Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1936)
- Date
- 1936-10-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 43 Der Israelit ,29. Oktober 1936 Agudas Jisroel-Bewegung. Auf zur Dritten KeneSSl0 Gedaulo, Von M. Seh. in London. " Die Kenessio Mechino in Marienbad ist vorüber! Die Delegierten — die Männer der Tat — sind wieder .daheim, sind inmitten ihrer schweren verant* wortungsvollen Arbeit. Marienbad hat ihnen das. Gefühl gegeben, nicht allein zu stehen, das Gefühl, daß Tausende, Zehntausende mitdenken, mitschaffen an dem Taurohwerk Agudas Jisroel! Kenessio Mechino Marienbad — Monate ein Traum und zaghaftes Hoffen — ist Wirklichkeit geworden; sie wurde eine machtvolle Demonstration für den Souveränitätsgedanken der Tauroh; sie wurde ein Markstein auf dem Wege der Agudas Jisroel für dieses Ziel, Marienbad gab allen ein Gefühl zukunftfrohen Glückes; Marienbad sah eine Jugend, wahrhaft lebendig, eine Jugend bereit zu treuem Gehorsam, bereit, nur der Fahne der Tauroh zu folgen. Marienbad, einberufen zur Festsetzung der dritten Kenessio Gedaulo, gab uns die Dritte Kenessio Gedaulo. Sie wurde einstimmig beschlossen; von Alt und Jung — nicht von Menschen, die sich freuen nun auch wie viele andere Organisationen einen „Weltkongreß" zu haben — nein, sie wurde beschlossen aus einer ernsten Stimmung heraus. Keiner verkannte die äußeren Schwierigkeiten, die ihr entgegen stehen, Jeder fühlte die schwere Verantwortung, die er mit seinem Ja auf .sich ladet. Jeder fühlte, die Kenessio Gedaulo kann Agudas Jisroel dem Ziele auf dem Wege zur Heiligung des G'ttesnamens im jüdischen Volke und unter den Nationen der Erde näher bringen, sie kann aber auch, G'tt behüte, schwere Schuld auf das Haupt derer häufen, die so kühn waren, ihre vielleicht all zu schwachen Kräfte zu überschätzen, indem sie sie in den Dienst dieses Werkes der Heiligung der Tauroh stellten. Auf zur Dritten Kenessio Gedaulo! Dieser Ruf ist kein Schlachtruf. Nein — von heute bis zum hoffentlich baldigen Zusammentritt der Kenessio G&- dauto — immer wenn dieser Ruf an unser Ohr klingt — so soll er eine Mahnung sein — eine ernste, tiefernste Mahnung zur Selbstbesinnung. Die Dritte Kenessio Gedaulo, diese „große Versammlung", sie soü nicht nur eine „große Sammlung" der Thoratreuen aus allen Enden der Welt werden, sie soll eine „große Sammlung" unseres eigenen Ich werden, daß von Jedem von uns, die wir der „großen Versammlung" beiwohnen werden, eine heilende, aufrichtende, stärkende Kraft ausgehe. Die 'Dritte Kenessio Gedaulo ist beschlossen —, nun gilt es, sie vorzubereiten. In diesem 'Artikel sollen einzelne der vielfachen Probleme, die auf ihr behandelt werden müssen, wenn nicht Agudas Jisroel zusammenbrechen soll, aufgezeigt werden; in einem weiteren Artikel werden wir uns mit der praktischen Vorbereitungsarbeit befassen. Die Vorbereitungszeit ist für das, was nach der Dritten Kenessio Gedaulo sein wird, vielleicht ebenso wichtig wie die Kenessio Gedaulo selbst. Wird die Vorbereitungszeit richtig ausgenutzt, wird sie zentral geleitet nach einem auf Monat und Woche genau ausgearbeiteten Plan, so kann diese Zeit mit der darauffolgenden Kenessio Gedaulo von epochaler Bedeutung sein. Hält die Weltorthodoxie nach einem so langen Zeitraum wieder einmal eine Heerschau ab, so hat sie da® Recht und die Pflicht, die ganze Zeit zu beeinflussen, so muß sie versuchen, der Zeit den Stempel der Tauroh aufzudrücken. Auf organisatorischem Gebiete bedarf Agudas Jisroel in erster Linie als „Weltverband" einer Reorganisation, Es muß damit aufgeräumt werden, daß jedes Land, jede einzelne