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Der Israelit · 1936-11-12 · Heft 45 (12.11.1936) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 45 (12.11.1936)
Date
1936-11-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 45 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Eine Judenkirche wurde gebaut, hier in Heikenbrunn? Das fehlte noch, daß die Vernachlässigung der kirchlichen Angelegenheiten derartiges zeitigten. Er machte sich, der sich vorgenommen hatte, den ganzen Tag das Haus nicht zu verlassen, um nicht Zeuge mißliebiger Szenen zu werden, sogleich auf, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, daß man wahr sprach. Er war kein Freund der Juden seit jeher gewesen. Nicht aus kleinlichem Haß heraus wuchs dieses Gefühl in ihm. Er war eben in begrenztem Kreis aufgewachsen, innerhalb dessen der Jude etwas Verpöntes, Nieders war, und den man, in Unkenntnis der wahren Verhältnisse, eben verachtete oder haßte, je nach dem Grade seiner „Gefahr". Er mußte sich, um nicht aufzufallen, auf dem Budenmarkt der Wiese zeigen, grüßte hier und da freundlich, blieb auch bei Kindern stehen und verbreitete, wo er ging und stand, Kühle und die Aufforderung, sich ja zu beherrschen in seiner Gegenwart. Dann verließ er die Wiese und ließ sich von einem Knaben den Weg nach dem Judenviertel zeigen. Mit gemischten Gefühlen durchschritt er die düstere Gasse und nahm die mißtrauischen Blicke ihrer Inwohner ungerührt entgegen. Was mochte der neue Pfarrherr hier wollen? Die meisten ahnten, daß die Neugier zum Tempel ihn trieb. Aber es war weniger Neugier, als die Sucht, jenes Gerücht bestätigt zu sehen, das Dominik nicht eher ruhen ließ, bis er vor dem neuen Bau stand, dessen Fundament noch nicht fertig war. An einsamer Stätte, versunken in den Anblick eines behauenen Steines traf er auf einen, den er sofort für einen Juden erkannte und der sich nicht rührte, als er die Schritte hinter sich hörte. „Heda," rief ihn Dominik an und langsam drehte sich der Mann um. Der Pfarrer stand vor einem Juden reinster Form ,vor David ben Joseph selbst, dessen kluger Blick in sein Gesicht brannte, so daß er unwillkürlich die Sehnsucht in sich fühlte, seine Augen zu senken. Aber er überlegte, daß ein wahrhaft kluger Mensch vor einem forschenden Blick niemals die Augen niederschlagen darf, wenn er nicht in Gefahr geraten will, für feige gehalten zu werden. Deshalb hielt er Davids Forschen stand und brachte sogar ein Lächeln auf, das David wieder zu sich brachte. Verlegen schreckte er auf und trat einen Schritt zurück. „Ich bitte das müßige Anschauen zu verzeihen," sagte er ruhig. Den Grund dazu jedoch nannte er nicht, was den Pfarrer angenehm berührte, denn er ahnte, weshalb ihn der Jude so gemessen hatte. Als ob er einem die Seele bloßlegen wollte, um aus ihr zu ergründen, wie man gestimmt ist Segen seinesgleichen! Unnennbares war in Dominik. Vielen Juden war er begegnet und er hatte sie dem Staube kr Straße gleich geachtet. Auch kluge Juden ' waren darunter, keiner aber in jener edlen Gestalt wie David. "' Aber er wehrte sich gegen den Einfluß des sympathischen Menschen und wandte sich dem Bau zu. „Was für ein Bau ist das?" fragte er leichthin und spürte das Lächeln in Davids Gesicht, auch ohne daß er hin zu ihm schaute. „Der Judentempel, «Hochwürden —" erklang wieder die reine Stimme — Jäh drehte sich Dominik um, doch kam er nicht zum Reden, das härter geworden wäre, als er wünschte, denn Prosper, der den Freund hier hatte treffen wollen, kam mit leichtem Staunen näher. „Der Pfarrherr —" sagte er freundlich staunend. „Er will wohl unser Tempelchen bewundern?" Mit einem Blick durchschaute Dominik das Verhältnis dieser zwei Menschen und zugleich die Unmöglichkeit, diesen Freundschaftsbund trennen zu können. Sein Blick wurde finster und er schaute vor sich hin, als sinne er über etwas nach. In Wahr iheit kämpfte er mit sich, in Gegenwart Davids das auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag, aber gerade weil dies ihn scheute, sprach er es, gemäß seiner Erziehung, erst recht aus. „Ein frommer Christ stiftet Kapellen, aber keine Judentempel —" sagte er hart und sah, daß nur Prosper sich darüber ärgerte. Aber nicht lange währte die Verstimmung bei dem Junker. Er lächelte David, der wie un beteiligt dabei stand, ermunternd zu. War es doch nicht das erstemal, daß er für ihn und die Seinen Partei ergriff. Doch kam er nicht zum Verteidigen, denn Dominik sprach rasch weiter. „Unsere Kirche liebt die Ihren, warum läßt man den Judeng'tt die Seinen nicht allein lieben und hilft ihm dabei!" Nun wurde Prosper, der Milderes im Sinne hatte, stahlhart. Nicht mehr um die Juden, sondern um seinen eigenen Willen ging es vor dem