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Der Israelit · 1936-11-05 · Heft 44 (5.11.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 44 (5.11.1936)
Date
1936-11-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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I^uiiletiön- Beilage Der Israelit Nummer 44 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. , \, (Fortsetzung.j Er redete sich ein: Heikenbrunn ist reich genug. Wenn man ihn besser bezahle, habe er die Dieberei nicht nötig. Er vertuschte die Unterschlagung in den Bü^ ehern, doch ist nichts so fein gesponnen,' laut einem alten Sprichwort, als daß es nicht ans Licht der Sonnen kommt. Es kam ans Tageslicht, welch ein Bürschlein die Stadtschreiberei beherbergte. Ein Zeter und Mordio, doch in aller Stille, hub an bei einer überraschenden Prüfung. Verzweifelt wand sich der diebische Bursche, \schwor, daß er das Geld zu fast „heiligen Zwecken" nötig gehabt habe und es wieder an Ort und Stelle habe bringen wollen. Aber seine heiligen Zwecke waren allen offenbar. Man packte ihn am Kragen und schmiß ihn aus der Kanzlei. Sö hockte er nun auf der Straße und stand vor der Wahl, sich entweder zu erhängen oder in den nahen Fluß zu werfen. Da ihm eines so verbaß,t war wie das andere, wählte er noch einen dritten Ausweg. Seine ältesten Kleider auf dem Leibe, begab er sich zur Burg, wo er de- und wehmütig das sonst von obenher. behandelte Gesinde bat, den jungen Burgherrn zu rufen. Prosper, in seiner Gutmütigkeit, ließ ihn vor und staunte, was Zügellosigkeit und Laster mit einem jungen Menschen anfangen konnte, um ihn so zu zeichnen in Gesicht und Gestalt wie Burkhardt. Ihn widerte im Grunde genommen der Bursche an,' aber er dachte an die gemeinsam verlebte Jugend und an — David,; der nicht anders gehandelt. hätte. Er ließ sich idie erlogene Geschichte erzählen, die er besser kannte und gab vor, es zu glauben. Das Donnerwetter mußte Bürkhardt auf sich niedergehen und sich Dieb und verkommenen Patron schelten lassen. Noch viel Schlimmeres wartete auf ihn, „Wie komme gerade ich dazu, einen Dieb zu decken," zürnte Prosper und ging hastig in der Stube auf und ab. Doch leuchtete es in sein-em Gesicht. Er wartete schon seit einer halben Stunde auf: 'David. I)er; sollte ihm helfen!.' 'f :' : „Du hast/Glück gehabt und .kommst zur rechten Stundet - Du bist David ohnedies eine Rechtfertigung 'schuldig; die dein unsauberes Maul ihm vorenthielt für manche ^^^t^fet,- die. ihm durch dich entgegenkain; .'.. .•? ' ■ ' Burlöhardt wagten es: nicht,, . aufzumucken; / Erschwer, 'mit' allem' einverstanden zu11 sein, 'nur wieder ins Amt und Geld verdienen zu können. Er hatte allen Grund, vorerst Heikenbrunn zu bevölkern, denn die alte Stätte, die er verlassen hatte, sehnte siefr in anderen Beziehungen, denen.,er, .gerne, entging, ..nach ihm. David wurde blaß, als er den Besucher bei Prosper trar,•■und' es war ihni anzuheben, daß er am liebsten davongegang(3n wäre. Aber Prosper hielt ihn zurück, „Du mußt mir helfen. Es handelt sich um deinen „Freund''.. Bürkhardt hier . . ." : " ' -.i.,- '< Er schilderte dessen „Mißgeschick" in derbspöttischen Worten'und legte es;, ohne viel Umschweife, in Davids Hand, über Burkhardts- Geschick zu entscheiden. „Er verachtete dich seit Kindheit. Soll er nun lernen, wie ein gerechter Mahn, ob Jude oder Christ, zu achter^ ist. Und daß düi gerecht bist, weiß