Agudaprovinz, in unantastbarer Selbständigkeit arbeitet, sich selbst verwaltet und dadurch nicht nur die zentrale Arbeit hemmt, sondern der zentrale Gedanke, der den Gründem der Agudas Jisroel vorschwebte und der einzig allein der Agudas Jisroel als Weltorganisation eine Berechtigung gibt, notleidet. Des ferneren ist notwen* dig, daß sämtliche Agudas Jisroel-Zentralen liquidiert und zu einer einzigen Verwaltungsstelle zusammengefaßt werden. Nur eine solche Zentralstelle wird im Stande sein, ein einheitliches Vorgehen zu garantieren. In der Verwaltungszentrale selbst müssen kompetente Kenner der verschiedenen Landesgruppen vertreten sein. Es muß ferner vom bisherigen System der Ehrenbeamten zum besoldeten Beamten übergegangen werden. Auch hier sollte die Jugend vorangehen; die Realisierbarkeit hängt von der lebendigen Ueberwin* dungskraft der Jugend ab. Auf propagandistischem Gebiete sollte von der Ueberflutung der Massen mit Druckmaterial auf die Bearbeitung" des* Einzelindividuums übergegangen werden. Die Idee der Agudas Jisroel hat soviel Kraft in sich, daß sie überzeugen kann. Sie kann den Kampf gegen die Strömungen' der Umwelt mit der tim die Wahrheit ringenden .Seele aufnehmen. Sie. wird siegen — sie muß nur kämpfen. Die Leitung muß den Massen aber klar machen, auch eine so kraftvolle Idee wie die der Agudas. Jisroel bedarf des Kleides einer Organisation, Keine Idee ist so» stark, daß sie sich selber durch die Zeiten tragen kann ohne jede organisatorische Formung. Die Leitung muß die Massen erziehen, daß sie nicht nur zu Tagungen kommen, sondern ständig auf der, Warte stehen, ihren Agudismus ernst nehmen;, Massen für die .die Agudas Jisroel keine Partei, kein politisches Programm ist, sondern Erfüllung unserer jüdischen Pflicht, Zusammenfassung der Kräfte für die Gesamtheit. Die Leitung muß die orthodoxen Massen aus dem Entweder-Oder befreien; nämlich die Massen, denen Agudismus so Hohes und Großes ist, daß ihnen demgegenüber das agudistische Kleid, die Organisation, wie fest und stark auch immer, überflüssig erscheint und den Anderen,, denen Agudismus so etwas Geringes ist, daß ihnen die Anstrengung der Arbeit nicht lohnt. Die Massen müssen zu jener großzügigegen Geduld und Toleranz erzogen werden, daß sie nicht nur Mängel im eigenen Kreise sieht, während sie Fehler bei den „Anderen" übersieht, , Die Politik der Agudas Jisroel, die Politik der Tauroh, sollte der Politischen Kommission allein überlassen bleiben. In allen agudistischen Gruppen herrscht eine parteipolitische Psychose, die kein Verständnis für die Interessen des Anderen aufkommen läßt und von der Erfüllung ihrer Parteiwünsche die Mitarbeit in der Agudas Jisroel abhängig macht. Fast ein Jahr trennt uns von der Kenessio Gedaulo. Die Atmosphäre ist schon jetzt mit innerer Spannung geladen. Sieben Jahre harter Arbeit sind seit der letzten Kenessio Gedaulo' verstrichen. Die Führer der Agudas Jisroel haben den Mitgliedern, haben der jüdischen Welt Rechenschaft abzulegen, aber auch wir, .die Mitglieder der Agudas Jisroel, haben Bericht zu erstatten, ob wir da© erfüllt haben, was wir auf der letzten Kenessio Gedaulo versprochen. Nicht die Leitung allein ist verantwortlich; Agudas Jisroel kann nur bei gegenseitiger Verantwortlichkeit bestehen. Auf zur Dritten Kenessio Gedaulo! Wacht auf, jüdische Massen, sammelt Euch, bereitet Euch vor auf den „großen Tag", an dem das Volk der Tauroh demonstriert — für G'tt, seine Lehre und sein Land! Agudistische Veranstaltungen im Reiche. Wie wir vom Agudabüro erfahren, wird der Direktor der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Herr