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Der Israelit · 1936-11-05 · Heft 44 (5.11.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 44 (5.11.1936)
Date
1936-11-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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5. .November 1936 Der Israelit Nr. 44 Seite 3 SCHEUKLAPPENPRAXIS. (Fortsetzung von Seite h) Leider bricht sich diese Forderung nur sehr schwer Bahn. Man starrt wie gebannt auf den einen Punkt Palästina. Unbekümmert um den Einsturz von Illusionen im eigenen Inneren, will man nicht zugeben, daß es in Hinsicht auf Siedlung doch noch auch etwas anderes zum zeitlichen und ewigen Heile des jüdischen Volkes zu tun gibt, und zwar sofort, ohne Aufschub zu tun gibt. Große Versammlungen tagen — zionistische, »getarnt zionistische, misrachistische, agudistische — diesem Muß gilt kein einziges Wort, obwohl schon so manche der Versammelten daran denken mögen.*) Bezeichnend: Ein bekannter zionistischer Schriftsteller, M. Y. ben Gawriel, hat an dieses Muß nicht nur gedacht, sondern sich sogar zu ihm, wie er sagt, aus tiefster zionistischer Ueberzeugung bekannt. Aber wie? „Zeitlich begrenzt" muß die entsprechende Bewegung sein, ein „Ersatz", „Vorstufe für Palästina", ,,ohne zeitraubende seelische Vorbereitung", „ohne irgendwelche Verpflichtung", „ohne Sentimentwert", „ohne geistig konstruktive Aufgabe". Das heißt doch nichts anderes, als den Gedanken diffamieren, kaum daß man ihn ausgesprochen und sozusagen anempfohlen hat. Territorien suchen und besiedeln — unbedingt. Aber es muß ohne innere Anteilnahme, ohne jede höhere Legitimierung, ohne Begeisterung geschehen, es. muß wie ein unerquickliches Geschäft kühl erledigt werden. Wenn sich nun gegen diesen merkwürdigen Totengräber seiner eigenen Forderurig ein anderer zionistischer Schriftsteller, der sich wie der erste einen „alten Zionisten" nennt, Dr. Lichtenstein in Tel Awiw, Wendet der sich voll und ganz für die Idee der Großsiedlung auf geeigneten Territorien auch außerhalb Palästinas ausspricht und verlangt, daß an die dahin zielende Aktion mit demselben Verantwortlichkeitsgefühl, derselben Hingebung und derselben Gründlichkeit wie an die palästinensische Aribeit herangetreten werde, so ist das sehr erfreulich. Aber bekanntlich macht eine Schwalbe keinen Sommer. Die ungeheure Mehrzahl der Zionisten verhält sich noch immer gegen die Forderung von Siedlungen außerhalb Palästinas ganz so wie jn den letzten Jahrzehnten. Sie sabotiert sie und denkt vorläufig noch lange nicht daran, die klugen Worte ihres Gesinnungsgenossen zu beherzigen, die da lauten: „Die Wiederbesiedlung der alten Heimat ist eine große und bewunderungswürdige Sache, aber man verkleinert sie nicht, wenn man wahrheitsgemäß feststellt, daß das jüdische Volk inzwischen größer geworden ist als dieses kleine Land." Die Zionisten wenden gern ein, daß die für •ein so großes Werk nötige Begeisterung nicht da .sein kann, sobald es nicht um das Sehnsuchtsland unserer Geschichte geht. Und bedächtigere Vertreter der Orthodoxie entschuldigen deren Umfall zur palästinensischen Ausschließlichkeit damit, daß man der Jugend eine idealistisch praktische Beschäftigung habe geben müssen. Beide Argumente sind recht fragwürdig. Denn wie lange' ist es überhaupt her, daß diejenigen *) Wir möchten daW, was die A g u A a betrifft, auf die A u s w a n d e r u n gs r e s o I u t i o n der Marieribader K. M. hinweisen, die in ihrem ersten Teile lautet: „Der Z. R. beschließt: 1. Eine Zentralstelle der Weltorganisation verbunden mit einem Informationsbüro und entsprechende Stellen der Landesorganisationen für die Einwanderung nach' außer* p a 1 ä s t i.h en® i s c h en