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Der Israelit · 1936-11-05 · Heft 44 (5.11.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 44 (5.11.1936)
Date
1936-11-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 44 D e r. I s r a e 1 i t 5. November 1936 „Reichspost" sieht in dieser Sammlung der Elemente, die G'tt und der menschlichen Gesellschaft den Krieg erklären, eine schwere Gefahr für das Christentum und ruft die ganze religiös eingestellte Welt zur Abwehr auf. Wir möchten dazu bemerken, daß die Gefahr dieser wieder in Aktivität tretenden Gottlosenbewegung nicht minder groß für das Judentum ist, sowohl für das Judentum als religiöse Gemeinschaft in Rußland wie für das religiös positive Gedankengut des Judentums schlechthin. Gerade in Wien gibt es so was wie eine gemeinsame interkonfessionelle Abwehrfront gegen die Uebergriffe der Moskauer Freidenker. Der verstorbene Oberrabbiner Feuchtw a n g e r saß an der Seite von Kardinal I n - n i t z e r im Hilfskomitee für die Opfer des fanatischen Religionshasses. So weiß man in den Kreisen der ,.Reichspost" zur Genüge, wie „Was ist das?" Ein Wort zur Sidro.. Der kürzlich in Ramath Gan so früh heimgegangene frühere Leipziger Raw, Dr. Ephraim Carlebach V»st. war — wie es die Nachrufe hervorgehoben — einer der erfolgreichsten Prediger unserer Zeit. Mit einer feinen Diktion, einem wohlklingenden Organ, einem schönen Stil, verband er die gefällige, ansprechende Form, so daß ihm seine Gemeinde stets mit großer Liebe, gefesselt zuhörte. Die Fragen des Tages, die Probleme der Gegenwart hat er anhand geistreicher Thoraworte stets zu vertiefen verstanden. Zum Ende der Schlauschim sei eine Deutung zur Sidro wiedergegeben, die der Schreis ber dieser Zeilen einmal von ihm gehört hat. Im jüdischen Schrifttum findet sich dreimal die Redewendung S'n na- Das erstemal in unserer Sidro. Beim Kauf der Höhle Machpelah sagt Efron: „Ein Land, das 400 Silberlinge wert ist, zwischen uns: — was ist das schon." Ein zweites Mal findet sich der Ausdruck in vbv schwer diese antireligiöse Bewegung auch und gerade die Juden in Rußland trifft. Wir dürfen bei dieser Gelegenheit auf die Resolutionen der ersten und zweiten Keness i o Ge da u lo in Wien, wie auch der K c - nessio Mechino in Marienbad gegen den Bolschewismus, auch und insbesondere gegen den geistigen Bolschewismus in der Form der Gottlosenbewegung hinweisen. Wenn nun die religiös denkende Welt zu einer Abwehrfront aufgerufen wird, so soll dieser Aufruf auch eine Mahnung an uns sein, mit dem unermüdlichen Eifer, den die andere Seite zur Bekämpfung der Religion entfaltet, neue Seelen für die Religion zu gewinnen, abseitsstehende, suchende und um religiösen Halt ringende Brüder, deren es heute ganze Scharen gibt, den Weg zum Judentum der Thora finden zu lassen. als Moses die Kundschafter für den Auftrag bestimmt, s'n na jnttn rot diy>k-vi. „Erkundet das Land, seht es Euch an, wie es ist." Das dritte Mal in Tillim 39, 5; «vi n» w m»i 'n w>11> „Tu mir kund ' mein Lebensende und das Maß meiner Tage, welches es ist." Unsere Stelle in der Sidro mw ""n zeigt nun deutlieh, daß in dem Worte K'n nn noch ein Nebensinn enthalten ist. Efron, der sich in seinem Reichtum vor Awrohom hervortun möchte, meint, etwas wegwerfend: Ein Landstück selbst in dem Werte von 400 Silberlingen zwischen begüterten Freunden, wie .vir es sind, sti m, und meint damit" gewiß nicht nur: „was ist es?" — sondern auch, „was liegt schon