Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 44 (5.11.1936)
- Date
- 1936-11-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450952--82522-2540481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
o. Nqveir.ber'1936 Der Israelit Nr. 44 S^ite 9 bildungän der Hand eines arischen Angestellten seiner Firma liege. 150.000 Glaubensjuden jn Berlin. Berlin. 30. Okt. Der Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Berlin,, Dr, Büchner, machte, nach Meldung der „Nachtausgabe", Angaben über den gegenwärtigan Stand der jüdischen Bevölkerung in Berlin. In der letzten Volkszählung von 1933 wurden in Berlin ins* gesamt 161.000 Glaubensjuden festgestellt. Sie bildeten 3,8 Proz. der Gesamteinwohnerschaft. Die starke Verjudung Berlins .sei nicht auf die natürliche Eigen- Vermehrung der Juden zurückzuführen — die Geburtenziffer der Berliner Juden liege im Gegenteil seit langem unter dem Durchschnitt ganz Berlins —, sondern so gut wie ausschließlich auf die Zuwanderung aus dem Reich, und vor allem aus den Oststaaten. Im zweiten Halbjahr 1934 seien immer noch annähernd 4000 Juden, und zwar meist aus kleineren Orten der benachbarten Gebietsteile, nach Berlin zugezogen. Vom 1; August 1935 ab führt das Statistische Amt der Stadt Berlin nach der Mitteilung von Dr. Büchner eine laufende Statistik der zu- und fortziehenden Juden durch. Es wurde dabei festgestellt, daß seitdem bis Ende Juli 1936, also in einem Jahre, 4500 Juden mehr aus Berlin fortgezogen als zugewandert sind. Dies bedeutet eine monatliche Abnahme von 375 Glaubensjuden. Nach den Berechnungen des Ber* liner Statistischen Amtes dürften 150 000 Glaubens* juden etwa 40.000 nicht der mosaischen Religion angehörige Rassevolljuden und 60.000 Mischlinge gegenüberstehen. Es würden sich also für Berlin insgesamt 250.000 Judenstämmlinge (190.000 Rassevolljuden und 60.000 Mischlinge) ergeben. Die Bevölkerungsbewegung in der Gemeinde Breslau. Breslau, 29. Okt. Im dritten Vierteljahr 1936 verminderte sich die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde in Breslau durch Fortzug, Auswanderung, Tod und Uebertritt um 576 Personen. Hinzugekommen sind durch Zuzug, Geburt,' Ueber- und Rücktritt 255 Personen. In dem angegebenen Zeitraum verminderte sich somit die jüdische Bevölkerung in Breslau um 321 Seelen. Ihr Bestand am 30. Juni mit 18.041 senkte sich auf 17.720 am 30. September. Im dritten Kalendervierteljahr 1935 betrugen die Abgänge nur 431 Personen, die Zugänge 307, Am 30. September 1935 zählte die Gemeinde noch 18.652 Seelen. Oesterreich. Eine Gesamtvertretung der Juden Oesterreichs, Vollzugsausschuß soll noch in diesem Jahre eingesetzt werden. Wien, 20. Okt. Die vom Bunde jüdischer Frontsoldaten eingelei1 teten Verhandlungen zur Schaffung einer Einheitsfront aller Juden Oesterreichs haben zur Vereinbarung von Richtlinien geführt, die in einem Schreiben des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde an dsn Bundesführer der jüdischen Frontsoldaten niedergelegt wurden. Sie haben folgenden Wortlaut: 1. Es besteht Einverständnis darüber, daß ein >*emeinsamer Ausschuß (Vollzugsausschuß) zum Zwecke der Wahrung der Interessen der österreichischen Judenheit ehestens geschaffen werden soll. 2. Der Beitritt ist grundsätzlich allen zahlenmäßig beachtlichen jüdischen Gruppen offen zu halten, die nach ihrem Wirkungskreise an den öffentlichen Vorgängen Oesterreiche teilnehmen, sich zu dem Gedanken der Solidarität und Schicksalsverbundenheit aller Juden rückhaltlos bekennen und die Verpflichtung übernehmen, in allen Angelegenheiten, welche in die Kompetenz des zu bildenden Vollzugsausschusses fallen, selbständige Aktionen zu unterlassen. Von dem Beitritt ausgeschlossen sind solche Organisationen, die lediglich gesellschaftliche, berufliche, charitative oder ähnliche Zwecke verfolgen. Ueber die Aufnahme von Organisationen nach der Konstituierung des Vollzugsausschusses entscheidet da® einzusetzende Exekutivkomitee. Die WochC- Frankiurt a. M. Am 26. Oktober ist die seit 1882 in Frankfurt a. M, und Höchst am Main unter dem Namen Gustav Carsch u. C o. geführte Herrenbekleidungsfirma mit der angeschlossenen Herrenartikel- und Fabrikationsabteilung aus jüdischem Besitz an die arische Firma Ott u. Heinemann Komm.