Dr. Ehfinann, Frankfurt a. M. Dienstag, den 3. November, in Halberstadt und am Mittwoch, den 4. November, in Hannover über Aguda- und Palästinaprobleme sprechen. In Aurich und Emden, Ostfriesland, werden von der Gemeinde bzw. der Agudas Jisroel Vorträge des Herrn Redakteur S, Schachnowitz, Frankfurt a. M-, für Samstag und Sonntag, den 7. und 8. November angekündigt. Aurich, 20. Okt. Die seit einigen Wochen hier bestehende Frauen- und Mädchengruppe der Agudas Jisroel veranstaltete gestern abend eine Rauschchaudesch-Feier, zu welcher Frau Grete v. d. Walde, Emden, erschien und durch einen sehr schön gehaltenen Vortrag die zahlreich Erschienenen erfreute. Auch Frau Louis W o 1 f f trug durch gesangliche Darbietungen zur Verschönerung des Abends bei. Durch die rege Tätigkeit in der Gruppe wuchs die Zahl der Mitglieder inzwischen auf 76. Vermischtes. Feierliche Beisetzung der zehn verbrannten Sifre Thora. Altona, 25. Okt. Unter großer Beteiligung der drei Gemeinden fand am Sonntag in Altona auf dem Friedhof am Bernkampsweg die Beisetzung der Reste der am Ja um Kippur verbrannten zehn Sifre Tauro statt. Zuerst trug Oberkantor Ziegel das Trauerlied des 9. Ab „Schaali Serufo" vor. Darauf ergriff Rabbiner Dukesz das Wort zu einer großangelegten Rede. Anknüpfend an einen Satz dieses Trauerliedes schilderte er den niederschmetternden Eindruck, den die Botschaft auf alle ausübte und mahnte zur Teschuwoh. Der Redner ging dann auf die halachischen Vorschriften ein, die in -einem solchen J^alle zu beachten sind, wie sie dm Schulchan Aruch und in den Responsen des Hamburg=Altonaer Oberrabbiners Chacham Z w i angegeben sind und legte es1 den Besuchern der Synagoge in der Adolfstraße dringend ans Herz, am Montag zu fasten und eine besondere „Selicho" einzuschalten. So wie vor der Beisetzung eines Verstorbenen Verwandte und Bekannte an .die Bahre treten, um Abbitte zu leisten, wenn sie ihn beleidigt oder gekränkt haben, so bedarf auch Beschämung einer Sefer Thora einer Sühne und Abbitte. Der Redner schilderte nun, was eine Beschämung der Sefer Thora ist: wenn man sich beispielsweise während des Vorlesens der Thora mit anderen Dingen, selbst mit Lernen, beschäftigt, geschweige denn sich durch Geschwätz und Unterhaltung von ihr ablenkt, oder wenn man keine genügend ehrenvolle „Mizwah" erhalten zu haben glaubt und diese zurückweist, was' in dien Responsen des „Schaare Ephraim" als ,/Bijusch", Beschämung einer Sefer Thora bezeichnet wird. Er geißelte in scharfen Werten, daß in gewissen kleinen G'tteshäu&ern Streit und Zank manchesmal»herrscht und der G'ttesname . unnütz ausgesprochen wird, sogar An Gegenwart der Sefer Thora. Er begründete dann, warum man vor der Beisetzung der Reste dieser Sifre Thora das „Ziduk Hadin-Gebet" spreche, wie dies au® Traktat „Awoda Soro", Seite 17, hervorgeht. Rabbiner Dukesz schloß seine Rede mit einem Verse, den die ganze Versammlung mitsprach. Vom Oberrabbinat Hamburg sprach Rabbiner J a f f e und gab ebenfalls der tiefen Trauer und Bestürzung aller Kreise über diese Katastrophe Ausdruck. In einer längeren mit großer Begeisterung vorgetragenen Rede gab Rabbiner Rabinow, Hamburg, seinem Schmerze über dieses außergewöhnliche Ereignis Ausdruck. Hierauf wurde das |'tn pns -Gebet gesprochen und die Bahre von den Kohanim unter Anführung des ehrwürdigen Rabbiners Jacob Cohen hochgehoben und zu Grabe getragen. Dort wurde die Lade mit den verbrannten Sifre Thora von den Rabbinen und dem Vorsitzenden der Altonaer Gemeinde, Sanitätsrat Dr. Frank, ins Grab gesenkt. Rabbiner Dukesz gab dann folgende «Erklärung ab; „Wir betten nun die Reste und 4er