Ländern einzurichten, Die; Zentralstelle hat die Aufgabe, in den Einwanderungsländern die Voraussetzungen für ein dem Religionsgesetz entsprechende® Leben der Einwanderer zu Äwliaffen. Zur Erreichung dieses Zweckes sollen die zu den großen Einwanderungsorganasationen (Ica, Hias, Hicem) bereits aufgenommenen Beziehung gen in .der Richtung fortgesetzt werden, daß bei der Ansiedlung , für alle religiösen Bedürfnisse, ferner durch Bildung gesetzestreuer Siedler g ru p pe n für die Möglichkeit eines religiösen Gemeinschaftslebens Sor^e getragen werde." Die Red. jüdischen Volkselemente, die heute einen großen Teil der zionistischen Partei bilden, auch nicht die geringste seelische Verbindung mit Erez Jisroel hatten, auch nicht die geringste geschichtsgewordene Sehnsucht darnach empfanden. Und soferne heute Sehnsucht vorhanden ist, — gilt sie denn wirklich diesem bestimmten Lande und nicht vielmehr, was ja an sich ein Plus ist, der nationalen und individuellen Freiheit, welche die Sehnsüchtigen nach ihrem parteigemäßen politischen Glauben auch heute noch eben nur in Palästina zu erreichen hoffen? Hinwiederum, was die Orthodoxen betrifft — schlagen sie sich nicht selbst ins Gesicht, wenn sie sagen oder merken lassen, daß sie ihre Jugend mit einem erborgten praktischen Ideal beschäftigen müssen, um sie bei der Stange zu halten? Fühlen sie nicht, daß sie bei dieser Taktik nicht dauernd gewinnen, sondern eines Tages bettelarm dastehen werden, — viel ärmer als sie früher gewesen sind? Haben sie vergessen, daß ihr höchstes Ideal nur in dem Streben nach g'ttesvolkswürdigem Dasein bestehen kann, und merken sie nicht, daß sie endgültigen Erfolg nur dann haben können, wenn ihre Alten und ihre Jungen Eifer, Begeisterung, Hingebung in allererster Linie für die Erreichung eines solchen Ideals aufbringen? Ist ihnen noch immer nicht klar geworden, daß eine Jugend, der dieses Ideal nicht genügt, um sich daran zur Tat zu entflammen, zu nichts nütze ist? Können sie denn wirklich ganz und gar nicht einsehen, daß ihre Praxis nur von ihrem höchsten Ideal bestimmt, nur ihm angemessen, nur großzügig und umfassend, keine Scheuklappenpraxis sein darf, — ganz unbeschadet ihrer Treue zu Erez Jisroel, ihrer Sehnsucht nach dem heiligen Lande, ihrer zu leistenden Arbeit für es und" in ihm? Müssen sie denn ihren alten Fehler, alle Initiative anderen zu überlassen — wie sich das ja gerade auch in Bezug auf Palästina so drastisch zeigte — immer wieder wiederholen? Nun ist die größere Aufgabe, das Betreten des neueren, breiteren Weges fällig — müssen sie denn unbedingt wieder nicht den Mut haben, die jüdische Welt zu dieser größeren Aufgabe aufzurufen? Sie seien zu schwach dazu? Als ob diese Schwäche zu einem sehr großen Teile nicht gerade von einem Mangel an Initiative und Mut herkäme? Ungeheuerlich groß ist jetzt das jüdische Elend, das äußere sowohl als das innere. Das äußere verbietet die Selbstbeschränkung auf Palästina, verweist das jüdische Volk auf eine vollständige Aenderung seiner Domizile, seiner Wohnweise und seiner Berufe, ruft zur Berufsumschichtung im allerweitesten Ausmaße, zur Agrarsiedlung im großen Maßstabe auf Gebieten, wo seine Massen ihr Leben unangefochten leben können. Und nach denselben Umschwüngen schreit das innere Elend als nach unumgänglichen Hilfen auf dem Wege zu religiöser und sittlicher Läuterung. Werden diese Schreie endlich einmal nicht mehr überhört werden? Oder muß unser Volk unbedingt in sein völliges Verderben rennen? Wochenrundschau. Ein Schiff stach in die See . „. Viele, viele Kapitel unserer ältesten, neueren und neuesten Geschichte könnten diese Ueberschrift tragen. Im Lande, in dem sich heute das erschütternde Drama des