-Ges. in Frankfurt a. M, übergegangen. Berlin, Der O b e r p r ä s i d e n t von Ostpreußen hat nach den Bestimmung gen der Deutschen Gemeindeordnung den Namen der Gemeinde Judendorf (Kreis Pr. Holland) in Hermannswalde umgeändert. Der Wohnplatz „Juden" im gleichen Kreis erhielt den Namen Buchent a 1. — Die Synagoge in Aßlar im Kreise Wetzlar ist zum Abbruch verkauft worden. In Aßlar wohnen nur noch drei jüdische Familien. — Die „Untertürkheimer Zeitung" meldet aus Schramberg, daß der dortige stellvertretende Bürgermeister auf der letzten öffentlichen Beratung der Ratsherrn bekannt gegeben habe, daß ein „Judenmarkt" geschaffen werde, auf dem die Stände von den anderen Standinhabern getrennt sind, da die Märkte immer noch stark von landfremden Juden beschickt sind. — Die „Potsdamer Tageszeitung" berichtet von der Verurteilung eines jüdischen Geflügelschlächters, der wegen Vergehens gegen das Verbot des Schächtens von Tieren vor dem Moabiter Einzelrichter angeklagt war. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. München. Die Gemeinde N ö r dlingen (Schwaben) veranstaltete anläßlich des 50 jährigen Bestehens ihrer Synagoge eine würdige Feier, die gleichzeitig dem 25. Dienstjubiläum ihres Lehrers Hermann Strauß und seinem 60. Geburtstag galt. — In München ist der bekannte Gynäkologe und Krebsforscher Hofrat Dr. Adolf T h e i 1haber im 83. Lebensjahre gestorben. Düsseldorf. Die Große Strafkammer in Düsseldorf hat — laut „Generalanzeiger der Stadt Wuppertal" vom 23. 10. — einen Angeklagten zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er von seinem früheren jüdischen Arbeitgeber, der ihn nach siebenjähriger Tätigkeit wegen Unterschlagung fristlos entlassen hatte, unter verschiedenen Drohungen, darunter auch der mit Anzeige wegen Vergehens gegen das Blutschutzgesetz, Geld erpreßt hatte. Breslau. In Breslau wurde, wie die „Schlesische Tageszeitung" vom 23. 10. meldet, ein Angeklagter zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, der Erpressungen unter Drohung mit Anzeige wegen Vergehens gegen die Nürnberger Gesetze verübt hatte. Worms. Wie der „Wormser Zeitung" aus Eich gemeldet wird, ist dort das letzte Grundstück, das noch in jüdischem Besitz war, 730 qm Gartenland, in nichtjüdisches Eigentum übergegangen. Sämtliche früher in der Gemeinde ansässigen Judenfamilien sind ausgewandert, zum größten Teil ins Ausland. Amsterdam. Konigin Wilhelmine ernannte den bisherigen' Bezirksrichter Dr. H. H. Boas zum O b e rrieht er beim Appellationsgerieht in Amsterdam. Dr. Boas ist bereits seit zwanzig Jahren Bezirksrichter. Kopenhagen. Der Palästinafilm „Land der Verheißung" ist in Kopenhagen zum ersten Male hervorragenden Persönlichkeiten des politischen und wirtschaftlichen Lebens, unter ihnen dem Ministerpräsidenten T. A. M. Stauning, vorgeführt worden. Jerusalem. Die Kallia, Seaside and Health Resort Ltd. in Jerusalem beabsichtigt, am Nordende des Toten Meeres ein Hotel zu errichten. Der Bau soll 27.000 Pfund kosten. Das Hotel wird 35 Zimmer und 60 Betten haben, — Dr. Hugo B e r g mann ist in der am 28. Oktober abgehaltenen Sitzung des akademischen Senats der Universität Jerusalem zum Rektor für das neue Studienjahr wiedergewählt worden. — Die älteste hebräische Tageszeitung Palästinas, ,J3oar Hajom", die bereits mehrere Monate nicht erscheint, soll in ein Wochenblatt umgewandelt werden. Tel Awiw. Der in Tel Awiw amtierende polnische Generalkonsul für Palästina, Stanislaw L u k a s z e w i c z , ist im Alter von 44 Jahren gestorben. Generalkonsul Lukaszewicz, der seit 1922 im polnischen Konsulardienst tätig war, hat sich um die Hebung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Polen und Palästina sehr verdient gemacht. 