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Der Israelit · 1936-10-29 · Heft 43 (29.10.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 43 (29.10.1936)
Date
1936-10-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Der Israelit Nummer 43 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden/ (Fortsetzung.): . Sterenberg bedauerte diese Grausamkeiten Sein Blut war abgekühlter, geklärter als das der Ahnen,, dochblieb ihm jene damals, nicht auftre tende Reue überlassen. Heikenbrunn hatte sich von dem Menschenverlust damals — von den Abertausenden blieben, gefällt durch Sonne und Uefoeranstrengung, knapp 'hunderte übrig, und es , waren die besten aller" gewesen, diestarben — sehr schwer erholen können.' Der Kern 'der Hei kenbrunner Bevölkerung war schwach geblieben, alle anderen waren Zugezogene. Deshalb war der Burgherr auch stets bereit, neue, gesunde Anwohner, ob Juden oder Christen, in seinem Be " ■ J 1 '■ ■ , ' ■ ■ -;» reich aufzunehmen. Vielleicht noch hundert Jahre und die Bresche war geschlossen, die unsinnige Ritter in'die Bewohnerzahl schlugen. -■■.: - Einmal, als die junge Bürgherrih d£h alten Mann bei der traurigen Lektüre ertappte das war nach dem Beschluß, die Synagoge" zu; Bauen — legte s'ie^ihm die feine Hand auf die Schulter und meinte, mit dem freundlichen Lächeln, das ihrgegeben war: s.•-* ... ■- . „Urijjr so besser, daß ein Ausgleich zustande kommt . . ' . Er begriff'ihr Sprechen, aber es leuchtete ihm nicfht ein.;Sov nlußte sie näher kommen mit Rede und Aufkiärüng. Sie .hatte die Gabe, .schwierige Fragen< zu .beantworten,. von ihrer ■jungen. Freundin Githa; gelernt und wandte diese (Kunstgern zurn erstenmal an. „Lebt ein, Jude —? bleiben wir bei diesem Beispiel — nicht so, wie es dm Gesetz des Irdischen und Unirdischen geboten ist, so rettet ihnj eine gute, Tat — auch nur eine einzige vor ewiger. Verdammung, wenn sie mit Ueberlegung unternommen -wird. So trachtet denn der Jude, auch der geringste, danach, jene gute Tat in seinem Leben zu vollbringen. So kommt es, daß frommer, Juden , Lebens{wpjseine. gute Tat nach der anderen aufweist und er dennoch selbst nicht weiß; welche der besten Taten in g'ttlichen Augen für' gut befunden wurde . ." Sterenberg .blickte die schöne Frau, an und hatte ein feines' Lächeln auf den Lippen. „Esipmitht noch so weit," neckte er sie, „daß diel Judengasse« zur. Burg hinauf verlegt wird. Meine eigenen-Leute haben sogenannte Lej.br jud'en —•"!;" ': ' •' ":: - '•• ■ ■'■ '■ '■■ ~ ■' ,'. ,;; ■, .! ' -; .. .- . ... Iw%, ... Frau Maria faßte nach seinier Handjünd streichelte sie. „Kann ich dafür, wenn ich Githa liebgewonnen habe?" "'!'''"' Er wußte, wer Githa war'''Hätte' er doch oft genug Gelegenheit gehabt, jenes Mädchen, das ihm damals, auf der Suche nach einem Tempelr platz, einem Engel gleich geschienen hatte, wieder zu sehen, recht menschlich > und genau. ' *Zaghäft war Githa7 einer Einlädung der Bürgherfin'gefolgt. Damals traute sie sich nichtaus sich i heraus.' Sie kam sich züdringlich vor und sprang errötend vom Stuhl auf,, als der .alte Herr mit dem Enkel.i<an der Hand;in den Raum, trat, wo 'die' ^beiden' Fiiaüfeh säßen', eintrat.- Das Kind ab erf kannte keine Scheu und Konvention. Es kam jäü&nzenjd '.!