daran?" In dem X'n na ist also der Nebensinn — der Bedeutungslosigkeit enthalten. Diesen Nebensinn müssen wir auch auf die beiden andern Stellen übertragen. Die eindrucksvollen Worte der Ermahnung, mit der Moses die Kundschafter entläßt, sind ebenfalls so zu deuten und Mausche meint: wenn Ihr schon auszieht, um das Land nach militärischen Grundsätzen zu erkunden, Euch nach allem, von Eurem menschlichen Standpunkt aus Wissens,1 wertem zu informieren, sollt Ihr immer wissen, und beherzigen, daß die letzt« Entscheidung nicht in Eure Hand gelegt ist, der Erwerb des Landes nicht von Eurer Erkenntnis und Eurem Urteil abhängig ist, G'tt ist es, der Euch das Land geben wird, Ihr werdet dort als die Sieger einziehen, auch selbst ■dann, wenn es Euch nach Euren Einmarschplänen undurchführbar erscheint. Deshalb meint Mausche: seht Euch das Land an, aber immer sollt Ihr wissen KVT nn. was ist schon bei alldem an Eurem Urteil gelegen? Auch für die Tillimstelle gewinnen wir durch den Nebensinn des Wortes K'n na tieferes Verständ- und von aufrichtiger Jir'oh getragenes Streben, Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß er für einwandfreie Schechitöh und Mikwoh sorgte, einein Jugend-Unterricht einführte, in dem viel Tauroh gelernt werden sollte. Durch das Austrittsgesetz von 1876 erlangte er die Umbildung der Vereinigung zur unabhängigen Altisraelitischen Kultusgemeinde, und als es ihm noch gelang, ein Bes Aulom bewilligt zu bekommen, hatte die Kehillo alle Institutionen einer taurohtreuen Gemeinde. Zugute kam ihm auch der Weltkurort Wiesbaden, an dem sich jahrzehntelang die großen Mäzenen Rußlands und Polens trafen und großzügig für edle Institutionen Herz und Hand öffneten. Andererseits war es stets den Fremden ein geistiger Genuß, hier nicht nur an den warmen Queillen. sich «ji^n fiK1D*l zu holen, sondern auch an den von m erwärmten isi Q«n O'Ö, an den Predigten und Schiurim Dr. Kahns sich zu erbauen. Und wie beispielgebend war die Einsetzung seiner Kraft für n*?SlV Es war etwas ganz Erhebendes zu sehen, wie unser allverehrter alter Raw V'T» morgens und abends fast bis zu den letzten Monaten seines Lebens pünktlich zur Tefilloh sich einstellte, was er neben seinen bis zuletzt im Hause eingehaltenen Schiurim als die wertvollste Ausfüllung seines Lebensabends erblickte, getreu dem Satze: 'n rP13 TlUtf Tl1?*^ nnK Man glaubte die Wirkung der Neschomoh jeseroh an ihm sichtbar wahrzunehmen, wenn der rüstige Greis, am Wochentage seit Jahren mit zwei Stöcken seinen Weg schreitend, am n2E7 Ü«"P1 ohne jede Stütze sicher und aufrecht eitiherschritt. Die Mannigfaltigkeit der Ausdrucksweise für Tefilloh, bei Awrohom, dem Schöpfer des Schacharis, fll^V, bei Jizchok, dem Vater des Minchoh, nrPTP' bei Jaakauw, dem Beter des Arwis, niPJS' sie hat sich bei unserem Raw, auf den wir wirklich stolz sein durften, bewährt. Im Morgen seines Schaffens nTöST ihm Kraft spendend zum Aufrechtstehen, am Mittag nrpip, der Gegenstand seines Sprechens und Denkens, und als am Abend er auch schon nST^S, allmählich das Begegnen mit den Vorboten des Scheidens ahnte, fühlte er um so mehr, daß unsere fj^sn ein Begegnen mit den ö'öm 'DK^D sein soll, die sie in Empfang nehmen. Besonders charakteristisch war seine Menschenfreundlichkeit und gesellschaftliche Liebenswürdigkeit, die aus einem gütigen Herzen und weltklugen Sinn quoll. Ein goldener Humor, ein freundliches Lächeln für jeden, der ihm nähertrat, und nach dem Worte Elias': Ka^ST