Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1936)
- Date
- 1936-11-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 45 Der .Israelit 12. November 1936 KEREN HATORAH ist der Treuhänder des jüdischen Volkes für die Erhaltung seines nationalen Gutes vom Sinai. Helfet dem KEREN HATORAH! Keren Hatorah, Hamburg, Heinrich Ba rthstraß e 2 1, Postscheckkonto: Hamburg 24753 Babel-Irak* „An den Strömen Babels saßen wir und weinten . . ." Das frühere Babel, heute Irak genannt, befindet sich in der Tiefebene von Mesopotamien, dem Zweiströmenland, das in der Bibel Aram Nahara* j i m genannt wird. Es ist die Wiege des jüdischen Volkes, denn von hier trat Vater Abraham seine Wanderung in die Geschichte an .Hier fanden die ersten Vertriebenen von Jerusalem ihren vorübergehenden Wohnsitz und hier ist später das gewaltigste jüdische Werk, der Talmud, entstanden. Von Babel kam auch H i 11 e 1 nach Palästina, um dort den Thron der Thora wieder aufzurichten. In diesem Lande blühten bis tief ins zehnte Jahrhundert hinein die Jeschiwoth, regierten die Patriarchen und lehrten die Gaonim, Babylonien zählte früher zu den reichsten Ländern der Erde, war die Kornkammer des vorderen Orients. An den Ufern des Euphrat so sagte man, befand sich der Garten Eden, M o s s u 1 heißt heute das frühere N i n i v e h , von dem uns im Buche Jona überliefert wird, daß es eine Millionenstadt in höchster Blüte war. Heute zeugen nur Ruinen in der Stadt von der alten Pracht, nicht minder aber dienen als lebendige Denkmäler .die dortigen Juden in ihrer besonderen Wesensart. Das Leben erwacht in der Stadt erst jetzt mit den neuerrichteten Oelleitungen. In Mossul befindet sich eine unterirdische Synagoge, in der heute noch gebetet wird. In dieser Höhle, so erzählen die babylonischen Juden, pflegte früher von Zeit zu Zeit der Prophet Elija h u beim Gebete zu erscheinen. Bagdag, die Hauptstadt, befindet sich nur ein paar hundert Kilometer von Mossul entfernt. Bagdad hat eine alte Judengeschichte. Es> hat dort schon zur Zeit des zweiten Tempels eine jüdische Kolonie ge geben. Die alten Bagdader Juden halten sich für Nachkommen der ersten Exulanten nach der Zerstö* rung des ersten Tempels durch Nebukadnezar, die die Ali) ah unter Esra nicht mitgemacht haben. Im Talmud Traktat Berachoth 54 wird ein Amora mit Namen R a w Huna aus Bagdad genannt. In der Zeit der Gaonim hatte der Patriarch, genannt Resch Galuta, in Bagdad seine Residenz. Die jpns cnp'-Gebete sind noch alte Dokumente aus der Glanzzeit in Babylonien und der Hauptstadt Bagdad, Die jüdischen Reisenden des Mittelalters, u. i. Benjamin von Tudela, sprechen von der alten großen jüdischen Gemeinde in Bagdad mit größter Achtung. In der Nähe von Bagdad, auf dem Wege nach Basara, befindet sich, eingebettet in einen Palmenwald, eine Höhle, die von den Einwohnern als die Grabstätte von, Esra Hassofer bezeichnet wird. Andere Grabmäler in der Nähe von Bagdad werden als die Ruhestätten von Daniel, den Propheten Jecheskdel und Zephanja und dem Hohepriester Joschua Sohn Jehozadak bezeichnet. Der Niedergang des babylonischen Judentums begann im 11. Jahrhundert und setzte sich im 12, Jahrhundert fort, und zwar durch die Verfolgungen, die nach jahrhundertelangem friedlichem Beisammensein zwischen Juden und Islamiten plötzlich ausbrachen. Nach