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Der Israelit · 1936-10-29 · Heft 43 (29.10.1936) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 43 (29.10.1936)
Date
1936-10-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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I I IMIIt— SEBKS —HIIHIIh- ■41101010g 0—0 goioio 11— 3IBIS -HIIHIIh- —IIIHI I Erziehung* und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands iioiföiioiio^[öiforar ]IHQ[ H Wertung des Jugendunterrichts im Talmud und Midrasch. Von L. Wiesner in Wien. Niemais hat jemand dem Jugendunterrichte eine größere Huldigung dargebracht als jener talmudische Lehrer, der den lieben G'tt bei seiner Tageseinteilung ein Viertel seiner Tageszeit dem Unterrichte vorzeitig verstorbener Kinder widmen läßt.1) Wie hoch steht dieser talmudische Lehrer über jenem römisehen Dichter mit seinem Ausspruch, daß die Götter den hassen, den sie zum Pädagogen gemacht haben. Nach einer anderen Sage erscheint G'tt am Sinai . bei der Gesetzgebung dem Volke Israel als ein unterrichterteilender Lehrer.2) G'tt ist auch beim Unterrichte der Kinder in der Schule anwesend.3 Schulkinder galten als etwas Heiliges, Unantastbares. „Rühret meine Gesalbten nicht an" (I. Chr. XVI, 22), meine Gesalbten, das sind die Schulkinder.4)' Schulkinder dürfen, selbst wenn es sich um den Bau des Tempels handelt, im Unterrichte nicht gestört werden.5) Die Welt besteht bloß auf dem Hauch der Schuljugend.0) In einer Stadt, in der sich kein Kinderlehrer befindet, soll kein Gelehrter wohnen.7) „Und die viele zur Gerechtigkeit anleiten (werden glänzn) wie die Sterne." (Daniel XII, 3), darunter sind die Lehrer zu verstehen.8) „Und er bereitet den Weg" (Ps. 50, 23), das sind die Bibel- und Mischnalehrer, die ihren Beruf gewissenhaft versehen.9) Eine Stadt, in der es keine Elementarlehrer gibt, soll in den Bann getan werden.10) „Die Balken unseres Hauses sind Cedern, unser Getäfel Cypressen", (Schir I 17). Die Balken unseres Hauses, das sind die Bibellehrer, tiner Getäfel, das sind die Kinder.11) „Wonne in deinem Reiche immerdar" (Ps. 16, 11), das sind die gewissenhaften Bibel- und Mischnalehrer, die einst zur Rechten G'ttes sitzen werden.12) „Wie Gärten am Strome" (Nu. 24, 6) das sind die Kinderlehrer, die ihrem Herzen Weisheit, Einsicht, Erkenntnis entnehmen und lehren, den Willen ihres himmlischen Vaters zu vollziehen.13) „Wo ist der Schreiber", ~nsi0 (Jes. 30, 18), das sind die Kinderlehrer um G'tteslohn, sie mögen kommen und ihren Lohn in Empfang nehmen.14) „Wir wollen früh nach den Weinbergen gehen und sehen, ob sprießet der Weinstock, die Blüte aufbricht, ob knospen die Granaten", (Schir VII, 13) die Weingärten, das ist die Gemeinde Israel (nach Jer. 5, 7)i, ob sprosset der Weinstock, das ist das Lesen des Schema, die Blüte ausbricht, das sind die Schul- und Lehrhäuser, ob knospen die Granaten, das sind die Kinder, die sitzen und sich mit Thora beschäftigen.15) „Lieblich sind deine Wangen in Perlenreihen" (Schir I 10), das sind die Bibel- und Mischnalehrer, die ihren Beruf gewissenhaft versehen, „dein Hals in Schnüren" (daselbst)i das, sind die Kinder.18) „Gepflanzt im Hause des Ewigen". (Ps. 92, 14) das sind die Schulkinder.17) Die Lebensbedürfnisse de® Menschen werden