bewilligt. Der abschlägige Bescheid in diesem Jahr wird von den italienischen Juden als eine Durchbrechung des Prinzips der religiösen Gleichheit angesehen. Ueber den Entscheid des Unterrichtsministers herrscht in den jüdischen Gemeinden Bestürzung. Es wird eine Petition der Führer des Verbandes der jüdischen Gemeinden gemeinsam mit den Rabbinern an den Regierungschef Mussolini erwogen.-- Polen. Die antisemitische Unruhe in Polen. Warschau, 6. Nov. An der Warschauer Universität kam es erneut zu Angriffen auf jüdische Studierende, als diese sich weigerten, „Ghetto-Bänke" zu besetzen. Die Juden wurden aus den Hörsälen hinausgeworfen, acht von ihnen wurden erheblich verletzt. Der Zustand des verletzten Hersch Wahl ist besorgniserregend. Auch an der Universität Wilna kam es zu schweren Angriffen auf die jüdischen Studenten. In C z y z e w bei Lomza kam es zu pogromartigen Ausschreitungen. Zahlreiche jüdische Geschäfte wurden demoliert, viele Juden wurden mißhandelt. In Padromza bei Lemberg wurden in allen jüdischen Häusern die Fenster eingeschlagen. In Zambrow erneuerten sich die antijüdischen Ausschreitungen. Mehrere Geschäfte wurden demoliert, die Waren wurden geraubt. Die jüdische Bevölkerung leidet Not. Die schweren Terrorakte gegen jüdische Familien in den Dörfern Ostgaliziens nehmen kein Ende. In Tatarow wurde ein Polizist, der eine Überfallene jüdische Familie schützen wollte, von den Bandliten niedergeschossen. England. Palästinaaussprache im englischen Unterhaus. London, 5. Nov. Am 3. November kam es im Unterhause wie der zu einer Palästinadebatte, die von einem ganzen Fragebogen des Abgeordneten Wedgewood ausgelöst wurde. Der Kolonienminister O r m s b y-G o r e erklärte auf Anfragen, daß die Entwaffnung der Araber zur Zeit ernstlich erwogen werde. Ueber die Entschädigungen an die Opfer könne er noch keine Mitteilungen machen. Ueber 'die Zahl der gerichtlich geahndeten Terrorakte an Juden müsse der Minister noch einmal vom High Commissioner Auskunft einholen. Wedgewood rollte dann noch einmal die Frage der Geldquellen für den Aufruhr auf. Der Mi nister sprach die Ueberzeugung aus, daß die Pa läsfcinaregierung alle Anstrengungen machen werde, um diese Geldquellen zu erforschen. Der von dem Abgeordneten gewünschte Treueid aller Palästinabe amten auf die Verfassung würde der Gepflogenheit der englischen Kolonien widersprechen. Ferner sagte der Minister in Beantwortung einer Frage des Abgeordneten, daß eine Verhängung des Kriegszustandes in Palästina weder notwen dig noch wünschenswert war. Eine Boykottbew e g u n g , die in Palästina den Streik abgelöst hat, gibt der Minister zu, er habe aber keine Beweise dafür, daß dieser Boykott vom Großmufti befohlen sei. Eine weitere Erörterung über die Stellung des Großmufti und sein Beamtenverhältnis lehnt der Minister ab. Was die Königliche Kommission betrifft, so werde es ihr freistehen, jede von ihr gewünschte Bekundung entgegenzunehmen. Die Regierung werde in ihre Untersuchungsmethoden nicht eingreifen. Schließlich erklärte der Kolonienmmister, er halte es nicht für nützlich, detaillierte Informationen über die ziemlich komplizierten Regelunigen für den Kapitaltransfer aus Deutschland nach Palästina einzuholen, da er überzeugt sei, daß unter den in Palästina gegenwärtig herrschenden Verhältnissen eine Herabsetzung des von Einwanderern verlangten Mindestkapitals wirtschaftlich nicht gerechtfertigt werden könnte. Auf eine Anfrage Wedgewood* erfolgte folgende schriftliche Antwort der Regierung: Es ist an keinen arabischen Herrscher von der Regierung S. Majestät oder von dem High Commissioner für Palästina ein Ersuchen um Beistand oder Rat betreffend Palästina gerichtet worden. Gewisse arabische Herrscher haben jedoch auf diplomatischem Wege der Regierung S. Majestät auf eigenen Antrieb ihre Bereitschaft mitgeteilt, im Interesse des Frieden® ihren Einfluß auf die Araber Palästinas geltend zu machen; auf Anfragen über die Haftung S. M. Regierung in dieser Sache wurde ihnen mitgeteilt, daß die Regierung S. Majestät keinen Einwand dagegen erheben würde, daß die arabischen Herrscher an die Araber Palästinas einen Aufruf zur Beendigung des Streiks und .cfaV Gewaltaktion richten, vorausgesetzt, daß dieser Aufruf an keinerlei Bedingungen gebunden ist. Es wurden von der Regierung S. Majestät keine Zusagen oder Versprechungen gemacht und es wurde den betreffenden Herrschern klargelegt, daß die Regierung S. Majestät nicht bereit ist, irgend eine Verpflichtung einzugehen. Mit Rücksicht auf diese