ich. Sieh dir das Stück Mensch an, das schlotternd und voll Haß vor idir steht. Er ist so und so nicht dein Freund, urteile du nun, ob er noch verdient, einen niederen Posten in der Kanzlei zu erhalten," David hatte vor, rundweg diese Aufgabe von sich zu weisen. Er' wandte sich dieserhalb schon an Prosper, doch las er aus dessen unentwegtem Gesicht, daß er nicht umhin konnte, diese eine der wenigen Bitten. Prospers zu erfüllen. Vor ihm stand, der Mensch, dem er am meisten Verachtung zuwandte, der seine Braut beleidigte und mit schmutzigen Gedanken verfolgte, jenen Menschen sollte er beurteilen und verurteilen, wenn er es für recht hielt. Es drängte ihn, den Manschen zu zerschmettern 'durch eine endgültige Verdammung. Doch, so sagte er sich, war es nicht das jüdische Blut, das Auge um Auge, Zahn, um Zahn zu rechnen verlangte. Und aus eigenen Gefühlen heraus durfte er nicht rechten. Er wurde sachlich und klar. Er fühlte, daß irgendwie das Leben hart mit diesem Menschen spielte, daß es allein ihn strafen konnte in rechter Form. Er wußte, Burkhardt war bisher noch nicht vom ehrlichen Wege abgewichen, durfte er ihm durch ein Nein die Rückkehr und mögliche Reue abschneiden? Gerade weil er ihm selbst Böses tat, mußte er dieses Böse mit der Guttat belasten, indem er für ihn sprach. In diesem Sirine, ohne noch mehr zu überlegen, sprach David zu Prosper. Nicht in niederem Posten sollte man Bürkhardt anstellen, sondern wieder auf seinem alten, und so in einer Probezeit feststellen, ob es noch möglich sei, einen Menschen zu bessern. Er sagte es laut und ungeschminkt. Burkhardt wurde weiß und rot im Gesicht; halb in Hoffnung, .halb in hemmungslosem Haß, bebte er und harrte der Entscheidung Prospers. Der Junker hatte ein Leuchten im Gesicht. „Weshalb kann ein Jude rascher den wahren Sinn eines Urteils erfassen, als wir?" fragte er und gab sich selbst die Antwort, indem er vollendete:, „Weil er klüger ist und sein Geist zuerst und dann sein Körper spricht . Er reichte David die Hand und drückte sie fest! Dann wandte er sich, nicht weniger vefr ächtlich, an Burkhardt undf schickte ihn heim« Mochte der Bursche noch ein «wenig zappeln. Schlimme Tage verbrachte Bürkhardt in dem verwahrlosten Heim, von dem er nicht wüßte, ob es ihm erhalten blieb.;■.<■■■■'. -i Aber David hatte es durchgesetzt. Prosper sprach mit den Stadtherrn in seinem Sinne und man^yersuchte es .wirklich nochmals, einen 'entgleisten Menschen zurückzuführen^ , '!; r Wenig rühmlich war Burkhardts Einzug in; die älte Amtstätigkeit.- Jeder wich ihm aus, abek : er frujg (und ertrug alles. Er war der erste'und letzte Arbeiter im Dienst, nicht, eine JVl^nze rührte er an, wenngleich man ihn förmlich durch Hinstellen der Kasse dazu verlockte. Er vermied die Schenken in dieser Probezeit, die Weiber und alles, was dazu gehörte, er arbeitete, wie. er noch nie gearbeitet hatte. , \ Erst als man ihn im: Dienst 'beließ nach der Probezeit*' atmete er auf,; •'<■•: Keine; Liebe, seinen^ Wohltätern gegenüber, keimte in :ibm auf. Seinerzeit, so sehnte er sich, sollte: kommen, wo er dem Judenpack, dem er alle SqhulcV an seinem Kummer gab, heimzahlen. 1 konnt^ ,>wjis er ' erduldete. '' '',"■■ ■■■ ■ ■. In .die, gleißende Sonne starrte .er,; die aui seiti Pult schien. Wenn auchniemand m^hr ihn anhören wollte', einmal kasn die Stunde,!; da schien, das Licht j*enaü~ so gierend wie hier:4iuf xfem Pult, nur rot, rot vom Feuer der Häuser, in denen die Juden verbrannten ... Wenn er das dachte, funkelten seine Augen und die Menschen um ihn wichen ihm aus wie einem Aussätzigen ... 