ihm am Beginne des Jahresi von der Vorsehung zugemessen, die Auslagen für Sabbat, Feiertage und für Unterricht der Kinder, sind darin nicht enthalten; gibt er mehr aus, so wird ihm mehr ersetzt, gibt er weniger aus, so wird ihm weniger ersetzt.18) Einem Lehrer, der die Kinder über Gebühr züchtigte, untersagte R. Acha noch weiter Kinder zu an- terrichten. Da aber kein anderer Schullehrer zu finden war, der sich ihm in Gründlichkeit des Unterrichtes hätte vergleichen können, wurde er von Rabbina mit dem Unterrichte wieder betraut.18) Ein anderesmal bemerkt© die Magd des Hauses Bar Pata im Vorübergehen, wie ein Kinderlehrer ein Kind übermäßig schlug. Empört darüber sprach die Magd über den Lehrer die Bannformel aus. Der Lehrer richtete an R. Acha die gesetzliche Frage, ob er sich infolgedessen als im Banne befindlich zu betrachten *) Abada Zara 3b. 2) Pesikta Buber. 110. 3) Tanchuma Buber Wajera S. 86. 4) Sabbath 119a. 5) da* selbst. 6) daselbst. *) Sanhedrin 17b. 8) B. bathra 8b. fl) Lev. r. Jalkut 'ehillim § 763. 10) Sabbath 119a. ") Jalkut zu Schir I, 17. 12)' Pesikta Buber 180; Schochar Tob zu Ps. 16, 11; Lev. r. 30. 2. 13) Seder Elija rabbah, Friedmann S. 117. 14) Midrasch Mischle zu C. 16. 16) Schir r. zu VII. 13. 16) Schir r. zu I 10. 17) Schochar Tob zu Ps. 92, 14, 18) Bezah 16a, Lev. r. 30 Anf. .19) Gittin 36a. habe. R. Acha erwiderte, daß er sich allerdings als im Banne befindlich zu betrachten habe, da er infolge seiner unrichtigen Handelsweise den Bann verdient habe.20) Kein Geschäft war wichtiger und dringender, als die Kinder zur Schule zu bringen. R. Josua b. Levi gönnte sich keine Zeit, seine Kopfbedeckung in Ordnung zu bringen und eilte, das Haupt nur provisorisch mit einem Tuche bedeckt, mit seinem Kinde zur Schule. „Ich bringe mein Kind zum Horeb, antwortete er dem R. Chia b. Abba, dem seine Eile und die wunderliche Kopfbedeckung auffiel. Von dieser Zeit nahm R. Chija b. Abba seinen Morgenimbiß nicht eher ein, als bis er mit seinem Sohne das am Tage vorher Gelernte wiederholt hatte und einen Vers weiter gegangen war.21) Rabbah b. Rab Huna nahm seinen Morgenimbiß nicht eher ein, als bis er sein Kind zur Schule gebracht hatte.22) R. Jehuda II schickte die Lehrer R. Ami und R, Assi aus, um die religiösen Institutionen in den Gemeinden Palästinas zu inspizieren und, wo nötig, solche einzurichten. Als sie in eine Stadt kamen, verlangten sie die Hüter der Stadt zu sehen, worauf man ihnen die Stadt- und Feldwächter vorführte. „Das sollen die Hüter der Stadt sein? Das sind die Zerstörer der Stadt," sagten die beiden Lehrer, Auf die Frage, wer die eigentlichen Wächter der Stadt seien, sagten sie; „Es sind die Bibel- und Mischnalehrer, denn diese bewahren die Stadt bei Tag und Nacht', (nach Ps. 127a).23) Im Gegensatz zu sonstigen Uebertretungen, bei welchen eine Bestrafung erst nach vorhergegangener Verwarnung erfolgen darf,, galt in Betreff des Lehrers der Grundsatz, daß er stets als verwarnt anzusehen sei, daß er sofort entlassen werden konnte, wenn er sich eine Pflichtverletzung zuschulden kommen ließ oder wenn ihm Unwissenheit nachgewiesen wurde.24) Zur Besoldung der Bibel= und Mischnalehrer mußte jeder, der seit 12 Monaten seinen Wohnsitz im Orte hatte, beitragen.25)1 Hoch ist das Verdienst