&ä 'se^n&r „Freundin"' Githa und schlang di,e 'Ar]tne: i^ 'def en Knie. Siebeugte sieb nieder zu dem Knaben, vergessend, daß er ein" Junker war und . sie nur eine Jüdin, und küßte jihin die reine Stirne. Darüber verwirrt und selbs erschrocken, richtete sie ihre großen, schöbe11 Augen aufs Gesicht des Alten, der sich nun ge zwungen sah, vor so viel Liebreiz die Waffen zu strecken und damit den Widerstand gegen die Jüdin. Seitdem kam Githa öfters. Sie verlor die Scheu vor dem Alten. Prosper kannte sie von der Kindheit her. Er neckte sie noch genau so wie ehedem und sie lächelte still, denn sie wußte, Maria freute sich darüber, den Gatten so bubenhaft lustig zu sehen.? Nicht immer. war es so friedlich freundlich Zuweilen waren Githa und Maria allein in dem behaglichen Raum, der viel fraulichen Kleinkram barg und deshalb gemütlich wirkte. Dann konnte es geschehen, daß Githa im muntersten Geplauder verstummte, das Gespräch versickerte und eine traurige Stille zwischen beiden lag. Maria mußte nicht mehr Menschenkenntnis aufbringen, um zu ahnen, was 'die Ursache dieses Kummers war. Er glich jenem eigenem Gram in der Heimatstadt, als es hieß, der junge, tapfere ■Junker verlasse bald die Stadt. Sie nannte dieses 'Leid mit dem rechten Namen: Liebe. Sie wußte von Githa, wie mutig und ehren fest David ben Joseph war, erfuhr auch von dem •Gelübde'aus Githas eigenem Mund und es hörte?sich anders' an als damals von den Lippen Pros fpers. Wie eine Ileilige schien ihr Githa. So abgeklärt und still gefaßt wäre sie selbst nie ge- |Weseö. Sie sprach es sogar aus. ., Aber Githa lächelte nur dazu. „Ein Mensch, besonders eine Frau,,. vermag vieles. Jüdische Frauen haben immer Lasten zu tragen. Das ist eine -alte Sache;. . . J ,/Dann sind sie' Sklavinnen," begriff die stolze Burgherrin nicht. - Githa jedoch klärte sie auf. Das Gefäß bedeuteten die Frauen, in dem das. Judentum an-: gefüllt ist in seiner kristallisierten Form, In anderen Worten: sie bildet das Heim, die Stätte, an der sich das Judentum ausbreiten kann. 1' Das gefiel Maria und sie begriff, daß in Githa in solch stillen Stunden die Sehnsucht nach diesem Heim emporquoll mit" doppeltem Schmerz. Deshalb schwieg sie und ward der Traurigen damit eine wahre Freundin ... Ganz .und gar sagt je dies den Verwandten und Bekannten . der Sterenb ergischen Sippe nicht zu, was ihnen zu Ohren kam. Wer aus der Stadt die Freundschaft beider junger Sterenbergs mit Juden in,, die Weite brachte, wußte man nicht, konnte man nicht ahnen, denn der Wühler saß im Verborgenen, weil ihm selbst der Zugang zu solcher Freundschaft verschlossen blieb. Die . .Folge dieser Neuigkeiten war ein Zuzug yoh: Verwandten, die diesonst so ,stille Burg inüt ihrer'Unruhe belebten und doch nur teilweise:.jin, Neugier1 und Protest befriedigt »wurden. Es liefen keine „Judenbengel" herum, auch wühlten nicht gierige „Judenfinger" im Schatz der jungen Herrin, ganz im Gegenteil, nichts veränderte sich ..seit dem letztenmal. David kam ohnedies nie zur Burg hinauf, Githa sehr selten und während des "Besuches überhaupt nicht. Mit boshafter Freude wartete der alte Burgherr, der den Zweck .de$ Besu,chesu.ahnte, auf die Ausfragerei, die nicht auf sich >warten Ließ. Er sagte ihrien idae' Meiniinig, seine eigene Meinung/ mit aller Vollkommenheit. . v . , Daß^ sie süßsauer noch : eine Weile blieben, um dann wieder' in alle!: Winde ziu stieben* '< war ein,i.Erfolg,,.'