anmaßenden Herren hier. „G'tt im Himmel liebt die Menschen, alle Menschen und betrachtet das Gute als Gutes, das Böse aber dementsprechend. Selbst wenn es aus dem Mund eines Pfarrherrn käme —" Kreideblaß war Dominik, denn er fühlte, daß er zu weit ging und die Freundschaft Prospers trotz aller Ueberwertung noch zu gering zu David schätzte. Aber schon war Prosper wieder versöhnlicher. „Hat man hier nicht genug Tempel für die Kirche? Den Franziskustempel, das Marienkapellchen, —" er fuhr fort, unzählige Kapellen und Wallfahrtsorte in und um Heikenbrunn zu erwähnen — „und alle, die meisten, durch die Hand der Burgherrn erbaut. Darf demgemäß nicht auch den Juden, die Heikenbrunn nicht zum Nachteil geraten, ein Tempel errichtet werden, daß sie sich heimisch fühlen im fremden Land?" Darauf etwas zu erwidern, fiel Dominik sehr schwer, deshalb schwieg er und wandte sich ab. Er murmelte irgend etwas, Prosper machte ihm den Abschied leicht, indem er den Arm um die Schultern Davids schlang und zur anderen Seite des Baues ging, um nachher hinter dem alten Mauerrest zu verschwinden. Als Dominik weiterging, merkte er, daß ihm jemand nachschlich. Er dachte an Prosper oder David, aber es war Burkhardt, der sich mit kriecherischer Miene näherte und dem Pfarrer die -Hand küßte. Dominik kannte ihn schon von einem Besuche ber. Wer er war, durfte er erst später erfahren, sonst hätte er ihm schwerlich gestattet, so vertraulich neben ihm herzugehen. „Ja, die Juden, die sind zäh und gefährlich," leitete er eine Reihe Gehässigkeiten ein, denen der Pfarrer zuerst mit Widerwillen, dann mit offener Abneigung begegnete, denn die Worte trieften vor Uebertreibungen und schweren Anschuldigungen. Aber er durfte sich nicht brüsk abwenden, er vermochte es nicht, dieses Reptil — als solches erkannte er Burkhardt schon jetzt — von sich abzuschütteln. Nur schwieg er zu allem und preßte die Lippen zusammen. Bis es ihm zu bunt wurde und er ausholte in Schritten und den Verdutzten stehen ließ. Hämisch schaute Burkhardt ihm nach und zog die Schultern hoch. „Bist du auch schon dem Judenzauber verfallen," sagte er vor sich hin und ballte die Fäuste. „Wird dir aber genau so schlecht wie jenen bekommen —" vollendete er und sah gehässig zu der Burg hin, die gleichmütig auf das festliche Heikenbrunn niederschaute . . . 15. Als Githa erfuhr, daß der kleine Junker Stephan heiße, neigte sich der Knabe nach diesem, einem Geheimnis gleichenden Geständnis ein wenig vor, um so recht das klare Gesicht der schönen Maid sehen zu können, die ihm so gut gefiel, Das war der Anfang einer innigen Freundschaft zwischen einem Knaben und der schönsten jüdischen Jungfrau. „Glaube nicht," mahnte die Burgherrin lächelnd, „daß er nicht weiß, daß du Jüdin bist. Er kennt die Unterschiede schon zwischen den Religionen ..." Stephan Sterenberg war fromm aus Ueberzeugung seines jungen Lebens. Mit aller Inbrunst glaubte er die kleinen Gebete und die Geschichte seiner Religion. Deshalb begriff er sofort, daß Githa nicht seinesgleichen war, als sie auswich; wenn er sie nach diesem und jenem fragte. Schließlich sagte sie ihm, daß ihr G'tt eine an-* dere Sprache habe. Aus diesem neuen Quell wollte Stephan oft trinken. Nicht weil die schönen Erzählungen aus jüdischem Sein ihn freuten, er wollte wissen, ob man auch fromm als Jude sein konnte. Wehe, wenn Githa nicht die reinste Frömmigkeit in sich getragen hätte! Darin kannte Stephan keine Entschuldigung. Seine drolligen Aussprüche, über die Githa jedoch nicht lachte, verrieten ihr mehr, als seine eigenen Eltern in ihm errieten. O, sogleich waren sie nicht einig. Zuerst hatte sich der Knabe aufgelehnt in einem Trotz, als er den Unterschied begriff, „Deine Religion (er sagte stets „Reigon") ist nicht richtig, meine ist gut und schön!" Darauf wollte er beharren, doch als er keinen Widerspruch fand, sondern Githa lächelnd schwieg, schmolz der Trotz dahin. Er versuchte es mit Bitten. Er beschwor sie, kein Prediger hätte mehr um das Seelenheil Githas besorgt sein pönnen als der kleine Junker, Aber das Lächeln, in dem sich etwas Unbekanntes widerspiegelte, entwaffnete ihn, wenn er zornig werden wollte. Er knurrte und glich darin seinem Großvater, endlich, was denn da Schönes dran wäre, wenn sie so gern Jude sein wollte. So viel hatte sie von ihm anhören müssen, was es in seiner Religion Schönes gab, nun holte sie ihr Bündelchen Judentum und suchte aus ihm das Schönste und Beste, einem Kinde in seinem Alter Genehme. Und siehe da, es gefiel ihm. Nicht daß er sich ebgeisterte. Er fand nur Gelegenheit, zu vergleichen. Es gefiel ihm, daß die Welt für jeden etwas Liebenswertes hatte. (Fortsetzung folgt.)

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