Aufklärung erübrigt sich die Beantwortung aller weiteren Teile der Frage. Gefallenengedenkfeier der jüdischen Kriegsteilnehmer in London. London, 8. Nov. Tausende jüdische Kriegsteilnehmer defilierten am 8. November anläßlich der Gefallenengedenkfeier der jüdischen Frontsoldaten auf dem Horse Guards' Paradefeld in London vor Feldmarschall Lord Milne. Der von Oberrabbiner Dr. Hertz und dem obersten jüdischen Feldkaplan Gollop geleitete Feldg'ttesdienst wurde vom englischen Rundfunk übertragen. Die Hymne Adon Oläm wurde von einer Musikkapelle des schottischen Garderegiments gespielt. Ein Blu* mengewinde aus Mohnblüten in Form eines Mögen Dowid wurde von zwei jüdischen Inhabern de« Vic-; toriakreuze©, Leonard Käyser und Jack White, am Grabmal des unbekannten Soldaten niedergelegt. Am Abend sprachen Feldmarschäll Millne, der Präsident des Board of Deputies, Hauptmann Neville Laski, und andere Redner bei dem Kameradsebaftstreffen in der Albert Hall. Palästina. Allerlei aus Palästina. Hebung des Arbeitsmarktes. — Oberrabbinerwahl. — Ein teurer Streik, — Ein Hetzer geht und Kommunisten Scheiden aus. — Um den Bürgermeister von Tel Awiw. — Symptome der Beruhigung. Jerusalem, 9. Nov. Einzelne Terrorakte sind immer noch zu verzeichnen. Aber das Geschäftsleben nimmt seinen regulären Fortgang. Die Ausfuhr der Citrusfrüchte beginnt und es wird mit Genugtuung vernommen, daß die polnische Regierung die Genehmigung zur Einfuhr von 4500 Tonnen Citrusfrüchte aus Palästina erteilt hat. Auch sonst kann auf allen Gebieten eine Belebung des Arbeitsmarktes konstatiert werden. Die Rabbinerwahl in Jerusalem kam nach Beendigung der Streikunruhen wieder in ein akutes Stadium. Die Wahl des Oberrabbiners für Palästina ist nun endgültig für den 1. Dezember d. J. festgesetzt. Als Kandidaten gelten der bisherige Leiter der Jeschiwa Rabbi Kuks, Rabbi Moses Char- 1 a p , und der Oberrabbiner von Irland, Dr. Herzog. Aus offiziellen Bekanntmachtingen ergabt sich, daß im Zeitraum von April bis August, also im halben Jahre der Unruhen, für den Unterhalt der Polizei 272 000 Pfund und für die vermehrten Bedürfnisse der Gefangenenverwaltung 133 000 Pfund verausgabt wurden. Dazu kommen die eminenten Kosten für die Unterhaltung der Truppen, die noch nicht genannt sind. Unter dieser Belastung wird die Bevölkerung Palästinas, Araber wie Juden, noch lange zu leiden haben. Nun scheint doch der syrische Hetzer F a u z i B y el Kaukadiy endlich Palästina verlassen zu has ben. Er ist, wie gemeldet wird, mit hundert Anhän* gern auf dem Wege nach dem Irak in Amman, der Hauptstadt Transjordaniens, eingetroffen. Die Generalversammlung des Verbandes der Studenten an der Hebräischen Universität beschloß; Studenten mit kommunistischer Gesinnung aus dem Verbände auszuschließen. Die Lösung der Bürgermeisterkrise in Tel Awiw befriedigt, wie erwartet werden mußte, nicht alle Teile. Die Arbeiterfraktion erklärt die Maßnahme des High Commissioners zu Gunsten Israel Rokachs als eine Vergewaltigung der Autonomie der Tel Awiwer Stadtverwaltung. Sollte die Regierung ihren Beschluß nicht zurücknehmen, SO sagt die Histadruth Rokach so lange-den Kampf an, bis er von selber von seinem Amte zurücktritt. Demgegenüber fordert das bürgerliche Zentrum alle Fraktionen im Stadtrat zur freundlichen Mitarbeit unter der Führung des neuen Bürgermeisters auf. Die Maßnahme des High Commissioners, heißt es in der Erklärung, komme in allen Teilen den Interessen der Selbstverwaltung Tel Awiw entgegen. Das Aufflammen des inneren Haders mag mit als Symptom für die Beruhigung der äußeren Lage gelten. Die englischen Kriegsschiffe, die mehrere Monate vor Palästina ankerten, haben am 4. November den Hafen von Haifa verlassen. Kleinere Ueberfälle auf jüdische Arbeiter, bei denen es zuweilen zu schweren Verletzungen kommt (so ist dieser Tage im Kran* kenhause zu Petach Tikwah der von arabischen Ter* roristen verwundete jüdische Arbeiter Jizchak Käse h e r gestorben)! fallen jetzt für die Behörden nicht schwerer ins Gewicht als sonstige .Kriminalfälle. Die jüdischen Mitglieder des Polizei-Musikkorps in Palästina, die bald nach dem Ausbruch der Unruhen zum Wachdienst in die Altstadt von Jerusalem abkommandiert waren, haben nunmehr ihren früheren Dienst wieder aufgenommen. Den Wachdienst in der Altstadt übernahmn anstelle der Musiker 20 jüdische, englische und arabische Polizisten.! Der Hafen von Tel Awiw hatte auch schon seinen S t re i k. Er konnte jedoch bald durch die Schiedskommission deT Stadtverwaltung beigeleg* werden. ' .