Ermordung des letzten Patriarchen £e* gen Ende des 12. Jahrhunderts wurde das Amt abgeschafft. Heute zählt das ganze Königreich Irak nicht mehr als drei Millionen Menschen und darunter über 100 000 Juden, In Bagdad allein leben 80 000 jüdische Seelen, Sie sind vornehmlich Kaufleute, und es gab Zeiten, in denen der ganze Handel in ihren Händen lag. Die Namen der Großindustriellen S a s s o n und K a d u r i, die sich zugleich als große Philanthropen betätigten, sind in aller Welt bekannt. Den einzelnen Magnaten steht aber eine große proletarische Masse gegenüber, die zur Zeit auch noch sehr schwer unter den politischen Verfolgungen zu leiden hat.. Die Bewohner des Irak bilden ein Völkergemisch von Arabern, Kurden und Türken. Die Araber, die den größten Teil der .Bevölkerung ausmachen, wie die Kurden führen ein ganz primitives Leben, und die Arabisierung der jüdischen Massen in Sprache, Kleidung und Lebensart äst so groß, daß der Fremde kaum noch den Juden vom Araber unterscheiden kann. Zur Regierungszeit des Königs F e i s a 1 hatten die Juden politisch nicht zu klagen, sie spielten sogar eine ganz bedeutende Rolle im Staatsleben. Jecheskiel Sasson starb vor einigen Jahren in Paris als Finanzminister des Königs Feisal. Auch im Innenministerium und anderen Departements saßen Juden an führender Stelle, Nach dem Tode Feisals und mit der Thronbesteigung seines Sohnes C h a z i trat sofort eine Verschlechterung ein, und die Lage verschärfte sich noch zusehends, als Irak selbständig und Mitglied des Völkerbundes wurde. Die Assyrermetzeleien, die fast unmittelbar der Selbständigmachung folgten, sind noch in aller Erinnerung. Nach „Liquidation der Assyrerfrage" begann die Hetze gegen Juden, in deren Dienste sich die irakische Presse mit Feuereifer stellte. Von den Regierungsbehörden wurde jede Palästinaarbeit, auch die jüdische Auswanderung nach Palästina, streng verboten. Hebräische Bücher und Zeitungen dürfen weder gedruckt noch eingeführt werden. Nach Ausbruch der blutigen Unruhen in Palästina gelangte früher als alle arabischen Länder, das irakische Land in die Haßwelle, Juden wurden gezwungen, in öffentlichn Erklärungen alle Sympathien mit Palästina abzuschwören. Hilfsaktionen für die Brüder in Erez Israel durften nicht stattfinden, dagegen wurden Juden gewaltsam große Summen für die Hilfsaktion für die Palästina=Araber abgenommen. Und zuletzt nun die U eberfälle und Mordtaten. Daß es ein Jude war, Jecheskiel Sasson, welcher iti Genf die Interessen des Irak vertreten und seine Selbständigkeit bewirkt hat, ist im Irak längst vergessen, (Siehe Woehenrundsch.au.) Die Lage in Kurdistan. Ueber die Lage der Juden in der dem Irakstaat einverleibten Provinz Kurdistan im Norden Iraks bringt uns der bekannte Forscher Dr. Walter Fischel (ein Frankfurter), der den vorderen Orient vor kurzem bereiste, folgende Berichte: Während in Syrien etwa 30,000 Juden leben, gibt es im Irak mit Kurdistan 115,000, im Iran (Persien} 60.000, in Afghanistan 6000 Juden. Die Juden in Syrien, im südlichen Mesopotamien (Irak) und einigen anderen Teilen des Irak, sprechen einen jüdisch-arabischen Dialekt, d. h, ein besonders stilisiertes Arabisch mit vielen hebräischen Ausdrücken, die Juden im nördlichen Mesopotamien (Kurdistan)1 aramäisch, die Juden in Persien und Afghanistan ein mit