Asche der verbrannten Sifre Thora an die Seite unseres unvergeßlichen Oberrabbiners, des Gaon Dr. M. L e r n e r ^"ST, der seinerzeit die Sifre Thora eingeweiht und der mit Feuereifer gegen die Beisetzung der Aschenurnen auf jüdischen Friedhöfen eingetreten. In seinem Werke „Ghaje Aulom", Seite 20, schreibt er, daß aber die Asche der heiligen Männer, die für die Heiligung des G'ttesnamens verbrannt wurden, als das All erheiligste zu betrachten sei und auf einem Friedhof beigesetzt werden müsse, wie auch ähnlich jetzt •die Asche dieser verbrannten Sifre Thora." Mit dem Minchagebet schloß diese seltene, allen Anwesenden unvergeßlich bleibende Feier, Berlin, 25. Okt. Das Wintersemester des Rabbiner=Seminars eröffnete Rektor Dr. Weinberg nach der Begrüßung der zahlreich erschienenen Gäste mit einem Vortrag „Onkelos und sein Verhältnis zur Massora und Halacha". Ausgehend von der Wichtigkeit der Aufgabe, den überlieferten Bibeltext zu wahren, besonders im Vergleich zu den alten Bibelüberset5 zungen (LXX, Peschita und Samaritaner) verwies Dr. Weinberg auf den Gebrauch unkontrollierter „Volksbibeln", 'die im Gegensatz zu den „Synagogenbibeln" einer ständigen Korrektur an Hand de«, im Tempel befindlichen Müsterkodexes nicht unterworfen waren. Auf diese Weise sind die Text- und Uebersetzungsvariationen zu erklären, denen jene unkorrekten Volksbibeln zugrunde lagen. Als wichtiger Zeuge des massoretischen Textes kann der Targum Onkelos gelten, dessen Genauigkeit wieder durch eine eigene Massora verbürgt ist. Da einerseits, die hermeneutische Methode R. Akibas die erneute Bedeutung der Massora hervortreten ließ und andererseits Onkelos in seiner Uebersetzungsarbeit oft im' Widerspruch zum aramäischen Sprachgeist die Feinheit des massoretischen Textes wiedergibt, die der halachischen Auslegung R. Akibas zugrunde liegt, muß der T, 0. der Schule des letzteren angehören. Diese Annahme, die Berliner auf Grund des Sprachcharakters des T, O. vermutungsweise ausgesprochen hatte, bewies Dr. Weinberg an Hand zahlreicher Belegstellen; alle Textstellen, an denen der Deutung des R. A. die anderen Tannaim gegenüberstehen, übersetzt Onkelos eindeutig im Sinne Akibas. Dr. Weinberg schloß mit der Aufforderung an die Hörer des Seminars, die jüdisch-wksensehaftlich© Arbeit An verstärktem Maße fortzusetzen. Anschließend würdigte . Dr. Weinberg die Persönlichkeit Dr. Freim a^n n s als Vorbild des Thoragelehrten und Wissenschaftlers; er sprach namens des Seminars die besten Wünsche für das weitere Wirken des Jubilars vvvzv aus. Die Frankfurter Woche. Sitzung der Gemeindevertretung „Israelitische Gemeinde". Nach der Einigung der drei Fraktionen dieses Gemeindeparlaments füllten die Verhandlungen über die Wahlordnung und Verfassungsänderung am Mittwoch Abend (21. Okt.) ganz die Tagesordnung aus. Der Vorsitzende, Herr Dr. Richard Merzbach, begann mit der Verlesung eines Dankschreibens des Gemeindepräsidenten Justizrat Dr. Blau für das- Beileid, das ihm von den Gemeindegremien anläßlich des Todes seiner Gattin angesprochen worden war. — Es wurden im Verlaufe der Sitzung diverse Paragraphen der Gemeinde-Verfassung geändert. So u. a. der § 3, wonach die Zahl der Vorstandsmitglieder vo« 15 auf 16 erhöht wird. Nach dem neuen Wortlau'' des § 10 wählt sich der Vorstand alljährlich seinen Vorsitzenden aus seiner Mitte und ebenfalls die zwei stellvertretenden Vorsitzenden, die gleichberechtigt sind. Bei vorübergehender Verhinderung des Vorsitzenden und seiner zwei Stellvertreter kann der Vor» stand ein andres Vorstandsmitglied mit der zeitweiligen Wahrnehmung der Geschäfte jeweils betrauen.