des ledigen und kinderlosen Mannes, der zur Besoldung der Bibel- und Mischnalehrer beiträgt.20) Die pflichtgemäßen Beiträge für Bibel- und Mischnalehrer wurden sogar mit einer gewissen Härte eingetrieben, während bei den Beiträgen zur Armenunterstützung Strenge und Härte nicht angewendet wurden.27) Wenn unsere Weisen den König Achas in seiner ganzen Verworfenheit charakterisieren wollen, so wird von ihm gesagt, daß er den Jugendunterricht zu unterbinden bestrebt war. Ein Lehrer will seinen. Namen, Achas, davon ableiten, daß er die Kinder* schulen schließen ließ.28) Dagegen gab es zur Zeit seines frommen Sohnes Hiskija von Gabbatha bis Antipatris (von Osten bis Westen) kein Kind, welches in Betreff der Vorschriften über rein oder unrein keinen Bescheid gewußt hätte.29 )R. Tarfon übergab R. Akiba 600 Silbergulden zum (Kaufe eines Feldes, von dessen Ertrag sie sich ernähren sollten, um ungestört dem Gesetzesstudium obliegen zu können. R. Akiba verteilte jedoch da® Geld unter Bibel- und Mischnalehrer Als ihn später R. Tarfon bat, ihm das gekaufte Feld zu zeigen, wies er auf die Lehrer hin und meinte, daß David für den Ertrag garantiere, denn derselbe sagt: „Er streut aus, gibt den Dürftigen, seine Gerechtigkeit besteht ewig." (Ps. 113, 9).30) R. Simon b. Jochai sagte: „Wenn du gesehen, daß Städte von ihrem Orte in Palästina ausgerissen werden, so wisse, daß das die Strafe dafür ist, daß die Bewohner zur Entlohnung der Bibel- und Mischnalehrer nicht beigetragen haben.31) Rab kam, als eine anhaltende Dürre herrschte, nach einem Orte und ordnete aus diesem Anlasse ein allgemeines Fasten an, das aber ohne Wirkung blieb. Da trat ein Vorbeter vor die Lade und schon nach einem kurzen Gebet stellte sich der Regen ein. Nach seiner Be- 20) Jer. Moed Katan III 1. 21) Kidduschin 30a. 22) daselbst. 23) Jer. Chagiga I 7, Pesikta Buber 120, Echo .rabbati Einleitung. 24) B. mezia 109a, B. Bathra 21b. ») Jer. Peah VIII, 6. 26) Lev. r. 272. Nu I, 14, 2. 27J Lev. 30 Anf. Pesikta Buber S .178, Siehe Die Erkl. von Einhorn u. D. Luria. 28) Jer. Sanhedrin X 2, Lev. r. XI 7 Schochar Tob zu P®, 2, 29) Sanhedrin 94b. 301 Lev. r. 34, Pesikta rabbati (Friedmann S. 126b) Masseches Kalla. 31) Jer. Chagiga I 7, Pesikta Buber S. 120. schäftigung befragt, antwortete er: „Ich bin ein Kinderlehrer, ich unterrichte arme und reiche Kinder und nehme von unbemittelten Eltern keine Bezahlung, ich besitze einen Graben mit Fischen und wenn ein Kind nicht lernen will, suche ich es durch Geschenke daraus und durch liebevolles Zureden für den Unterricht zu gewinnen.32) Die wahren Eltern eines Kindes sind diejenigen, die es erziehen.33) Jeder andere Erwerbszweig wurde vor Schädigung durch Konkurrenz geschützt, der Lehrer allein mußte es sich gefallen lassen, wennjn seiner nächsten Nachbarschaft ein zweiter Lehrer sich niederließ. Man versprach sich von dem hierdurch geweckten Wetteifer für die Förderung und Verbreitung des Wissens Gewinn.34) Kommt ein Lehrer, der die Fähigkeit besitzt, ein größeres Ausmaß von Lehrstoff den Kindern beizubringen, so muß der erste weichen. Bezeichnend ist die Motivierung einer entgegengesetzten Ansicht, daß der Lehrer nicht entlassen werden soll, weil sich der zweite darauf viel einbilden würde und dadurch in dünkelhaftem