hebräischen Elementen durchsetztes Persisch. Dr. Fischel reiste im Frühjahr 1936 von Jerusalem nach Damaskus, über die Oase Rutba nach Bagdad, von dort ins kurdistanische Bergland nach Persien und über Hamadan und Teheran bis nach MeschhejJ an der persisch-afghanischen Grenze. In der Nähe von Teheran besuchte er einen alten jüdischen Friedhof, von dem die Sage geht, daß er unterirdisch mit Jerusalem verbunden sei, in Hamadan die angeblichen Gräber von Mordechai und 'Esther, bei Isphahan das vermeintliche Grab von Serach bath Ascher, der Enkelin Jaakobs; auf irakischem Gebiet die Gräber von Jacheskel, Esra, Nachum und Jona, Kurdistan ist eine äußerst reizvolle Gebirgsgegend, wasserreich und fruchtbar. Die indogermanischen Kurden gehören meist dem mohammedanischen Glauben an. Jüdische Gemeinden gibt es in Mossul, Kirkuk, Erbil und einigen anderen Städten. Als Dr. Fischel in das abgelegene Dorf Schaklawa kam, erfuhr er zum ersten Male Näheres von der Existenz der kurdischen G e b i r g s j u d e n. Eine beträchtliche Zahl von Männern und Frauen, kräftige große Gstalten untr ihnen, war zu gmeinsamer Totenklage auf dem Hauptplatz des Dorfes versammelt. Es waren Juden, die um einen bei einem Autounfall getöteten Juden trauerten. Fast in jedem Dorfe gibt es solche Juden, die ohne jeden Zusammenhang mit größeren Judengemeinden leben, sozial ziemlich tief Stehen, aber stolz darauf sind, „Nachkommen der nach Assyrien verbannten zehn Stämme Israels" zusei«. Sie halten die religiöse Tradition hoch. Auf der Suche nach alten jüdischen Handschriften in Kurdistan fand Dr. Fischel vor allem Manuskripte kabbalistischen Inhalts und Traumdeutungsbücher. In den Städten aber fand er zahlreiche Dokumente in hebräischen Lettern geschriebener jüdisch=persischer Literatur. Die Übersetzung des Babylonischen Talmud vollendet Während von dem viel weniger umfangreichen „Jerusalemischen Talmud" („Talmud JerUSChalmi") eine vollständige französische Uebersetzung erschienen ist, war der „ ß a b y 1 o n i s c h e Talmud" bisher noch nicht zur Gänze in eine andere Sprache übertragen worden. Im 19. Jahrhundert wurde mehrfach versucht, dieses dem Namen nach zwar allen bekannte, aber nur von sehr wenigen wirklich gekannte Fundamentalwerk der jüdischen Religion zu übersetzen. Alle diese Versuche sind jedoch an dem ungeheuren Umfang und den Schwierigkeiten der Materie gescheitert. Bereits Zar Alexander I, von Rußland (1777—1825) hatte einen Preis von hunderttausend Rubeln, eine für die damalige Zeit sehr große Summe, für die Fertigstellung einer französischen Uebersetzung des Babylonischen Talmud ausgesetzt. Von dieser Uebersetzung ist jedoch nur der erste Traktat erschienen. Um 1840 wandte sich der Berliner jüdische Gelehrte Ephraim Moses Pinner an den Nachfolger Alexander L, den Kaiser Nikolaus I., mit der Anfrage, ob der Preis auch für eine deutsche Uebersetzung des Talmud ge zahlt werde. Dies wurde ihm bestätigt, doch auch Pinner kam nicht über den ersten Traktat („Berachoth") hinaus. Ebenso blieben 'die Versuche, die von S amt er und R a wi c z , sowie im Auftrage der französischen Akademie der Wissenschaften von dem bekannten Gelehrten Leon Hollaenderski unternommen wurden, erfolglos beizw. gelangten nicht über die Uebersetzung der ersten Traktate hinaus. 