blutigen Bürgerkrieges vor unseren Augen abspielt, stachen an jenem 31. Juli 1492 viele, viele Schiffe in die See, zur Fahrt ,,ins Blaue" oder ,,ins Schwarze", mit einer Menschenfracht, deren Schicksal es war und ist, nVia in« nVl> eine Wanderung nach der anderen zu erleben. Die Schiffe, die heute aus den europäischen Häfen ausfahren, tragen die Nachkommen und Glaubensbrüder jener Weltreisenden der Geschichte zumeist nach Palästina, nach Südamerika oder Südafrika. „Und wieder stach ein Schiff ins Meer!" Die „Stuttgart" trat die Reise im Bremer Hafen an, mit dem Kurse nach Südafrika. An Bord waren 5 4 7 Juden aus Deutschland. Sie erreichten am 27. Oktober ihr Ziel im Hafen von Kapstadt. Dort, so erfahren wir aus einer Meldung des D. N. B. und Zeitungsberichten, war ihnen ein sonderbarer Empfang zugedacht, der nur dadurch vereitelt wurde, daß das Schiff, das mit den Stürmen zu kämpfen hatte, mit einer Verspätung von neun Stunden in den Hafen einfuhr. Einem Aufrufe der Südafrikanischen Nationalpartei folgend, zogen 2000 Menschen geschlossen an den Hafen, um die Ankommenden auf eigene Art willkommen zu heißen. In den Aufruf en hieß es, daß „die Juden ins Land gekommen sind, um das Brot aus dem Munde der Söhne und Töchter Südafrikas zu nehmen", daß „diese Juden dank des Schweißes der südafrikanischen Arbeiter jährlich 150 000 Pfund ins Ausland schicken, um die jüdischen Pläne in aller Welt zu finanzier ein." Es ist beinahe schade, daß die Menge die Ankunft des Schiffes nicht abwartete. Sie hätte sich bei der Landung der Einwanderer vielleicht davon überzeugen können, daß diese Menschen mit dem einzigen brennenden Wunsch ins Land gekommen sind, sich und ihren Familien Brot für den Tag und ein Dach über dem Kopfe zu sichern und in diesem Bestreben, dank ihrer Erfahrung, ihrer Initiative, teilweise auch des mitgebrachten bescheidenen Kapitals noch recht vielen Söhnen und Töchtern Südafrikas Brot zu verschaffen. Ueber Abfahrt und Ankunft dieses „Judenschiffes" haben wir bereits vorige Woche berichtet. Die Fahrt mußte Hals über Kopf vom Hilfsverein in knapp vierzehn Tagen vorbereitet werden, als bekannt wunde, daß mit dem 1. November neue Emwanderungsgesetze in Südafrika in Kraft treten und es vielleicht dann für einen guten Teil der Reisenden zu spät sein könnte. Die deutschen Behörden zeigten dankensweftes Entgegenkommen, und der Norddeutsche Lloyd stellte, da die regulären Schiffe alle ausverkauft waren, die „Stuttgart" für diesen Zweck zur Verfügung. Die Eile, mit der das Ganze vor sich gehen mußte, brachte einige Begleiterscheinungen mit sich, die vielleicht zu rügen wären, schlösse nicht der Ernst, ja die Tragik des Anlasses jede Polemik aus; und das rasche tapfere Eingreifen des Hilfsvereins verdient rückhaltlose Achtung und Bewunderung. Es ist nur zu hoffen, daß bei nächsten derartigen Ueberraschungen, die sich in unserer Situation öfters wiederholen können, das Wunderwerk der Organisation, das hier einmal zutage trat und bei dem alles bis aufs letzte Tippelchen klappte, auch d i e Punkte umfaßt, die tief ins religiöse und Seelenleben der Auswanderer greifen. Die „Gottlosen" regen sich. Die Wiener „Reichspost", ein Organ von starker katholischer Einstellung, erhält über Warschau Bericht, daß sich, die Freidenker und „Gottlosen" in Rußland zu einer Heeresschau in Moskau für Anfang Februar kommenden Jahres rüsten. Der Organisationsausschuß des Verbandes, der sich aus 29 Mitgliedern zusammensetzt, rechnet mit einer Teilnahme von 1600 Delegierten aus 46 Ländern. Im Mittelpunkt der Verhandlungen steht die Entfaltung der antireligiösen Propaganda in allen Ländern der Welt. Die

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