in ion (Taanith 22a), der aus der Masse heraus nis. Nach der Gemoro Schabbos 31a hat König David mit diesem Psalmwort nach der eigenen Lebensdauer sich bei G'tt erkundigt. Es ist aber nicht so aufzufassen, als ob er vor dem Tode ängstlich gezittert hätte. Er, der starke, mächtige König, hat als Held in der Jugend und als Mann dem Feinde kühn und mutig ins Angesichtgeschaut. Seine Frage bezieht sich nicht auf die Tage der Lebensdauer. Vielmehr möchte er ergründen, ob G'tt ihm ein Lebensziel schenken werde, ob es ihm vergönnt sein werde, sei* nem Leben dauernden Inhalt zu geben, etwas Großes zu leisten für sein Volk. Er möchte, wie es auch wirklich geschehen ist, seinem Volke eine gesicherte politische Etistenz geben und ihm zu einer starken Macht verhelfen, auf der sich dann die geistige sittliche Größe durch den Tempelbau aufrichten könne. Da bangt er nun vor der Möglichkeit, daß G'tt ihn vor der Zeit abberufen könne. G'tt aber gibt ihm, wie die Gemoro erzählt, das tröstende Bewußtsein, daß er man nasn an einem Schabbos von dieser Welt scheiden werde. Der Schabbos, der die Wochentage als Krönung beschließt, soll auch König Davids Leben symbolhaft zum Abschluß bringen. Die Frage des Königs David lautet deshalb nicht: werde ich ein hohes Alter erreichen oder nicht?, sondern 'jy'Tin 'Xp 'n laß' mich wissen, o Allgütiger, ob ich mein fp> mein Lebensziel erreichen, die große Aufgabe erfüllen darf. Denn, so fügt er hinzu, K»n na w mai am Maß meiner Tage und selbst an einem hohen Alter, was wäre denn daran gelegen? Auch das Leben des Heimgegangenen hat sehr frühzeitig ein Ende gefundein. Auch vom Wirken von Rabb. Dr. Ephraim Carlebach '""J'xt kann man sagen, daß ihm an den äußeren Seiten des Lebens und an eigenem persönlichem Glück nicht viel gelegen war. Rabb. Dr. Leo Kahn V itt in Wiesbaden. Ein p"HX1 dSH im ureigentlichen Sinne war unser nach 66jährigem segensreichen Wirken, als ältester Raw vielleicht der ganzen Golah, im 95. Lebensjahre heimberufene Rabbiner Dr. K a h n. IPötPn r~IK2£3 TOniKV Wie die Sonne beim Aufleuchten ihr Licht ausstrahlt, am M i ttag die meiste Wärme spendet und vor dem Untergang erst recht mit ihren goldenen Strahlen sich als ein ein Dienen G'ttes zeigt, so hat dieser DDn *P»^n am Morg en seines Lebens seine ganze Kraft seiner Kehilloh gespendet, am Mittag seiner Laufbahn dem Klall gedient und auch noch an dem durch G'ttes Gnade lange ausgedehnten Abend Licht und Wärme für Isroel ausgestrahlt. Im Jahre 1870, als ein Schüler des alten Würzburger Raw V'XT und R. Asriel Hildesheimers " von einer kleinen Schar nach Wiesbaden berufen, pflanzte er die Fahne der Taurohtreue mit dem Ruf 'ilb 1ö auf und legte, mit Hilfe von Rabbiner Dr. Markus Lehmann VXT in Mainz, den Grund zu einer echten Adas Jeschurun. Es dürfte auch in unserer Zeit nicht unangebracht sein, daran zu erinnern, daß der Fanatismus der Reform damals alles an die Tauroh Erinnernde auf dem Prokrustesbett der Gleichmacherei zu vernichten suchte. Als ein kleiner Ausschnitt sei nur erwähnt, daß der damalige Bezirksrabbiner ihm zu verbieten versuchte, Chaje Odom mit Schülern zu lernen, ihn bei der Behörde anzeigte, daß er die Parschiaus •nnx O't&Hpl in der Schule lerne (trotzdem er die die Ungunst des Klägers erregenden Kapitel überschlagen hatte). Aber der „wackere Kahn" steuerte sicher durch die Fluten und fand bei den Behöiden stets Verständnis für sein bewußtes

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