14. In diesem Jahre trug das Fest des Schutzpatrons von Heikenbruno ein ganz anderes Gepräge. Schon immer ging es feierlich bei diesem Anlaß zu. Nicht eine der Vorbereitungen zum Kirchenfest und dem nachfolgenden Vergnügungsrummel auf der Stadtwiese fehlte, im Gegenteil wurden sie eifriger noch als im Vorjahre betrieben. Dennoch herrschte ein anderer Ton, der seinen Ursprung im neuen Pfarrherrn hatte. Der alte Seelensorger war nach einem g'ttgefälligen, nahezu neunzigjährigen Leben in das bessere Jenseits übergegangen. Die jeweiligen Hilfsprediger waren, wenn ihnen die Zeit zu lange dauerte, bis sie in festes Amt kamen, stets wieder davon gezogen und auch der letzte suchte sich kurz vorm Ende des alten Herrn einen aaderen Posten weiter im Land drinnen. So kam ein wildfremder Mensch in die Pfarre, warm empfohlen und dem Burgherrn angenehm, weil er jung und tüchtig war. Dem Fest des Schutzpatrons blieb es überlassen, die erste Predigt zu hören, die ungeteilten Beifall bei den Pfarrkindern der Heikenbrunner Gemeinde fand. An Energie und Eifer ließ es Pfarrer Dominik nicht fehlen, wenngleich er sich nicht verhehlte, daß er unendlich viel zu tun hatte, um wieder frischen Wind in die ein wenig verwahrlosten G'ttesangelegenheiten dieser Pfarre zu bringen. Die Predigt "war diesem Sinne angemessen, mancher fühlte sich getroffen, und der alte Burgherr in seinem Kirchstuhl schmunzelte, denn der wackere neue Seelensorger machte selbst vor seinen Sünden kein Halt. Dominik wußte sehr viel von seinem neiien Wirkungskreis. Zu viel Wohlmeinende drängten sich ihm schon am ersten Tag seines Amtsantrittes auf mit Aufklärungen, denen er ebenso ruhig folgte, wie er sie auch demnach behandelte. Di<? meisten schob er als gehässig beiseite und hörte doch auf die hervorstechendsten mit leicht gerunzelter Stirne. Er wußte, die Heikenbrunner Gemeinde hing ganz von dem Regiment der Sterenbergs ab. Zwar war es ein mildes Regiment, aber immerhin Abhängigkeit, die verpflichtete. So konnte er nicht ohne weiteres Dingen Glauben schenken, die er noch nicht mit eigenen Augen und Ohren als bestätigt gefunden hatte. Er konnte mit d>er Wirkung seiner ersten Predigt vollauf zufrieden sein, denn der alte Burgherr, an dessen Seite Sohn, Sohnesfrau und Enkel verharrten, drückte ihm warm die Hand und polterte in seiner gemütlichen Art, daß, wenn Döminik so weiter mache, alle de- und wehmütig zu Kreuze kriechen würden. ., Weniger angenehm war ihm das wenig passende Treiben auf der Stadtwiese, auf der sich die Heikenbrunner einmal im Jahr austobten in jeder Beziehung. Er wußte von Frömmelnden, daß sie sich volltranken bis zur Bewußtlosigkeit, daß selbst Frauen sich nicht entblödeten, den Becher allzuoft zu leeren, und daß in diesem beiderseitigen wüsten Zustand oft schlimme Händel entstanden. Und dies alles vor den Augen einer neugierig schauenden und lauschenden Jugend. Aber auch Dominik vermochte hier nicht gleich einziigreifen, ohne Gefahr zu laufen, sich mißliebig schon in den ersten Tagen zu machen, i. Seine Laune war demnach nicht die beste, äU ef einer Neuigkeit gßgeriüibertrat, die ihn erstaunte und' im gleichen Maße erzürnte. (Fortsetzung folgt.)

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