3. Grundsätzlich soll jeder beigetretenen Gruppe ohne Rücksicht auf die Zahl ihrer Vertreter nur eine Stimme zustehen. 4. Der Vollzugsausschuß wählt eine Exekutive, die zu bestehen hat: a) aus zwei Vertretern der zionistischen Gruppen; b) aus zwei Vertretern des Bundes jüdischer Frontsoldaten; c) aus zwei Vertretern nichtziomstischer Gruppen; und d) dem jeweiligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, der den Vorsitz im Exekutivkomitee führt. 5. Den Wirkungskreis des Vollzugsausschusses bildet die Stellungnahme zu allen öffentlichen, die Interessen der Judenheit Oesterreichs berührenden Angelegenheiten. 6. Die Konstituierung des Vollzugsausschusses soll tunlichst bis Ende 1936 erfolgen. Dänemark. Neue Verfassung der Kopenhagener Jüdischen Gemeinde. Kopenhagen, 29. Okt. Der von der Repräsentanz der Jüdi* sehen Gemeinde Kopenhagen ausgearbeitete Entwurf einer neuen Verfassung ist von der Regie* rung bestätigt worden. Die Wahlen nach der neuen Wahlordnung finden im Dezember d. J. statt. Gegenüber der bisherigen Verfassung, die seit 1814 fast unverändert bestanden hat, stellt das neue Statut eine weitgehende Demokratisierung und Verweltlichung der Gemeindeorganisation dar. Nach den bisher geltenden Bestimmungen wurde von den .Gemeindemitgliedern eine siebengliedrige Repräsentanz gewählt; von ihren Mitgliedern gehörten vier dem Synagogenvorstand an. Die neue Verfassung sieht eine Trennung zwischen den Gemeindewahlen und der Wahl des Synagogenvorstandes vor. An dieser werden auch Juden fremder Staatsangehörigkeit teilnehmen können, während für die Gemeindewahlen nur dänische Staatsangehörige das Wahlrecht besitzen. Die Gemeindemitglieder wählen eine aus zwanzig Personen bestehende Delegiertenversammlung, die nach ihrer Konstituierung sieben Repräsentanten als das Verwaltungsorgan der Gemeinde wählt. Die Wahl der Delegiertenversammlung erfolgt nach dem Proportionalsystem. Wahlberechtigt sind auch die weibliehen Gemeindemitglieder. Die Repräsentanz ist der De legiertenversammlung verantwortlich, die vierteljährlich eine öffentliche Sitzung abhält. Eine Neuwahl der Delegiertenversammlung findet alle vier Jahre statt, während die Repräsentanz eine Amtsdauer von zwei, drei oder vier Jahren haben kann. Die Delegiertettversammlung hat ferner das Recht, zwei Mitglieder in den Synagogenvorstand zu entsenden. Durch das neue Statut der Kopenhagener Gemeinde wird eine stärkere, allzustarke Demokratisierung der Gemeindeverwaltung herbeigeführt. Das Statut wird damit begründet, daß dadurch eingewanderte Juden, die bereits dänische Bürger geworden sind, oder sich um die Staatsangehörigkeit bewerben, die Möglichkeit gewinnen, Einfluß auf die Gemeindeangelegenheiten zu nehmen. Schweden. Wieder ein jüdischer Nobelpreisträger. Stockholm, 30. Okt. Das Professorenkollegium des Karolinischen Insti* tuts zu Stockholm hat am Donnerstag, den 29. Oktober, abends beschlossen, den Nobelpreis für Physiologie und Medizin für das Jahr 1936 gemeinsam an die beiden Professoren Otto L o e w i in Graz und Sir Henry Hollett Dale in London zu vergeben, und zwar wegen ihrer Entdeckungen auf dem Gebiet der chemischen Ueberführung der Nervenwirkung. Prof. Dr, Otto Loewi ist Jude, er wurde 1873 in Frankfurt a. M. geboren, wurde 1900 Privatdozent, 1904 Professor in Marburg, 1909 Professor in Graz. Seine ersten Arbeiten behandelten Eiweißsynthese, Diurese, Diabetes, Ionenwirkung, vegetatives Nervensystem. Völlig neue Bahnen wies der geniale Versuch Loewis zum Nachweis der chemischen Natur der Uebertragung nervöser Erregung auf das Erfolgsorgan. Diese Untersuchungen verschafften ihm Weltruf. 1921