1896 begann Lazarus G o 1 d s c h m i d t in Berlin mit der vollständigen deutschen Uebertragung des Babylonischen Talmud. Trotz aller sachlichen und persönlichen Schwierigkeiten und der Zeitverhältnisse hat Lazarus Goldschmidt seine Riesenaufgabe jedoch in vierzigjähriger Arbeit ohne fremde Hilfe zu Ende geführt, so daß .er im Jahre 1936 das Werk abschließen konnte. Die erste Uebertragung des Babylonischen Talmud in eine andere Sprache ist nunmehr vollendet. Im Jüdischen Verlag, Ber 1 i n, ist die wohlfeile Ausgabe der deutschen Talmud-Ausgabe von Goldschmidt in zwölf Bänden er* schienen. Der letzte Band dieser Ausgabe, enthaltend die Traktate „Temura", „Kerethoth", ,/Meiila", „Tamid", „Middoth", „Qinnim", „Nidda" und die Mischna „Taharuth" ist soeben erschienen und damit wurde die deutsche Talmud-Uebertragung, einschließlich der Uebersetzung der Mischna, vollständig. Unsere Bedenken gegen die Uebersetzung bei aller Anerkennung für die Riesenaufgabe haben wir bei früherer Gelegenheit ausgesprochen. Diese Riesenauf* gäbe ist mit zwölf hervorragend ausgestatteten Bänden gelöst, die rund zehntausend Seiten enthalten. Demgegenüber ist der Preisi für das Gesamtwerk (M. 216.— für die Ausgabe in Ganzleinen und M. 252.— für die Halblederausgabe) als gering zu bezeichnen. Die Ausstellung „Unsere Ahnen" im Berliner jüdischen Museum. Das Jüdische Museum in Berlin veranstaltete in Verbindung mit der Gesellschaft für jüdische Familienforschung und dem Gesamtarchiv der Juden in Deutschland eine Ausstellung „Unsere Ahnen", die am Sonntag, den 8. November, um 11 Uhr eröffnet wurde. Ansprachen hielten Direktor Heinrich Stahl, der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, und Dr. Arthur Czellitzer, der Vorsitzende der Gesellschaft für jüdische Familienforschung. Die Ausstellung ist für das Publikum vom 9. November ab täglich außer Sonnabend von 10—14 Uhr geöffnet." „Eine Mutter erzählt die Bibel/' Zum Kinderbuch von Alice Oppenheimer. Verlag des Israelit u. Hermon, Frankfurt a. M- Das vorliegende, kleine Bändchen erzählt die Geschichte des zweiten Buches Mosis in einer dem kindlichen Fassungsvermögen angepaßten Form. Die Geschichte des Lebens und der Sendung Moses, der Befreiung und Wanderung des Volke© durch die Wüste und der Gesetzgebung am Sinai ist, mit einfachen Worten, so dargestellt, daß das Eingreifen G'ttes in die Geschichte dem jungen Leser klar vor Augen gestellt wird, und er ahnt, daß es sich hier nicht um die Geschichte irgend eines Volkes handelt, das seine Helden und Kriege hat wie jedes andere Volk, sondern um die Geschichte des jüdischen G'ttesvolkes. Das Hervortreten dieser Art von Betrachtung möchte man gerne in allen Bearbeitungen des biblischen Textes für die Jugend sehen. — Dadurch, idaß die Erzählerin ihre kleinen Hörer durch Fragen in den Lauf der Erzählung einschaltet, ist es ihr möglich, manchen Begriff, wie etwa den des Wunders, zu erklären, ohne die Darstellung .dadurch zu lehrhaft ZU gestalten, Besonders gelungen ist die Wiedergabe und Erläuterung der 10 Gebote, in Aet ein Gebot sich, den Kindern verständlich, aus dem anderen ergibt. Susi Oppenheimer. Briefkasten. Max Hirschmann. Wir bitten um genaue Adrsssenangabe. M, T. in W. Wir nehmen gern zur Kenntnis, daß Ihr Name mit T. geschrieben wird. Den Namen des Einsenders können wir Ihnen, nicht nennen.