<icr'feeinen»''freute. '[[, Ihr Gif t> jedoch verspritzten sie dennoch. » Sie sähen den Tempelbau, schlugen die Hände heimlich und offen ineinander und bedauerten irgfendwen — 'Vielleicht den Enkel derBurg -j^ um irgend etw&s, das ihm .. dadurch verloren j£ng. Eine besonders spitze Zunge betonte: „Setzt euch nur das Unglück mit diesem Judentempel in die Nähe — der Zauber wird schon auf euch wirken . . ." Ein Gifttröpfchen nur, jetzt scheinbar verspritzt, ohne jemanden zu treffen, aber es sollte in kritischer Zeit im Innern der Burgleute seine ätzende Wirkung zeigen. Doch lag bis zu dieser Stunde noch viele Zeit dazwischen und alle waren froh, wieder allein auf der Burg zu sein . . . 13. Es gab zwei in Heikenbrunn, die es sich an den Fingern abzuzählen vermochten, wer die Verwandtschaft auf die Burg (hetzte. Aber sie hielten es nicht für die Mühe wert, auch nur ihren Verdacht untereinander zu bestätigen. David fürchtete, daß Prosper ihm einen Haß zugute rechnen würde, der lediglich in Verachtung seinen Ausdruck fand, während Prosper wieder David nicht mit diesem Burschen Burkhardt verletzen wollte. Sie hielten beide den Wühler für einen Schurken; daß sie ihn aber besser für einen Schädling hätten nehmen müssen, der Gedanke kam ihnen erst viel später. Wühlmäuse haben die Eigentümlichkeit, niedlich von Körper und scheinbar harmlos zu sein, ihre Arbeit wird unterschätzt, bis ein Gebäude an ihrem Schaden zusammenbracht. Auch Burkhardts Reden in den Schenken und wo er sonst noch hinkam, hatten nicht viel Folgen, es war hier ein Bröckchen Bitterkeit, dqrt reines Gift, aber die Leute schluckten alles mit dem stoischen Gleichmaß jener Menschen, die solche Dinge im Vollbesitz ihrer Vernunft nicht nötig haben. Daß dabei ein Feld beackert wurde zu künftiger Saat, wußte nur Bturkhardt selbst. '; Nicht zum Besten war es ihm bis beiitei ergangen. Die Rückkehr in die Stadt brachte ihm kein Glück. Die Heikenbrunner nahmen seine Anwesenheit nicht mit der Freude auf, die er erwartete. Er war ein Schreiber und mit solchen pflegte man wenig Wesens zu machen. Grollend fügte sich Burkhardt in die Rolle als Stadtschreiber, die ihm auskömmlichen Lohn gebracht hätte, wären seine Ansprüche nicht immer höher gewesen als seine Einnahmen. Seine Eitelkeit war ebenso maßlos wie seine Sucht, mehr zu scheinen. Er nahm den M.und voll und streute Geld zu unrechten Zeiten aus. Für sich alles, galt die Parole, dem' Nächsten nicht das Geringste. So schaffte er sich wohl Saufkumpanen, die auf seine Kosten schwelgten, aber keine Freunde.... Die Geläge kosteten ihn nicht wenig. Jedes neue Tuch stach ihm ins Auge, er mußte es zum Wams haben. Dazu kam der unsaubere Gedanke an Githa, den zu nähern er nicht mehr den Mut jesaß und weshalb er die Sehnsucht in einen Rausch tauchte, der ebenso häßlich wie schmutzig war. 1 Es fing an, daß er Tage ohne Geld war. Er wütete, wenn er an Wirtshäusern vorbeischleichen mußte. Die Muhme starrte ihn verzweifelt an, wenn er' aus ihr Geld pressen wollte, die keine Münze im Hause hatte. Es war für ihn ein erschreckender Zustand. l. Als Stadtschreiber war er der Abteilung zugewiesen, die. mit steuerlichen Dingen , zu tun hatte. Gar oft " kam Geld in die Kassen, und es war ein Leichtes für Burkhardt, an die Schränke zu gelangen. ' 'Zuerst sagte er sich: gleich, wenn ich meinen Lolin erhalte, zahle ich es zurück. Es war ebenso unmöglich, nachdem er alles verpraßt hatte, wie dem- Drang zu widerstehen, neues zu nehmen. ''' ■ . ■ (Fortsetzung folgt.)

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