Stolze nicht den erhofften Eifer entwickeln würde.35) Die zwei größten Weltweisen ihrer Zeit waren Bileam und der griechische Philosoph Eunimos aus Gadara. Um sie versammelten sich einst die Feinde der Juden und richteten an sie die Frage, wie man diesem Volke (den Juden) beikommen könne. Sie antworteten; „Geht, suchet die jüdischen Schulen und Bethäuser auf und wenn Ihr in diesen lernende junge Kinder findet, so werdet Ihr diesem Volke nie beikommen können, denn schon ihr Urvater hat ihnen die Zusicherung gegeben: Die Stimme ist die Stimme Jakobs und die Hände sind die Hände Esaus, das sagt so lange Jakobs Stimmen in den Schulen und Lehrhäusern ertönen, sind die Hände Esaus machtlos."30 )Ein Landlehrer pflegte alljährlich einmal nach Jerusalem zu kommen. Die Bewohner Jerusalems erkannten in ihm einen großen Gelehrten und boten ihm fünfzig Goldstücke für das Jahr, für den Fall, daß er sich bei ihnen niederlassen wollte. Der Lehrer schlug aber das Anerbieten mit der Begründung aus, daß er in seinem Wohnorte einen Weinstock besitze, dessen Erträgnis ihm bedeutend mehr einbringe.37) Ein Schullehrer in Palästina in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhun* derts stand im Verdachte, daß er die Vorschriften über das Brachjahr verletze und wurde vor den Patriarchen R. Jehuda hanassi gebracht. Dieser, die traurige Lage des Mannes würdigend, sprach in seiner Milde: „Was soll der Arme machen, er hat es ja nur wegen Erhaltung seines Lebens getan."38) Das Los des Schullehrers war bei aller Hochschätzung seines Berufes kein beneidenswertes. Die Handlungsweise des Lehrers war für den Schüler vorbildlich und bestimmend für sein Tun und Lassen derart, daß es sprichwörtlich wurde. „Gibt es einen Lehrer, der keine Schüler hätte?"39) Dem Fremden, wenn er auch nur halbwegs zu den Gelehrten gezählt werden durfte, stand das Schulhaus offen. R. Ami trug den Lehrern auf: „Kommt jemand zu euch, von dem Ihr annehmet, daß er nicht ganz unwissend ist, so nehmet ihn, sein Reittier und sein Gepäck bei euch freundlich auf."40) Einmal war in der Schulherberge eine Gesellschaft ausgelassener Personen beisammen. Nachdem sie sich bei Speise und Trank gütlich getan, verwendeten sie die Knochenreste als Geschosse, wobei ihnen der gutmütige Safra (Lehrer) als Zielscheibe diente. Die Unterhaltung wurde aber durch einen Zwischenfall gestört. Ein Mitglied dieser Gesellschaft erkrankte plötzlich und sein Zustand verschlimmerte sich bedenklich. Als die Freunde sein Ende herannahen sahen, fragten sie ihn. wem von ihnen er seinen Sohn anvertraue: „Dem Safra" lautete die Antwort des Sterbenden. Der Erzähler dieser Begebenheit fügt hinzu: „Wie viele Freunde der Mann auch hatte, er vertraute sein Kind doch nur dem Safra an, weil er ihre und des Safra Taten kannte und wohl wußte, welche besser sind."41) Ein Lehrer, der wegen seiner Strenge überaus gefürchtet war, bediente sich des Strafmittels, die Kin- 32) Taanith 24a. 33) Sanhedrin 19b, Ex. r. 46 Ende. M) B. bathra 21a u. b. 35) B. bathra 21. 36) Gen. r. 65. 20. Pesikta Buber 120, Echo rabbati Einleitung II. 37) Tanchuma Buber Tezawe S. 102. 38) Jer. Taanith ffl, 1. 39) Gen. r. 70, 19. 40) Jer. Megilla III 3. **} Gen. r. 65, 16.

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